Das Schweizerkreuz ist wieder da: Buemi feierte einen guten Einstand

Formel 1 2009

— 11.11.2009

Das war 2009: Toro Rosso

Toro Rosso unter der Lupe: Warum man Sébastien Buemi nicht mit Sebastian Vettel vergleichen darf und was die Gründe für den letzten WM-Platz waren

Zugegeben, die Formel-1-Saison 2009 bescherte der Fangemeinde kein so hochdramatisches Finale wie jenes von São Paulo 2008, doch in vielerlei Hinsicht war das Jahr dennoch eines der interessantesten der Grand-Prix-Geschichte. Denn selten zuvor waren die Kräfteverhältnisse vor den einzelnen Rennen so unvorhersehbar wie in der zurückliegenden Saison - und wahrscheinlich noch nie zuvor hat es einen Weltmeister gegeben, der so unerwartet kam.

Wie ausgeglichen das Feld war, beweist die Tatsache, dass alle Teams bis auf Toro Rosso (!) entweder einen Grand Prix angeführt oder den Sprung auf das Podium geschafft haben. Außerdem konnten sechs Fahrer aus vier Teams Rennen gewinnen und sogar acht Fahrer aus sechs Teams eine Pole-Position erobern. 'Motorsport-Total.com' rollt die zurückliegenden Ereignisse in Form einer Artikelserie noch einmal auf. Den Anfang machen die zehn Teams, dann folgen die fünf Deutschen und zum Abschluss am 26. November Weltmeister Jenson Button. Heute: Toro Rosso.

Abwärtstrend keineswegs unerwartet

Den Verdacht, dass es mit Toro Rosso nach der überragenden Saison 2008 eigentlich nur abwärts gehen kann, hatte 'Motorsport-Total.com' bereits vor zehn Monaten. Damals unterstellten wir dem ausgeschiedenen 50-Prozent-Teilhaber Gerhard Berger in einem Interview, den Zeitpunkt für den Ausstieg gut gewählt zu haben, weil es 2009 ohne Sebastian Vettel und angesichts der schwierigeren wirtschaftlichen Zeiten nicht einfach werden würde, die Performance von 2008 zu halten.

Berger zeigte sich jedoch unbesorgt und sprach seinen Nachfolgern Mut zu: "Ich würde das Team nicht unterschätzen. Das Team besteht noch aus vielen guten Leuten, die dieses Jahr dabei waren. Sebastian Vettel ist weg, das ist richtig, aber das heißt nicht, dass man nicht wieder einen neuen Sebastian Vettel finden kann. Ich traue dem Team auch in Zukunft gute Resultate zu, gar keine Frage", meinte er in Richtung der Masterminds Franz Tost (Teamchef) und Giorgio Ascanelli (Technischer Direktor).

Doch die Zahlen bestätigen unsere damalige Vermutung: Das Red-Bull-B-Team, das nunmehr zu 100 Prozent von Dietrich Mateschitz kontrolliert wird, sammelte nur noch acht statt 39 Punkte und fiel in der Konstrukteurs-WM vom sechsten auf den zehnten und letzten Platz zurück. Davon, die fünf Titel bei den 'Motorsport-Total.com'-Awards (unter anderem Team des Jahres, Teamchef des Jahres und Fahrer des Jahres 2008) erfolgreich zu verteidigen, kann das Team aus Faenza wohl nur träumen.

Leistung besser als die Statistik

Dabei findet 'Motorsport-Total.com'-Experte Marc Surer: "Die waren gar nicht so schlecht unterwegs. Es war in diesem Jahr einfach ein bisschen härter als im letzten Jahr." Und damit meint er nicht nur die Tatsache, dass Überflieger Vettel durch einen Rookie ersetzt wurde, der im Winter vor allem in einem Vorjahreschassis testen musste, weil das neue Auto noch nicht fertig war. Vielmehr hatte Toro Rosso seiner Meinung nach aufgrund veränderter Umstände ein Ressourcenproblem: "Du kannst nicht zuerst von Red Bull profitieren und dann auf einmal alles selbst machen. Das muss klarerweise einen Einbruch geben."

