Bei den Wintertestfahrten hinkte der MP4-24 der Konkurrenz deutlich hinterher

Formel 1 2009

— 26.03.2009

Formel-1-Countdown 2009: McLaren-Mercedes

Das Lebenswerk von Ron Dennis bröckelt: Lewis Hamilton zählt 2009 nicht zu den WM-Favoriten, denkt aber nicht einmal daran, den Kopf hängen zu lassen

Neue Aerodynamik, Comeback der Slicks, Einführung der Hybridtechnologie KERS, neue Fahrer, ein neues Team: Nie zuvor hat sich in der jüngeren Vergangenheit von einer Formel-1-Saison auf die nächste so viel geändert wie im Winter 2008/09. 'Motorsport-Total.com' nahm daher bis zum Eintreffen der Grand-Prix-Community im Albert Park der Reihe nach alle zehn Teams genau unter die Lupe. Den Abschluss macht heute McLaren-Mercedes.

Das McLaren-Team geht zum ersten Mal seit 2000 wieder mit einer selbst erkämpften Startnummer eins in eine Formel-1-Saison - und vor allem zum ersten Mal seit 1979 ohne Teamchef Ron Dennis: Der Brite ist zwar weiterhin Vorstandsvorsitzender und 15-Prozent-Teilhaber der McLaren-Gruppe, zu der der Rennstall gehört, doch aus dem Tagesgeschäft hat er sich per 1. März weitgehend zurückgezogen. Abschied mit einem WM-Titel - ein würdiges Ende einer großen Teamchefkarriere.

Die Startnummer eins hatte man auch 2007

Ganz korrekt ist die Bezeichnung Weltmeister für McLaren-Mercedes übrigens nicht, denn die Krone der Konstrukteure ging 2008 an Ferrari nach Maranello. Lediglich bei den Fahrern setzte sich im dramatischen Finale von São Paulo Lewis Hamilton um einen Punkt gegen Felipe Massa durch. Doch weil die Startnummer eins nicht an den Titelträger der Konstrukteure, sondern an den der Fahrer vergeben wird, kommt die Ex-Dennis-Mannschaft bei unserem Countdown zum Schluss dran.

Der neue starke Mann in Woking heißt Martin Whitmarsh, ist 50 Jahre alt und arbeitet schon seit 1989 quasi als rechte Hand seines Vorgängers bei McLaren. Dennis hat Whitmarsh konsequent als seinen Nachfolger ausgebildet und die Machtübergabe nun endlich vollzogen - wenn auch mit einem Jahr Verspätung, denn eigentlich wollte "Mister McLaren" schon Ende 2007 als Teamchef aufhören. Aufhören ist übrigens relativ, denn die Meinung des 61-Jährigen hat natürlich weiterhin Gewicht.

Wird sich die Wachablöse bei McLaren auf die Performance des Teams auswirken? "Kurzfristig nicht, langfristig ja", glaubt 'Motorsport-Total.com'-Experte Marc Surer. "Ron Dennis ist ein Racer, der die Leute mitreißen konnte, der nie locker gelassen und immer gekämpft hat. Selbst wenn sie hinterhergefahren sind, habe ich von ihm immer nur gehört: 'Wir fahren Formel 1, um Rennen zu gewinnen!' So ein Zugpferd, so eine Führungspersönlichkeit - das wird McLaren fehlen."

Whitmarsh: Zu nett für die Formel 1?

"Whitmarsh ist ein guter Manager, ist zu allen nett und macht seinen Job perfekt", analysiert der ehemalige Formel-1-Pilot, fügt aber im gleichen Atemzug an: "Es fehlt mir der Racer in ihm. Ich glaube schon, dass ein Typ wie Ron Dennis gerade in einer schwierigen Situation wie jetzt ein bisschen fehlt." Situation wie jetzt, das heißt sportliche Krise, denn der neue MP4-24 ist sicher kein Gold-, aber wahrscheinlich noch nicht einmal ein Silberpfeil...

"Das neue Auto kränkelt ein bisschen", bestätigt Surer, der Weltmeister Hamilton bei den vorletzten Testfahrten des Winters in Barcelona genau beobachtet hat. "Mich überrascht das, denn ich habe gedacht, dass diese Mannschaft mit Regeländerungen relativ gut umgehen kann. Die Umstellung auf Einheitsreifen hatten sie damals hervorragend im Griff, aber mit der Umstellung der Aerodynamik scheinen sie jetzt ein Problem zu haben."

Wie sich der Kreis schließt: Bei den letzten Regeländerungen in einer Größenordnung wie in dieser Saison, zwischen 1997 und 1998, fuhr McLaren-Mercedes die Konkurrenz in Grund und Boden - beim Auftaktrennen in Melbourne übrigens mit dem ersten KERS der Formel-1-Geschichte. Jetzt, elf Jahre später, kann davon keine Rede mehr sein. "Wenn ich einen Punkt hole, wäre ich damit nicht unzufrieden", seufzt Hamilton ernüchtert.

