Eine Geschichte wie im Märchen: Jenson Button, Formel-1-Weltmeister

Formel 1 2009

— 26.11.2009

Das war 2009: Jenson Button

Die unglaubliche Story eines Champions: Wie Jenson Button aus dem drohenden Ruhestand zurückkehrte und Formel-1-Weltmeister wurde

Zugegeben, die Formel-1-Saison 2009 bescherte der Fangemeinde kein so hochdramatisches Finale wie jenes von São Paulo 2008, doch in vielerlei Hinsicht war das Jahr dennoch eines der interessantesten der Grand-Prix-Geschichte. Denn selten zuvor waren die Kräfteverhältnisse vor den einzelnen Rennen so unvorhersehbar wie in der zurückliegenden Saison - und wahrscheinlich noch nie zuvor hat es einen Weltmeister gegeben, der so unerwartet kam.

Wie ausgeglichen das Feld war, beweist die Tatsache, dass alle Teams bis auf Toro Rosso (!) entweder einen Grand Prix angeführt oder den Sprung auf das Podium geschafft haben. Außerdem konnten sechs Fahrer aus vier Teams Rennen gewinnen und sogar acht Fahrer aus sechs Teams eine Pole-Position erobern. 'Motorsport-Total.com' rollt die zurückliegenden Ereignisse in Form einer Artikelserie noch einmal auf. Den Anfang machten die zehn Teams, dann folgten die fünf Deutschen heute zum Abschluss Weltmeister Jenson Button.

Im Februar trudelte bei uns in der Redaktion eine E-Mail von einem guten Bekannten Buttons ein. Darauf zu sehen: der Brite und seine Freundin Jessica Michibata, ein japanisch-argentinisches Dessousmodel, beim Urlauben in Thailand. Im Textkörper stand: "Seems quite relaxt." Die Wahrheit war eine andere: Der 29-Jährige fiel mit der Ausstiegserklärung von Honda in ein tiefes Loch und hatte sich schon damit abgefunden, dass seine Karriere in der Formel 1 zumindest vorübergehend zu Ende gehen könnte.

Wie Phoenix aus der Asche

Bis zu jenem Meeting in Brackley, bei dem Ross Brawn, Nick Fry, Nigel Kerr, Caroline McGrory und John Marsden beschlossen, die Kontrolle über das Team zu übernehmen und es selbstständig weiterzuführen. Brawn persönlich rief Button an, um ihn zu informieren - und als der dann beim ersten und einzigen Test mit Konkurrenz in Barcelona eine Rekordrunde nach der anderen fuhr, deutete sich das Märchen bereits an...

Rückblende ins Jahr 2000, Premierensaison des heutigen Weltmeisters in der Formel 1: Button, damals noch ein jugendlich-naiver Spitzbub, der gut mit Rennautos umgehen konnte und mangels echter Alternativen von Frank Williams als Teamkollege von Ralf Schumacher verpflichtet wurde, trifft im Fahrerlager den ehemaligen Grand-Prix- und Rallyepiloten Marc Surer. Vater John Button ist ein glühender Fan des Schweizers.

"Als er neu in die Formel 1 kam, habe ich mich bei Jenson vorgestellt. Da hat er gesagt: 'Ich weiß alles über dich! Mein Vater ist ein großer Fan von dir, weil du der einzige Formel-1-Fahrer bist, der auch schnell Rallye fahren kann.' Das war mein erstes Gespräch mit ihm", erinnert sich Surer heute an diese Begegnung. "Seither habe ich zu Jenson und zu seinem Vater John einen guten Draht. Man hat daher ein bisschen mitgelitten, als das mit Honda passiert ist. Das war eine traurige Geschichte, denn er ist so ähnlich wie ein Lewis Hamilton in die Formel 1 eingestiegen. Er kam zu Ralf Schumacher als Neuling ins Team und fuhr sofort auf dem gleichen Level."

Ein Playboy wie aus dem Bilderbuch

Doch der Erfolg stieg dem jungen Mann schnell zu Kopf: Button wechselte nach nur einer Saison zu Benetton, weil Williams bereits Juan Pablo Montoya unter Vertrag genommen hatte. Im neuen Team nahm "JB", wie er im Paddock inzwischen genannt wurde, "briatoreske" Züge an, genoss sein Leben in vollen Zügen, feierte wilde Partys, wurde in Frankreich mit 230 km/h auf der Autobahn erwischt und ließ einen Freund seinen sündteuren BMW verschrotten - für die ohnehin schon bunte Regenbogenpresse auf der Insel ein gefundenes Fressen.

