Die Testfahrten in Bahrain wurden durch teils heftige Sandstürme beeinträchtigt

Formel 1 2009

— 25.03.2009

Formel-1-Countdown 2009: Ferrari

Das traditions- und erfolgreichste Team der Formel 1 zählt auch 2009 zu den WM-Favoriten - Spannendes Stallduell zwischen Felipe Massa und Kimi Räikkönen

Neue Aerodynamik, Comeback der Slicks, Einführung der Hybridtechnologie KERS, neue Fahrer, ein neues Team: Nie zuvor hat sich in der jüngeren Vergangenheit von einer Formel-1-Saison auf die nächste so viel geändert wie im Winter 2008/09. 'Motorsport-Total.com' nimmt daher bis zum Eintreffen der Grand-Prix-Community im Albert Park am Donnerstag der Reihe nach alle zehn Teams genau unter die Lupe. Heute: Ferrari.

Das traditionsreichste Team im Grand-Prix-Sport - Ferrari ist als einziger Rennstall seit Beginn der Formel-1-Weltmeisterschaft im Jahr 1950 dabei - geht als einer der Topfavoriten in die neue Saison. Vor der Ära Michael Schumacher mussten die Italiener 21 Jahre auf einen WM-Triumph warten (seit Jody Scheckter 1979), aber nach dem Rücktritt des siebenfachen Champions holte Kimi Räikkönen die Krone gleich im ersten Jahr nach Maranello zurück.

Weltmeister für 20 Sekunden

Auch 2008 lief zunächst alles nach Plan: Räikkönen führte die Weltmeisterschaft zu Beginn an, am Ende mischte Felipe Massa als vermeintliche Nummer zwei bis zum dramatischen Finale von São Paulo um den Titel mit. Bei seinem Heimrennen durfte sich Massa nach seiner Zieldurchfahrt schon 20 Sekunden lang als Weltmeister fühlen, ehe Lewis Hamilton vor der letzten Kurve doch noch an Timo Glock vorbeiging und damit den entscheidenden Zähler gewann.

Massa weinte unter dem Helm bittere Tränen, präsentierte sich auf dem Podium aber nicht als WM-Verlierer, sondern als Grand-Prix-Sieger - und hat den Rückschlag wenige Tage vor Beginn der Saison 2009 verkraftet: "Manchmal erlebt man etwas, womit man nicht gerechnet hätte, aber diese Dinge haben immer einen Grund. Ich bin kein Typ, der so etwas lange nachtrauert, denn wenn man das tut, endet man als frustriertes Mauerblümchen. Stattdessen sehe ich es als Lebenserfahrung."

Der 27-Jährige ließ sich den ersten Frust von seiner Ehefrau Rafaela von der Seele massieren und kehrte nach den Weihnachtsferien so ausgeglichen und selbstbewusst wie noch nie zum Team zurück. Es gibt einige bei Ferrari, die den Eindruck haben: Hier will einer seinen Status als Nummer eins festigen! Denn 2007 hatte bekanntlich noch Räikkönen den WM-Titel geholt und Massa zunächst in die Schranken gewiesen. Vorübergehend.

F60 passt besser zu Räikkönens Fahrstil

Die große Frage ist, ob der finnische "Iceman" in seinem dritten Jahr in Maranello wieder das Kommando übernehmen kann. Er selbst wirkt optimistisch: "Ich habe diese Winterpause mehr als sonst genossen", sagt er über Rallye- und Schneemobilfahren mit Freunden. Und er fügt an: "Der F60 liegt mir besser als das vorjährige Auto. Er macht beim Fahren einfach mehr Spaß und er erinnert mich mehr an die Autos aus meinen ersten Formel-1-Jahren, die ich sehr gemocht habe."

Räikkönen hatte 2008 ähnliche Probleme wie Nick Heidfeld mit den Reifen, bekam diese auf eine schnelle Runde viel zu selten auf Temperatur. Andererseits stellte er mit zehn schnellsten Rennrunden in 18 Grands Prix einen neuen Rekord auf - der Grundspeed ist ihm also allen Unkenrufen zum Trotz keineswegs abhanden gekommen. Genau den braucht er nun dringender denn je, findet 'Motorsport-Total.com'-Experte Marc Surer.

