Nicht alle Ex-Fahrer zeigen Verständnis für "Lügen-Weltmeister" Lewis Hamilton

Formel 1 2009

— 07.04.2009

"Liegate": Ex-Formel-1-Stars unterschiedlicher Meinung

Während Ralf Schumacher und David Coulthard Verständnis für Lewis Hamilton zeigen, geht Stirling Moss mit dem Weltmeister scharf ins Gericht

Die Tatsache, dass Lewis Hamilton in Melbourne die FIA-Kommissare angelogen hat, löste in den vergangenen Tagen ein gewaltiges Medienecho aus. Viele Beobachter der Szene sind geteilter Meinung über "Liegate", wie die Lügenaffäre in der britischen Presse genannt wird: Die einen sagen, Hamilton sei bloß ein Opfer gewesen, die anderen meinen, seine bis dato blütenweiße Weste habe einen pechschwarzen Fleck abbekommen.

Mercedes-DTM-Pilot Ralf Schumacher, zuletzt als TV-Experte Zaungast beim Grand Prix in Sepang, zeigt zumindest bis zu einem Gewissen Grad Verständnis für das Verhalten des McLaren-Mercedes-Piloten: "Ich würde nicht sagen können, dass ich in meiner aktiven Zeit in so einer Situation nicht auch so gehandelt hätte. Du schließt dich mit dem Team kurz - und im Einklang mit ihm sagst du dann, was du zu sagen hast", wird Schumacher von der 'Bild'-Zeitung zitiert.

Schumacher zeigt Verständnis

Jedes Verhör durch die Kommissare sei "eine schwierige Situation" für einen Fahrer: "Du steigst aus dem Auto, hast nur das Rennen im Kopf. Dann kommt dein Teammanager und gibt dir Bescheid, dass du zu den Regelwächtern musst. In aller Schnelle wird dir erklärt, worum es überhaupt geht. Natürlich haben wir uns dann immer kurz abgesprochen." An diese Anweisungen habe er sich im Verlauf seiner aktiven Formel-1-Karriere stets gehalten.

Die Kommissare seien "nicht immer unbefangen", fügt Schumacher an: "Zu meiner Zeit gab es einen Kinobesitzer aus Indien. Es gab mal eine Situation in Hockenheim: Räikkönen ist mir beim Start in die Seite gefahren. Es hieß, ich habe den Crash mit Absicht forciert. Dann komme ich zu den Stewards und sage die Wahrheit: 'Ich habe nach vorne geschaut, habe Kimi nicht gesehen. Er war seitlich hinter mir.' Und der Inder? Sagt, ich sei arrogant gewesen und hätte nicht den Ansatz von Reue gezeigt."

Trotzdem: "Es ist nicht zu entschuldigen, dass jemand lügt. Auf der anderen Seite wird Lewis sicherlich nicht der Erste gewesen sein", sagt Schumacher und spricht von einer "doofen Situation". Sein früherer Formel-1-Kollege David Coulthard schließt sich dieser Meinung an und relativiert die Kritik an Hamilton: "Vergesst nicht: Ich wusste mit 30 auch mehr als mit 24. Er tut mir leid, glaubt mir. Er wurde zum Ruhm katapultiert, aber die Formel 1 kann ein sehr einsamer Ort sein."

"Ich kann nur sagen, dass ich von McLaren nie zum Lügen angestiftet wurde. Ich verstehe aber, wie Lewis in eine solche Situation geraten konnte", bricht der heutige TV-Reporter eine Lanze für seinen britischen Landsmann. "Ich kaufe ihm auch ab, dass nur er und Dave (Ryan, Sportdirektor; Anm. d. Red.) davon gewusst haben. Es erscheint mir glaubwürdig, dass Ron Dennis und Martin Whitmarsh erst davon erfahren haben, als es schon zu spät war."

Genau das ist eine Sache, die die britischen Medien McLaren-Mercedes nicht abnehmen. Aber Coulthard betont: "Außenstehende würden sich wundern, wenn sie wüssten, wie schlecht die Kommunikation in diesem Sport ist, der sich als technologischer Vorreiter feiern lässt. Ich habe manchmal Rennwochenenden erlebt, an denen ich nicht einmal meinen Teamchef gesehen oder mit ihm gesprochen habe - abgesehen vom Schulterklopfer auf dem Podium."

Als Fairness nicht nur eine Floskel war...

Die 'Daily Mail' bat indes Stirling Moss um einen Kommentar zu "Liegate" - und der muss wissen, wovon er spricht: Denn Moss ging nach dem Grand Prix von Portugal 1958 selbst zu den Kommissaren, um sie darauf hinzuweisen, dass sie Mike Hawthorn zu Unrecht disqualifiziert hatten. Das war eine große sportliche Geste, denn Moss hatte den WM-Titel zuvor dreimal hintereinander knapp verpasst und verlor wegen seiner Fairness auch in jenem Jahr um einen Punkt - gegen Hawthorn.

"Die Kommissare haben mich damals gefragt, ob ich wüsste, was ich da tue", erinnert sich der erfolgreichste Nicht-Weltmeister der Formel-1-Geschichte. "Ich habe genickt. Ich habe gesagt, es sei lächerlich, einen Fahrer zu disqualifizieren, der nichts Illegales getan hat. Mike stand auf einer Auslaufstraße, nicht auf der Strecke, als er angeschoben wurde, nachdem sein Motor abgestorben war. Man musste den Motor also wieder in Gang bringen."

"Mir ist schon bewusst", so der 79-Jährige, "dass die Formel 1 heutzutage ein Business ist und kein Sport, aber wenn ich heute noch fahren würde, dann würde ich mich genauso verhalten wie damals." Insofern findet er, dass Hamilton die Bürde des Lügners "bis ans Ende seines Lebens" mit sich mittragen muss: "Sein Geständnis war das Beste, was er tun konnte, aber er kann nicht mehr rückgängig machen, was geschehen ist."

Er sei "traurig, schockiert, enttäuscht und entmutigt" wegen der Hamilton-Lüge: "Besonders stört mich, dass Lewis einer der besten Fahrer der Welt ist und immer ein perfektes Vorbild war. Sein Aufstieg liest sich wie ein Filmdrehbuch. Er kam aus bodenständigen Verhältnissen und wurde der jüngste Weltmeister aller Zeiten. Er ist sehr zugänglich, ein netter junge aus einer netten Familie. Aber jetzt sehen ihn die Menschen in einem anderen Licht", sagt Moss.

Fotoquelle: xpb.cc

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