Tendenz fallend: Nach einem starken Beginn fiel Williams sukzessive zurück

Formel 1 2009

— 14.11.2009

Das war 2009: Williams

Analyse mit Experte Marc Surer: Warum die Trainingsbestzeiten am Saisonbeginn nicht echt waren und was Williams anders hätte machen sollen

Zugegeben, die Formel-1-Saison 2009 bescherte der Fangemeinde kein so hochdramatisches Finale wie jenes von São Paulo 2008, doch in vielerlei Hinsicht war das Jahr dennoch eines der interessantesten der Grand-Prix-Geschichte. Denn selten zuvor waren die Kräfteverhältnisse vor den einzelnen Rennen so unvorhersehbar wie in der zurückliegenden Saison - und wahrscheinlich noch nie zuvor hat es einen Weltmeister gegeben, der so unerwartet kam.

Wie ausgeglichen das Feld war, beweist die Tatsache, dass alle Teams bis auf Toro Rosso (!) entweder einen Grand Prix angeführt oder den Sprung auf das Podium geschafft haben. Außerdem konnten sechs Fahrer aus vier Teams Rennen gewinnen und sogar acht Fahrer aus sechs Teams eine Pole-Position erobern. 'Motorsport-Total.com' rollt die zurückliegenden Ereignisse in Form einer Artikelserie noch einmal auf. Den Anfang machen die zehn Teams, dann folgen die fünf Deutschen und zum Abschluss am 26. November Weltmeister Jenson Button. Heute: Williams.

Der ganze Formel-1-Zirkus war beim Saisonauftakt in Melbourne auf eine Sensation durch das Honda-Nachfolgeteam Brawn eingestellt, aber die Schlagzeilen gehörten zunächst einmal Nico Rosberg: Der Williams-Pilot fuhr in allen Freien Trainings zum Grand Prix von Australien Bestzeit und zählte vor dem ersten Qualifying des neuen Jahres plötzlich zum engsten Favoritenkreis. Im Qualifying wurde er dann immerhin Fünfter, nur eineinhalb Zehntelsekunden hinter dem drittplatzierten Sebastian Vettel. Es roch nach einem Williams-Comeback.

Australien-Form in Malaysia bestätigt

Rosberg fiel im Auftaktrennen auf den sechsten Platz zurück, nahm aber immerhin drei Punkte mit. Die Experten blieben zunächst zurückhaltend, denn wie man weiß, ist die Strecke im Albert-Park nicht unbedingt der beste Gradmesser für die wahre Performance der Boliden. Doch Rosberg setzte das emsige Spiel mit den Bestzeiten in Kuala Lumpur fort: Schnellster am Freitag- und Samstagmorgen, Sechster im Qualifying. Als er als Führender in die erste Kurve stach und das Geschehen recht sicher im Griff zu haben schien, dämmerte noch mehr Experten: Williams ist wieder da!

Doch der Wettergott war dem Erfolgsteam von einst (letzter WM-Titel: 1997 mit Jacques Villeneuve) nicht gnädig gesonnen: Rosberg lag zwar nach seinem Boxenstopp immer noch hinter dem späteren Weltmeister Jenson Button an aussichtsreicher zweiter Stelle, doch mit einsetzendem Regen verkomplizierten sich die Dinge für ihn - es profitierten all jene, die noch nicht an der Box waren und beim ersten Service auch gleich auf Regenreifen wechseln konnten. Letztendlich gewann Button den Abbruch-Grand-Prix, während Rosberg nur als Achter gewertet wurde und einen halben Punkt mitnahm.

Damit war das ganz große Williams-Strohfeuer auch erst einmal abgefackelt, denn ab Schanghai rüsteten die etablierten Teams in Sachen Doppeldiffusor nach - am Saisonbeginn hatten neben Williams nur Brawn und Toyota über diese Wunderkonstruktion verfügt. Rosberg setzte in den ersten zwölf Freien Trainings der Saison sieben Bestzeiten, sammelte an diesen vier Rennwochenenden aber gerade mal dreieinhalb Punkte. Als die Formel 1 zum fünften Saisonrennen nach Europa kam, lag er nur an elfter Stelle der Gesamtwertung - viel zu wenig für den gezeigten Speed.

Die falsche Strategie gewählt?

Für 'Motorsport-Total.com'-Experte Marc Surer liegen die Gründe dafür auf der Hand: "Sie haben immer versucht, mit einem schweren Auto Rennen zu gewinnen, haben aber nicht begriffen, dass man in der Startaufstellung vorne stehen muss, um erfolgreich zu sein. Du kannst nicht immer von hinten kommen, denn da bleibst du irgendwo im Verkehr hängen und dann ist alles gelaufen. Das haben sie am Anfang des Jahres falsch gemacht und so viele Punkte verschenkt", analysiert er. "Rosberg hatte meistens im Pulk ein sehr schnelles Auto, das er aber nicht nutzen konnte. Strategisch haben sie das schnelle Auto nicht umgesetzt."

