FIA-Präsident Max Mosley will ab 2010 eine Budgetbeschränkung einführen

Formel 1 2009

— 17.03.2009

Interview: Mosley erklärt die Budgetbeschränkung

FIA-Präsident Max Mosley erklärt in einem ausführlichen Interview die Hintergründe zu der heute verkündeten Budgetbeschränkung

Am 17. März hat sich das World Motor Sport Council über einen radikalen Nachtrag zum aktuellen Technischen Reglement verständigt, das 2010 in Kraft treten wird. Das Ziel ist es, den Einstieg für neue Teams zu erleichtern, und gleichzeitig den bestehenden Teams die Teilnahme zu erheblich reduzierten Budgets zu ermöglichen, wenn diese das wünschen.

Die Teams haben nun die Wahl: Entweder nehmen sie unter dem aktuellen Technischen Reglement teil (das in Abstimmung mit der FOTA modifiziert wurde), oder sie genießen größere technische Freiheiten, unterstehen in diesem Fall jedoch einer streng gehandhabten Ausgabenbeschränkung.

Im Prinzip ist dies eine Wahl zwischen (a) der aktuellen Freiheit, Geld im Rahmen einer dauerhaften Aufrechterhaltung der existierenden technischen Rahmenbedingungen auszugeben, oder (b) einem neuen Grad der Freiheit für technische Innovationen, aber dann mit einem streng beschränkten Budget.

Die technischen Freiheiten der finanzschwächeren Teams werden von Zeit zu Zeit angepasst, um deren durchschnittliche Performance dem anzugleichen, wie sich die durchschnittliche Performance der nicht-limitierten Teams entwickelt hat. Die Regeln für die nicht-limitierten Teams sollen dauerhaft stabil und festgeschrieben sein.

33 Millionen Euro sind eine Menge Geld

Frage: "Wo genau steht die Budgetbegrenzung?"
Max Mosley: "Zunächst wird es sich um 30 Millionen britische Pfund (32,4 Millionen Euro, Anm. d. Red.) für ein Zweiwagen-Team pro Saison handeln."

Frage: "Wie kann es möglich sein, ein Formel-1-Team für dieses Geld zu unterhalten?"
Mosley: "Die Kalkulation geschah sehr vorsichtig. Die Autos werden im Detail sehr viel weniger verspielt sein, weil die Teams nicht mehr Unsummen für kurzlebige Vorteile ausgeben können, wie zum Beispiel eine Radmutter, die über 1.200 US-Dollar (927 Euro; Anm. d. Red.) kostet, aber nur einmal gebraucht wird. Auf der Tribüne oder im Fernsehen werden die Autos nach wie vor genau so wie ein Formel-1-Auto aussehen und klingen, wie die aktuellen, ultra-teuren Autos."

"Sie werden gleichzeitig durch spezielle Features, die ihnen ermöglichen, gegen Teams mit wesentlich höheren Budgets anzutreten, für die technisch Interessierten mehr Aufmerksamkeit erlangen. Und bitte vergesst nicht: 30 Millionen Pfund sind in der realen Welt immer noch eine Menge Geld."

Frage: "Aber sicherlich ist ein solches Budget nicht mehr Formel-1-gerecht. Wie steht es um die DNA der Formel 1?"
Mosley: "Keith Duckworth sagte einmal, ein Ingenieur sei jemand, der etwas für einen Dollar tun könne, wofür ein Idiot 100 Dollar brauchen würde. Diese Regeln fördern clevere Ingenieurstätigkeiten. Der Erfolg wird zu den Teams kommen, die die besten Ideen haben. Nicht zu denen mit dem meisten Geld."

Alles außer Motorhome und Strafen

Frage: "Was beinhaltet diese Budgetbeschränkung?"
Mosley: "Alles außer dem Motorhome, wenn ein Team ein solches besitzt, und die von der FIA auferlegten Strafen. Darin sind alle Ausgaben eingeschlossen, selbst die Gehälter für Fahrer und Teamchef. Wenn ein Team einen Profit machen sollte, dann kann es seinen Aktionären eine Dividende ausbezahlen, unter denen sich gerne ein Chefingenieur, ein Teamchef oder sogar ein Fahrer befinden kann. Aber dann werden wir sicherstellen, dass ein Team auch genügend Profit gemacht hat, um diese Dividende bezahlen zu können."

