Sebastian Vettel war die Freude auf dem Podium regelrecht anzusehen

Formel 1 2009

— 01.11.2009

Vettel-Triumph bei stimmungsvollem Saisonfinale

Red-Bull-Doppelsieg in Abu Dhabi: Sebastian Vettel nach Triumph Vizeweltmeister - Hamilton mit Bremsdefekt k.o. - Button zum Abschluss Dritter

Riesengroß war die Enttäuschung bei Sebastian Vettel nach dem verlorenen WM-Titel in São Paulo, doch beim heutigen Grand Prix von Abu Dhabi in der gleichnamigen Wüstenstadt entschädigte er sich selbst mit einem souveränen Sieg - und gleichzeitig mit dem Gewinn der Vizeweltmeisterschaft, die es offiziell genau genommen gar nicht gibt.

Der einzige Gegner des Red-Bull-Renault-Piloten, Lewis Hamilton (McLaren-Mercedes), schied mit Bremsdefekt aus. Doch selbst als Hamilton noch auf der Strecke war, konnte Vettel den vermeintlichen Dominator dieses Wochenendes schon unter Druck setzen - eine große Leistung. Darüber war die Freude dann auch so groß, dass er bei der Siegerehrung die deutsche Bundeshymne mitsang und bei der österreichischen für das Team stolz in die Menge lächelte.

Ein Podium für den Weltmeister

Nicht in letzter Konsequenz weltmeisterlich, aber durchaus anständig verabschiedete sich indes der neue Champion aus der Saison 2009: Jenson Button (Brawn-Mercedes) lieferte Mark Webber (Red-Bull-Renault) bis auf die letzten Meter einen heißen Kampf, musste sich aber schlussendlich mit dem dritten Rang zufrieden geben. Für Button war es das erste Podium seit dem zweiten Platz in Monza am 13. September.

Die Anfangsphase - gestartet wurde um 17:00 Uhr Ortszeit, also noch bei Tageslicht, ehe es im Laufe des Rennens immer dunkler wurde - verlief erstaunlich ruhig: Hamilton münzte seine Pole-Position nicht zuletzt dank KERS souverän in die Führung um, bog vor Vettel und Webber in die erste Kurve ein. Webber schnitt Rubens Barrichello (Brawn-Mercedes) nach dem Start leicht den Weg ab, wodurch beim Brasilianer die Frontflügelendplatte rechts verloren ging.

Für Furore sorgte anfangs nur Robert Kubica (BMW Sauber F1 Team), der das leichteste Auto im Feld hatte und mit der Brechstange an Jarno Trulli (Toyota) vorbeiging. Bis in der 16. Runde von Kubica und Barrichello, der seinen lädierten Frontflügel übrigens nicht wechseln ließ, die Boxenstopps eröffnet wurden, verlief das Rennen in sehr statischen Bahnen. Allerdings zeichnete sich ganz vorne eine Überraschung ab.

Hamilton von Anfang an unter Druck

Denn obwohl alle Experten damit gerechnet hatten, dass sich Hamilton mit weniger Benzin an Bord locker absetzen würde, konnte Vettel dem Silberpfeil gut folgen. Der Abstand betrug maximal eineinhalb Sekunden - und als Hamilton in der elften Runde mit stehenden Rädern in der Rechtskurve vor der Hoteldurchfahrt von der Strecke rutschte und ein paar Zehntelsekunden verlor, dämmerte ihm wohl erstmals, dass es knapper werden könnte als erhofft.

Der Brite kam in der 17. Runde an die Box, stand 8,6 Sekunden. Vettel musste erst in Runde 19 reinkommen, stand 9,3 Sekunden - und ging trotzdem ganz locker in Führung! Was die 50.000 Zuschauer auf den überdachten Tribünen nicht wussten: Hamilton hatte zu jenem Zeitpunkt bereits massiv mit seinen Bremsen zu kämpfen und war dadurch de facto chancenlos. In der 21. Runde musste er aus dem Rennen genommen werden.

"Es gab ein Problem mit der Bremse, ich konnte das Auto nicht mehr abbremsen. Die Räder blockierten und blockierten und es wurde immer schwieriger. Sehr schade, denn ich hatte die vergangenen Tage ein irre gutes Gefühl", trauerte der entthronte Weltmeister einem möglichen Sieg nach. "Wir hatten das ganze Jahr keine Bremsprobleme, aber was soll's? Trotzdem darf das ganze Team stolz darauf sein, wie es diese Saison das Blatt gewendet hat."

