Ford Thunderbird

Ford Thunderbird Ford Thunderbird

Ford Thunderbird

— 23.01.2004

Exotischer Softie

Schön, weich und in Deutschland extrem selten: der Ford Thunderbird. AUTO BILD test & tuning fuhr in Kalifornien das rollende Himmelbett, das als Grauimport jetzt auch bei uns zu haben ist.

Thunderbird – ein Symbol für viel Glück

Die Amerikaner sind schon ein seltsames Völkchen: Sie bauen schöne Cabriolets mit starken Motoren, haben in vielen Staaten Sonne satt, traumhafte Temperaturen – aber die meisten Convertible-Besitzer machen das Dach nie auf! Fast scheint es, als wäre es den Insassen ab etwa 20 Grad zu warm zum Offenfahren, bis 20 Grad aber zu kalt. So hocken sie in ihren geschlossenen Hollywoodschaukeln, stellen die Klimaanlagen auf etwa 20 Grad und schauen missmutig aus den Fenstern. Oder ungläubig.

35 Grad, Sonne satt. Das Dach ist runter, der Fahrtwind fächelt milde, aus dem Radio klingt Jamiroquai – keine Frage, das können nur Touristen sein. Stimmt nicht ganz: Wir sind zwar erkennbar keine Amerikaner, aber wir wollen ein Auto kennen lernen, das bei Freaks in den Staaten höchsten Stellenwert hat und das ab sofort dank Grauimport auch bei uns zu haben ist: der Ford Thunderbird, Baujahr 2003.

Dazu muss man wissen: Der Thunderbird ist eine Ikone. Im Oktober 1954 erstmals vorgestellt, katapultierte er sich in sagenhaften elf Sekunden von null auf 96 km/h und galt als Antwort auf die Corvette von GM. Der Name stammt vom Designer Alden Gibson, der sich erinnerte, dass der "Donnervogel" bei den Indianern des Südwestens ein Symbol für viel Glück ist. Mit dieser Wahl ist den Fans erspart geblieben, sich mit Namen wie Beverly, Hep Cat, Debonnaire, Playboy, Savile, Tropicale, Arcturus, Carioca, Dagmar, Esquiline, 999, Snipe und Wombat auseinander zu setzen.

Teuerste Auto der US-Ford-Palette

Ford-Chefdesigner J Mays hat die Formen des Urmodells modern interpretiert – ohne dass das Flair flöten geht. Heraus kam eine bildschöne Karosserie mit Spaltmaßen wie im Grand Canyon. Der Basispreis beträgt 37.650 Dollar inklusive Hardtop – damit ist es das teuerste Auto der gesamten US-Ford-Palette, egal ob Pkw, SUV, Van oder Minitruck. Ein stolzer Preis für ein relativ schlicht gebautes Auto, dessen besondere Faszination in der Vergangenheit liegt.

Vielleicht begegnen die Amis diesem Auto deshalb fast schon devot – die Tonleiter der Begeisterung beginnt beim "nice car" (wenn ein harter Broker das sagt, ist das schon eine höchst emotionale Mitteilung) und endet beim Aufschrei der Hausfrau: "What a color!"

Tatsächlich hat uns Ford ein ganz besonders hübsches Exemplar bereitgestellt: in leuchtendem Babyblau. Die Farbe heißt "Desert Sky Blue" – und der modernen Doris Day im Schwarzenegger-Land fallen dazu sofort ihre Gardinen ein, die fast genauso aussehen: "Da würde sich der Wagen aber herrlich im Vorgarten machen ..."

Lufteinlass-Rippen "just for show"

Wenden wir uns dem Auto also ebenso liebevoll zu, denn für einen echten Test gibt es keinen Grund: Ford plant nach wie vor keinen Export nach Europa. Allerdings besorgt die NWP Auto-Import-GmbH aus Norderstedt bei Hamburg (Telefon 0 40-5 29 25 81, www.euroauto import.de) den T-Bird auf Wunsch auch in Deutschland – für 49.900 Euro. Bislang fahren bei uns zwei Exemplare; keine Frage, der Ford ist ein wahrer Exot hierzulande.

Schade eigentlich. Denn das Design ist wirklich große Klasse. Die flache, leicht nach hinten abfallende Seitenlinie streckt das 4,70 Meter lange Auto optisch noch mehr. Keine Überrollbügel stören die nach oben offene Cabrioskala. Das Feeling, vor einem offenen Tourer zu stehen, wird unterstützt durch die stark geneigte Windschutzscheibe. Wer nicht weiß, dass das glänzende Kühlergitter aus Plastik ist und sowohl der Lufteinlass auf der Motorhaube als auch die seitlichen Lufteinlass-Rippen "just for show" sind, ist erst mal mächtig beeindruckt. Innen regiert das in den USA so beliebte Spiel mit den Farben: schwarz-weißes Lenkrad, schwarzweißer Automatikwählhebel, schwarzweiße Integralsitze, weiße Zifferblätter, blaue Zeiger.