Frage: "Wie stellt ihr sicher, dass das alles eingehalten wird? Wird es da nicht alle möglichen Arten von Schwarzgeldzahlungen und sonstigen Umgehungsmechanismen geben?"
Mosley: "Damit haben wir uns schon seit längerem sehr intensiv beschäftigt. Wir haben dazu juristische Berater von Deloitte und Touche (ein großes Steuerprüfungsunternehmen; Anm. d. Red.) genauso befragt, wie Finanzexperten von bestehenden Teams. Die große Mehrzahl an Zahlungen sind nachvollziehbar und jegliche daraus entstehenden Vergütungen können in ihrem Wert erfasst werden. Es gab eine Vielzahl von Meetings, und es stellte sich heraus, dass wir so etwas machen können. Das Problem bestand darin, dass sich die Teams auf einen Betrag einigen konnten."

"Zudem wollte die Mehrzahl der Teams viele Ausnahmeregelungen, etwa im Bereich von Land und Gebäuden, oder die Gehälter von Teamchefs und Fahrern. Zusätzlich brauchten wir das Recht, intensive Untersuchungen vorzunehmen, und gegebenenfalls harte Strafen für eine Budgetüberschreitung auszusprechen. Das hat sich insofern erledigt, als dass jedes Team nun die Wahlmöglichkeit besitzt, an dieser Budgetbeschränkung teilzunehmen oder eben nicht."

Keine detaillierten Regeln mehr

Frage: "Wie steht es um den Motor?"
Mosley: "Der Motor wird die aktuellen Regeln erfüllen, außer dass es keine Drehzahlbeschränkung und kein Einfrieren der Entwicklung mehr gibt. Allerdings müssen alle Entwicklungen innerhalb dieser Budgetbeschränkung finanziert werden. Wenn der Motor von einer Drittfirma oder einem anderen Team bezogen wird, dann müssen wir sicherstellen, dass es keine versteckten Zuschüsse gibt. Wenn ein Team seinen Motor selbst baut, dann werden wir die Kosten komplett überwachen, genauso wie wir es beim Rest des Autos unternehmen. Die bestehende Regel, dass ein Hersteller nur ein einziges anderes Team mit einem Motor beliefern kann, bleibt."

Frage: "Aber dies geht doch genau in die entgegen gesetzte Richtung zu den Kostenbeschränkungen?"
Mosley: "Nein. Wenn die Gesamtausgaben eines Teams beschränkt sind, dann ist das Budget sicher, und man braucht keine detaillierten Regeln mehr, um Gelder in bestimmten Bereichen zu sparen. Klar kann ein Team 20 Millionen Pfund pro Jahr für seinen Motor ausgeben, hat dann aber nur noch 10 Millionen für alles andere. Sie wären wahrscheinlich nicht stark genug."

"Das Gleiche gilt für alle anderen Restriktionen, die für die Teams innerhalb der Budgetbeschränkung nicht mehr gelten. Zum Beispiel die Nutzung von Windkanälen, das Testen, exotische Materialien oder gigantische Computer, alles natürlich innerhalb der bestehenden Sicherheitsbestimmungen. Sie können sich sogar Privatjets und Luxushotels leisten. Aber was auch immer sie ausgeben, sie müssen mit 30 Millionen Pfund auskommen."

Frage: "Welche anderen Freiheiten genießen die budgetbeschränkten Teams in Sachen Technik und mehr sonst noch, was den anderen Teams nicht zugänglich ist?"
Mosley: "Ein unterschiedlicher, aber standardisierter Unterboden, verstellbare Flügel, keine Drehzahlbeschränkungen beim Motor, keine Beschränkungen in der Zahl der Updates, keine Notwendigkeit bei der Homologation, keine Beschränkungen in Sachen Material, Tests, Simulatoren, Windkanäle und so weiter. Die meisten der in den vergangenen Jahren eingeführten Kosteneinsparungen gelten für diese Teams nicht. Kostenbeschränkungen am Rennwochenende, wie etwa das Verbot des Nachtankens oder der Parc Fermé am Samstag gelten für beide Kategorien."

