Bei den Testfahrten konnte der neue Toyota TF109 meistens überzeugen

Formel 1 2009

— 22.03.2009

Formel-1-Countdown 2009: Toyota

Das Team von Timo Glock geht 2009 mit deutlich weniger Budget, dafür aber umso ehrgeizigeren Zielen in seine achte Formel-1-Saison

Neue Aerodynamik, Comeback der Slicks, Einführung der Hybridtechnologie KERS, neue Fahrer, ein neues Team: Nie zuvor hat sich in der jüngeren Vergangenheit von einer Formel-1-Saison auf die nächste so viel geändert wie im Winter 2008/09. 'Motorsport-Total.com' nimmt daher bis zum Eintreffen der Grand-Prix-Community im Albert Park am kommenden Donnerstag der Reihe nach alle zehn Teams genau unter die Lupe. Heute: Toyota.

2008 war für den japanischen Automobilhersteller im siebenten Versuch das zweiterfolgreichste Formel-1-Jahr nach 2005: Damals wurden Jarno Trulli und Ralf Schumacher mit fünf Podestplätzen und 88 Punkten Vierter in der Konstrukteurs-WM, während Trulli und Ex-GP2-Champion Timo Glock im Vorjahr zwei Podestplätze, 56 Punkte und den fünften Gesamtrang erreichten. Im Vergleich zu 2007, als man mit 13 Punkten siebentbestes Team war, stellte das eine signifikante Steigerung dar.

In acht Jahren kein einziger Sieg

Der fünfte Platz bei den Konstrukteuren bedeutet, dass Toyota immerhin Red Bull, Williams und Honda geschlagen hat - und zwar deutlich. Der Abstand nach vorne freilich beträgt 24 Punkte zu Renault und 79 zu BMW - zu viel für ein Team, dem lange nachgesagt wurde, am meisten Geld in der Formel 1 zu verbrennen. Dabei herausgekommen ist bislang wenig: kein Sieg, zwei Pole-Positions (USA und Japan 2005), eine schnellste Rennrunde (Belgien 2005).

Das soll sich 2009 ändern: "Es ist Zeit zu gewinnen" hieß es in einem Filmspot, der im Rahmen der Internetpräsentation des neuen TF109 veröffentlicht wurde - auf einen traditionellen Launch im Kölner Werk verzichtete Toyota aus Kostengründen. Das Auto wird auf dem Plakat als "Contender", als Anwärter, betitelt - und auch Teamchef Tadashi Yamashina ließ keinen Zweifel offen: "Unser klares Ziel ist es, in diesem Jahr den ersten Sieg in der Formel 1 zu holen."

Selbstbewusst aufgetreten ist Toyota schon oft, so deutliche Ansagen hat man früher aber trotzdem nie gehört. Die Zuversicht scheint berechtigt zu sein: "Ich habe den Eindruck, dass Toyota mit BMW gleichgezogen ist", vermutet 'Motorsport-Total.com'-Experte Marc Surer. "Wenn man die beiden Teams miteinander vergleicht, dann waren es immer ähnliche Rundenzeiten." Am 2. und 3. März fuhr Timo Glock in Jerez sogar Tagesbestzeiten.

Chronisches Untersteuern ausgemerzt

"Man muss abwarten", warnt Surer vor verfrühter Euphorie, bestätigt aber die vorsichtig optimistische Erwartungshaltung: "Es ist zum ersten Mal ein Toyota, der nicht untersteuert. In der Vergangenheit haben die Fahrer deswegen immer gejammert. Daran ist zum Beispiel Ralf Schumacher letztendlich gescheitert." Dem jüngeren Bruder des Rekordweltmeisters wäre ein übersteuerndes Heck lieber gewesen. Ende 2007 wurde er durch Glock ersetzt.

Das Untersteuern war diesen Winter kein Thema - der breiter gewordene Front- und der schmäler gewordene Heckflügel haben das Problem quasi automatisch aus der Welt geschafft: "Ich glaube, die Regeländerungen haben Toyota geholfen, das Problem mit dem Untersteuern auszumerzen - nicht zuletzt durch den großen Frontflügel", analysiert Surer mit einem Schmunzeln im Gesicht. "Plötzlich scheint die Balance zu stimmen."

Für viele kommt der Aufstieg des japanischen Teams überraschend, schließlich hat es personell in den vergangenen Jahren keine nennenswerten Neuzugänge gegeben. Offenbar hat es aber die etwa 650 Mann starke Crew um Technikchef Pascal Vasselon und Chefingenieur Dieter Gass endlich auf die Reihe bekommen, ein Fahrwerkskonzept auf die Beine zu stellen, in das keine signifikanten Fehler eingebaut sind.

Regeländerungen als Chance

Machen die gleichen Leute also plötzlich alles richtig, was sie in der Vergangenheit falsch gemacht haben? "Sie haben auch früher nicht so viel falsch gemacht, sondern sie haben aus dem alten Reglement einfach nicht das Optimum herausgeholt. Jetzt gibt es einen Neustart, alle fangen bei null an - und da scheint Toyota mit dem neuen Auto die richtigen Werte zu haben", entgegnet Surer, der die Japaner derzeit in der ersten Verfolgergruppe hinter der Spitze sieht.

"Es ist die gleiche Mannschaft wie früher, aber so schlecht hat die in der Vergangenheit nicht gearbeitet. Sie sind in der Regel eher näher gekommen als zurückgefallen. Ich traue Toyota daher schon zu, dass sie in der Position bleiben, in der sie jetzt anfangen", so der ehemalige Formel-1-Pilot weiter. Drei Persönlichkeiten, die 2008 noch an Bord waren, fehlen allerdings: Berater Ove Andersson ist verstorben, Teammanager Richard Cregan und Koordinator Andy Beavan sind dem Ruf des Geldes nach Abu Dhabi gefolgt.

