Finnland-Rallye

Die fantastischen Finnen Die fantastischen Finnen

Finnland-Rallye

— 21.08.2002

Die fantastischen Finnen

Wieder ein finnischer Sieg bei der Neste-Rallye. Mit Sieger Grönholm ist der Weltmeister-Titel fast sicher in finnischer Hand. Für jeden Finnen der die Bühne verlässt, kommen immer neue, noch schnellere Finnen. Woher bloß?

Horden fliegender Jung-Finnen

Der Mann sieht aus wie ein Bürobote vom Finanzamt von Jyväskylä. Blass, blond, hager, schüchtern. Doch hinter dem Lenkrad eines Rallyeautos mutiert Juuso Pykälistö zu einem genialen Eilboten seiner Zunft. Nach der fünften Wertungsprüfung der Rallye Finnland, alljährlicher Höhepunkt der WM, lag er im zwei Jahre alten, technisch veralteten Kunden-Peugeot vor der Elite von sechs Werksteams. Außer den offiziellen Peugeot hatte der 27-Jährige alles im Griff. Erst ein läppischer Getriebeschaden verhinderte ein weiteres Kapitel im dicken Buch finnischer Heldensagen.

Rund 350 Rallyes sind seit Einführung der Marken-WM (1973) ausgetragen worden. 126 davon haben Finnen gewonnen, wie jetzt wieder Marcus Grönholm. Und damit beinahe doppelt so viele wie die zweiterfolgreichste Nation: Frankreich. Deutsche kommen auf 17 Siege. Von den seit 1979 offiziell vergebenen 23 Fahrer-Titeln holten sich die Nord-Mannen zwölf, Juha Kankkunen und Tommi Mäkinen sogar je vier. Sechs der 20 Werksfahrer sind Finnen.

Was, um alles in der Welt, macht diese stillen Brüter mit den oft unaussprechlichen Namen so besonders? Aus welchen Wäldern kommen immer neue Horden fliegender Jung-Finnen? Und wieso? Sie kommen auf zwei Wegen: Die Jungs vom Lande beginnen meist mit fünf, sechs Jahren. Erst auf Traktoren der elterlichen Farm, schließlich im Auto vom Vater oder großen Bruder. Da meist ein See zum Privatbesitz gehört, üben sie im Winter fleißig Driften auf Eis.

Die Suche nach dem ultimativen Drifter

"Schon mit zwölf Jahren habe ich jede freie Minute hinter dem Lenkrad verbracht", erinnert sich der heutige Subaru-Werkspilot Tommi Mäkinen. Und weil in den finnischen Wäldern viele Straßen nicht asphaltiert sind, wird jede Shopping-Tour zur Schotter-Prüfung. Deshalb glänzen Finnen besonders auf losem Belag. Diese Grund-Ausbildung mündet in ein ausgeklügeltes Förderungssystem für den Nachwuchs. "Exzellente Rallyefahrer gibt's in vielen Ländern", sagt Talentscout Ilkka Kivimäki. "Nur haben die meisten nie eine Chance, ihr Können auf höchstem Niveau zu beweisen." Kivimäki, Ex-Beifahrer von Markku Alén und 20-facher WM-Sieger, sucht jedes Jahr bei Dutzenden regionalen Rallyes den neuen, ultimativen Drifter.

Er ist Späher der von Außenstehenden gerne als "Finnen-Mafia" bezeichneten Managementfirma von Timo Jouhki. Zum Stall des steinreichen Reeders, Holzhändlers und Investmentbankers gehören die Champions Kankkunen (Hyundai) und Mäkinen (Subaru), der aufstrebende Harri Rovanperä (Peugeot) sowie der erst 21 Jahre alte Mikko Hirvonen, im Renault Clio in Finnland Sieger der Frontantriebler. Jouhkis Fahrer müssen, sobald sie gut dotierte Verträge haben, einen Teil ihrer Gage zurückzahlen. Aus diesem Topf werden wiederum neue Talente gefördert. So finanzieren Kankkunen und Co ihre eigenen Nachfolger.

Grönholm (Weltmeister 2000) ist seit zwei Jahrzehnten der Erste, der ohne Jouhki groß rauskam. Denn es gibt noch andere Wege. Ex-Profi Mika Sohlberg kümmert sich mit seiner Firma MALKS Promotion unter anderem um Jani Paasonen (Mitsubishi-Werksteam) und Kristian Sohlberg (Gruppe-N-WM mit Mitsubishi), den Sohn des finnischen Motorsport-Präsidenten. Timo Hulkkonen (Boss von LPM, größter Anbieter von Fernwärme in Finnland) hat den amtierenden Meister Janne Touhino unter Vertrag. Alle drei arbeiten unabhängig von Autoherstellern.

