Ein österreichisches Lied lautet: "Hinter dir geht's abwärts und vor dir steil bergauf..."

Formel 1 2009

— 31.03.2009

"Nicht podiumsfähig": Haugs Bergsteigermetapher

Lagebericht mit Norbert Haug: Was ein aufzuholender Rückstand in der Formel 1 mit Bergsteigen zu tun hat und wie es um die Silberpfeile bestellt ist

Jede Geschichte hat zwei Seiten. Eine des Auftaktrennens in Melbourne ist: Hätte Mercedes nicht im Winter uneigennützig dem Brawn-Team ermöglicht, kurzfristig einen Motor in den BGP 001 zu bauen, dann hätte Lewis Hamilton vielleicht sogar gewonnen, denn der Weltmeister wurde hinter den Brawn-Piloten Jenson Button und Rubens Barrichello Dritter.

Die andere Seite ist: Hätten sich nicht einige Gegner schon am Start aus dem Rennen gekugelt, hätte es keine Kollision zwischen Sebastian Vettel und Robert Kubica gegeben und wäre Jarno Trulli nicht so unachtsam gewesen, während der Safety-Car-Phase von der Strecke abzukommen, dann wäre Hamilton nicht einmal in die Nähe der Top 5 gekommen. Dessen ist man sich im Lager der bescheiden gewordenen Silberpfeile aber durchaus bewusst.

Podium geht auf Hamiltons Kappe

"Es wäre schön, wenn man ein Auto über Nacht so schnell machen könnte. Das geht sicherlich nicht", seufzt Norbert Haug, weiß aber genau, dass der dritte Platz seines Schützlings keineswegs repräsentativ für die derzeitige Stärke von McLaren-Mercedes ist. Vielmehr habe Hamilton "als Fahrer seine Weltmeisterklasse gezeigt", schreibt der Mercedes-Sportchef dem Lenkradakrobaten den viel größeren Anteil am Achtungserfolg zu als dem MP4-24.

Doch allerspätestens seit den knappen WM-Ausgängen von 2007 und 2008 ist klar: "Man muss bei solchen Gelegenheiten einfach da sein, wenn andere Fehler machen. Es hat einige Ausfälle gegeben und natürlich haben wir von ein paar Unfällen profitiert, aber das war auch schon mal andersrum. Es sind sechs sehr wertvolle Punkte - gerade wenn man sie aus eigener Kraft nicht machen kann", analysiert Haug.

Dabei wäre noch mehr möglich gewesen, hätte man das zweite Auto nicht schon in der ersten Kurve verloren: "Bei Heikki wäre ohne die Startkollision sicher mehr gegangen. Ich sage das nicht, um zu sagen, wie konkurrenzfähig wir waren, aber man kann manchmal aus schlechten Voraussetzungen auch etwas Gutes machen. Das trübt jedoch nicht unseren Blick, dass wir noch sehr viel zu tun haben. Wir sind derzeit aus eigener Kraft nicht podiumsfähig."

Derzeit nur in der zweiten Liga

Es sind leise Töne, die bei McLaren-Mercedes derzeit angeschlagen werden, fast demütige. Der zurückgetretene Teamchef Ron Dennis hat früher immer gesagt: "Wir fahren Rennen, um zu gewinnen." Daran hat sich auch unter seinem Nachfolger Martin Whitmarsh nichts geändert, aber dem Team ist bewusst, dass man momentan einfach nicht das Material hat, um die neuen Topteams Brawn, Toyota und Williams zu ärgern.

Das liegt vor allem daran, dass es dem MP4-24 an aerodynamischem Abtrieb fehlt: "Wir haben das Ziel, das wir uns gestellt haben, annähernd erreicht, aber wir hätten uns ein höheres Ziel stellen sollen", gesteht Haug, dass der Silberpfeil dem Konkurrenzvergleich im Moment nicht standhält. "Wir haben geglaubt, mit dem Wert x ein Auto zu haben, das konkurrenzfähig ist." Doch es hat sich gezeigt, dass der Wert y der Konkurrenz mindestens eine Stufe höher liegt.

Die besten Autos der Stunde hätten im Winter "80 bis 85 Prozent" des Abtriebs aus dem Vorjahr erreicht, obwohl eigentlich seitens der FIA eine Halbierung vorgesehen war. Bei McLaren in Woking haben die Designer im Gegensatz dazu nicht einmal die 80-Prozent-Hürde genommen. Trotzdem winkt Haug bei der Frage nach personellen Konsequenzen ab - zumindest vorerst wird es kein silbernes Köpferollen geben.