MP4-24 nur halb so gut wie sein Vorgänger?

"Das letztjährige Auto war auf einer Skala von eins bis zehn eine Acht. Dem neuen würde ich vielleicht eine Vier geben", meint der 24-Jährige achselzuckend. Bei den Testfahrten fehlte meistens mehr als eine Sekunde auf Brawn und Co., doch zu Kritik am Team lässt er sich trotzdem nicht verleiten: "Wenn wir ein Jahr hinterherfahren müssen, dann ist es eben so. Aber wir werden kämpfen - und ich glaube, dann werden wir auch wieder gewinnen."

Surer gibt dem in der Schweiz lebenden Briten Recht: "Sie sind ein gutes Team und sie werden das in den Griff bekommen, aber die Frage ist: Wann?" Mercedes-Sportchef Norbert Haug glaubt: "Nicht vor den Europarennen, auch wenn wir hart arbeiten." Haug sieht seine Silberpfeile derzeit außerhalb der Top 10 und macht dafür die Aerodynamik des MP4-24 verantwortlich: "Wir haben herausgefunden, dass es uns an Anpressdruck fehlt."

Das liegt sicher zum Teil daran, dass die eingeschworene Designtruppe um Chefingenieur Paddy Lowe und Neil Oatley es verabsäumt hat, einen Doppeldecker-Diffusor à la Brawn, Toyota und Williams zu entwickeln. Umso höher ist es der britisch-deutschen Truppe anzurechnen, dass sie sich einen Tag vor Beginn des Freien Trainings im Albert Park nicht am Protest gegen die drei Teams beteiligt hat. "Derzeit haben wir andere Sorgen", so Haug.

Im Bereich KERS vorne dabei

Das aerodynamische Defizit ist umso bitterer, als man dem silbernen KERS nachsagt, zu den besten Systemen in der Formel 1 zu gehören. Experte Surer: "Übers Jahr gesehen kann das sicherlich ein Vorteil werden, aber im Moment ist viel wichtiger, dass die Balance stimmt." Einzige Hoffnung: Wenn KERS wirklich wie erhofft am Start einen großen Vorteil darstellt, könnten Hamilton und Heikki Kovalainen in der ersten Runde nach vorne kommen - und sich dann als rollende Schikane versuchen.

Apropos Kovalainen: Der 27-jährige Finne hat einen ruhigen Winter hinter sich, ließ nur wenig von sich hören, bereitete sich aber heimlich, still und leise auf seine zweite Saison in einem echten Topteam vor. Das Beispiel Massa hat ihm gezeigt, dass sich das interne Stallduell nach einem verkorksten Jahr sehr wohl noch drehen lässt - und das ist sein Ziel für 2009. Gelingt ihm das nicht, dann wird McLaren-Mercedes wohl endgültig zu einem Hamilton-Team.

"Heikki ist selbstbewusster als vor einem Jahr. Jeder, der mit ihm spricht, bemerkt das", lobt Teamchef Whitmarsh. "Im Vorjahr waren wir ihm noch fremd, aber ich denke, dass er sich jetzt im Team zu Hause fühlt. Hoffentlich kann er Lewis anstacheln." Doch wenn Whitmarsh sagt, dass alles andere als die Nummer eins auf Hamiltons Auto im nächsten Jahr eine Enttäuschung wäre, werden die Prioritäten klar - an Kovalainen denkt er dabei offensichtlich nicht...

Unverändert: Hamilton-Mania auf der Insel

Diese Konzentration auf Hamilton ist ebenso Segen wie Fluch, denn einerseits wünscht sich natürlich jeder Fahrer, dass das Team bedingungslos hinter ihm steht, andererseits ist damit aber auch ein riesiger Druck verbunden: Von einem britischen Piloten in einem britischen Auto erwarten die kritischen Motorsportjournalisten auf der Insel eben immer ein bisschen mehr als von den internationalen Konkurrenten.

Hamilton hat einen bunten Winter hinter sich: Da war sein Auftritt mit Freundin Nicole Scherzinger bei 'Wetten, dass...?', seine Besuch samt Ehrung bei der Queen im Buckingham-Palast, sein selbstbewusster Auftritt bei der Präsentation des neuen Autos, der Testunfall in Barcelona und zu guter Letzt die Erkenntnis, dass es mit der Titelverteidigung wohl doch nichts wird - alles ein bisschen viel für einen 24-Jährigen, der von den Medien auf Schritt und Tritt beobachtet wird.