"Wenn Kimi die Leaderrolle wieder haben will, muss er gleich überzeugen", glaubt der Ex-Formel-1-Pilot. "Dass er beim Testen nie besonders auffällt, das kennen wir schon - Kimi ist ein Racer und fährt deswegen auch oft die schnellsten Runden im Rennen. Aber er muss bald kommen, denn ansonsten wird sich Ferrari wieder auf Massa konzentrieren. Am besten wäre, wenn er nach dem Tief des Vorjahres gleich in Melbourne mit einem positiven Resultat auf sich aufmerksam machen könnte."

Wichtiges Jahr für den "Iceman"

Surer findet, dass Räikkönen "schnell fährt - man hat nicht den Eindruck, dass er ein Problem wie im Vorjahr hat, als er die Reifen nicht auf Temperatur bekam. Aber wirklich überzeugt hat er mich eigentlich auch nicht." Das wäre für alle Kenner des coolen Ex-Champions auch eine Überraschung gewesen, denn: "Er ist ein Typ, der erst über sich hinauswächst, wenn es drauf ankommt - und das hoffe ich für ihn, sonst wird er weiter im Schatten von Massa stehen", analysiert Surer.

Dabei war Räikkönen im Winter zwar nicht schlagzeilenpräsent, aber umso effektiver: Mit fünf Tagesbestzeiten darf er sich Testweltmeister nennen, dicht gefolgt von Teamkollege Massa, der sich viermal an die Spitze des Klassements setzen konnte. Auf dem Papier war Ferrari also trotz Brawn-Hype das Maß aller Dinge. Das sieht Surer genauso: "Sie waren konstant schnell. Mir scheint, sie haben alles im Griff und sind der Maßstab für alle."

Doch wer 2009 nicht seinen ersten Saisonauftakt in Australien erlebt, der weiß auch: Der Albert Park hat eigene Gesetze! Wie im Vorjahr, als Ferrari mit dem wahrscheinlich besten Auto ankam, aber nach einem verkorksten Wochenende durch Zeitstrafen für die Konkurrenz gerade mal noch einen mickrigen Punkt abstaubte. Dass es auch anders geht, weiß zumindest Räikkönen genau: 2007 gewann er sein erstes Rennen für Ferrari mit einer souveränen Spazierfahrt.

Massa der fleißigste Wintertestfahrer

So einen Saisonstart möchte dieses Jahr Massa erwischen, der sich "hundertprozentig bereit" und "perfekt in Form" fühlt. Der Brasilianer legte seit 1. Januar fast 5.000 Testkilometer zurück - um 1.000 mehr als Räikkönen - und war damit der fleißigste Pilot des gesamten Winters. Wie wichtig zählbare Ergebnisse in den ersten Rennen sind, weiß er seit dem Vorjahr, als er in Melbourne und Sepang leer ausging. Nur ein Punkt aus diesen beiden Grands Prix und er dürfte sich heute Weltmeister nennen...

Vor der Konkurrenz hat Massa großen Respekt: "Es gibt einige starke Teams, die uns gefährlich werden könnten", sagt er und hebt besonders Brawn ("Die haben das schnellste Auto und sind nicht untergewichtig gefahren"), Toyota und BMW hervor. Am meisten Gegenwind erwartet er jedoch aus den eigenen Reihen: "Mein Teamkollege ist mein härtester Gegner. Mein eigenes Ziel ist, eine Saison wie 2008 hinzulegen."

Positiv für Ferrari: Die Weltwirtschaftskrise ist bislang praktisch spurlos an der Gestione Sportiva in Maranello vorbeigezogen. Das Traditionsunternehmen konnte 2008 sogar neue Rekordzahlen schreiben und der von Teamchef Stefano Domenicali geführte Rennstall profitiert von Sonderbegünstigungen aus dem Einnahmentopf des Formula One Managements (FOM) von Bernie Ecclestone. Das Budget wird auf 255 Millionen Euro geschätzt.

Keine finanziellen Sorgen

Die FOM-Begünstigungen bewertet Experte Surer als "tolle Geschichte" für Ferrari. Und: "Man darf auch nicht vergessen, dass Ferrari 2008 sogar mehr Umsatz gemacht hat als im Jahr davor. Das wirkt sich alles positiv aus, auch wenn der Einbruch der Verkaufszahlen in der Zukunft schon noch kommen wird - in Amerika ist das bereits jetzt der Fall. Aber das Formel-1-Team hat im Moment sicherlich keine finanziellen Sorgen."

