Timo Glock spürt bei Virgin so etwas wie Aufbruchstimmung hochkommen

Formel 1 2009

— 15.12.2009

Interview: Glock verspürt Aufbruchstimmung

Timo Glock und Virgin, das scheint zu passen: Im Interview spricht der Ex-Toyota-Pilot über sein neues Team und dessen alternatives Auftreten

Die beste Zeit seiner Motorsportkarriere erlebte Timo Glock im Jahr 2007, als er unter seinem Lieblingsteamchef Paul Jackson bei iSport GP2-Meister wurde. Sein Traum wäre immer gewesen, mit Jackson gemeinsam Formel 1 zu machen, doch iSport wurde der Aufstieg in die Königsklasse des Motorsports bekanntlich verweigert.

Manor (pardon, Virgin) war die Möglichkeit, die noch am ehesten an den iSport-Spirit herankam, weshalb Glock und sein Manager Hans-Bernd Kamps noch vor dem Saisonende 2009 prominenten Interessenten wie Renault und Sauber eine Absage erteilten, um eine neue Herausforderung annehmen zu können. Im Interview beim heutigen Virgin-Launch im Londoner Stadtteil Notting Hill präsentierte sich der Ex-Toyota-Pilot dann auch dementsprechend entspannt und gelöst. Man spürt: Glock hat wieder richtig Spaß am Rennsport.

Frage: "Timo, wie wird dieser Neuanfang in der Formel 1 für dich?"
Timo Glock: "Ich halte das für eine großartige Möglichkeit. Ich freue mich darauf und ich muss sagen, dass es anders ist - anders als alles andere, was ich bisher gemacht habe, aber auf die gute Art. Wie man sehen kann, ist diese Präsentation nicht wie bei anderen Formel-1-Teams, aber das gefällt mir."

Endlich unumstrittene Nummer eins

Frage: "Freust du dich schon darauf, ein Formel-1-Team anzuführen?"
Glock: "Es ist anders, in ein Team zu kommen und die Nummer eins zu sein oder das Team anzuführen. Bei Toyota war Jarno Trulli schon vier Jahre lang da, da kann es dann schwierig sein, ins Team hineinzuwachsen. Es funktionierte bis zu einem gewissen Grad, aber irgendwann läufst du gegen eine Wand. Hier ist das anders. Als ich das erste Mal zu Manor kam, sagten sie mir, dass sie mich wollen und nur mich. Sie setzten sich sehr für mich ein und das war ein schönes Gefühl. Ich freue mich auf die Erfahrung, Führungspilot bei Virgin zu sein."

Frage: "Dieses Jahr wird viel über Simulatortests gesprochen. Ziehst du deswegen nach Großbritannien um?"
Glock: "Nein, das wird nicht passieren. Ich werde im Januar viel hier sein, aber ich werde nicht nach England ziehen. Dafür regnet es mir hier zu viel!"

Frage: "Viele sagen, dass ein neues Team ein Rückschritt für dich ist, aber es scheint, dass es Virgin ernst meint, nicht wahr?"
Glock: "Ja. Als ich in Abu Dhabi war, haben alle über die neuen Teams geredet und behauptet, dass sie nicht kommen würden und so weiter. Ich war aber schon lange davor in Nick Wirths Firma und konnte mich umsehen und davon überzeugen, dass sie es todernst meinen. Heute realisiert jeder, dass Virgin ein seriöses Team ist. Sie wollen in der Formel 1 sein, sie wollen in Zukunft Erfolg haben und ich freue mich darüber, Teil davon zu sein."

Frage: "Was ist das Ziel des Teams für 2010?"
Glock: "2010 wird ein sehr schwieriges Jahr für uns. Im ersten Jahr müssen wir uns aneinander gewöhnen. Das Ziel ist, den Respekt der anderen zu gewinnen, wie John Booth schön gesagt hat. Die Hauptsache ist für mich, dass unsere Entwicklungskurve nach oben zeigt. Wenn sie mal abflacht, dann werde ich alles geben, um sie wieder nach oben zeigen zu lassen. Das ist in der Formel 1 das Wichtigste. Solange wir uns positiv entwickeln, bin ich glücklich. Das Fragezeichen ist, von welcher Basis wir starten müssen."

Frage: "Du hast gesagt, dass dieses Team anders ist. Kannst du darüber Geschichten erzählen, die das belegen?"
Glock: "Ich war bei Toyota an 600, 700 Leute gewöhnt. Dann kam ich nach Bicester und dort waren 120 Leute. Das ist ein gravierende Unterschied. Es erinnert ich an die GP2, als ich 2006 und 2007 für iSport gefahren und Meister geworden bin."