"Das Auto scheint von Anfang an zu funktionieren, man kann also beruhigt weiterarbeiten", urteilt Surer vor dem Saisonbeginn. "Die Frage ist, wie viel Potenzial im TF109 steckt. Dass er auf Anhieb gut geht, das hat er schon bewiesen - sie werden auf jeden Fall einen guten Auftakt erleben. Die zweite Frage, die man auch stellen muss, ist aber die, wie stark man das Auto noch weiterentwickeln kann. Wer kann jetzt noch mehr aus seinem Auto herausholen?"

Budget für 2009 gekürzt

An den finanziellen Ressourcen kann die bisherige Erfolglosigkeit von Toyota ebenso wenig liegen wie an der Ausstattung der Fabrik in Köln-Marsdorf, die als eine der modernsten der Formel 1 gilt. Und doch haben sich an Toyota schon etablierte Namen wie Gustav Brunner oder auch Mike Gascoyne die Zähne ausgebissen. Die Liste derer, die 2001 dabei waren, als der übergewichtige Formel-1-Prototyp von Andrea de Cortanze getestet wurde, dann aber gefeuert wurden, ist lang.

Dass Toyota überhaupt noch Grand-Prix-Sport betreibt, ist übrigens keine Selbstverständlichkeit: Nach dem Rückzug von Konkurrent Honda gab es wegen der Weltwirtschaftskrise ernsthafte Überlegungen, das Formel-1-Programm einzustellen. Teamchef Tadashi Yamashina versprach dem Vorstand allerdings den ersten Sieg und konnte die Herren in Tokio damit überzeugen, es doch weiterhin zu versuchen. Anhalten darf die Erfolglosigkeit jedoch nicht.

So oder so wurde in Köln der Sparstift angesetzt: Statt wie 2008 230 Millionen Euro schießt der Konzern 2009 nur noch weniger als 150 Millionen Euro zum Budget zu. Das heißt, dass Teampräsident John Howett insgesamt mit geschätzten 250 Millionen Euro auskommen muss. Das ist zwar deutlich weniger als in der Vergangenheit, aber immer noch auf Augenhöhe mit den Topteams und viermal so viel wie die Nachzügler.

Bewährtes Fahrerduo

Bei den Fahrern hat sich Toyota auf keine Experimente eingelassen - Trulli und Glock hatten ohnehin noch bestehende Verträge für dieses Jahr. "Trulli kann man einschätzen. Er ist ein guter Fahrer, der auch mit einem schlechten Auto gut fahren kann", analysiert Experte Surer. "Timo ist für mich einer, der mit einem guten Auto noch über sich hinauswachsen kann, wie er das letztes Jahr zum Beispiel in Ungarn bewiesen hat. Darauf hoffe ich in diesem Jahr."

Der 27-Jährige Odenwälder, der sich in Köln eine Wohnung genommen hat, um näher beim Team zu sein, ist äußerst beliebt und glänzt durch seine vorbildliche Arbeitseinstellung. Anfang 2008 kam er mit dem für seine Maßstäbe eigenwilligen Fahrverhalten des TF108 nicht zurecht, in der zweiten Saisonhälfte konnte er Trulli jedoch regelmäßig ärgern und das eine oder andere Mal sogar deutlich in den Schatten stellen - etwa mit seinem sensationellen zweiten Platz in Ungarn.

Was viele schon wieder vergessen haben: Glock fuhr bereits 2004 seine ersten Grands Prix für das Jordan-Team, weil Stammfahrer Giorgio Pantano mit seinen Überweisungen im Rückstand war. In Kanada holte Glock als Siebenter dank einiger Disqualifikationen sogar seine ersten zwei WM-Punkte. Trotzdem fand er in der Formel 1 kein Cockpit, sodass er erst über die Umwege ChampCar-Serie und GP2 wieder zurück in die Königsklasse kam.

Saisonstatistik 2008:

Team:

Konstrukteurswertung: 5. (56 Punkte)
Siege: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 0
Podestplätze: 2
Ausfallsrate: 19,4 Prozent (5.)
Durchschnittlicher Startplatz: 9,4 (4.)
Testkilometer mit dem neuen Auto: 8.994 (2.)

Jarno Trulli (Startnummer 9):

Fahrerwertung: 9. (31 Punkte)
Siege: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 0
Durchschnittlicher Startplatz: 7,6
Bestes Ergebnis Qualifying: 2.
Bestes Ergebnis Rennen: 3.
Ausfallsrate: 16,7 Prozent (8.)
Testkilometer 2009: 4.275 (5.)

Timo Glock (Startnummer 10):

Fahrerwertung: 10. (25 Punkte)
Siege: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 0
Durchschnittlicher Startplatz: 11,1
Bestes Ergebnis Qualifying: 5.
Bestes Ergebnis Rennen: 2.
Ausfallsrate: 22,2 Prozent (12.)
Testkilometer 2009: 4.121 (6.)

Fotoquelle: Toyota

Weitere Formel 1 Themen

News

Rosberg-Rücktritt & Co.: Der Freitag in der Chronologie

News

Formel-1-Titel, die nicht verteidigt wurden

News

Formel-1-Live-Ticker: Droht Hamilton eine Suspendierung?

News

Wonneproppen bis Weltmeister: Nico Rosberg

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.