Weltmeister Lewis Hamilton hat eine charakterbildende Saison hinter sich

Formel 1 2009

— 07.11.2009

Interview: Lewis Hamiltons Saison 2009

Der entthronte Weltmeister Lewis Hamilton spricht ausführlich über Höhen und Tiefen in dieser Saison und spricht in den höchsten Tönen über sein Team

Nach dem WM-Titel 2008 folgte für Lewis Hamilton in der zurückliegenden Saison ein tiefer Fall: Der amtierende Champion begann seine Titelverteidigung mit einem der langsamsten Autos, schaffte dann aber gemeinsam mit McLaren-Mercedes die Wende, gewann die Grands Prix von Ungarn und Singapur und hatte beim letzten Rennen in Abu Dhabi das wahrscheinlich schnellste Auto im Feld. Im Interview lässt der 24-Jährige seine Saison noch einmal Revue passieren.

Frage: "Lewis, am Samstag in Abu Dhabi sah es so aus, als wärst du nicht aufzuhalten, aber das Rennen brachte dann den ersten mechanisch bedingten Ausfall deiner Karriere. War es ein Wochenende gemischter Gefühle?"
Lewis Hamilton: "Nicht wirklich. Natürlich ist es enttäuschend, ein Rennen nicht zu beenden - besonders dann, wenn man es anführt -, aber ich muss realistisch sein: Fast drei Jahre lang Formel-1-Rennen zu fahren und nie von einem technischen Defekt gestoppt worden zu sein, ist eine unglaubliche Statistik."

Beeindruckende Zuverlässigkeit

"Man nimmt die Zuverlässigkeit heutzutage fast als gegeben an, daher war es merkwürdig, das Rennen von der Garage aus zu sehen und nicht mehr daran teilnehmen zu können. Aber wir können alle stolz auf das sein, was wir erreicht haben. Wir begannen die Saison mit dem langsamsten Auto im Feld, gaben aber nie auf - und am Samstag in Abu Dhabi hatten wir das schnellste Auto. Das ist eine unglaubliche Leistung - und ich kann mir kein anderes Team als McLaren-Mercedes vorstellen, das so etwas leisten könnte."

"Es wäre großartig gewesen, das Rennen zu gewinnen, denn dann wären wir mit erhobenem Haupt in den Winter gegangen, aber es hat nicht sollen sein. Ich liebe die Strecke - für eine neue Strecke hat sie eine gute Mischung an Kurven und du musste sehr konzentriert und präzise sein, um auf Zeit zu kommen. Nächstes Jahr werden wir zurückkehren und versuchen, das Rennen zu gewinnen."

Frage: "Schauen wir auf die Saison zurück. Es war ein Jahr voller Höhen und Tiefen, aber was war dein persönliches Highlight?"
Hamilton: "Ich denke, es gab in diesem Jahr ein paar Momente, die sich eingeprägt haben. Der erste war in Silverstone, als ich ankam und wusste, dass ich keine Chance haben würde, um den Sieg zu kämpfen. Ich war einfach überwältigt von der Unterstützung der Fans an der Strecke."

"Ich hätte mir nie träumen lassen, dass das ein so positives und inspirierendes Wochenende für mich werden könnte, auch wenn das Ergebnis nicht großartig war. 2008 hatte ich in Silverstone ein erstaunliches Rennen, daher bedeutet es mir viel, dass die Leute den Glauben an mich nicht verloren haben und auch dann hinter mir stehen, wenn ich mal nicht gewinnen kann."

"Auf der Strecke war Deutschland eines meiner größten Highlights, als wir zum ersten Mal unser neues Update im Einsatz hatten. Schon bevor ich das Auto gefahren war, konnte man sagen, dass es ein großer Schritt sein würde - Frontflügel, der obere Teil der Karosserie und der Unterboden waren komplett neu. Der Druck, damit gut auszusehen, war groß - und es sah gut aus, das Auto sah richtig gut aus. Es dauerte nur ein paar Runden, bis ich realisierte, dass es sich dabei um eine unglaubliche Verbesserung handelt."

"Nach Monaten voller Schwierigkeiten tat das Auto endlich wieder das, was ich wollte. Ich konnte sauber einlenken, hart aufs Gas steigen und mich beim Beschleunigen aus den Kurven heraus auf den Grip verlassen. Aus der Haarnadel am Nürburgring heraus, die schnellen S-Kurven rauf, ließ ich den Funk irrtümlich eingeschaltet. Das ganze Team konnte mich jubeln hören, weil sich das Auto so gut anfühlte! Danach war mir das peinlich, vor allem als mir Martin (Whitmarsh; Anm. d. Red.) erzählte, dass er die Aufnahme dem ganzen Team vorspielte! Aber ich verstehe jetzt, dass das für die Moral wichtig war."

Trendwende am Hungaroring

"Das andere Highlight war Ungarn. Ich habe immer gesagt, dass sich ein Sieg in diesem Jahr süßer anfühlen würde als alles andere, was ich bisher erreicht habe, weil es die Krönung unserer harten Arbeit sein würde. Beim Ungarn-Grand-Prix wurde ein Traum war - schneller zu sein als die anderen und das Auto als Erster ins Ziel zu bringen, war unglaublich. Das war die totale Zufriedenheit."

Frage: "Und was war dein schwierigster Moment?"
Hamilton: "Da gab es einige. Die ersten Schwierigkeiten kamen bereits beim Testen zum Vorschein. Wir wussten, dass das Auto nicht das schnellste war, aber beim Barcelona-Test in der elften Kalenderwoche dämmerte uns, dass wir richtig weit weg waren und bei weitem nicht die Pace der Topteams hatten."

