Haben schon bessere Zeiten gemeinsam erlebt: Ron Dennis und Lewis Hamilton

Formel 1 2009

— 17.04.2009

Von kleinen Notlügen und großen Folgen

Die Lügenaffäre um McLaren-Mercedes zieht immer weitere Kreise - Bruch zwischen Dennis und Hamilton - Was Experte Marc Surer meint

Hand aufs Herz: Haben Sie noch nie die Behörden belogen? Haben Sie am Steuer noch nie das Handy verschwinden lassen, wenn ihnen ein Streifenwagen entgegenkam? Haben Sie noch nie um ein paar km/h geschummelt, wenn sie ein Polizist nach ihrer Geschwindigkeit gefragt hat? Eben. Dabei ist letztere Lüge eigentlich völlig sinnlos, weil man durch die Radarfalle gnadenlos enttarnt wird.

Aber so ähnlich muss man sich die Situation von Lewis Hamilton vorstellen, als er in Melbourne aus dem Auto stieg, um anschließend den FIA-Kommissaren ins Gesicht zu lügen. Ehrenhaft? Nein. Vorbildlich für seine vielen jugendlichen Fans? Keinesfalls! Zumindest bis zu einem gewissen Grad verständlich? Wahrscheinlich schon. Denn eines muss man selbst einem Formel-1-Weltmeister zugestehen: Jeder Mensch macht Fehler.

Vom Strafzettel zum Millionenfehler

"Lewis hat sich vor laufenden Kameras vor die Weltöffentlichkeit gestellt. Er hat gesagt, er hat einen Fehler gemacht. Er ist ein junger Mann, der auch mal einen Fehler machen darf, auch wenn das nicht zur Regel werden soll", sagt Norbert Haug über seinen Schützling. Was der Mercedes-Sportchef aber bei allem Verständnis vergisst: In der Formel 1 geht es eben nicht um einen billigen Strafzettel, der mit ein paar Euro wieder gerichtet ist, sondern um ein Milliardenbusiness.

Die Kreise, die die Lügenaffäre inzwischen zieht, nehmen langsam ein unvorstellbares Ausmaß an. Erst wurde Sportdirektor Dave Ryan, der Hamilton zur Lüge angestiftet hat, entlassen. Als "Bauernopfer", wie sogar Bernie Ecclestone höchstpersönlich vermutet. Für die Silberpfeile nicht unpraktisch: Ryan ist nun nicht mehr Mitarbeiter des Teams und kann damit auch nicht zur Anhörung vor dem FIA-Weltrat am 29. April in Paris vorgeladen werden.

Wirklich dramatisch wurde es aber gestern, als Ron Dennis, bereits seit 1. März nicht mehr Teamchef, in der Fabrik in Woking vor die Presse trat. "Mister McLaren", langjähriger Intimfeind von FIA-Präsident Max Mosley, erklärte völlig unerwartet seinen kompletten Rückzug aus der Rennsportdivision. Plötzlich will er sich den seit Jahren gehegten Traum vom Bau eines eigenen Supersportwagens erfüllen. Aber warum gerade jetzt?

Hamilton gab heute an, der Rücktritt sei für ihn "überraschend" gekommen. Als 'Motorsport-Total.com' bei einem Mercedes-Sprecher kurz nach Aussendung der Pressemitteilung um eine Klarstellung bat, kannte man in Stuttgart noch nicht einmal deren Inhalt. Kommuniziert wurde offiziell auf dem Papier von McLaren Automotive, nicht auf dem von McLaren-Mercedes. Man gewinnt den Eindruck: Die Distanz zwischen Woking und Stuttgart war noch nie größer.

Einfluss von außen?

"Niemand hat mich zum Rücktritt gezwungen. Es war meine eigene Entscheidung", hält Dennis fest. Doch wir haben noch seinen Nachfolger Martin Whitmarsh im Ohr, wie er uns erklärt, dass nun ein neues, positives Verhältnis zur FIA aufgebaut werden soll. Mosley hat möglicherweise zu Hause eine Flasche Champagner geköpft, als er vom Dennis-Rücktritt erfuhr. Und dem FIA-Weltrat wird auf diese Weise signalisiert: "Wir wollen keine Konfrontationen mehr."

"Wenn Max und die FIA der Meinung sind, dass mein Rücktritt gut für das McLaren-Team ist, dann in Ordnung", sagt Dennis. "Das geht mich nichts an. Ich werde oft als Max' Widersacher dargestellt, aber das ist nicht der Fall." Gleichzeitig räumt er ein: "Mit mir ist nicht leicht auszukommen. Ich habe in der Formel 1 immer hart für die Interessen von McLaren gekämpft. Ich glaube daher nicht, dass Max und Bernie wegen meiner Entscheidung enttäuscht sein werden."