Viel kleineres Team als Toyota

"Damals wurde mir klar, dass man nicht 600 Leute braucht, wenn man die richtigen Mitarbeiter hat, wenn alle konzentriert sind, es keine Politik gibt. Das ist die Hauptsache, um Erfolg zu haben. Der Spaßfaktor wird mit Virgin und Richard Branson auch nicht zu kurz kommen - 2010 wird einfach mega! Die Hospitality wird sicher auch anders aussehen als bei den anderen Teams."

Frage: "Ist es ein ähnliches Gefühl wie bei deinem Besuch bei Super Aguri im Jahr 2006?"
Glock: "Ich war nicht bei Super Aguri, ich habe mir das Team nur einmal angesehen. Ein bisschen erinnert es mich an Jordan im Jahr 2004. Da gibt es eine Ähnlichkeiten, aber es ist auch schon wieder fünf Jahre her, also ist die Arbeitsweise ganz anders. Jeder weiß, dass wir hart arbeiten müssen, aber der Spaß darf dabei auch nicht zu kurz kommen."

Frage: "Geht das Team anders mit Problemen um als andere? Richard Branson hat heute gesagt, dass er Probleme nicht mit Geld, sondern mit Vernunft lösen will. Das war bei Toyota anders..."
Glock: "Toyota hatte eine andere Philosophie. John Booth hatte in der Formel 3 und in anderen Kategorien nie die Mittel, um einfach Geld auf die Probleme zu schleudern und sie so zu lösen. Er musste immer den bestmöglichen Job machen. Das gilt auch für Nick Worth. Dies kann ein positiver Antrieb sein, um wirklich 100 Prozent aus unseren Mitteln herauszuholen."

Frage: "Toyota hatte eines der größten Budgets der Formel 1, während du jetzt für ein Team mit einem der kleinsten Budgets fährst. Wenn man Richard Branson glauben darf, dann sollt ihr mit weniger als 40 Millionen Pfund Sterling auskommen. Kann man mit so wenig Geld konkurrenzfähig sein?"
Glock: "Toyota war nicht erfolglos, denn wir standen ein paar Mal auf dem Podium, aber unterm Strich war es eines der Teams mit dem größten Budget, ohne je ein Rennen gewonnen zu haben."

"Jetzt wechsle ich zu einem Team auf der anderen Seite des Spektrums, das aber genau weiß, dass es das Können hat, um viel zu erreichen. Wir können im ersten Jahr sicher kein Rennen gewinnen, aber generell werden die Budgets ja immer kleiner. Wenn du ein Team von 600 Leuten und 300 Millionen auf 250 Leute und 150 Millionen verkleinern musst, ist das ziemlich schwierig. Umgekehrt ist es für ein kleines Team einfach, von 150 auf 250 Leute aufzustocken und das Budget zu vergrößern."

Nicht des Geldes wegen in der Formel 1

Frage: "Bekommst du weniger Gehalt?"
Glock: "Ich würde sagen, dass ich bisher ganz zufrieden sein kann. Ich bin nicht des Geldes wegen zu Toyota gegangen, sondern weil ich Formel 1 fahren will. Das Geld hat für mich keine Priorität - das kommt erst an zweiter oder dritter Stelle. Mir geht es um den Rennsport und um den Erfolg."

Frage: "Bekommst du also weniger oder mehr als bei Toyota?"
Glock: "Ihr wisst nicht, was ich bei Toyota verdient habe, also möchte ich dazu keinen Kommentar abgeben."

Frage: "Du scheinst sehr entspannt zu sein. Herrscht hier weniger Druck als bei Toyota, ein Rennen zu gewinnen?"
Glock: "Der Druck ist hier anders. Der kommt, wenn wir nach Bahrain gehen. Der normale Druck ist in der Formel 1 immer präsent, in jedem Team, jedes Jahr. Der Grund, weshalb ich entspannt bin, ist, dass ich schon lange kein Formel-1-Auto mehr gefahren bin! Es ist lange her, dass ich im Auto sitzen konnte, und ich freue mich schon riesig auf die Tests im Februar."

"Der Druck ist hier also ein anderer - positiver und ähnlich wie in der GP2, als ich 2007 ebenfalls unter Druck stand, die Meisterschaft zu gewinnen, um in die Formel 1 aufzusteigen. Das war ein angenehmer Druck, den ich hier wieder verspüre. Alle sind konzentriert, verlieren aber den Spaß nicht aus den Augen. Umgekehrt darf man auch nicht zu viel Spaß haben, denn sonst ist man nicht mehr voll konzentriert. Die Mischung funktioniert hier bei Virgin ziemlich gut."

Frage: "Wie geht es deinen Verletzungen?"
Glock: "Gut, keine Probleme."