"Schnapp dir diesen Kerl sofort"

Das Geld kommt von Telefonkonzernen (Nokia), Bierbrauern (Karjala), Energydrink-Herstellern (Battery) oder Traktor-Produzenten (Valtra). Während etwa Citroën (Arbeitgeber des deutschen Junioren-Meisters Sven Haaf) oder Skoda (DM-Sieger mit Matthias Kahle) auch an eigene Markenvorteile denken, zählt für finnische Sponsoren nur das nackte Ergebnis.

Deshalb sind die frischen Finnen völlig frei in der Wahl ihrer Autos. Touhino bestreitet die Junioren-WM mit einem Citroën, startet bei ausgesuchten WM-Läufen mit einem Ford Focus WRC. Hirvonen wechselte im heimischen Championat vom VW Golf auf den Renault Clio, sammelt mit einem Subaru Impreza in Italien Erfahrungen. "20 Rallyes pro Jahr sind das beste Training", sagt Meistermacher Timo Jouhki über seine heiß-kalten Dauer-Brenner.

Im Zweifel hilft ein berühmter Fürsprecher. Juuso Pykälistö wurde am Tag vor der Rallye Finnland von Marcus Grönholm ins Peugeot-Werksteam gehievt. Vorläufig als Testfahrer, fährt er ab 2003 für drei Jahre mindestens je fünf WM-Läufe. Pykälistö war auch Citroën-Teammanager Jean-Pierre Nicolas aufgefallen, als er bei der Manttä-Rallye (Finnische Meisterschaft) mit einem privaten Uralt-Toyota Citroën-Werkspilot Thomas Radström zur Verzweiflung brachte. "Schnapp dir diesen Kerl sofort", riet der Citroën-Boss dem Peugeot-Kollegen Corrado Provera. "Denn nach der Rallye Finnland weiß jeder, wie schnell er ist."

Mehr zur Finnland-Rallye erfahren Sie im Reisebericht der drei Teilnehmer des Neste-Rallye-Gewinnspiels von autobild.de und Finnair.

Risto Mannisenmäki im Interview

Risto Mannisenmäki, Ex-Beifahrer von Tommi Mäkinen, ist seit dem schweren Unfall bei der Rallye Korsika 2001 außer Gefecht. AUTO BILD motorsport sprach mit mit dem 33-Jährigen.

AUTO BILD motorsport: Können Sie sich an den Unfall erinnern, bei dem sich der Mitsubishi mit Ihnen und Mäkinen überschlug und vor einem Abgrund auf dem Dach landete? Risto Mannisenmäki: "Den Unfallhergang selbst habe ich eigentlich gar nicht mitbekommen. Wir lagen plötzlich auf dem Dach, und mein Rücken tat höllisch weh. Dann erinnere ich mich an den Moment, als ich auf einer Trage in den Hubschrauber geliftet wurde."

Sie brachen sich einige Rückenwirbel. "Ja, die heilen langsam. Ich bin noch nicht 100-prozentig fit. Ich bin bei den besten Ärzten in Behandlung. Und deren Rat lautet, noch etwas mit der Rückkehr zu warten. Deswegen haben Subaru, Tommi Mäkinen und ich gemeinsam beschlossen, dass ich frühestens 2003 zurückkehre."

Sie haben beim Testen schon wieder mitgearbeitet? "Dreimal schon. Es ging ganz gut. Aber ein Test ist immer nur eine kurzfristige Belastung, vielleicht fünf Minuten. Zwanzigminütige Wertungsprüfungen, zehnmal am Tag sind etwas ganz anderes. Ich betreibe sehr viel Sport. Schwimmen, Krafttraining – alles, was gut für den Rücken ist."

Mäkinen kommt mit Kaj Lindström, Ihrem Ersatz, gut zurecht. Ist Ihr Job gefährdet? "Im Gegenteil, es freut mich, dass Tommi und Kaj gut zusammenarbeiten. Ich sehe die Sache professionell. Sollte ich aus irgendeinem Grund nicht wieder für Tommi arbeiten können, ändert der Wechsel nichts an seiner Siegfähigkeit."

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