Ford Focus RS gegen VW Golf R32

Ford Focus RS gegen VW Golf R32 Ford Focus RS gegen VW Golf R32

Ford Focus RS gegen VW Golf R32

— 17.09.2002

Schrecklich schön schnell

Wir erleben unser blaues Wunder – und das gleich im Doppelpack. RS gegen R32, das heißt 456 PS verteilt auf zwei knallharte Kompakte. Ein Vergleich hart an der Schmerzgrenze.

Power haben beide, Sound nur einer

Ganz ehrlich: Wir wollen Sie nicht mit dem hundertsten Aufguss eines Kompakt-Kampfes zwischen Focus und Golf langweilen. Fest versprochen. Dass hier dennoch genau diese Modelle von Ford und VW antreten, widerspricht der obigen Absichtserklärung dabei nur scheinbar. Denn die Kontrahenten tragen dezent kurze, aber enorm wichtige Namenszusätze am Heck. RS der Focus, R32 der Golf – womit alles möglich wird, außer ein ganz normaler Kompaktwagen- Vergleich. Auch das fest versprochen.

Kaum zu glauben, dass der Wolfsburger Bestseller tatsächlich so böse klingen darf. Und dass er dafür den Segen des TÜV erhält. Wenn der Golf R32 seine sechs Kolben mit einem heiseren Husten zum Dienst ruft, glaubst du deinen Ohren nicht zu trauen. Von rüpelig röchelnd bis dumpf dröhnend reicht die Palette des 3,2-Liter-V6, die Reaktionen selbst gestandener Fahrer schwanken zwischen grenzdebilem Grinsen und postpubertärem Aufheulenlassen des Motors im Stand. Dagegen verblasst der schlürfende Turbo-Sound des Focus deutlich, erinnert dann doch eher an einen getunten Staubsauger.

Zur akustischen Ausnahmevorstellung passen die fulminanten Fahrleistungen des R32. Fette 241 PS schieben den fast 1,5 Tonnen schweren Golf mit Macht nach vorn. Dieser VW zeigt an der Ampel sogar Boxster-Fahrern seinen dicken Doppelauspuff, zaubert selbst Tempi über 200 km/h so locker und leicht auf den Asphalt, als gäbe es keine Fahrwiderstände. Doch was im ersten Moment überrascht, leuchtet im zweiten ein. Schließlich bringt der Vierventiler auch den Luxusliner Phaeton mit Anstand in Schwung.

Verführung zur ausgiebigen Drehzahlorgie

Im Focus steckt im Prinzip ebenfalls ein alter Bekannter – der aber eine umfangreiche Kraftkur hinter sich hat. Den 2,0-Liter-Vierzylinder mit regulär 130 PS pumpt ein Garrett-Turbolader mit bis zu einem Bar Ladedruck um 65 Prozent auf – macht ansehnliche 215 PS. Mit denen die Vorderräder – unterstützt von einem automatischen Sperrdifferenzial – ganz allein fertig werden müssen.

Die große Überraschung: es funktioniert. Beim Sprint bis Tempo 100 muss der Focus dem immerhin 26 PS stärkeren Golf nur wenige Zehntel Vorsprung lassen. Und das, ohne die 225 Millimeter breiten 18-Zöller in Schall und Rauch aufgehen zu lassen.

Mit einem echten Turboloch verschont uns der Focus ebenfalls. Sagen wir mal, er holt unter 3000 Touren tief und kräftig Luft, um dann wie von der Tarantel gestochen aus den Startblöcken zu schießen. Dabei wirkt der Vierventiler von Ford spritziger, spontaner, sportlicher als der R32. Von leidenschaftlichem Laderpfeifen begleitet, hechelt der zwangsbeatmete Vierzylinder geradezu lustvoll dem Begrenzer bei etwa 6750 Touren entgegen. Auch wenn die orangefarbene Schaltanzeige schon bei 5800 Umdrehungen den Griff zum knackig-kurzen Fünfganggetriebe empfiehlt, genießen wir diese Drehzahlorgie doch gerne etwas ausgiebiger.

Fahraktivster Fronttriebler der Welt

Die zweite faustdicke Überraschung – oder besser Sensation – liefert der Focus RS auf dem Rundkurs. Dieser Komakt-Kracher darf ohne jede Übertreibung als der fahraktivste Fronttriebler der Welt gelten. Das Untersteuern haben die Ford-Fahrwerker dem RS fast völlig abgewöhnt, Lastwechselreaktionen müssen schon vorsätzlich provoziert werden und bleiben selbst dann harmlos, die Kurvengeschwindigkeiten liegen im Trockenen deutlich über unseren Erwartungen.

Und über denen des Golf – trotz Allradantrieb. Der R32 verneigt sich vor schnellen Kurven etwas deutlicher und schiebt tatsächlich stärker zum äußeren Kurvenrand. Kompliment nach Köln – auf dem Handlingkurs des Contidrom nimmt der Focus dem Golf eine Sekunde ab.

Dennoch markiert der R32 fahrdynamisch den Gipfel der Generation Golf. Dank Allrad und ESP bleibt er stets lammfromm, spielt bei Regen und Schnee seine Traktionsvorteile aus. Auf trockener Piste gehören Qualmwolken von den Michelins im Format 225/40 ZR 18 nicht zum Repertoire des R32. Wohl aber heftige Schläge für den Fahrer. Der Golf verheimlicht seinen Insassen genau wie der Focus nichts, was ihm unter die Reifen kommt. Wie ein Hochleistungs-Scanner registrieren beide selbst kleinste Unebenheiten, verwandeln frische Fahrbahnmarkierungen in gewaltige Erhebungen und sorgen schon nach kurzen Autobahnetappen für Rückenschmerzen und Magenprobleme.

Technische Daten und Kosten

Wer mit RS oder R32 liebäugelt, sollte bedenken, dass nicht nur die Ruhe, sondern auch der Familienfrieden auf der (Renn-)Strecke bleibt. Dafür sorgen neben der Folter-Federung auch die Preise. 30.665 Euro für den Focus RS, 31.950 Euro für den Golf R32 – das dürfte die meisten Haushaltspläne sprengen. Und erst die Versicherung ... Aber das ist dann eher ein Thema für den ganz normalen Vergleich.

Wertung und Endergebnis

Wir orientieren uns am Maßstab der Klasse, was bedeutet: Das jeweils meistverkaufte Modell in Deutschland markiert in jedem Kapitel 100 Prozent. Für diesen Vergleich gilt also: Maß der Dinge bei den Kompakten ist natürlich der VW Golf (156.694 Zulassungen von Januar bis Juli 2002 gegenüber 60.374 beim Focus). In den jeweiligen Kapiteln zeigt sich, ob der Focus besser oder schlechter abschneidet als der Marktführer Golf. So können Sie Ihren persönlichen Favoriten küren.

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