Entscheidung für Manor früh gefallen

Frage: "Du sagst, dass deine Zukunft bereits vor Japan entschieden war. Du hast für Manor also schon vor dem Unfall unterschrieben?"
Glock: "Ja, ich hatte Optionen. Ich selbst habe mich zwei Tage vor Japan entschieden, also am Mittwich. Ich hatte noch nichts unterschrieben, aber meine Entscheidung stand fest."

Frage: "Wusstest du da schon, dass du bei Toyota kein Renncockpit mehr bekommen würdest?"
Glock: "Das war noch offen, ich war eine der Möglichkeiten. Ich habe mich aber selbst entschieden, zu einem anderen Team zu wechseln."

Frage: "War damit klar, dass Kamui Kobayashi im Renncockpit bleiben durfte?"
Glock: "Nein, das hatte damit nichts zu tun. In Japan konnte ich nicht fahren, weil ich zunächst mal krank war und dann auch noch den Unfall hatte. In Brasilien war nicht die geringste Chance da, das Rennen zu fahren, und Abu Dhabi wäre eine kleine Möglichkeit gewesen, aber der Arzt hat gesagt, dass das Risiko, eine Rückenverletzung zu erleiden, bei 40 bis 50 Prozent gelegen wäre."

Frage: "Hast du Informationen über Michael Schumacher?"
Glock: "Ich habe keine Informationen. Meine Meinung ist, dass er nächstes Jahr in die Formel 1 zurückkehren wird, wenn er keine Nacken- oder Rückenprobleme hat. Wenn der Arzt sagt, es ist okay, dann bin ich mir hundertprozentig sicher, dass wir ihn wieder sehen werden."

Frage: "Was bedeutet das für einen deutschen Fahrer wie dich?"
Glock: "Es ist gut, denn die ganze Presse wird sich an Michael ranmachen und mich in Ruhe lassen!"

Fünf Weltmeister im Feld?

Frage: "Dann haben wir Jenson Button, Lewis Hamilton, Fernando Alonso sowie vielleicht Michael Schumacher und Jacques Villeneuve - das wären fünf Weltmeister. Was bedeutet das für dich?"
Glock: "Das ist großartig. Es wäre klasse, gegen Michael zu fahren. Ich hoffe, dass ich gegen ihn kämpfen darf, auch wenn ich nicht weiß, ob das realistisch ist. Es ist gut für die Formel 1 und gut für die Fans, wenn ein siebenfacher Weltmeister nach drei Jahren Pause zurückkehrt. Es ist eine Megasache für die Formel 1 und für alle, die in der Formel 1 arbeiten."

Frage: "Unter den neuen Teams läuft ein Wettbewerb, welches der vier Teams am besten in die Formel 1 einsteigen wird. Seht ihr das bei Virgin genauso?"
Glock: "Bestes der neuen Teams zu sein, ist unser Ziel für 2010. Wenn man aber in die Firma geht und den Leuten ins Gesicht schaut, dann haben die ganz andere Ziele. Sie wollen vorankommen. Sie wollen zu Saisonmitte im Mittelfeld sein und in die Top 10 fahren. Wir müssen realistisch sein, aber alle wollen in die Punkte fahren."

Frage: "Wie betrachtest du die Zusammenarbeit mit deinem Teamkollegen Lucas di Grassi?"
Glock: "Ich kenne ihn gut aus der GP2 und muss sagen, dass wir einen wirklich sehr fairen Fight hatten. Ich mag ihn als Fahrer und Person. Er ist ein entspannter Kerl und er ist sehr schnell. Er hat Macao gewonnen, was ein Maßstab ist, muss ich sagen. Damals hat er Kubica bezwungen. Ich freue mich darauf. Er hat viel Erfahrung von Renault, was positiv für uns ist. Ich freue mich auf ihn als Teamkollegen, genau wie auf Testfahrer Álvaro Parente, der in der GP2 sehr erfahren ist. Wir sind für nächstes Jahr gut aufgestellt."

Frage: "Es ist eine dieser seltenen Paarungen, die noch jung sind, aber schon viel Erfahrung haben, nicht wahr?"
Glock: "Ja, sie ist sehr gut. Ich bin der älteste Fahrer hier, was ein merkwürdiges Gefühl ist. Aber insgesamt ist es gut. Das ist eben Virgin: Wir haben viele erfahrene Jungs im Team, aber auch junge Leute. Diese Mischung macht Sinn."

Frage: "Du hast gesagt, Virgin wird Spaß in die Formel 1 bringen. Muss Red Bull da um seine Vormachtstellung fürchten?"
Glock: "Das könnte sein! Beim Launch haben wir schon den ersten Kampf zwischen Tony Fernandes und Richard Branson, also bin ich gespannt, was das Jahr erst bringen wird! Ich denke, wir werden Spaß haben, aber hoffentlich können wir Red Bull nicht nur im Fahrerlager, sondern auch auf der Strecke etwas entgegensetzen."

Fotoquelle: xpb.cc

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