Inzwischen ist Button zwar zu einem absoluten Vollprofi gereift, aber gleichzeitig Lebemensch geblieben: "Er ist genau wie vorher", findet Surer. "Er ist einer der wenigen Fahrer, die noch auf dich zukommen und dir die Hand schütteln, wenn du ins Motorhome kommst. Auf ihn musst du nicht zugehen. Da ist er ein Vorbild für viele." Das liege daran, dass es Button "nicht so einfach gehabt" habe wie etwa Lewis Hamilton: "Du weißt, was das bedeutet, und du weißt es zu schätzen, wo du jetzt bist. Es ist nicht der Normalfall für dich, sondern du bist dir der tollen Lage bewusst."

Und so kam der 29-Jährige dann aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus, als er in Melbourne fast wie vorprogrammiert auf die Pole-Position fuhr und auch den Eröffnungs-Grand-Prix überlegen gewann. In dieser Tonart sollte es weitergehen: Es folgten Siege in Kuala Lumpur, Manama, Barcelona, Monte Carlo und Istanbul. Nur im chaotischen Regenrennen von Schanghai musste er sich mit Platz drei zufrieden geben.

Meisterstück in Schanghai

Die erste Saisonniederlage gegen die beiden Red-Bull-Piloten wird im Nachhinein betrachtet von vielen als Meisterprüfung betrachtet, denn Button machte nicht den Fehler, bei schwierigen Bedingungen über sein Limit zu gehen, sondern er nahm lieber sichere sechs Punkte mit. Dieses Verwalten seines Vorsprungs sollte in der zweiten Saisonhälfte fast zu seinem Markenzeichen werden - und letztendlich im Duell gegen den viel öfter von Ausfällen geplagten Vettel wohl die Weltmeisterschaft entscheiden.

Die anfängliche Siegesserie riss nach dem wichtigen Triumph in Istanbul, wo Vettel durch einen Eigenfehler ein Tor öffnete, in das Button eiskalt einschoss, ausgerechnet bei seinem Heimrennen in Silverstone. Die traditionell begeisterungsfähigen britischen Fans packten nach dem Hamilton-Jahr 2008 wieder die Button-Union-Jacks aus, wurden aber enttäuscht: Erstmals hatte Brawn ernsthaft mit den Reifentemperaturen zu kämpfen - ein Phänomen, für das der aggressivere Fahrstil von Rubens Barrichello besser geeignet ist als Buttons "Reifenflüstern".

"Jenson hatte die Schwäche, dass er die Vorderreifen nicht auf Temperatur brachte, während der Teamkollege das hingekriegt hat. Das hängt mit dem Fahrstil zusammen", erklärt Surer. "Man könnte sagen, dass sich ein guter Fahrer darauf einstellen muss, aber andere hatten auch Probleme damit, also kann man ihm da keinen Vorwurf machen. Eines ist sicher: Bis jetzt ist mit so einem Druck, dass man die Weltmeisterschaft nur noch verlieren kann, noch keiner völlig cool durch eine Saison gegangen. Somit hat er alles richtig gemacht."

Kuriose Szenen auf dem Nürburgring

Erstmals flatterten die Nerven bei Button auf dem Nürburgring, wo seine Reifenprobleme so schlimm waren, dass er genau wie Barrichello zickzack fahren musste, um irgendwie Temperatur in die Pneus zu bekommen. Dann gab es Situationen wie am Start in Valencia, wo er nicht einfach draufhielt, sondern zurückzog, um nicht auszuscheiden. Zu wenig bissig, sagen die einen, "vernünftig passiv", findet Brawn-Berater Alexander Wurz - und fügt an: "Genau so wirst du Weltmeister."

Und genau so fährt man in 17 Rennen 16 Mal in die Punkteränge. Die einzige Nullnummer schrieb der Brite in Spa-Francorchamps, wo er in eine von Romain Grosjean ausgelöste Viererkollision verwickelt wurde. "Das war im Endeffekt der Schlüssel zum Erfolg", unterstreicht Surer, "aber natürlich hat er mit den Siegen am Anfang des Jahres die Basis gelegt. Dass das Auto nicht ausfällt, geht auf das Konto des Teams. Da haben beide Elemente zusammengespielt."

"Dummerweise haben wir dieses Punktesystem, dass man immer ankommen muss, um Weltmeister zu werden", kritisiert der 'Motorsport-Total.com'-Experte die Umstellung von 10-6-4-3-2-1 auf 10-8-6-5-4-3-2-1. Nicht zuletzt deshalb war es laut Surer auch möglich, dass Button Weltmeister wurde, ohne der seiner Meinung nach vom reinen Speed her schnellste Fahrer im Feld zu sein: "Der Schnellste war Vettel." Dass der Brawn-Mercedes BGP 001 zumindest bis Istanbul (und gelegentlich auch danach, man denke nur an den Doppelsieg in Monza) das überlegene Auto war, war diesbezüglich entscheidend.

Vorsprung als Bürde?

