Ein erneuter Start der Formel-1-Autos in Kanada ist zurzeit in weiter Ferne

Formel 1 2009

— 08.04.2009

Warum sollte Montréal anderer Leute Schulden tilgen?

In Montréal haben die Verantwortlichen den Kampf um den Grand Prix noch nicht aufgegeben: "Hier ist alles bereit" - Piratenserie als Allheilmittel in der Krise

Die Automobilindustrie steckt in der Krise, die Absätze gehen teils drastisch zurück und ausgerechnet in dieser Zeit macht die Formel 1 um den wichtigen Markt in Nordamerika einen großen Bogen. Die USA sind seit einigen Jahren aus dem Geschäft, auch Kanada hat den Grand Prix nach 2008 verloren. Die Hersteller machen Druck auf Bernie Ecclestone, doch bislang ohne Erfolg. Der Formel-1-Boss hat seinen Preis für den Auftritt in Montréal genannt, die Organisatoren mussten absagen.

"Ich bleibe dennoch recht optimistisch", sagte der kanadische Grand-Prix-Promoter Normand Legault in der Zeitung 'La Presse'. Der Kanadier hatte rund 30 Jahre lang alle Fäden beim Formel-1-Lauf in der Hand. "In den 30 Jahren, in welchen Montréal den Grand Prix hatte, gab es in den USA Rennen an insgesamt sieben Orten - an keinem war es ein Erfolg. Ich denke, dass wir spätestens 2011 wieder mit einem Grand Prix rechnen dürfen."

"Montréal ist ein exzellenter Ort für die Formel 1. In den USA müsste man für den Aufbau eines Stadtkurses in Philadelphia, Washington oder New York erst einmal 50 Millionen Dollar in die Hand nehmen. Bei uns ist dagegen alles bereit. Für die Teams ist das ganz einfach", sagte Legault, verschwieg allerdings dabei, dass auch der Rundkurs auf der île Notre-Dame zuletzt nicht gerade in hervorragedem Zustand war. Auch in Kanada müsste man vermutlich kräftig investieren.

Montréal ab 2011 wieder im Kalender?

"Durch die Zeitverschiebung kann man das Rennen in Europa zur besten Sendezeit verfolgen", machte Legault Werbung für Montréal. Er stichelte gegen die USA: "Außerdem gibt es in Kanada eine treue Fangemeinde, die sogar Ahnung vom Motorsport hat." Auch bei den neuen Formel-1-Schauplätzen in Asien und am Golf gibt es Probleme ähnlich wie in den USA. Auch dort fehlt die motorsportliche Kultur, entsprechend leer sind oft die Ränge.

"Ich habe irgendwo gelesen, dass der Grand Prix in Bahrain angeblich 354 Millionen Dollar Umsatz durch die Formel 1 generiert. Der Superbowl (Endspiel der National Football League NFL in den USA; Anm. d. Red.) bringt gerade einmal 250 Millionen. Wie funktioniert das denn in Bahrain, wo die Tribünen immer leer sind? Wir haben in Montréal schon freitags mehr Zuschauer als manch andere Orte am Sonntag. Und wir brauchen dafür keine zivil gekleideten Soldaten, um die Ränge voll zu machen", sagte Legault mit Blick auf Schanghai und Co.

Und doch hält der kanadische Promoter den Schritt in neue Märkte für nachvollziehbar. Es seien keine sportlichen, sondern rein finanzielle Hintergründe: "Die CVC musste drei Milliarden Dollar Kredit aufnehmen, als man Bernie Ecclestone das Geschäft abkaufte. Es sind zurzeit immer noch Schulden in Höhe von zwei Milliarden. Die brauchen pro Jahr rund 500 Millionen Dollar für Zinsen und Tilgung. Das kannst du nur erwirtschaften, wenn du pro Lauf 50 Millionen Dollar einnimmst."

CVC ist für hohe Preise verantwortlich

"Bei einem solchen Preis kann man es aber gar nicht mehr profitabel darstellen", sagte Legault. "Australien macht mit dem Rennen jährlich horrende Verluste. Wie lange kann das noch so weitergehen? Irgendwann wird die Öffentlichkeit das mal in Frage stellen. Wenn es zu teuer wird, dann musst du die Gans umbringen, auch wenn sie goldene Eier legt." Neben Australien gäbe es mit Frankreich und Deutschland zwei weitere Beispiele. Auch in China hinterfrage man den Formel-1-Lauf bereits.

Nach Ansicht des Promoters sei die gesamte Formel 1 wegen der Wirtschaftskrise im Wandel. Die Hersteller leiden, die Sponsoren aus dem Finanzbereich ziehen sich zurück. "Und keiner will mehr Champagner trinkende Leute im Fahrerlager sehen, die 100 Millionen Dollar mit einem Formel-1-Team verpulvern", beschrieb Legault. Die Teamvereinigung FOTA müsse deshalb über ihre bisherige Rolle hinauswachsen.

"Ich habe den Teams bei einem Treffen gesagt, dass sie einmal das gesamte Businessmodell der Formel 1 auf den Prüfstand stellen müssen", so der erfahrene Promoter. "Wenn in der nordamerikanischen Eishockey Liga (NHL) die Boston Bruins gegen die Montréal Canadiens spielen, dann fragen sie auch nicht beim Verband nach einem Schiedsrichter. Die verwalten sich selbst. Die müssen dann auch nicht fragen, wenn sie das Tor mal um sechs Millimeter vergrößern möchten."

Piratenserie als Allheilmittel?

Zurzeit tobe in der Formel 1 bereits ein Machtkampf der FOTA gegen FIA-Chef Max Mosley und Drahtieher Bernie Ecclestone. "Das sieht man zum Beispiel an diesem Streit um das Wertungssystem. Ich hoffe, dass die FOTA über technische und sportliche Dinge hinausgehen wird. Man muss die kleinen Scharmützel der Teams mal beiseite schieben und dann an der Formel 1 der Zukunft arbeiten. Es ist toll, wenn man sich um die Reifenbreite Gedanken macht. Wenn man aber aufblickt und leere Tribünen sieht, dann wird diese Frage akademisch."

"Die finanziellen Strukturen in der Formel 1 sind sehr merkwürdig", sagte Legault. "Braucht der Sport wirklich die FOM als Instanz? Die Teams wollen, dass die Einnahmen der FOM im Verhältnis 50:50 geteilt werden. Wenn man sich das Modell der NHL mal anschaut, dann sieht man, dass die Liga für die Verwaltung gerade einmal drei Prozent braucht, der Rest geht an die Teams. Der Typ, der das Formel-1-Business in der Hand hält, sackt also 50 Prozent ein. Das muss man mal hinterfragen."

Legault malte ein neues Bild von einer alten Idee: Piratenserie. "Seit Ende 2007 gibt es kein gültiges Concorde Agreement mehr", so der Kanadier. "Die Teams könnten also morgen aussteigen. Sie könnten es 'Grand Prix Championship of the World' nennen. Wenn du Ferrari, BMW, Williams hast und dazu Lewis Hamilton, dann ist das nicht unrealistisch. Sie könnten so etwas machen."

Fotoquelle: Ferrari

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