Umgang mit KERS noch zu diskutieren

"Wir denken auch darüber nach, den Teams mit Budgetbeschränkung beim KERS eine größere Kapazität zuzugestehen. Aber all dies muss mit den 30 Millionen Pfund abgedeckt sein - ohne Ausnahme und ohne die Inanspruchnahme freier oder versteckter Hilfeleistungen. Alles, was andere Teams oder Dritte zuliefern, wird mit den vollen kommerziellen Kosten bewertet werden. Ausgenommen das, was von einem einzigen Lieferanten für alle Teams zu subventionierten Kosten, und nach den von der FIA verhandelten Bedingungen geliefert wird, wie zum Beispiel die Reifen. Damit können alle Teams gleichermaßen von der Kostenreduktion profitieren."

Frage: "Aber ist das nicht unfair? Haben die Autos mit einem speziell geformten Unterboden und verstellbaren Flügeln nicht einen Vorteil?"
Mosley: "Nein. Wir werden sicherstellen, dass diese Vorteile nicht mehr bewirken, als die Nachteile ausgleichen, die die budgetbeschränkten Teams durch ihre sehr engen Budgets haben werden. Wie bereits gesagt: Wir werden die durchschnittliche Performance der unter der Budgetbeschränkung laufenden Autos ausbalancieren, sollte dies notwendig werden."

"Alle anderen Autos werden stabile Regeln haben. Im Gegenzug erwarten wir, dass die FOTA eine Teilnahmebedingung der wichtigsten Hersteller bis 2012 garantieren kann. Die FIA hat eine Menge Erfahrung in Sachen Nachbesserung der Performance und Ausgeglichenheit."

Frage: "Kann ein Team das von der FOTA vorgeschlagenen Standard-KERS verwenden?"
Mosley: "Es kann, aber noch einmal: Das müsste aus den 30 Millionen Pfund bezahlt werden. Wir stehen der Idee eines Standard-KERS auch nicht besonders aufgeschlossen gegenüber, denn das ist ein Bereich, in dem die Formel 1 im Bezug auf die Straßentauglichkeit sehr innovativ tätig werden kann."

"Aber es gibt keine Regeln, die verhindern, dass sich Teams in Bezug auf KERS-Parameter zusammenschließen, wenn sie das wollen. KERS ist nicht verpflichtend. Vielleicht werden die budgetbeschränkten Teams in diesem Bereich trotz ihrer engen Budgets aktiv."

Generelle Stoppklausel

Frage: "Kann ein budgetbeschränktes Auto ein Rennen, oder sogar eine Meisterschaft gewinnen?"
Mosley: "Es gibt keinen Grund, warum Teams mit einer Budgetbeschränkung keine Rennen gewinnen sollen. Die großen und streng organisierten Teams mit uneingeschränkten Ausgaben machen vielleicht einen besseren Job, wenn sie einfach nur Rennen fahren. Sie werden die teuersten Ingenieure und Strategen haben, ganz zu schweigen von den Topverdienern unter den Fahrern. Aber im Rennsport kann man - und so soll es ja auch sein - kaum etwas vorhersagen."

Frage: "Wie steht es um die Dinge, an die sie noch nicht gedacht haben?"
Mosley: "Wir werden eine generelle Stoppklausel für die budgetbeschränkten Teams haben, die uns erlaubt, all das aufzuhalten, was gegen den Geist dieser Budgetbeschränkung läuft. Das wird uns eine Handlungsfähigkeit gegenüber jedem unvorhergesehenen Problem geben. Die Teams ohne Budgetbeschränkung profitieren von stabilen Regeln, und das ist auch ein Teil des zuvor erwähnten Vertrages, den die FOTA mit den großen Herstellern arrangiert."