"Das Hauptproblem war sicherlich, dass sie Anfang des Jahres im Rückstand waren, weil sie zum ersten Mal die Teile selbst produziert haben. Sie haben zwar immer noch die Zeichnungen von Red Bull bekommen, aber die Produktion der Teile wurde nach Italien verlagert. Dadurch hatten sie natürlich anfangs Schwierigkeiten, was die Qualität betrifft", erklärt Surer. "Ich weiß von irgendwelchen Teilen, die sich verbogen haben, die abgefallen sind und so weiter. Bei den ersten Tests war das mit den eigenen Teilen ziemlich chaotisch."

Außerdem startete die Tost-Truppe im Gegensatz zur A-Mannschaft von Christian Horner nicht mit der jeweils neuesten Spezifikation in die Saison. Dies sei jedoch keine Red-Bull-Taktik gewesen, um eine Blamage wie 2008 zu verhindern, als das A- hinter dem B-Team landete, glaubt Surer: "Ich würde sagen, dass die Verzögerung nicht unbedingt auf die Kappe von Red Bull geht, sondern die Produktion der Teile hat einfach seine Zeit gedauert, sodass der Verzug viel extremer war als im letzten Jahr."

Erster Schweizer seit 17 Jahren

Umso sensationeller der Saisonauftakt: Sébastien Buemi, der erste Grand-Prix-Schweizer seit Andrea Chiesa im Jahr 1992, schenkte seinem routinierten Teamkollegen im Qualifying in Melbourne eine halbe Sekunde ein, sicherte sich dank einiger Rückversetzungen den 13. Startplatz und holte im Rennen als Siebter auf Anhieb seine ersten beiden WM-Punkte. "Erstes Rennen, erster Punkt - also bin ich sehr glücklich", jubelte der 21-Jährige anschließend. "Vielleicht hatten wir aufgrund der Zwischenfälle etwas Glück, aber auch ohne sie waren wir nicht allzu schlecht."

Eine Woche später schied Buemi im Qualifying in Kuala Lumpur als 20. und Letzter gleich in der ersten Runde aus, dafür rehabilitierte er sich am Sonntag beim Regenrennen mit der achtschnellsten Runde. In Faenza war man geneigt zu glauben: Es geht ähnlich weiter wie 2008. Als das Team nach Monte Carlo im Mai immerhin fünf Punkte auf dem Konto hatte, kündigte Tost an: "Ich hätte nicht damit gerechnet, dass Buemi so früh schon Punkte holt. Aber ich beschwere mich nicht darüber, wie es jetzt läuft, solange er seine Punkte in der zweiten Saisonhälfte verdoppelt!"

Das blieb Wunschdenken. In der vielleicht am härtesten umkämpften Formel-1-Saison aller Zeiten, was die Weiterentwicklung von Rennen zu Rennen angeht, blieb Toro Rosso von Monte Carlo bis zum vorletzten Rennen in São Paulo ohne Punkte. Vor allem Buemi ließ phasenweise seinen Speed aufblitzen, doch richtig vorwärts ging es erst wieder, als das Team im letzten Saisondrittel jenes Red-Bull-Update bekam, mit dem das A-Team schon ab Silverstone den Maßstab setzte.

2009 Jahr der Vorbereitung auf 2010

Einer der Gründe für diese schleppende Weiterentwicklung war wohl, dass Toro Rosso das Jahr nutzte, um stufenweise den Schritt vom reinen Kunden- zu einem echten Konstrukteursteam zu machen. Ab 2010 müssen bekanntlich alle Rennställe ihre eigenen Chassis bauen. Surer: "Es ist zwar sehr intelligent, dass man bereits in diesem Jahr angefangen hat, Teile zu produzieren, denn somit haben sie schon für 2010 geübt. Das hat aber diese Saison negativ beeinflusst, weil sie ganz einfach mit der Kapazität am Anschlag waren."