Wer zwischen den Zeilen liest und konspirativ veranlagt ist, der mag denken: Nach Ryan wird nun noch ein "Bauernopfer" vollzogen. Haug äußert sich zu solchen Gerüchten genau wie Kollege Whitmarsh: "Ich kann niemandem verbieten, da Rückschlüsse zu ziehen. Ob die richtig sind, sei mal dahingestellt. Ich äußere mich dazu nicht", so der Mercedes-Sportchef. Und: "Ich habe mit Ron nach wie vor ein partnerschaftliches, freundschaftliches Verhältnis."

Das scheint für die Achse Dennis/Hamilton nicht mehr zu gelten. Es ist inzwischen mehr als ein Gerücht, dass Managervater Anthony Hamilton hinter den Kulissen Stimmung gegen den Ex-Teamchef gemacht haben soll. Jetzt ist Dennis weg. Zwar waren mit Sicherheit nicht nur die Hamiltons verantwortlich für seinen Rücktritt, doch dass sich ihr Wunsch erfüllt hat, zeigt, wie mächtig Hamilton sen. dank des kommerziellen Werts seines Sohnes geworden ist.

Interview mit Hamilton jun. nach dem Freitagstraining in Schanghai: Ein Journalist fragt, ob Dennis' Abgang gut für das Team ist. "Dazu kann ich nichts sagen", entgegnet der 24-Jährige. Aber begrüßt du seine Entscheidung, Lewis? "Ich werde nicht dagegen ankämpfen." Das klingt nicht mehr nach der bedingungslosen Liebe, die den Wunderknaben einst mit seinem Mentor verbunden hat, als ihm aus einem Arbeiterviertel in England an die Spitze der Formel 1 geholfen wurde.

Väterliche Töne über Hamilton

Dennis sagt heute über Hamilton: "Lewis' Karriere war bisher phänomenal. Es ist aber sehr, sehr schwierig für ihn, das Image der Perfektion zu erfüllen, das er weltweit repräsentiert." Und fast schon demonstrativ fügt er an: "Es gibt kein Problem mit Lewis oder Anthony Hamilton." Aber, mal ganz ehrlich: Was soll er auch sagen? Es ist in der zugeknöpften Formel 1 heutzutage nicht mehr üblich, die Dinge offen beim Namen zu nennen.

Dem "Mister McLaren" wird vorgeworfen, er soll versucht haben, Hamiltons Lügengeständnis in Sepang via Telefon mit aller Kraft zu verhindern. Aber das streitet er mit folgenden Worten ab: "Jeder auf der Welt macht Fehler, aber nur wenige haben die Courage, ehrlich dazu zu stehen. Für mich war es sehr schmerzhaft, mir das ansehen zu müssen, und sein Schmerz war nicht geringer als meiner. Nur war meiner weit weg, weil ich nicht vor Ort war, um ihn zu unterstützen."

Zu Gerüchten, wonach Hamilton das Team wechseln könnte, hält Dennis fest: "Lewis hat einen langfristigen Vertrag. Er hatte das Glück, immer in einem konkurrenzfähigen McLaren zu sitzen. Jetzt nicht mehr, aber so ist der Motorsport. Die Leute vergessen aber, dass wir die Nummern eins und zwei auf unseren Autos haben. Vielleicht wird das nächstes Jahr nicht mehr der Fall sein, aber wir werden alles dafür geben, dass wir sie in zwei Jahren zurückbekommen."

Hamilton selbst meint zu seiner Transfersituation: "Ich stehe beim Team unter Vertrag und bin hier glücklich." Nachfrage eines Journalisten: Ist das ein Ja? Antwort: "Ich bin hier glücklich." Was das bedeuten mag, überlassen wir unseren Lesern selbst. Nur zur Klarstellung: Wie man aus unbestätigten Quellen hört, soll der millionenschwere Vertrag bis Ende 2012 laufen. Ende 2007 wurde demnach ein neuer, lukrativerer Fünfjahresvertrag aufgesetzt.

Erst 100 Millionen, jetzt WM-Ausschluss?

