Vom hoffnungsvollen Jungtalent zum Grand-Prix-Star: Sebastian Vettel

Formel 1 2009

— 25.11.2009

Das war 2009: Sebastian Vettel

Unter der Lupe: Sebastian Vettels Weg zum Vize-WM-Titel und welche Fehler den ganz großen Coup des Supertalents verhindert haben

Zugegeben, die Formel-1-Saison 2009 bescherte der Fangemeinde kein so hochdramatisches Finale wie jenes von São Paulo 2008, doch in vielerlei Hinsicht war das Jahr dennoch eines der interessantesten der Grand-Prix-Geschichte. Denn selten zuvor waren die Kräfteverhältnisse vor den einzelnen Rennen so unvorhersehbar wie in der zurückliegenden Saison - und wahrscheinlich noch nie zuvor hat es einen Weltmeister gegeben, der so unerwartet kam.

Wie ausgeglichen das Feld war, beweist die Tatsache, dass alle Teams bis auf Toro Rosso (!) entweder einen Grand Prix angeführt oder den Sprung auf das Podium geschafft haben. Außerdem konnten sechs Fahrer aus vier Teams Rennen gewinnen und sogar acht Fahrer aus sechs Teams eine Pole-Position erobern. 'Motorsport-Total.com' rollt die zurückliegenden Ereignisse in Form einer Artikelserie noch einmal auf. Den Anfang machten die zehn Teams, nun folgen die fünf Deutschen und zum Abschluss am 26. November Weltmeister Jenson Button. Heute: Sebastian Vettel.

Kurz nach Bekanntgabe seiner Beförderung von Toro Rosso zu Red Bull trafen wir Vettel 2008 bei Testfahrten in Hockenheim. Angesichts der bescheidenen Performance des Red-Bull-A-Teams in der vergangenen Saison musste er sich damals Fragen wie "Glaubst du, dass das wirklich die richtige Entscheidung war?" gefallen lassen. Mehr als ein Jahr später wissen wir, dass "Super-Seb" den richtigen Riecher hatte.

Interner Umschwung bei den Red-Bull-Teams

Denn während Toro Rosso ohne seinen Input vom sechsten auf den letzten Platz der Konstrukteurs-WM abstürzte, verbesserte sich Red Bull vom siebten auf den zweiten Rang. Vettels Anteil daran war maßgeblich - und der in dieser Form unerwartete Erfolg schweißte Fahrer und Team so zusammen, dass der 22-Jährige seinen Vertrag gleich bis Ende 2011 verlängerte. Angesichts der möglichen Perspektiven bei Ferrari, Mercedes oder McLaren eine Entscheidung, die nicht viele nachvollziehen können.

"Ich verstehe das immer noch nicht", wundert sich zum Beispiel 'Motorsport-Total.com'-Experte Marc Surer. "Ich weiß nicht, warum er das machen musste, ob er damit vielleicht die volle Unterstützung im Kampf um die Weltmeisterschaft garantiert bekommen hat. Dann unterschreibt man alles. Ich kann mir das durchaus vorstellen, aber das wäre für mich die einzige Entschuldigung dafür, ohne Not einen so langfristigen Vertrag zu unterzeichnen."

Bei Red Bull darf man sich darüber freuen, das Ausnahmetalent vorzeitig längerfristig gebunden zu haben, schließlich ist die Gefahr akut, dass die großen Namen des Grand-Prix-Sports demnächst mit einem Scheck in der Hand bei Vettel anklopfen werden. Dabei musste Red-Bull-Konsulent Helmut Marko erst einmal einen Vertragskampf gegen BMW gewinnen, um den jungen Deutschen überhaupt an Bord holen zu können. Damals war die rasante Entwicklung des gebürtigen Heppenheimers noch nicht abzusehen.

Großes Lob vom Teamchef

In Milton Keynes weiß man jedenfalls, was man an Vettel hat: "Sebastian hat dieses Jahr eine großartige WM-Kampagne hingelegt", lobt Teamchef Christian Horner. "Er ist erst in seiner zweiten vollen Formel-1-Saison, er ist noch so jung und hat so viel Potenzial. Ich halte ihn für einen zukünftigen Weltmeister. Dieses Jahr hat er eine Menge dazugelernt und er wird mit dieser Erfahrung in der nächsten Saison noch stärker zurückschlagen."

"Noch stärker zurückschlagen" kann rein in Zahlen betrachtet eigentlich nur den WM-Titel bedeuten, denn Vizeweltmeister ist Vettel schon. Sollte ihm 2010 tatsächlich der nächste Schritt gelingen, dann würde dies eine frappierende Parallele zur Karriere von Michael Schumacher darstellen, der in seiner ersten vollen Saison ebenfalls überraschend einen Regen-Grand-Prix gewonnen hat (Spa-Francorchamps 1992), sich in der zweiten an der Spitze etablieren konnte und in der dritten (1994) erstmals Champion wurde.