Die Wende zum Positiven gelang erst in Suzuka, als Buemi in allen Trainings konkurrenzfähig war und sich für das Top-10-Qualifying qualifizierte. Daran konnte er jedoch wegen eines selbstverschuldeten Unfalls am Ende von Q2 nicht mehr teilnehmen. Überhaupt blieb von Suzuka in Erinnerung: eines der schnellsten Wochenenden, was die Pace angeht, aber auch am meisten Schrott! Buemi und sein inzwischen schon nicht mehr neuer Teamkollege Jaime Alguersuari sorgten für eine Reparaturrechnung von ungefähr einer Million Euro.

Tost verzieh seinen Youngsters diverse Unfälle aufgrund ihrer Unerfahrenheit. Experte Surer meint dazu etwas kritischer, aber ohne Vorwurf: "Bei Alguersuari ist es normal, denn er macht noch diesen Lernprozess durch, das Limit zu finden. Der will schneller fahren - irgendwann geht es halt über das Limit hinaus. Er hat dieses Gefühl für das Limit einfach noch nicht so. Bei Buemi ist es eine andere Geschichte: Bei ihm glaube ich eher, dass er sich zu sehr selbst unter Druck setzt, wenn er weiß, dass er ein gutes Auto hat. Dann will er noch eins draufsetzen und noch später bremsen - und das geht dann halt schief."

Lob für Buemi

Dennoch bewertet er vor allem die Performance seines Landsmannes Buemi in dessen Premierensaison positiv: "Er hat alle beeindruckt. Als Neuling hat er das super gemacht. Man darf ihn nicht mit Vettel vergleichen. Vettel war zuerst Testfahrer bei BMW und hatte schon eine halbe Saison hinter sich. Er war 2008 kein echter Neuling mehr. Das vergessen die Leute gerne. Und das Material war damals auch besser, weil sie mit Ferrari den stärkeren Motor hatten als Red Bull - Renault schwächelte ja im letzten Jahr."

"Bourdais war der Maßstab. An ihm musste sich Buemi messen - und das Resultat ist bekannt. Er hat ihm die Karriere gekillt, weil er als Neuling gleich schneller war als ein Alteingesessener", so der ehemalige Formel-1-Pilot. Buemi verpasste Sébastien Bourdais im Qualifyingduell eine 7:2-Klatsche und schickte den ehemaligen ChampCar-Serienmeister in die Frührente - beziehungsweise in die Superleague Formula, eine B-Rennserie, in der Fußballklubs gegeneinander antreten. Dort ist Bourdais der neue Superstar, der Formel-1-Zug scheint aber abgefahren zu sein.

Der Fahrerwechsel erfolgte vor der Sommerpause beim Grand Prix auf dem Hungaroring. Alguersuari lieferte einen unerwartet starken Einstand ab, lag gleich im ersten Freien Training nur zwei Zehntel hinter seinem Stallgefährten und beendete das Rennen vor Buemi an 15. Stelle. Doch nach dem guten Debüt konnte sich der jüngste Formel-1-Fahrer aller Zeiten nicht ganz so stark steigern, wie man ihm das eigentlich zugetraut hätte.

Keine Steigerung bei Alguersuari

"Das stimmt ein bisschen nachdenklich, denn normalerweise erwartet man, dass so ein junger Fahrer zulegen kann", findet Surer. "Aber die heutige Formel 1 zeigt immer wieder: Wenn man einem Jungen sagt, er fährt jetzt ohne Druck und soll nichts falsch machen, dann gibt es ein gewisses Resultat. Wenn er dann versucht, schneller zu fahren, kommen auch die Fehler. Ich glaube, genau das ist passiert. Die Formel 1 wirkt im ersten Moment einfach - es ist halt ein stärkeres Auto. Aber wenn einer versucht, besser zu sein als die Konkurrenz, dann steht er irgendwann an."

Diese Erfahrung musste selbst ein Routinier wie Giancarlo Fisichella machen, der nach seinem sensationellen zweiten Platz auf Force India in Spa-Francorchamps in Monza einen respektablen Einstand bei Ferrari feierte, aber dennoch bis zum Saisonende keinen einzigen Punkt mehr sammelte. Red Bull sprach Alguersuari trotzdem das Vertrauen aus - und zwar bis zum Finale in Abu Dhabi, wo eigentlich Rallye-Weltmeister Sébastien Loeb das zweite Auto übernehmen hätte sollen. Diese Marketingidee von Red Bull scheiterte jedoch an der fehlenden Superlizenz für Loeb.