Tatsächlich war die Optik etwas schief: Rosberg fuhr eine Bestzeit nach der anderen, wenn es um nichts ging, doch als im Qualifying die Stoppuhr mitlief und die Zeiten in die Wertung kamen, redete er um die Vergabe der Pole-Position nie ernsthaft mit. Man hätte vermuten können: Der 24-Jährige hat ein Problem mit seinem Nervenkostüm. Ein paar Wochen später brachte das Team jedoch Licht ins Dunkel, erklärte die Trainingsbestzeiten plausibel und relativierte damit im Nachhinein auch die zu Beginn gezeigten Performances.

"Unser Programm beinhaltet einige Runs mit wenig Benzin, um bestimmte Dinge zu prüfen", erklärte Teamteilhaber Patrick Head nach den ersten Rennwochenenden. "Das machen wir vor allem mit Kazuki, damit er das Auto für das Qualifying besser ins Gefühl bekommt. Wir fahren nicht mit so wenig Benzin wie im Qualifying, aber wahrscheinlich mit weniger als andere Teams. Wir wollen nicht gut aussehen, sondern das ist einfach Bestandteil unseres Programms."

Viel Anpressdruck, viel Luftwiderstand

Surer kann diese Herangehensweise nur zum Teil nachvollziehen: "Sie haben da geübt, um sicher in die Top 10 zu kommen, was ich sehr gute finde und was andere Teams nicht gemacht haben. Dann haben sie aber trotzdem vollgetankt, anstatt das Auto vorne hinzustellen. Das ist etwas, was ich nicht verstehe. Ich muss daher anzweifeln, ob die Strategie sinnvoll war, für die sie sich meistens entschieden haben", bemängelt der ehemalige Formel-1-Pilot.

Früh in der Saison stellte sich auch heraus: Der FW31 ist alles andere als ein Topspeedwunder, was einerseits daran lag, dass das Chassis im Konkurrenzvergleich mit am meisten Anpressdruck, dafür aber auch viel Luftwiderstand generierte. Besonders augenscheinlich wurde diese Tendenz auf den Hochgeschwindigkeitskursen in Spa-Francorchamps und Monza, wo Rosberg und sein Stallgefährte Kazuki Nakajima auf den Geraden bestenfalls Kanonenfutter für ihre Gegner waren. Möglicherweise hatte daran auch der Toyota-Motor seinen Anteil.

Umgekehrt witterte Williams speziell auf Stadtkursen Morgenluft: Beim Klassiker in seiner Wahlheimat Monte Carlo fuhr Rosberg fast erwartungsgemäß Donnerstagsbestzeit, qualifizierte sich als Sechster, kam dann auch als Sechster ins Ziel. Nach zwei Nullnummern und einem achten Platz in Barcelona war das immerhin ein Aufwärtstrend, doch in Wahrheit hatte man von ihm mehr erwartet. Gleiches Spiel dann auch in Singapur, wo der Williams-Toyota FW31 - wie schon das Vorgängermodell im Jahr 2008 - auf Anhieb konkurrenzfähig war.

Singapur: Chance verpasst

Doch nach acht Punkteankünften en suite und einer Nullnummer auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke in Monza warf Rosberg ausgerechnet beim Nachtrennen einen sicher scheinenden Podestplatz weg, als er an der Boxenausfahrt die weiße Linie überquerte und dafür regelkonform mit einer Durchfahrstrafe belegt wurde. Der Deutsche spielte im weiteren Rennverlauf keine Rolle mehr und ging völlig unerwartet leer aus. Sein Kumpel Lewis Hamilton, mit dem er tags zuvor nach dem Qualifying noch über den dritten Startplatz gejubelt hatte, gewann den Grand Prix.

Rosberg, auf den wir im Rahmen dieser Artikelserie noch genauer eingehen werden, lieferte eine starke Saison ab, fuhr konstant auf hohem Niveau, sammelte 34,5 Punkte und wurde damit WM-Siebter. Nach den Gesamträngen 17 (2006), neun (2007) und 13 (2008) war das sein bisher bestes Abschneiden - und genug, um Mercedes-Sportchef Norbert Haug von seinen Qualitäten zu überzeugen: Rosberg wird 2010 für den Stuttgarter Automobilhersteller fahren. Noch unklar ist, ob er das bei Brawn (sehr wahrscheinlich) oder McLaren (eher nicht) tun darf.

Dafür war Teamkollege Nakajima ein Totalausfall: Der immer freundliche Japaner, Sohn von Ex-Grand-Prix-Pilot Saturo Nakajima, ließ zwar in einzelnen Sessions sein Talent aufblitzen und kam Rosberg manchmal näher, als dem Deutschen lieb war, doch unterm Strich sammelte er keinen einzigen WM-Punkt. "Ich kann mich gar nicht erinnern, wann das das letzte Mal bei uns der Fall war", stöhnte Frank Williams kurz vor Saisonende. Logische Konsequenz: Mit der Trennung von Nakajima-Förderer Toyota wurde auch dessen Fahrervertrag gekündigt.