Darf man Vettel so einen Triumph wirklich schon zutrauen? "Ja, das kann ich mir vorstellen", sagt Surer, der davon ausgeht, dass es nicht am Material scheitern wird, denn: "Die Teams, die das Reglement begriffen haben, werden auch nächstes Jahr vorne dabei sein." Damit hat es sich seiner Meinung nach dann aber auch schon mit den Schumacher-Parallelen: "Sie sind komplett konträr: Der fröhliche und offene Vettel gegen den eher introvertierten Schumacher - das sind zwei komplett verschiedene Typen."

Superqualifyer Webber entzaubert

Die Saison 2009 begann mit einem Paukenschlag: Vettel qualifizierte sich hinter den erwartet dominanten Brawn-Piloten an dritter Stelle und fügte seinem Teamkollegen die erste von insgesamt 15 Niederlagen in 17 Qualifyings zu - eine tolle Statistik, wenn man den Ruf des Australiers als Superqualifyer bedenkt. Surer schränkt ein: "Webber war am Anfang nicht fit, aber andererseits hat Sebastian oft mit wenig Trainingsrunden oder mit nur einem Satz Reifen die Qualifikation geschafft. Dass er da explodieren kann und es genau auf den Punkt bringt, spricht für ihn. Das sind Fähigkeiten, die einen Champion auszeichnen."

Die Freude hielt jedoch nicht bis Sonntagabend an, denn während Button den programmierten Auftaktsieg im Albert-Park ungefährdet nach Hause fuhr, schied Vettel an zweiter Stelle liegend nach einer Kollision mit Robert Kubica aus. Mit schlechteren Reifen verteidigte sich der Red-Bull-Pilot um einen Hauch zu ambitioniert gegen den heranstürmenden Polen, was unterm Strich beiden einen Superstart in die Saison kostete.

"Ich bin sicher, im Nachhinein würde sich Sebastian in der Situation anders verhalten", gesteht Teamchef Horner, während Vettel die Schuld noch immer nicht ganz akzeptieren will: "Australien war eines dieser Rennen. Ich halte die Kollision aber für einen Rennzwischenfall - das passiert einfach, wenn man Rennen fährt. Ich bin nicht auf der Strecke, um alle anderen durchzuwinken, nur wenn sie in meinem Rückspiegel auftauchen. Solche Dinge passieren halt."

Melbourne: Kostspieliger Fehler

Dennoch sollte Melbourne der wohl kostspieligste Fehler bleiben, denn als Konsequenz für die Kollision und das anschließende Weiterfahren mit nur noch drei Rädern wurde Vettel mit einer Rückversetzung in der Startaufstellung und sein Team mit einer 50.000-Dollar-Strafe belegt. In Kuala Lumpur schied er dann an aussichtsloser Position liegend aus, weil der Regen nach einem Dreher das Anti-Stall-System außer Gefecht setzte. So stand es im WM-Duell mit Button schon nach zwei Grands Prix 0:15.

Rein von der Performance her witterte der Wahlschweizer mit dem besten Auto ohne Doppeldiffusor aber Morgenluft: "Wenn du realisierst, dass du konkurrenzfähiges Material hast, denkst du natürlich über den Titel nach. Das war schon sehr früh in der Saison der Fall", gesteht Vettel. "In Melbourne hatten wir ein schnelles Auto, aber Melbourne ist keine repräsentative Strecke. In Malaysia waren wir wieder schnell und in China feierten wir einen Doppelsieg. Spätestens nach dem dritten Rennen roch ich Lunte. Schade wegen des Zwischenfalls in Melbourne, der für Malaysia nicht hilfreich war, aber mit der schieren Performance hatte das ja nichts zu tun."

Während Button weiter Seriensiege feierte, verschenkte Vettel weitere wichtige Punkte: mit dem unnötigen Unfall in Monte Carlo etwa, mit dem Fahrfehler in Istanbul. Auch das Team trug seinen Teil dazu bei. Surer: "Diese Fehler haben ihn den Weltmeistertitel gekostet. In der Türkei hätte er mindestens Zweiter werden können und in Monaco hätte er zwar nicht gewinnen können, aber das waren auch wichtige Punkte. Und in Melbourne war es der dritte Platz. Wenn man dann zusammenrechnet, weiß man, dass es gehen hätte können."

Unnötig Motoren geschont?

"Das Team hat ihm auch einmal Punkte weggenommen: Auf einer Strecke, wo er gut aussehen hätte können, in Spa, hat man unnötigerweise Motoren gespart und ihn kaum trainieren lassen. Dann waren sie in der Qualifikation völlig von der Rolle. Da hat Red Bull strategisch einen Fehler gemacht", kritisiert der ehemalige Formel-1-Pilot. Und: "Renault hatte mit den Motorschäden auch einen Anteil."

Vettel gesteht, dass er "manchmal, aber nicht allzu oft" besser abschneiden hätte müssen, "aber insgesamt gesehen habe ich mich als Fahrer enorm verbessert. Damit meine ich auch meine Fitness und meine Erfahrung. Im Nachhinein betrachtet wäre das Tor leer gewesen, um es in der Fußballsprache auszudrücken, aber wir haben den Ball einfach nicht eingenetzt. Die Saison hatte 17 Rennen. Nur deren Summe zählt."