Erster Hamilton-Ausfall mit Defekt

"Lewis hatte ein Problem mit einem Bremsbelag, was seinen Speed bereits am Anfang beeinträchtige", bilanzierte Mercedes-Sportchef Norbert Haug. "Er war zuvor am Freitag und Samstag klar der Schnellste im Feld - sehr schade. Und es ist sein erster Ausfall mit technischem Defekt in 52 Grands Prix, die Lewis seit 2007 mit uns gefahren ist." Und er fügte an: "Die Performance war gut. Das hat dieses Jahr schon mal schlechter ausgesehen."

Von dem Moment an war der Weg frei für Spitzenreiter Vettel, der keinen Fehler machte und seinen Teamkollegen Webber regelrecht deklassierte. Zittern musste er nur beim letzten Boxenstopp: "Bei der Ausfahrt durch den Tunnel war ich jedes Mal knapp an der Mauer dran, aber es ist zum Glück nichts passiert." Die neuralgische Stelle, bei der viele einen Crash befürchtet hatten, der das Geschehen blockieren würde, entpuppte sich als schwierig, zu Unfällen kam es aber nicht.

"Es war ein fantastisches Rennen", strahlte Vettel nach seinem Sieg mit 17,8 Sekunden Vorsprung. "Ich kam gut weg, konnte Lewis aber natürlich nicht überholen. Aber ich konnte dranbleiben, was mich selbst überrascht hat. Wir wussten ja, dass wir mehr Benzin drin hatten. Im dritten Sektor konnte ich immer wieder aufholen und dadurch in Schlagdistanz bleiben. Das war ausschlaggebend. Lewis ist dann leider ausgeschieden, aber es war sehr spannend zwischen uns."

Vettels Jubel riesengroß

"Was soll ich sagen? Ich bin überglücklich - was für ein Tag", so der Vizeweltmeister. "Ich wusste, dass unser Auto über die Distanz immer besser wird. Unsere einzige Schwäche war der Topspeed, aber das hat nichts ausgemacht. Unser Plan ist perfekt aufgegangen. Am Ende hatte ich ein bisschen Luft zu Mark und Jenson. Es hat wirklich Spaß gemacht. Ich fand mit jeder Runde auf dieser Strecke besser in den Rhythmus. Schade, dass die Saison jetzt schon vorbei ist."

Für das rennfahrerische Highlight in einem ansonsten unaufregenden Grand Prix sorgten in den letzten Runden Webber und Button: Der Weltmeister schloss mit Siebenmeilenstiefeln zum Red-Bull-Piloten auf - und wollte es in den letzten beiden Runden noch einmal wissen. Button arbeitete sich in den schnellen Kurven mit querstehendem Auto an Webber ran, war in der letzten Runde tatsächlich im Windschatten, probierte es nach den langen Geraden jeweils außen, musste aber zurückstecken.

"Ich hätte noch länger im Windschatten bleiben sollen", ärgerte sich Button nach dem Rennen, nahm die "Niederlage" aber in Wahrheit recht locker. Webber behielt dann auf den letzten Metern die Nerven und machte keinen Fehler mehr. Auch für den Australier war es ein elektrisierender Saisonausklang: "Jenson hatte auf den Geraden etwas mehr Topspeed als ich, aber es war ein sauberer Fight. Er hat sich sehr fair verhalten."

BMW: Ein "Servus" zum Abschied

Barrichello kam 4,2 Sekunden hinter Button als Vierter ins Ziel, hatte Nick Heidfeld (BMW Sauber F1 Team) im letzten Stint sicher im Griff, nachdem die beiden gemeinsam zum zweiten Boxenstopp gekommen waren. "Sag zum Abschied leise Servus!" BMW nahm dieses Sprichwort heute wörtlich und lackierte "Servus" auf die Motorhaube. Wichtig: Heidfelds vier Punkte spülten das Team in der Konstrukteurs-WM noch an Williams-Toyota vorbei - Platz sechs.