WM-Kontrahenten von 2008 hinken hinterher

Man habe eben viele Ressourcen in den WM-Kampf 2008 stecken müssen, argumentiert der 56-Jährige, räumt aber ein: "Wir müssen Jahr für Jahr dazu in der Lage sein, ein sieg- oder titelfähiges Auto zu bauen. Wenn wir das nicht können, läuft irgendetwas falsch. Bei Ferrari gibt es offenbar auch Nachholbedarf. Natürlich ist ein Titelkampf, der bis in die letzte Runde geht, anspruchsvoll, aber das hieße ja, dass man nur jedes zweite Jahr um den Titel fahren kann."

Nun steht McLaren-Mercedes vor einer angesichts des Testverbots schwierigen Aufgabe: "Wir müssen schneller entwickeln als die Konkurrenz. Das ist wie beim Bergsteigen: Wenn Sie schon im Basislager zwei stehen und auf den Gipfel wollen, geht das schneller als von Basislager eins aus. Wir müssen von Basislager eins aus einen schnelleren Speed anschlagen, um in Basislager drei mit der Konkurrenz gleichzuziehen und dann hoffentlich oben eine Nasenlänge Vorsprung zu haben."

"Bis zur Europapremiere wollen wir ein ganzes Stück weiter sein", sagt Haug und rechnet vor, dass sich der Rückstand in Melbourne (eine Sekunde pro Runde) im Vergleich zu den Wintertestfahrten in Barcelona bereits halbiert habe. Aber er glaubt nicht an Wunder: "Ich kann mir vorstellen, dass der Abstand in Malaysia größer sein wird als eine Sekunde oder als eineinhalb Sekunden. Vielleicht wird sich das Feld dort generell weiter auseinanderziehen."

Kein Wunder über Nacht

"Wir sind nicht stärker als vor einer Woche - das geht in der Zeit gar nicht. Wir haben aber einen Teilenachschub. Da wird das eine oder andere kommen", erklärt der Mercedes-Sportchef. Man habe zwar keine klassische Luftbrücke eingerichtet, wie in Melbourne gemunkelt wurde, aber es stimmt tatsächlich, dass aus Woking laufend neue Teile eingeflogen werden. Mitarbeiter haben diese in der Regel im Handgepäck bei sich.

Die Suche nach Abtrieb steht dabei im Vordergrund. Dass diese so entscheidend ist, habe "signifikante Gründe", deutet Haug an und verweist auf die angeblich illegalen Diffusoren von Brawn, Toyota und Williams. In Malaysia werde sich das noch stärker auswirken: "Aerodynamisch ist die Strecke eher noch anspruchsvoller. Also können wir nicht davon ausgehen, dass es uns dort besser gehen wird als in Melbourne."

Als Ausrede will Haug den konventionellen Diffusor des MP4-24 - mit einem neuen Modell beschäftigt man sich bei den Silberpfeilen übrigens schon jetzt - aber nicht gelten lassen, schließlich habe Red Bull in Melbourne gezeigt, dass es auch ohne "Doppeldecker" geht. Besonders hebt er außerdem die starken Leistungen der Deutschen hervor: "Sebastian Vettel und Timo Glock sind stark gefahren. Timo war in Q3 derjenige mit dem meisten Benzin an Bord und wäre fast Dritter geworden."

Hat Brawn schon alles gezeigt?

Damit, dass die Bastion Brawn geknackt wird, rechnet Haug zumindest am kommenden Rennwochenende noch nicht: "Jenson Button ist nur so schnell gefahren, wie er musste. Man muss unterstellen, dass dort strategisch gefahren wird - warum sollten sie an der Spitze wegziehen?" Außerdem stellte er in den Raum, dass Brawn mit einem funktionierenden KERS noch weit schneller unterwegs gewesen wäre.

Apropos KERS: Wegen der zwei langen Geraden am Anfang und Ende einer jeden Runde sollte das Energierückgewinnungssystem auf dem Sepang International Circuit etwas stärker zum Tragen kommen als auf dem Stop-&-Go-Kurs im Albert Park. Frage von 'Motorsport-Total.com': Kann es sein, dass das der Performance im Vergleich zu Melbourne etwas helfen wird? "Ich hoffe es", entgegnet Haug. "Versprechen kann ich es nicht."

"Ich glaube nicht, dass jemand ein kompakteres und leichteres KERS gebaut hat als wir. Da sind wir an vorderster Wettbewerbsfront. KERS hat sich in Melbourne noch nicht so durchgesetzt, aber in Malaysia wird es wirkungsvoller sein", kündigt er an. KERS bringe "überall was - grundsätzlich auch in Monaco. Die Frage ist: Habe ich durch die richtige Platzierung des Gewichts eher die drei Zehntel oder durch den Leistungszuwachs von 82 PS für 6,6 Sekunden?"

Fotoquelle: xpb.cc

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