Doch noch denkt niemand an 2012, sondern alles nur an den 29. April. Dann wird der FIA-Weltrat über weitere Sanktionen in der Lügenaffäre entscheiden. Uns wird aus gut informierten Kreisen zugetragen: Nach der Spionageaffäre von 2007, die mit einer Geldstrafe über 100 Millionen US-Dollar abgehandelt wurde, könnte es wieder ein drakonisches Urteil geben. Mancherorts ist sogar von einem möglichen WM-Ausschluss die Rede.

Haug plädiert: "Wir haben uns entschuldigt, das ist Fakt. Was Dave Ryan angeht, hat das Team schon Konsequenzen gezogen. Jetzt gibt es noch die anstehende Verhandlung. Wir haben sicherlich eine Strafe erhalten - sechs Punkte Abzug sind deutlich, wenn die WM zweimal in zwei Jahren um einen Punkt entschieden wurde. Aber wir kooperieren und kommunizieren mit der FIA. Ich glaube, das wird uns dort sehr hoch angerechnet."

Und Dennis fügt an: "Wir werden unser Bestes geben, um die Fehler zu erklären, die gemacht wurden. Hoffentlich werden diese als Fehleinschätzung akzeptiert. Unsere Firma hat 20 Weltmeisterschaften gewonnen. Ich hoffe, dass der Eindruck von McLaren positiv genug ist, um diesen kurzen Moment der Probleme zu überwinden." Auffällig: Dennis, 15-Prozent-Teilhaber der McLaren-Gruppe, spricht in Zusammenhang mit dem Team noch von "wir".

Bis jetzt gilt die Version, dass Hamilton in Melbourne von Ryan zur Lüge angestiftet wurde. Dabei hat Hamilton ausgerechnet am Donnerstag in Melbourne gesagt: "Ich bin nicht der Typ Mensch, der sich in etwas hineindrängen lässt, was er nicht möchte." Gewiss, er bezog sich dabei lediglich auf seine Nichtmitgliedschaft in der Fahrergewerkschaft GPDA, doch offenbar hat er seine Prinzipien schon drei Tage später über den Haufen geworfen...

Unabhängig davon wurde in unserer Redaktion im Hinblick auf den FIA-Weltrat folgendes Szenario diskutiert: Der Daimler-Konzern hat gerade ein milliardenschweres Sparpaket geschnürt, um die Weltwirtschaftskrise meisten zu können, und das Formel-1-Team fährt der Konkurrenz derzeit nur hinterher. Angenommen, es sollte tatsächlich zu einem WM-Ausschluss kommen, dann war der Zeitpunkt dafür noch nie so günstig wie 2009.

Mach's wie Brawn!

Denn in Woking und Brixworth könnte man sich ohne laufenden Rennbetrieb auf 2010 konzentrieren und ein ähnliches Wunder wie derzeit Brawn auf die Grand-Prix-Bühne zaubern. Schließlich ist ja alles so einfach, wenn man nur genug Ressourcen hat und im Jahr davor nicht in einen WM-Kampf verwickelt war, wie uns wieder und wieder eingetrichtert wird. Also müsste man in so einem Szenario den WM-Titel 2010 nur noch vom Silbertablett nehmen.

Doch 'Motorsport-Total.com'-Experte Marc Surer findet, dass das ein zu einfach gestrickter Gedankengang ist: "Und was machen sie mit ihren 1.000 Mitarbeitern? Außerdem hängt das ja nicht nur von Mercedes ab. Da gibt es Sponsoren, da gibt es Verträge", argumentiert der ehemalige Formel-1-Pilot. Vielmehr findet er, dass die Tragweite im Falle eines WM-Ausschlusses für McLaren-Mercedes "sehr dramatisch" wäre.

Und Surer appelliert an die FIA: "Man kann die Formel 1 mit solchen Entscheidungen auch kaputt machen. Der klare Beschiss von BAR-Honda mit dem Zusatztank wurde 2005 auch nur mit zwei Rennen Sperre bestraft. Daher kann es nicht sein, dass eine Lüge, deren Tragweite gar nicht so schlimm war - es ging nur um einen Punkt -, plötzlich zum WM-Ausschluss führen soll. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die FIA so unverhältnismäßig urteilen wird."

"Es war eine kleine Lüge, die jeder von uns schon einmal von sich gegeben hat, wenn er von einem Polizisten aufgehalten wurde. Man muss ja auch im Sinne der Formel 1 entscheiden - und zwei Autos weniger sind nicht gut für die Formel 1", so der Schweizer. Für ihn würde eine eingehende Verwarnung mit WM-Ausschluss nur im Wiederholungsfall noch am ehesten Sinn machen: "Das wäre für mich die ideale Strafe", sagt Surer.

Fotoquelle: xpb.cc

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