Der heimliche Star des Tages war aber einer, dem man diese Rolle nicht zugetraut hätte: Kamui Kobayashi, schon in São Paulo harter Gegner von Button, war heute der beste Einstopper und belegte nach einer starken Vorstellung den sechsten Platz. Der Japaner empfahl sich damit nachdrücklich für ein Toyota-Cockpit, schließlich ließ er sogar seinen Stallgefährten Trulli (zwei Stopps) um sechs Sekunden hinter sich.

Es grenzte fast schon an Ehrenbeleidigung, als Kobayashi nach Buttons Boxenstopp rotzfrech am Brawn-Piloten vorbeizog und in der Folge auch noch davonfuhr - natürlich mit weniger Benzin an Bord. Frech war aber auch der Überholversuch von Kubica gegen Sébastien Buemi (Toro-Rosso-Ferrari), der mit einem Dreher endete. Buemi darf sich freuen: Der starke Schweizer sammelte als Achter einen Punkt und drehte gleichzeitig die zweitschnellste Rennrunde.

Silber gewinnt Konstrukteursduell gegen Rot

Nico Rosberg (Williams-Toyota) hatte mit zu wenig Topspeed keine Chance auf einen Spitzenplatz und kam als Neunter ins Ziel. Das Finnenduell zwischen Heikki Kovalainen und Kimi Räikkönen gewann Kovalainen um 1,5 Sekunden - womit sich McLaren-Mercedes über Platz drei in der Konstrukteurs-WM freuen darf, denn die beiden Topteams der vergangenen Jahre gingen heute leer aus, sodass es beim Stand von 71:70 blieb.

Einen unrühmlichen Abschied von Renault erlebte Fernando Alonso als 14., auch Adrian Sutil (17./Force-India-Mercedes) hatte einen schwierigen Abend. Giancarlo Fisichellas letztes Rennen für Ferrari war sowieso eine Farce: Der Italiener machte zwar am Start die eine oder andere Position gut, fuhr dann aber unauffällig und sorgte nur noch ein letztes Mal für Aufsehen, als er wegen Speedings in der Boxengasse mit einer Durchfahrstrafe belegt wurde.

Die vielleicht kurioseste Aktion lieferte aber zweifellos Jaime Alguersuari (Toro-Rosso-Ferrari) ab: Der junge Spanier kam in seiner 18. Runde mit Getriebeproblemen an die Box - fuhr aber bei Toro Rosso vorbei und hielt erst bei Red Bull, wo die Crew auf Vettel wartete! Alguersuari wurde durchgewunken und rollte daraufhin aus. Seine Chancen auf einen neuen Vertrag dürfte er damit nicht gesteigert haben, zumal er im Vergleich mit Teamkollege Buemi auch vom Speed her schlecht aussah.

Vettel cool: Schnellste Runde am Ende

Vettel bekam von all dem aber nichts mit - und fuhr die Sache so locker nach Hause, dass er in der vorletzten Runde sogar noch eine Bestzeit für die Galerie hinknallen konnte: 1:40.279 Minuten. Für die Galerie war auch das Ambiente in der Abendsonne und dann in der Dunkelheit von Abu Dhabi. Besonders das hell erleuchtete Yas-Marina-Hotel sorgte für stimmungsvolle Bilder. "Es ist ein Privileg, hier sein zu dürfen", sagte Ross Brawn begeistert.

Das Fazit von Formel-1-Experte Keke Rosberg fiel etwas nüchterner aus: "Wir haben einen Premieren-Grand-Prix erlebt, aber spannend war er nicht. Dafür waren die TV-Bilder umso spektakulärer. Vettel hat eine tolle Leistung gezeigt und sich darüber zurecht gefreut. Es war eine tolle Saison von ihm." Am Ende belegte der Deutsche den zweiten WM-Rang, elf Punkte hinter Champion Button, sieben vor Barrichello und 14,5 vor Webber.

Bei den Konstrukteuren gab es heute nur noch eine Verschiebung - das BMW Sauber F1 Team gewann das bereits erwähnte Duell gegen Williams mit 1,5 Punkten Vorsprung. Damit ist die Formel-1-Saison 2009 endgültig Geschichte. Bis Ende November können theoretisch noch Proteste eingereicht und behandelt werden, doch derzeit sind keine solchen Verfahren in Sicht. Ab 1. Dezember sind die Ergebnisse dieser Saison dann wie immer offiziell.

Fotoquelle: xpb.cc

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