Entspannte Haltung: Ross Brawn lernt die Erfolge seiner Mannschaft zu genießen

Formel 1 2009

— 08.04.2009

Brawn: "Es ging um das nackte Überleben"

Ross Brawn über die harten Wintermonate, die süßen Siege und die Titelchancen: "Es wäre ebenso unglaublich wie unrealistisch"

Brillianter Techniker, genialer Stratege und nun erfolgreicher Teamchef - Das "Formel-1-Superhirn" Ross Brawn wird zum Hauptakteur eines andauernden Grand-Prix-Märchens. Aus den Honda-Ruinen hat Brawn binnen kürzester Zeit einen erfolgreichen privaten Rennstall geformt. Jenson Button konnte die ersten beiden Saisonläufe sensationell für sich entscheiden, dank weiterer Punkte von Teamkollege Rubens Barrichello führt das Team die Konstrukteurswertung an.

"Die ganze Firma fiel praktisch ab Dezember vorigen Jahres in ein tiefes Loch. Es ging nur noch um das nackte Überleben", erinnerte sich der Brite in der 'Welt' an die harten Wintermonate. "Ich wusste, dass es in der Formel 1 eine Menge von emotionalen Wechselbädern gibt. Man kann in großem Stil gewinnen, aber auch dramatisch verlieren; man kann sich blamieren und kann zum großen Sieger aufsteigen. Aber das, was ich die vergangenen Monate erlebt hatte, kannte ich noch nicht. Es hat alles Bisherige übertroffen, es war eine Achterbahnfahrt."

Brawn musste gemeinsam mit seinen Weggefährten harte Wochen überstehen, denn erst kurz vor Saisonbeginn gab die Honda-Führungsetage grünes Licht für die Fortführung des Teams. "Vielleicht wäre ich sonst wieder fischen gegangen und hätte mich einfach wieder um meinen Garten gekümmert. Ich hatte für den Notfall keinen Plan, sondern nur den Plan, das Team zu retten. Die Chance betrug selbst mit der Hilfe von Honda maximal 50:50."

Japan machte den Weg frei

Viele potenzielle Investoren hatten in den eisigen Zeiten Interesse bekundet und wollten der Mannschaft angeblich das Überleben retten. Doch keiner dieser Interessenten hielt der harten Prüfung der japanischen Führungsebene stand. "Wir haben alle mit bestimmten Investoren und menschlichen Charakteren in dieser Zeit viele Erfahrungen gemacht, die ich vorher in dieser Form noch nicht gemacht hatte. Mir wurde jedenfalls spätestens zu diesem Zeitpunkt klar, in welch einer gefährlichen Welt ich lebe", schilderte Brawn die Verhandlungen mit möglichen Geldgebern.

Erst Ende Februar sei die entgültige Entscheidung bei Honda in Japan gefallen. Eiligst musste das komplette Equipment für Testfahrten bereit gemacht werden, man suchte schnellstens einen Teamnamen. "Nach langem Hin und Her machte irgendwer den Vorschlag, das Team nach meinem Namen zu benennen. Weil der Name in der Formel 1 bekannt ist und man weiß, wer dahintersteckt. Um es deutlich zu sagen: Es war nie meine Absicht, dass das Team nach mir benannt wird. Aber als der Vorschlag auf dem Tisch lag und er dann von allen begrüßt wurde, bin ich jetzt sogar ein bisschen stolz, dass es so ist."

Stolz sein kann Brawn auch auf die Erfolge, die durch seinen derzeit dominierenden BGP 001 erst möglich werden. Der Wagen ist dermaßen gut, sodass die Konkurrenz nicht nur staunt, sondern protestiert, lamentiert und klagt. "Ich betrachte vor allem die Aufregung bei Ferrari als Kompliment. Wenn mich mein alter Arbeitgeber nicht als wirklichen Gegner akzeptieren würde, würden sie nicht gegen uns protestieren. Die würden sich gar nicht für uns interessieren."

Ferrari-Kritik als Kompliment

"Die Tatsache, dass unser Auto vor ihnen fährt und wir eine Herausforderung für Ferrari sind, wertet uns auf. Das ist erfreulich und sogar gut für uns", sagte Brawn. "Fakt ist: Ferrari hatte, weil das Team zwei Jahre gegen McLaren um die Weltmeisterschaft gefightet hat, nicht wie wir so viel Zeit, sich mit den neuen Regeln so intensiv auseinanderzusetzen und so früh wie wir mit der Neuentwicklung zu beginnen. Wir sind und waren deshalb bisher in allen Dingen voraus."

Die anhaltende Diskussion um die Diffusoren ist aus Sicht des erfahrenen Technikers alles andere als überraschend. In Zeiten eines radikalen Regelumbruchs sei so etwas an der Tagesordnung: "Ich halte die ganze Diskussion unter diesem Aspekt für normal und bin, was den Ausgang betrifft, mehr als gelassen. Unsere Aerodynamik ist regelkonform. Wir haben nur das ganze Problem des neuen Reglements anscheinend besser gelöst als andere. So macht man sich in der Formel 1 keine Freunde."

"Ich kenne nur das niedergeschriebene Reglement und befolge danach konsequent die Regel, dass man versuchen muss, das schnellste und beste Formel-1-Rennauto zu bauen. So lautet, wenn ich den Grand-Prix-Sport richtig verstanden habe, die allgemein übliche und verbindliche Wettbewerbsformel", stellte Brawn klar. Der Brite gab jedoch offen zu, dass ein - aus seiner Sicht - negatives FIA-Urteil am 14.4. das Team durchaus zurückwerfen könnte.

In dem BGP 001 steckt noch mehr

Doch eine solche Entscheidung würde noch lange nicht bedeuten, dass Brawn in der Versenkung verschwinde. Denn immerhin habe sein Team 15 Monate lang fast einzig und allein an der Entwicklung des BGP 001 gearbeitet. "Diese Konstruktion ist von den Radaufhängungen bis in jede einzelne Struktur und jedes einzelne Detail ein gutes Stück Ingenieurarbeit. Vor allem seine Aerodynamik ist herausragend und, was wichtig ist, auch mit dem Testverbot noch im Windkanal weiter ausbaubar."

Andere Bereiche würde man im Verlauf der Saison in der Entwicklung nahezu vernachlässigen können, so Brawn. Einzig die kurzfristigen Umbauten auf den Mercedes-Motor hätten Kompromisse erfordert, die man nun noch etwas abschwächen möchte. "Wir müssen das Auto noch leichter machen, uns mit dem Thema Kers beschäftigen, und wir müssen noch sehr viel mehr Fortschritte auf dem Sektor Aerodynamik machen."

Die Zukunft des Teams sei "kurzfristig gesichert", sagte der Teamchef weiter. Den Zeitraum, den er damit umschrieb, umfasst etwa eineinhalb bis zwei Jahre. Für die Zeit danach müsse man nach einem Geldbeger suchen, der von Zielsetzung und Stil zur Mannschaft aus Brackley passe. Die Chancen steigen, denn Brawn macht sich als derzeitiger Dominator attraktiv. Ob es schon 2009 zum Titelgewinn reicht? "Ich denke noch nicht einmal darüber nach! Es wäre ebenso unglaublich wie unrealistisch."

Fotoquelle: xpb.cc

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