"Er ist in der zweiten Saisonhälfte mit angezogener Handbremse gefahren, aber man muss sich auch mal den Druck vorstellen", analysiert Surer. "Er ist eigentlich viel zu früh mit einem so großen Vorsprung vorne gelegen, denn dadurch wusste er schon: 'Wenn ich nichts mehr falsch mache, werde ich Weltmeister!' Aber das nichts mehr falsch machen hat ihn dann geprägt und auch behindert, sodass er nicht mehr risikofreudig war. Damit meine ich beispielsweise auch die Reifenentscheidungen."

Als die Weltmeisterschaft in ihre entscheidende Phase ging, gab es zwei Schlüsselrennen: Valencia und Monza. In Valencia schied Vettel mit einem Motorschaden aus, was nicht nur wertvolle Punkte kostete, sondern Red Bull fortan auch veranlasste, Motoren zu schonen, um das Kontingent von acht Triebwerken pro Saison nicht zu erschöpfen und dafür eine Strafe zu kassieren, während Button zumindest punktete.

In Monza feierte das Brawn-Team dann einen von Barrichello angeführten Doppelsieg, mit dem die WM-Entscheidung nüchtern betrachtet gefallen war: Vettel hatte nach dem klassischen Grand Prix von Italien 26 Punkte Rückstand - nur noch ein Wunder hätte die Wende bringen können. Tatsächlich feierte der Deutsche dann beim ersten Matchball in Suzuka einen souveränen Sieg, der noch einmal Hoffnung aufkeimen ließ, aber diese wurde zwei Wochen später in São Paulo im Keim erstickt.

Tolle Racerperformance in São Paulo

Button sicherte sich den WM-Titel zwar nicht mit einem Sieg, aber immerhin mit einem unglaublichen kämpferischen Rennen, in dem er mit zahlreichen Überholmanövern Sympathien bei den Fans sammelte und sich die Anerkennung des Medienzentrums verdiente. Im Rahmen der anschließenden Pressekonferenz nach seinem fünften Platz sagte er nur immer wieder: "Ich bin Weltmeister - Weltmeister!"

"Und zwar ein würdiger", wischt Surer die Kritik vom Tisch, wonach in erster Linie nicht Button, sondern Brawn Weltmeister geworden sei. "Wer sechs der ersten sieben Rennen gewinnt, der ist ein absoluter Topfahrer. Vor allem hat mich die Art und Weise beeindruckt, wie er diese Rennen dominiert hat: mit fehlerfreien Fahrten, wenn er in Führung lag, aber auch mit starken Überholmanövern wie gegen Hamilton in Bahrain."

Champion also. Aber viele vergessen bereits, dass Button nicht immer an der Spitze stand - man denke nur an die beiden "Buttongate"-Affären, als er sich 2004 und 2005 nicht zwischen BAR-Honda und Williams entscheiden konnte und letztendlich aus eigener Tasche einen Millionenbetrag an Frank Williams überwies, um beim heutigen Weltmeisterteam bleiben zu dürfen. Das hätte auch ganz anders ausgehen können.

"Buttongate": Erinnern Sie sich noch?

"Schlussendlich hat ihm diese Geschichte den Weltmeistertitel gebracht, denn wäre er damals zu wirklich zu Williams gegangen, dann wäre er jetzt da rumgefahren, wo Nico Rosberg in den vergangenen Jahren war. Irgendwo hat sich alles bezahlt gemacht, aber da gehört auch viel Glück dazu", so Surer. Glück, dass einen zweifellos begnadeten Rennfahrer in Zukunft möglicherweise noch stärker machen wird.

"Ich glaube, dass er jetzt viel befreiter fahren kann. Man hat das manchmal schon Anfang der Saison gespürt: Wie er auf einmal zulegen konnte, als er merkte, dass er ein Siegerauto hat, war stark. Er hat die Siege so locker nach Hause gefahren, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Ich denke, dass der Weltmeistertitel das weiter fördern wird. Und er kann überholen, das hat er ein paar Mal bewiesen. Er ist ein guter Racer", lobt der Schweizer.

Hoch angerechnet wird Button von Fachleuten auch, dass er nicht den möglicherweise einfachen Weg gegangen ist, bei Brawn/Mercedes zu bleiben und als Platzhirsch neben Rosberg zu versuchen, den WM-Titel zu verteidigen. Stattdessen wechselte er für weniger Geld, wie Button selbst und Brawn-Geschäftsführer Fry bestätigen, zu McLaren. Dort wartet auf ihn mit Hamilton ein Kaliber, das quasi in Woking aufgewachsen ist und dementsprechend viele Freunde im Team hat.

Saisonstatistik:

Fahrerwertung: 1. (95 Punkte)
Gefahrene Rennen: 17/17
Siege: 6
Podestplätze: 9
Pole-Positions: 4
Schnellste Rennrunden: 2
Durchschnittlicher Startplatz: 5,7 (3.)
Bester Startplatz: 1.
Bestes Rennergebnis: 1.
Ausfallsrate: 5,9 Prozent (4.)

Qualifyingduell:

Button vs. Barrichello: 7:10

Fotoquelle: Brawn

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