"Ich erinnere mich daran, dass ich Ron (Dennis; Anm. d. Red.) und Martin anrief und ihnen erklärte, dass wir viel Arbeit vor uns haben, wenn wir den MP4-24 zu einem Siegerauto machen wollen. Das war ein schwieriger Anruf, aber Ron und Martin sicherten mir ihre volle Unterstützung zu und wir arbeiteten sofort einen Notfallplan aus - da wurde nicht gewartet. Das war zunächst eine schwierige Erfahrung, die sich im Nachhinein zu einer positiven wandelte."

"Der andere schwierige Moment passierte nicht viel später, in Melbourne und Malaysia. Das war für mich persönlich eine schwierige Zeit, aber ich glaube daran, dass ich durch diese Erfahrung als Person gewachsen und stärker geworden bin. Ich glaube fest daran, dass jede Erfahrung - auch eine schlechte - dabei hilft, deinen Charakter zu definieren und zu entwickeln. Du kannst die Vergangenheit nicht mehr ändern, aber du kannst daraus lernen. Ich bewältigte meine Situation in Melbourne und hatte die Courage, in Malaysia dazu zu stehen. Daraus bin ich stärker hervorgegangen."

Frage: "Nun ein paar schnelle Fragen. Was war dieses Jahr deine Lieblingsstrecke?"
Hamilton: "Abu Dhabi war ein absolut unglaublicher Ort, aber die beste Strecke des Jahres war Suzuka. Monaco hat immer noch einen besonderen Platz in meinem Herzen, weil es einzigartig ist, aber Suzuka ist wirklich die großartigste Rennstrecke der Welt!"

"Außerdem kann ich Silverstone nicht übergehen. Die älteren Strecken haben alle einen unglaublichen Charakter. Silverstone, Monaco, Spa, Monza - das sind alles tolle Strecken, die wir brauchen. Ich weiß, dass Silverstone für 2010 noch nicht bestätigt ist, aber Silverstone muss auf dem Kalender bleiben. Ich kann mir eine Formel 1 ohne Silverstone nicht vorstellen."

Suzuka: Liebe auf den ersten Blick

Frage: "Dein Lieblingsrennen?"
Hamilton: "Monza hat Spaß gemacht, aber ich würde sagen: Suzuka oder Brasilien. In Suzuka bin ich mir das Herz aus dem Leib gefahren. Mein Kampf mit Jarno im ersten Stint war echt Hardcore - 20 Qualifyingrunden am Stück. Aber Brasilien war noch verrückter. Das Auto war so gut wie noch nie davor in der Saison und ich pushte von der ersten bis zur letzten Kurve. Das war vielleicht meine beste Leistung im ganzen Jahr."

Frage: "Dein stolzester Moment?"
Hamilton: "Das Team in Ungarn wieder auf das mittlere Treppchen zu bringen - und dann vier Wochen Zeit zu haben, um mich zu freuen! Das war ernsthaft der größte Erfolg in dieser Saison. Ich bin so stolz auf jeden, der eine Rolle dabei gespielt hat, uns wieder an die Spitze zu bringen. Glaubt mir, dieses Ergebnis haben wir uns wirklich verdient!"

Frage: "Was nimmst du aus dieser Saison mit?"
Hamilton: "Ich habe viel über Bemühung, Hingabe, Motivation gelernt - Dinge, die du fast als gegeben annimmst, wenn du vorne bist, die aber viel mehr bedeuten, wenn du weiter hinten kämpfst. Ich bin als Mann gewachsen und als Fahrer. Ich habe dieses Jahr größere Hürden nehmen müssen als in den vorangegangenen beiden Saisons und ich denke, dass ich jetzt besser weiß, wie ich mit bestimmten Dingen umgehen muss - sogar besser als vor einem Jahr."

"Ich sehe uns jetzt auch als viel engere Gruppe. Wir kennen uns nun eine weitere Saison. Das Band zwischen uns ist nun deutlich enger - wir haben viel mehr durchgemacht und kennen einander besser. Das ist etwas, was ich wirklich schätze - und ich denke, dass uns das nächste Saison noch besser machen wird."

Frage: "Was steht nun für Lewis Hamilton an?"
Hamilton: "Ich bin dieses Wochenende bei einer Mercedes-Benz-Veranstaltung in Brooklands. Heikki ist auch dort. Wir werden den MP4-23 aus dem Vorjahr fahren. Danach werde ich hart trainieren, denn ich will nächste Saison so fit sein wie noch nie und ich habe gemeinsam mit dem Teamarzt hart daran gearbeitet, für das neue Jahr besser vorbereitet zu sein als je zuvor. Ich werde hart an mir arbeiten, daheim in Genf und in Finnland. Danach gönne ich mir eine kurze Weihnachtspause."

"Ich plane keinen Urlaub, aber ich werde die Feiertage vielleicht mit meiner Familie verbringen. Danach geht es wieder an die Arbeit: Meetings mit den Ingenieuren, die Fahrzeugpräsentation und die Tests mit dem neuen Auto, das übrigens fantastisch aussieht. Ehrlich gesagt könnte ich schon nächste Woche wieder ein Rennen fahren. Ich kann derzeit behaupten, dass ich in die Formel 1 noch nie so verliebt war wie jetzt. Ich kann es gar nicht mehr erwarten, endlich wieder rauszugehen!"

Fotoquelle: xpb.cc

Weitere Formel 1 Themen

News

Rosberg-Rücktritt & Co.: Der Freitag in der Chronologie

News

Formel-1-Titel, die nicht verteidigt wurden

News

Wonneproppen bis Weltmeister: Nico Rosberg

News

Formel-1-Live-Ticker: Droht Hamilton eine Suspendierung?

Diesen Beitrag empfehlen

Kommentare

Datenschutz

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

comments powered by Disqus
Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.