Falsche Strategien hätten sicher auch ihren Beitrag an der verlorenen Weltmeisterschaft gehabt, findet Vettel: "Zum Beispiel in Istanbul, wo wir auf drei Stopps gingen, um Jenson zu gefährden, aber nicht die Pace dafür hatten. In Monaco hätte ich Vierter oder Fünfter werden müssen. Manchmal haben wir für den ersten Stint auch zu wenig Benzin getankt, sodass wir im Rennen dann zurückgefallen sind. Und dann gab es noch Rennen wie in Barcelona, wo ich die ganze Zeit hinter Massa feststeckte - dabei hätten wir nur den Boxenstopp anders planen müssen. Das waren alles so kleine Fehlentscheidungen."

WM-Vorentscheidung in Monza

Nach dem Motorschaden in Valencia geriet Vettel dann plötzlich auch hinsichtlich des Kontingents von acht Motoren unter Druck, weshalb Red Bull seine Trainingsrunden zusammenstutzte - in einem WM-Kampf sicherlich nicht hilfreich. Und als dann in Monza Brawn einen Doppelsieg feierte, mit dem niemand mehr gerechnet hätte, während er selbst nur mit Glück Achter wurde, war das Titelrennen im Grunde genommen gelaufen. Daran änderte auch das letzte Aufbäumen mit dem souveränen Sieg in Suzuka nichts mehr.

Auch als WM-Zweiter mit elf Punkten Rückstand auf Button war Vettel aber bester der fünf Deutschen - und das laut Experte Surer nicht nur im Gesamtklassement: "Er hat Extremes vollbracht. Okay, er hat Fehler gemacht - das darf man als junger Fahrer -, aber seine Leistungen gegen einen starken Teamkollegen waren schon beeindruckend. Und wie er Rennen fehlerfrei nach Hause fahren kann, wenn er einmal vorne ist, ist auch sensationell. Wenn man von den Fehlern, die er gemacht hat, absieht, dann hat er eigentlich keine Schwächen mehr."

Eine eindrucksvolle Demonstration dessen lieferte Vettel nach der Enttäuschung der WM-Entscheidung in São Paulo beim Saisonfinale in Abu Dhabi ab: Sieg Nummer vier! "Das war ein kleiner Trost", so der Red-Bull-Pilot, der das Rennen nach dem Ausfall von Topfavorit Lewis Hamilton vor seinem Teamkollegen gewann. "Wie könnte man eine Saison besser beenden als mit einem Doppelsieg? Nach dieser Vorstellung in Abu Dhabi konnte ich jedenfalls mit einem viel besseren Gefühl in den Winter gehen."

Urlaub für den Sympathieträger

Nach seinem Auftritt bei "Wetten, dass..?", wo er die Herzen des deutschen TV-Publikums im Sturm eroberte, kann Vettel erst einmal Urlaub machen. Konkrete Pläne dafür hatte er in Abu Dhabi noch nicht, allerdings kündigte er an: "Es gibt ein paar Meetings in der Fabrik, in der wir die Saison analysieren werden, aber dann brauche ich auch Zeit für mich und meine Familie. Ich werde sicher ein bisschen relaxen. Ich werde sicher einmal Skifahren gehen, denn ich liebe die Berge! Und dann muss ich natürlich auch wieder an meiner Fitness arbeiten."

Zudem stehen vereinzelte organisatorische Aufgaben auf dem Programm, denn trotz seiner wachsenden Popularität verzichtet der bodenständige Heppenheimer nach wie vor auf einen eigenen Manager. Vater Norbert, ein gelernter Zimmermann, hilft ihm bei vielen Dingen, während er sich auch jederzeit an die von Red Bull zur Verfügung gestellte Pressesprecherin Britta Roeske wenden kann. Die hatte in São Paulo zum Beispiel auch die schwierige Aufgabe, ihren Schützling psychologisch wieder aufzurichten.

Eines ist nach der Saison 2009 klar: Sollte Michael Schumacher der (millionenschweren?) Versuchung widerstehen, bei Mercedes ein Sensationscomeback in der Formel 1 zu geben, dann gehört die Zukunft aus deutscher Sicht Vettel. Der ehemalige Seriensieger der Formel BMW (18 Siege in 20 Rennen - Mario Theissen: "Ein Rekord für die Ewigkeit") hat sich nicht nur sportlich, sondern auch in den Sympathiewerten zum legitimen Schumacher-Erben gesteigert, was nicht zuletzt Massenmedien wie 'RTL' oder die 'Bild'-Zeitung registriert haben...

Saisonstatistik:

Fahrerwertung: 2. (84 Punkte)
Gefahrene Rennen: 17/17
Siege: 4
Podestplätze: 8
Pole-Positions: 4
Schnellste Rennrunden: 3
Durchschnittlicher Startplatz: 4,4 (1.)
Bester Startplatz: 1.
Bestes Rennergebnis: 1.
Ausfallsrate: 17,6 Prozent (12.)

Qualifyingduell:

Vettel vs. Webber: 15:2

Fotoquelle: GEPA

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