Stefano Domenicali im Gespräch mit Bianca Garloff

Fomel 1: Domenicali im Interview

— 10.11.2010

"Alonso ist genau wie Schumacher"

Mit einem zweiten Platz am kommenden Wochenende in Abu Dhabi wäre Fernando Alonso zum dritten Mal Weltmeister. Teamchef Stefano Domenicali erklärt im Exklusivinterview das Erfolgsgeheimnis des Spaniers.

ABMS: Herr Domenicali, Ferrari hat offensichtlich nicht das beste Auto, aber trotzdem große Chancen auf den Titel. Wie ist das möglich?
Stefano Domenicali (45): Stimmt. Der Red Bull war und ist ohne Zweifel das beste Auto, sonst hätte er nicht 14 Polepositions geholt. Deshalb ist es ein Wunder, dass wir überhaupt noch um die WM fahren. Es gab ein paar schwierige Rennen, wo unsere Verbesserungen am Auto nicht den erwünschten Effekt hatten. So ging es auch McLaren und Mercedes . Aber wir haben uns nicht verrückt machen lassen, haben die Probleme verstanden und abgestellt.

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Der Red-Bull-F1 von Sebastian Vettel und Mark Webber war 2010 auch nach Meinung von Ferraris Domenicali das beste Fahrzeug.

Wie schätzen Sie Ihre Chancen in Abu Dhabi ein?
Die Strecke dürfte unserem Auto besser liegen als die in Brasilien. Aber Red Bull hat mit zwei Fahrern und einem extrem starken Auto natürlich alle Trümpfe in der Hand. Deshalb muss es unser Ziel sein, mit Fernando mindestens Zweiter zu werden. Dann ist er sicher Weltmeister.
Dennoch standen Sie zur Saisonmitte unter starkem Erfolgsdruck. Hatten Sie jemals Angst um Ihren Job?
Nein. Luca di Montezemolo (Ferraris Präsident; d. Red.) hat natürlich Druck gemacht und war nicht glücklich mit der Situation. Und mir ist auch klar, dass im Misserfolgsfall gewisse Entscheidungen gefällt werden können. Aber ich habe in all den schwierigen Situationen seine Unterstützung gehabt. Negative Diskussionen gibt es von außen genug. Deshalb war es wichtig, dass wir uns intern auf unsere Arbeit konzentriert haben.
Der Druck als Ferrari-Teamchef ist sowieso schon groß. Ist er umso größer, wenn man einen Doppelweltmeister wie Fernando Alonso im Team hat und verdammt ist zum Siegen?
Nein. Mit allem Respekt für die Fahrer. Bei Ferrari ist der Druck immer hoch, egal wer für uns fährt. Und vergessen Sie nicht: Wir hatten 2009 ein sehr schwieriges Jahr. Auch deshalb war es sehr wichtig für uns zu zeigen, dass wir immer noch stark sind.

"Es war das Beste eine Entscheidung pro Alonso zu treffen"

Laut Domenicali ähneln sich Michael Schumacher (li.) und Fernando Alonso vor allem in der Arbeit mit dem Team.

Sie sind jetzt "nur" Dritter in der Konstrukteurs-WM, aber führen mit Fernando Alonso in der Fahrer-WM. Sehen Sie das auch als Zeichen, dass Ihre frühe Konzentration auf einen Fahrer erfolgreicher war als die Zwei-Fahrer-Strategien von Red Bull und McLaren ?
Ganz so war es ja auch bei uns nicht. Zu Saisonbeginn hatten beide Fahrer die gleichen Möglichkeiten um Siege und den Titel zu kämpfen. Aber ab einem gewissen Punkt in der Saison war es für das Team das Beste, eine Entscheidung pro Fernando zu treffen, um keine wichtigen Punkte zu verlieren. Das ist meine Meinung und die werde ich auch nicht ändern.
Sie können die Kritik an Red Bull , dass man sich dort nicht viel früher auf einen Titelkandidaten festgelegt hat, also verstehen?
Sagen wir so: Ich selbst wurde ja auch heftig dafür kritisiert, ja sogar gekreuzigt, den anderen Weg gegangen zu sein. Ich denke, jedes Team muss für sich entscheiden, was der bessere Weg ist. Red Bull hat seine Gründe gehabt so zu handeln.
Wie schwer war es für Sie, die Entscheidung gegen Felipe zu treffen?
Manchmal musst du als Teamchef Entscheidungen fällen, die dich nicht gerade glücklich machen. Aber ich ziehe immer noch den Hut vor Felipe, dass er sich in Hockenheim selbstlos in den Dienst des Teams.
So wie früher Rubens Barrichello für seine Nummer eins Michael Schumacher gearbeitet hat. Was unterscheidet das System Alonso vom System Schumacher bei Ferrari?
Ich habe Michael heute früh beim Frühstück getroffen und habe mich genau darüber mit ihm unterhalten. Je länger ich Fernando kenne, desto mehr Parallelen entdecke ich zwischen ihm und Michael. Zum Beispiel in der Art und Weise, wie er mit dem Team arbeitet, wie er sich ins Team einbringt, wie er bei den Technikern Druck macht, immer mehr fordert, manchmal sogar nachts anruft, weil er eine Idee hat. Und wie oft er nach Maranello kommt und dort selbst nach Dienstschluss mit dem Team zum Sport geht. Genau so sollte ein Fahrer mit dem Team umgehen.