So kann sich Ferrari weiterhin die Dienste von Berater und Gelegenheitstestfahrer Michael Schumacher - neuerdings vor allem ein Zugpferd für die PR-Abteilung - leisten, der pro Jahr geschätzte fünf Millionen Euro kassiert. Doch viele fragen sich, ob sich diese Investition in einer Zeit, in der Testfahrten zumindest während der Rennsaison verboten sind, noch lohnt. Surer ist davon überzeugt: "Auf jeden Fall!"

"Ich habe Michael beim Test in Barcelona gesehen", erinnert sich der 82-fache Grand-Prix-Teilnehmer. "Dort hat er sich intensiv um Details gekümmert, zum Beispiel um das Studieren von Reifen. Mir scheint, dass er weiterhin mit seinen Ratschlägen aktiv mitgestalten wird. Außerdem werden dieses Jahr wieder Slicks gefahren - und er weiß aus seiner Vergangenheit genau, wie das Reifenbild aussehen muss und so weiter. Ich glaube schon, dass er weiterhin Input geben kann."

Fließender Übergang auf Topebene

Es gehört zur Ferrari-Philosophie, langjährige Leistungsträger nicht sofort auszusortieren, sondern ans Team zu binden. So ist auch Ex-Designer Rory Byrne, der sein Büro längst an Aldo Costa übergeben hat, weiterhin für Ferrari tätig, während sich Ex-Teamchef Jean Todt erst dieser Tage aus dem Vorstand und aus dem Amt des Generaldirektors zurückgezogen hat. Nur "Spion" Nigel Stepney wurde vom einstigen Erfolgsteam klarerweise hochkant hinausgeworfen.

Die neue Riege hat 2007/08 aber schon bewiesen, dass sie kompetent ist: Domenicali überzeugt in der Rolle des Teamchefs, Costa ist ein hervorragender Designer, Nicolas Tombazis zählt zu den besten Aerodynamikern der Branche. Dazu kommt ein erstklassiger Ingenieursstab. Diesem steht vor Ort übrigens erstmals Chris Dyer vor, denn der Australier hat seinen Schützling Räikkönen an Andrea Stella abgegeben. Rob Smedley kümmert sich unverändert um das Massa-Auto.

Somit sind grundsätzlich wieder alle Zutaten beisammen, um auf Titeljagd zu gehen - vielleicht auch ohne das zwingend schnellste Auto im Feld, zumindest am Saisonbeginn. Eines wird übrigens von vielen vergessen: Genau genommen ist Ferrari 2009 Titelverteidiger, denn die Konstrukteurs-WM haben Massa/Räikkönen 2009 klar gewonnen, auch wenn sie in der Fahrer-WM um Haaresbreite Hamilton den Vortritt lassen mussten...

Saisonstatistik 2008:

Team:

Konstrukteurswertung: 1. (172 Punkte)
Siege: 8
Pole-Positions: 8
Schnellste Rennrunden: 13
Podestplätze: 19
Ausfallsrate: 11,1 Prozent (2.)
Durchschnittlicher Startplatz: 3,7 (1.)
Testkilometer 2009 mit dem neuen Auto: 8.675 (3.)

Felipe Massa (Startnummer 3):

Fahrerwertung: 2. (97 Punkte)
Siege: 6
Pole-Positions: 6
Schnellste Rennrunden: 3
Durchschnittlicher Startplatz: 2,9
Bestes Ergebnis Qualifying: 1.
Bestes Ergebnis Rennen: 1.
Ausfallsrate: 11,1 Prozent (3.)
Testkilometer 2009: 4.801 (1.)

Kimi Räikkönen (Startnummer 4):

Fahrerwertung: 3. (75 Punkte)
Siege: 2
Pole-Positions: 2
Schnellste Rennrunden: 10
Durchschnittlicher Startplatz: 4,4
Bestes Ergebnis Qualifying: 1.
Bestes Ergebnis Rennen: 1.
Ausfallsrate: 11,1 Prozent (3.)
Testkilometer 2009: 3.874 (8.)

Fotoquelle: xpb.cc

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