Nakajima meistens enttäuschend

"Nakajima ist an seine Grenzen gestoßen", hält Experte Surer kritisch fest. "Er war relativ gut, als das Auto nicht gut war. Für Nico war 2008 das erste Jahr, in dem er die Entwicklungsarbeit alleine vorantreiben musste, denn davor hatte er dafür mit Webber und Wurz erfahrene Teamkollegen. Weil sich Nico darauf erst einstellen musste, fuhr Nakajima dann sogar ab und zu mal schneller. 2009 hat man die Arbeit auf beide verteilt. Damit war Nakajima überfordert. Es kann die Erfahrung sein oder die Intelligenz, ich weiß es nicht. Aber das Einfahren von Punkten ist letztendlich das Entscheidende. Das hat Nakajima einfach nicht auf die Reihe gekriegt."

Bei aller Kritik muss man dem 24-Jährigen aber zugute halten, dass er sein fahrerisches Talent dann und wann schon aufblitzen ließ, etwa beim Heimqualifying des Williams-Teams in Silverstone, als er Rosberg schlug und sensationell Fünfter wurde. Im Rennen wurde er zweimal Neunter (Budapest und Singapur) - seine besten Ergebnisse. Demgegenüber standen krasse Aussetzer wie zum Beispiel der Unfall beim Saisonauftakt in Melbourne, wo er eigentlich verflixt schnell unterwegs war, bis er seinen FW31 in die Mauer setzte.

Was viele vergessen, wenn sie an Williams denken: Das Team litt mit am meisten unter der Wirtschaftskrise, weil man durch die Baugur-Gruppe einen großen Anteil des Sponsorenbudgets aus Island finanziert wusste. Der im hohen Norden gelegene Inselstaat schrammte Ende 2008 bekanntlich nur knapp am Bankrottzustand vorbei - dementsprechend wurde der Geldhahn für die Formel 1 zugedreht. Eine Hiobsbotschaft für das traditionsreiche Team, das Anfang 2009 ohnehin schon auf einem Schuldenberg saß.

Finanzielle Schieflage

"Wenn du siehst, was andere erreicht haben - Brawn oder Force India zum Beispiel -, dann hätte 2009 trotzdem mehr rausschauen können. Das ist aber von außen schwierig zu beurteilen", findet Surer und erklärt: "Wir wissen, dass Williams Anfang des Jahres von Bernie Ecclestone einen Vorschuss auf die Preisgelder erhalten hat. Wenn man das in Anspruch nimmt, heißt es, dass man knapp bei Kasse ist. So gesehen war es eine gute Saison für Williams, weil sie trotz dieser finanziellen Probleme recht erfolgreich unterwegs waren."

Dem Vernehmen nach steht das Team wirtschaftlich inzwischen wieder auf einigermaßen soliden Beinen, was unter anderem auch der emsigen Arbeit von Geschäftsführer Adam Parr zu verdanken ist, dessen interner Einfluss immer weiter wächst. Neben Technikchef Sam Michael ist Parr unterhalb von Frank Williams und Patrick Head der wichtigste Mann in Grove - und einer, der die operative Führung einmal übernehmen kann, wenn Williams (67) und Head (63) nicht mehr wollen.

Bei aller Finanzknappheit hatte Williams aber doch genug Geld, um bei der 2006 gegründeten Firma Automotive Hybrid Power einzusteigen und diese in Williams Hybrid Power (WHP) umzubenennen. Auftrag: KERS für die Formel 1 entwickeln. WHP schlug dabei eine innovative Route ein und ließ sich ein Schwungradkonzept einfallen, während alle anderen auf ein Batteriesystem setzten. Eingesetzt wurde das Williams-KERS nie. Dafür soll es heute auf kommerzieller Ebene in der Automobilbranche gutes Geld einbringen...

Saisonstatistik:

Team:

Konstrukteurswertung: 7. (34,5 Punkte)
Siege: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 1
Podestplätze: 0
Ausfallsrate: 14,7 Prozent (4.)
Durchschnittlicher Startplatz: 10,1 (5.)

Qualifyingduelle:

Rosberg vs. Nakajima: 14:3

Nico Rosberg (Startnummer 16):

Fahrerwertung: 7. (34,5 Punkte)
Gefahrene Rennen: 17/17
Siege: 0
Podestplätze: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 1
Durchschnittlicher Startplatz: 8,1 (6.)
Bester Startplatz: 3.
Bestes Rennergebnis: 4.
Ausfallsrate: 5,9 Prozent (4.)

Kazuki Nakajima (Startnummer 17):

Fahrerwertung: 20. (0 Punkte)
Gefahrene Rennen: 17/17
Siege: 0
Podestplätze: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 0
Durchschnittlicher Startplatz: 12,2 (15.)
Bester Startplatz: 5.
Bestes Rennergebnis: 9.
Ausfallsrate: 23,5 Prozent (18.)

Fotoquelle: Williams

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