"Michael war emotional"

Und worin ist er anders als Michael?
Im Sport und seinem Leben als Rennfahrer sehe ich ehrlich gesagt keine Unterschiede. Fernando ist wirklich genau wie Michael. Fernando ist als Spanier auch nicht unbedingt emotionaler. Michael war ebenfalls sehr emotional. Und, was mir auch aufgefallen ist: Selbst in schwierigen Zeiten hat sich Fernando immer hinter das Team gestellt, genau wie Michael das immer gemacht hat. Michael hat in seiner gesamten Karriere nicht einmal auf das Team geschimpft. Das werde ich nie vergessen, denn das ist eine Eigenschaft, die nicht viele Fahrer haben.
Trotzdem hat Michael fünf Jahre gebraucht, um die WM zu gewinnen. Alonso kann das schon schaffen.
Ja, aber du kannst ein noch so guter Fahrer sein. Wenn du nicht das richtige Auto hast, hast du keine Chance. Und Michael hatte das 1996 nicht.
Profitiert Fernando jetzt denn immer noch von dem, was Michael in seinen zehn Jahren bei Ferrari aufgebaut hat?
Nein. Seitdem sind ja schon ein paar Jahre vergangen und Fernando ist jetzt so erfolgreich, weil das Team hart und konzentriert gearbeitet hat.
Was hat Sie an Fernando überrascht?
Ich hätte nicht gedacht, dass er so eng mit dem Team zusammenarbeiten würde. Ich dachte, er wäre etwas distanzierter. Und was mich noch mehr beeindruckt hat: Dass er dafür keine Eingewöhnungszeit brauchte. Aber das ist eben auch eine Stärke von Ferrari, dieser emotionale Zusammenhalt. Das wird Michael von früher bestätigen können. Und genauso haben wir auch Fernando in unsere Familie aufgenommen. Das ist also ein Geben und Nehmen. Und er hat gegeben, indem er uns vertraut hat, dass wir ihm ein siegfähiges Auto hinstellen können. In gewissem Sinne ist er ja auch ein Risiko eingegangen, indem er zu uns gekommen ist. Denn im vergangenen Jahr war es nicht so offensichtlich, dass wir in der Lage sind um die WM zu kämpfen. Trotzdem hat er an Ferrari geglaubt und anders, als damals spekuliert wurde, keine Techniker von Renault mit zu uns gebracht. Er arbeitet jetzt mit genau dem Team, mit dem auch Kimi gearbeitet hat.

Alonso hat Selbstvertrauen ins Team gebracht

Fernando Alonso ist bei Ferrari der Nummer-1-Fahrer.