Frage: "Wenn sich die Teams für 2010 dazu entschlossen haben, die Ausgaben um 50 Prozent zu senken, und für 2011 weitere Einschnitte in petto haben, ist das alles dann nicht unnötig?"
Mosley: "Im vergangenen Dezember, als wir uns mit den Teams in Monaco getroffen haben, hätten wir dem zugestimmt. Leider hat sich die weltweite Wirtschaftskrise seither signifikant verschlimmert. Niemand kann sagen, dass sich diese Situation in den kommenden Monaten nicht noch weiter verschlechtert."

Die Krise hat sich verschlimmert

"Wenn so etwas passiert, dann verlieren wir vielleicht andere Hersteller oder unabhängige Teams, trotz deren bester Absichten. Wenn wir warten, und die Dinge schlechter werden, dann kann es zu spät sein. Wenn sich die Dinge andererseits wieder verbessern, dann werden wir zumindest neues Blut in der Formel 1 haben. Aber es ist die Aufgabe der FIA, für den Worst Case zu planen, und nicht nur einfach das Beste zu hoffen."

Frage: "Wann werden Details zu den Regeln veröffentlicht?"
Mosley: "Zeitnah nach dem Meeting des World Motor Sport Council am 17. März."

Frage: "Wann können die Teams beitreten?"
Mosley: "Sobald die Regeln da sind."

Frage: "Aber die FOTA hat ihre detaillierten Vorschläge noch nicht abgeschlossen?"
Mosley: "Wir können nicht warten, denn neue Teams, die 2010 kommen wollen, müssen sofort mit dem Arbeiten beginnen. Die FOTA hat uns ihre grundlegenden Ideen gegeben, unserer Auffassung nach sind die noch ausstehenden Dinge von weniger schwerer Natur."

"Und: Unter der Annahme, dass dieses den entsprechenden Gesetzen und Regeln entspricht, und dem Geist eines sportlichen Wettbewerbs Genüge tut, kann niemand die FOTA-Mitglieder daran hindern, sich untereinander über bestimmte Regeln oder Konventionen zu vereinbaren, vorausgesetzt, dass diese nicht alle anderen betreffen."

Mehr als zwölf Teams?

Frage: "Was werden sie machen, wenn sie mehr ernsthafte Bewerbungen erhalten, als Raum verfügbar ist?"
Mosley: "Dann werden wir das World Motor Sport Council darum bitten, die Zahl der erlaubten Teams von derzeit Zwölf anzuheben. Vorausgesetzt, dass die Safety Commission bei der Streckensicherheit kein Sicherheitsproblem erkennt. Zudem muss uns jeder Bewerber beweisen, dass er eine Quelle für Motor und Getriebe besitzt."

Frage: "Fürchten sie nicht, dass Sponsoren nun ihre Zahlungen nach unten korrigieren werden, da sie jetzt wissen, dass die Teams weniger Geld brauchen?"
Mosley: "Nein. Die Sponsoren werden das bezahlen, was ihnen ihre Marke wert ist. Beim Tennis oder beim Golf verdienen einige Athleten große Summen, obwohl ihre Kosten im Vergleich zur Formel 1 minimal sind. Im aktuellen Klima fühlen sich Sponsoren eher durch eine Verschwendungssucht abgestoßen, als durch eine Budgetbeschränkung."

Frage: "Werden die budgetbeschränkten Teams Zahlungen von der FOM auf der gleichen Basis erhalten wie die anderen Teams?"
Mosley: "Ja. Die budgetbeschränkten Teams und ihre Fahrer nehmen in vollem Umfang an der FIA-Formel-1-Weltmeisterschaft teil. Die FOM wird die budgetbeschränkten Teams genauso bezahlen wie alle anderen Teams, und wird auch die zehn Millionen US-Dollar plus das Standard-Transportpaket für Team Nummer elf und zwölf zur Verfügung stellen, das 2010 antritt.

Fotoquelle: xpb.cc

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