Ehre, wem Ehre gebührt: Ross Brawn ist der Mann der Stunde in der Formel 1

Formel 1 2009

— 16.04.2009

Surer: "Beispiellose Meisterleistung von Brawn"

Auch wenn viele den Erfolg von Ross Brawn noch Honda zuschreiben, ist unser Experte Marc Surer von dessen Leistungen tief beeindruckt

Colin Chapman hat einmal gesagt: "Gewinne einmal und alle freuen sich mit dir, aber gewinne ein zweites Mal, dann hassen dich alle!" So oder so ähnlich scheint es sich mit dem unerwarteten Erfolgsrun des neuen Teams von Ross Brawn zu verhalten, das mit Jenson Button bei den beiden Auftaktrennen in Melbourne und Sepang gesiegt hat.

Denn während sich die meisten Fans noch an der erfreulichen Abwechslung an der Spitze ergötzen, wird im Fahrerlager schon genörgelt: Brawn fährt mit illegalem Diffusor (obwohl der von der FIA gestern als legal eingestuft wurde), Brawn ist eigentlich nur Ex-Honda, Brawn ist alles andere als ein Privatteam, sondern hatte Zugriff auf die Ressourcen eines großen Herstellers - und war noch dazu 2008 nicht in einen intensiven WM-Kampf verwickelt.

Der Konkurrenz voraus

Die meisten dieser Argumente lassen sich kaum widerlegen, doch ganz nüchtern betrachtet schmälert das den Erfolg nicht: Dem Ex-Ferrari-Mastermind ist es immer noch gelungen, innerhalb eines einzigen Jahres aus einer am Boden liegenden und völlig demoralisierten Mannschaft ein Team zu formen, das plötzlich um den WM-Titel mitfährt. Diffusor hin, Honda-Ressourcen her - Teams wie Toyota oder das BMW Sauber F1 Team haben so ein Über-Nacht-Wunder noch nie vollbracht.

"Letztes Jahr habe ich gedacht: 'Mein Gott, er bewegt nicht viel.' Aber er scheint wirklich gesagt zu haben: 'Da lässt sich eh nichts mehr machen, also denken wir lieber an die Zukunft!'", analysiert 'Motorsport-Total.com'-Experte Marc Surer und zeigt Respekt vor Brawns sensationellem Erfolg: "Die Leistung ist höher zu bewerten als die, als er zu Ferrari kam. Damals hat er länger gebraucht. Das jetzt ist eine Meisterleistung, die in der Formel 1 beispiellos ist."

"Die Ausreden, dass er mehr Ressourcen zur Verfügung hatte, kann ich nicht nachvollziehen. Was ist denn mit dem Supercomputer des BMW Sauber F1 Teams? Die haben auch gesagt, dass sie sich auf 2009 konzentrieren. Deshalb hat sich Kubica sogar einmal beklagt, weil sie sich zu wenig um das 2008er-Auto gekümmert haben. Sie haben den besten Windkanal und sie hatten genauso viel Zeit", argumentiert Surer und sagt: "Also hat Brawn ganz einfach bessere Arbeit geleistet."

Auffällig ist 2009, dass die großen Konstrukteure der vergangenen Jahre wieder zugeschlagen haben: Brawn mit dem BGP 001, Adrian Newey mit dem RB5. Surer: "Brawn hat ein Superauto gebaut - genau wie Adrian Newey, wenn auch ohne Diffusor. Auch Newey ist mit diesem Reglement einen eigenen Weg gegangen und hat ein Auto hingestellt, das einfach schnell ist. So gesehen müssen sich einige andere an der eigenen Nase fassen."

Am größten dürfte der Ärger jedoch bei Honda sein, denn der japanische Automobilhersteller hat - erst noch als BAR-Honda, dann komplett unter eigener Flagge - seit 2000 erfolglos versucht, an alte Glanzzeiten anzuknüpfen. Am Ende wurden dafür pro Jahr bis zu 400 Millionen Euro ausgegeben. Just als der große Geldhahn zugedreht und der Ausstieg aus der Formel 1 beschlossen wurde, kam Brawn daher - und erntet nun die Früchte seiner im Jahr zuvor begonnenen Arbeit.

Was muss in den Honda-Managern vorgehen?

TV-Kollege Jacques Schulz meinte nach Buttons Sieg in Melbourne: "In Tokio springen die Honda-Manager jetzt aus den Hochhäusern." Und sein Kommentatorenpartner Surer ist davon überzeugt: "Honda wäre sicher dabei geblieben, wenn sie das gewusst hätten. Aber man muss auch sagen: Ohne Mercedes-Motor wäre es wohl nicht so vorwärts gegangen. Da sind die Aussagen der Fahrer eindeutig", hält der Ex-Grand-Prix-Pilot fest.

Ein weiteres Erfolgsgeheimnis von Brawn könnte die schlankere Struktur sein, denn während Honda mit dem Personaloverkill von 700 und mehr Mitarbeitern einen Flop nach dem anderen fabrizierte, wurde die Belegschaft in Brackley inzwischen um 250 Mitarbeiter reduziert. Motto: "Klein und effizient ist besser als aufgebläht und unbeweglich." Damit hatte schon David Richards bei BAR-Honda Erfolg, bis seine Mission beendet war.

Surer kann sich durchaus vorstellen, dass eine schlankere Teamstruktur gerade in Zeiten der Weltwirtschaftskrise ein zukunftsweisendes Konzept sein könnte: "Renault hat das damals schon vorgemacht und gegen McLaren-Mercedes und Ferrari Weltmeisterschaften gewonnen", vergleicht der Experte. "Dabei hatten sie deutlich weniger Geld. Nicht zu vergessen das größte Team, Toyota. Da muss man ganz klar sagen: Klein ist manchmal besser!"

Die Preisfrage ist nun: Wie schnell wird die Konkurrenz den Diffusornachteil aufholen? "Ich glaube, dass der Prozess nicht so schnell vonstatten geht. Man kann ein Auto nicht mit links umbauen und dann ist man sofort so schnell wie Brawn", so Surer. "Ich traue den Topteams aber schon zu, dass sie aufholen werden, denn speziell Ferrari ist ja nicht weit weg. Vielleicht können sie Schritt für Schritt aufholen und in Barcelona wieder auf einem Level wie Brawn fahren."

Fotoquelle: xpb.cc

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