Und was hat er mit ins Team gebracht?
Selbstvertrauen. Fernando hat viel Selbstvertrauen und hat das auch aufs Team übertragen. Manchmal kann man von außen sogar das Gefühl haben, dass er zu selbstbewusst ist. Als er in Silverstone sagte, er würde bis Abu Dhabi um den Titel kämpfen, dachten doch viele, er würde nicht richtig ticken. Aber für das Team ist so eine Einstellung sehr wichtig.
Dennoch gibt es Einige, die jetzt sagen: Wenn Fernando die WM mit weniger als sieben Punkten Vorsprung gewinnt, hätte das einen negativen Nachgeschmack.
Unsinn. Es hat mich sowieso überrascht, was einige Leute da für ein Fass aufgemacht haben. Meiner Meinung nach war das eine Überreaktion von Menschen, die entweder ein ganz schlechtes Gedächtnis haben oder blind sind. Denn Stallorder gibt es in der Formel 1 doch überall und immer wieder. Denn die Formel 1 ist nun einmal ein Teamsport.
Wie sollte man mit dieser Regel jetzt also umgehen?
Du kannst sie nicht kontrollieren, also sollte sie einfach abgeschafft werden. Und wenn man dann immer noch der Meinung ist, dass ein Team mit seiner Handlung dem Sport geschadet hat, kann man Paragraph 151 des Internationalen Sporting Codes (Wer dem Sport schadet, wird bestraft; d. Red.) anwenden. Abgesehen davon finde ich, dass Hockenheim 2010 eine ganz andere Situation war als Österreich 2001 (als Rubens Barrichello Michael Schumacher viel früher in der Saison und ohne Not den Sieg überlassen musste. Folge war die Einführung des Stallorderverbots; d. Red.)
Nachdem Sie sich für Fernando als Nummer eins entschieden haben, wie haben Sie Felipe Massas Motivation aufrecht gehalten?
Wir arbeiten mit Felipe seit vielen Jahren zusammen und wollen ihn natürlich für die Gegenwart und die Zukunft motiviert halten. Er soll sich weiter als Teil dieser Familie fühlen. Deshalb habe ich nach Hockenheim unter vier Augen mit ihm gesprochen, ihm versucht die Situation zu erklären und ihn weiter zu pushen. Denn unter der Reaktion einiger Medien hatte er schon etwas gelitten. Dazu kommt: Mit Fernando als Teamkollegen ist es wirklich nicht leicht. Aber Felipe ist mental sehr stark. Immer, wenn er abgeschrieben wurde, kommt er zurück. So wie letztes Jahr nach seinem schweren Unfall. Und er wird auch im nächsten Jahr wieder die gleichen Chancen haben wie Fernando.

Vettel ist ein toller Kerl

ABMS-Redakteurin Bianca Garloff (r.) fragt Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali über Fernando Alonso aus.

Wie ist seine Beziehung zu Fernando?
Die ist okay – auf einer professionellen Ebene. Ehrlich gesagt habe noch nie Teamkollegen gesehen, die Freunde sind. Sie müssen zusammenarbeiten und das tun sie. Es gibt keine Geheimnisse, alles ist offen. Am Samstag in Brasilien hat Felipe uns und auch Fernando zum Abendessen bei ihm zu hause eingeladen.
Bernie Ecclestone hat gesagt, für ihn wären Fernando Alonso und Sebastian Vettel die perfekte Ferrari-Fahrerpaarung. Für Sie auch?
Hat er das wirklich gesagt? (schmunzelt) Wie sie sicher verstehen, kann ich das jetzt nicht kommentieren. Aber mit Sicherheit ist Sebastian ein sehr guter und schneller Fahrer. Er hat dieses Jahr neun Poles geholt. Das sagt doch alles! Und er ist mental sehr stark, ein toller Kerl. Sag also niemals nie.
Schadet es seiner Karriere, wenn er jetzt im zweiten Jahr hintereinander den Titel verliert?
Nein, im Leben nicht! Er ist doch noch so jung. Ich kann verstehen, dass er frustriert ist, denn er hatte viel Pech in diesem Jahr. Aber es kann noch alles passieren, das haben wir 2007 mit Kimi (Räikkönen, der mit 17 Punkten Rückstand zwei Rennen vor Schluss noch Champion wurde; d. Red.) erlebt. Er muss sich auf seinen Job konzentrieren und nach der Zielflagge schauen, was draus geworden ist. Einen Vorteil hat er auf jeden Fall: weniger  Gewicht auf seinen Schultern, denn er hat nichts zu verlieren. Aber selbst wenn, macht das nichts. Er hat noch so viel Zeit. Bei Mark sehe ich das anders. Vielleicht ist dies seine letzte Chance. Deshalb ist der Druck größer.
Als Freund von Michael Schumacher : Glauben Sie, dass er nächstes Jahr wieder siegen kann?
Für ihn war dies eine schwierige Saison, keine Frage. Aber wie ich schon sagte: Du kannst noch so gut fahren. Wenn dein Auto nicht läuft, bist auch du chancenlos. Zusätzlich hat er mit Nico Rosberg noch einen sehr, sehr starken  Teamkollegen. Ein großartiges Talent, das sich immer noch weiterentwickelt und eine große Zukunft vor sich hat. Aber ich bin fest überzeugt, dass er fürs nächste Jahr hoch motiviert ist. 2010 war für ihn quasi nur ein Warm-up. Wir haben gesehen, dass er bereit ist zu kämpfen und dass er mental immer noch stark ist. Nach dieser Saison hat er 2011 doch nichts mehr zu verlieren. Also wird er ohne Druck seine Leistung bringen.

Autor: Bianca Garloff

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