Es wird Zeit, loszufahren. Nach dem Dreh am Zündschlüssel blubbert der kleine Achtzylinder ein bisschen untenherum, bleibt auch bei höheren Drehzahlen dezent im Hintergrund. Also nichts Besonderes. Die Dachöffnung dagegen ist sensationell: Mit einem Zentralgriff das Softtop vom Scheibenrahmen lösen, dann elektrisch herunterfahren – in sechs Sekunden hat es sich zusammengefaltet. Das ist bislang Rekord im gesamten AUTO BILD-Dachversenken-Tempotest. Aber dann wird's fummelig: Eine Persenning muss am hinteren Rand unter die Karosse geklemmt werden, je drei Druckknöpfe links und rechts halten sie fest. Bei uns akzeptiert das wohl niemand an einem so teuren Luxusauto ...

284-PS-V8-Motor schwächelt ein wenig

Basis des Thunderbird ist die Plattform, auf der schon Lincoln LS und Jaguar S-Type entwickelt wurden. Das Versteifen für die Cabrio-Version kann nicht wirklich überzeugen, das Auto zittert sich deutlich über Kanten im Straßenbelag und vermittelt insgesamt den Eindruck, so weich wie ein Marshmallow in der Sonne zu sein. Noch softer geriet die Fahrwerkabstimmung: Dieses Auto bestätigt endlich wieder das Vorurteil, dass Amis schaukeln wie Palmen bei Windstärke sechs – wir freuen uns über jede Bodenwelle, weil das so schön nachschwingt. Für Deutschland empfehlen wir unbedingt das straffe Sport-Package für etwa 560 Euro.

Die verheißungsvollen 284 PS aus dem V8-Motor versickern irgendwie in Fahrwerk und träger Fünfgangautomatik. Selbst mit ausgeschalteter Traktionskontrolle drehen die Hinterräder bei Vollgas und gutem Grip nicht durch – dieses rollende Himmelbett hat andere Qualitäten als beeindruckende Ampelstarts.

Zum Beispiel eine hervorragende serienmäßige Musikanlage. Mit der lässt sich trefflich durch Malibu cruisen. "There's nothing wrong" von Jhelisa ordentlich aufgedreht, und aus dem Auto neben uns auf der Überholspur mustert uns skeptisch ein ungekämmter und wie immer missgelaunter John McEnroe aus seinem kantigen SL 500 – natürlich mit geschlossenem Dach ...

Innen einfach, aber sinnvoll gestaltet

Ebenfalls ordentlich das übersichtliche Cockpit mit gut platzierten Schaltern für alles, was den Aufenthalt angenehm macht (Tempomat, Telefon und Radio vom Lenkrad zu bedienen). Und auch das elektrisch in alle Richtungen verstellbare Lenkrad ist Klasse. Und die Tatsache, dass der Thunderbird – im Gegensatz zu vielen neumodischen Trendautos hierzulande – nur einmal blinkt und nicht dreimal, wenn man es wünscht, erfreut uns ebenso wie die Klimaanlage, die bei Schalterstellung "aus" auch wirklich das Kühlen einstellt und beim Neustart nicht gleich wieder anspringt. Lobenswert die Konstruktion der hübschen Scheinwerfer, deren Lampen bei Bedarf auch von zehnjährigen Farmerssöhnen ausgewechselt werden können und nicht nur von diplomierten Werkstattmeistern.

Wir geben unser Baby am Ende der völlig entspannten Reise nur ungern zurück, haben uns an den hellblauen Softie gewöhnt. Schweren Herzens nehmen wir unser Gepäck aus dem erstaunlich großen Kofferraum, streichen noch einmal über die schicke Flanke. Der American Way of Driving hat was. Der Thunderbird wird vielleicht noch zwei Jahre gebaut, etwa 25.000 Stück pro Jahr, dann ist Schluss. Ford sagt: Dann haben alle Amerikaner einen, die einen haben wollten. So einfach ist Modellpolitik in den USA.

Technische Daten • V8, vorn längs • vier Ventile je Zylinder • 2x2 oben liegende Nockenwellen • Hubraum 3949 cm3 • Leistung 209 kW (284 PS) bei 6000/min • maximales Drehmoment 388 Nm bei 4000/min Hinterradantrieb • Fünfstufenautomatik • rundum Einzelradaufhängung rundum belüftete Scheibenbremsen Reifen 235/50 R 17 • Räder 7,5 x 17 Länge/Breite/Höhe 4732/1829/1323 mm • Radstand 2722 mm • Leergewicht 1712 kg • Kofferraum 230 l • Tank 68 l • 0–100 km/h in 7,1 s • Höchstgeschwindigkeit ca. 220 km/h • Preis 49.900 Euro

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