Was es heißt, im Medienzeitalter Weltmeister zu sein, musste Hamilton heute in Melbourne erfahren: Am frühen Morgen sagte er, dass er sich Angebote von anderen Teams zumindest anhören würde, weil alles andere dumm wäre - und ein paar Stunden später las er auf britischen Internetseiten, dass er 2010 für Ferrari fahren wird. Also musste er natürlich ein Dementi folgen lassen. Solche Dinge können an den Nerven zehren und vom Sport ablenken.

Daddy muss immer dabei sein

Andererseits konnte der GP2-Champion von 2006 diese Dinge auch bisher gut verdrängen, was nicht zuletzt seinem Vater Anthony zu verdanken ist, der sich als Manager zwar nicht gerade dezent im Hintergrund hält, aber im Fahrerlager doch mehr für seinen Sohn regelt, als man ihm auf den ersten Blick zutrauen würde. Keine Frage: Die Hamiltons sind jetzt wer in der Formel 1 - und so langsam beginnt man das auch zu spüren...

Sollte es mit der erfolgreichen Titelverteidigung nicht klappen, dann wird das aber kaum am Fahrer, sondern am Auto liegen - die Gründe dafür haben wir bereits erörtert. Eine Aufholjagd ist einem der reichsten Teams der Formel 1 zwar zuzutrauen, aber keineswegs eine Aufgabe, die man mal eben im Vorbeigehen erledigen kann - noch weniger anno 2009, ohne echte Testfahrten während der Saison. Aber: "Da sitzen alle im selben Boot", gesteht Haug.

In Woking (Chassis), Brixworth (Motor) und Stuttgart (Hauptsitz von Mercedes) - insgesamt beschäftigt das Team 985 Mitarbeiter bei einem geschätzten Jahresbudget von 270 Millionen Euro - verflüchtigt man sich nicht in Ausreden. Whitmarsh hat aber zumindest eine Erklärung parat: "Wir wollten 2008 unbedingt Weltmeister werden, also haben wir das Auto bis zum letzten Rennen konsequent weiterentwickelt. Darunter hat das neue Auto gelitten."

Blick zurück ohne Bedauern

Und weiter: "Wir haben Mitte 2008 einige Entscheidungen getroffen, die wir jetzt zu spüren bekommen", analysiert der Teamchef. "Ich sage das nicht im Bedauern. Okay, vielleicht werden wir uns nach Melbourne nicht so gut fühlen, wie wir das gerne hätten, aber dafür war das Gefühl, das wir in Brasilien hatten, unbezahlbar." Außerdem sei McLaren-Mercedes das letzte Team, das sich vorzeitig geschlagen geben würde.

Es ist den Silberpfeilen hoch anzurechnen, dass sie nach der traumatischen Saison 2007 mit Spionageaffäre, 100-Millionen-Dollar-Strafe und "Krieg der Sterne" überhaupt Weltmeister geworden sind, aber die Herausforderung, zwei Autos parallel zu entwickeln, hatten andere - insbesondere Ferrari - auch zu bewältigen. Bleibt noch die Hoffnung, die Bernie Ecclestone hegt: "Vielleicht haben sie bei den Tests ja nur geblufft!"

"Ich wünschte, das wäre wahr", grinst Whitmarsh selbstironisch, "aber das ist leider nicht der Fall. Wir haben sicher beim letzten Test in Jerez Fortschritte gemacht, aber wie weit uns die bringen, das wage ich nicht zu beurteilen." Hoffentlich weit genug, denn es wäre ein Jammer, würde das Lebenswerk von Ron Dennis einfach vor die Hunde gehen. Man kann über den "Mister McLaren" denken, was man will, aber das hätte er nicht verdient...

Saisonstatistik 2008:

Team:

Konstrukteurswertung: 2. (151 Punkte)
Siege: 6
Pole-Positions: 8
Schnellste Rennrunden: 3
Podestplätze: 13
Ausfallsrate: 11,1 Prozent (2.)
Durchschnittlicher Startplatz: 4,1 (2.)
Testkilometer 2009 mit dem neuen Auto: 7.427 (5.)

Lewis Hamilton (Startnummer 1):

Fahrerwertung: 1. (98 Punkte)
Siege: 5
Pole-Positions: 7
Schnellste Rennrunden: 1
Durchschnittlicher Startplatz: 3,9
Bestes Ergebnis Qualifying: 1.
Bestes Ergebnis Rennen: 1.
Ausfallsrate: 5,6 Prozent (2.)
Testkilometer 2009: 3.422 (10.)

Heikki Kovalainen (Startnummer 2):

Fahrerwertung: 7. (53 Punkte)
Siege: 1
Pole-Positions: 1
Schnellste Rennrunden: 2
Durchschnittlicher Startplatz: 4,4
Bestes Ergebnis Qualifying: 1.
Bestes Ergebnis Rennen: 1.
Ausfallsrate: 16,7 Prozent (8.)
Testkilometer 2009: 3.082 (12.)

Fotoquelle: xpb.cc

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