Toro Rosso hat Rohdiamant Buemi inzwischen für 2010 bestätigt, Alguersuari noch nicht. Buemi verhandelte nach den Absagen von Robert Kubica und Kimi Räikkönen sogar mit Toyota, doch die Japaner haben bekanntlich den Ausstieg aus der Formel 1 bekannt gegeben. Darüber, ob es sinnvoll wäre, einen erfahrenen Teamleader ins zweite Auto zu setzen, kann man sich nun den Kopf zerbrechen. Denkbar wäre zum Beispiel, Testfahrer Fisichella von Motorenlieferant Ferrari an Bord zu holen.

Wie wichtig war Berger?

Bei einem derartigen Einbruch, wie ihn Toro Rosso dieses Jahr zu verzeichnen hatte, stellt sich natürlich die Frage, ob es mit Teilhaber Berger anders gelaufen wäre. Surer antwortet mit einem Jein: "Ich denke, dass sein Einfluss politisch sicher wichtig war - bei Red Bull intern und auch gegenüber der FOTA. Das Wort von Gerhard Berger hat natürlich Gewicht, er kann jeden direkt ansprechen. Da wäre Gerhard ein Vorteil gewesen. Aber im täglichen Geschäft hat es wohl keinen Unterschied gemacht."

Das Saisonende war dann ohnehin versöhnlich: Buemi setzte seine bereits in Suzuka angedeutete Topform in São Paulo und Abu Dhabi um, wurde einmal Siebenter und einmal Achter - und bewies damit, dass er auch ohne Brechstange schnell sein und ins Ziel kommen kann. Alguersuari blieb diesen Beweis noch schuldig, aber der Spanier hatte ohne Vorbereitung in Form von Testfahrten auch den schwierigeren Start in die Königsklasse. Sollte er auch 2010 fahren, wird er dazu im Winter genug Gelegenheit haben.

Unklar ist indes, ob Red Bull das B-Team überhaupt behalten will. Nach dem Berger-Ausstieg war der Plan ursprünglich, einen Käufer für Toro Rosso zu suchen - der kolportierte Kaufpreis lag bei 80 Millionen Euro. Doch auf Anhieb fand sich kein seriöser Investor - und seither ist es um dieses Thema ruhig geworden. Gut möglich also, dass Mateschitz weiterhin der einzige Teameigentümer der Formel 1 bleiben wird, der gleich zwei Rennställe kontrolliert...

Saisonstatistik:

Team:

Konstrukteurswertung: 10. (8 Punkte)
Siege: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 0
Podestplätze: 0
Ausfallsrate: 38,2 Prozent (10.)
Durchschnittlicher Startplatz: 15,4 (10.)

Qualifyingduelle:

Bourdais vs. Buemi: 2:7
Alguersuari vs. Buemi: 1:7

Sébastien Bourdais (Startnummer 11):

Fahrerwertung: 19. (2 Punkte)
Gefahrene Rennen: 9/17
Siege: 0
Podestplätze: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 0
Durchschnittlicher Startplatz: 17,1 (24.)
Bester Startplatz: 14.
Bestes Rennergebnis: 8.
Ausfallsrate: 33,3 Prozent (24.)

Jaime Alguersuari (Startnummer 11):

Fahrerwertung: 24. (0 Punkte)
Gefahrene Rennen: 8/17
Siege: 0
Podestplätze: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 0
Durchschnittlicher Startplatz: 16,1 (23.)
Bester Startplatz: 12.
Bestes Rennergebnis: 14.
Ausfallsrate: 62,5 Prozent (25.)

Sébastien Buemi (Startnummer 12):

Fahrerwertung: 16. (6 Punkte)
Gefahrene Rennen: 17/17
Siege: 0
Podestplätze: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 0
Durchschnittlicher Startplatz: 14,2 (19.)
Bester Startplatz: 6.
Bestes Rennergebnis: 7.
Ausfallsrate: 29,4 Prozent (23.)

Fotoquelle: GEPA

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