Mike Gascoyne war als 'BBC'-Reporter in Schanghai unterwegs

Formel 1 2009

— 20.04.2009

Gascoyne: "Hoffentlich kann man es verhindern"

Ex-Force-India-Technikchef Mike Gascoyne im exklusiven Interview über Diffusorenstreit, Budgetobergrenzen und Jobchancen

Mike Gascoyne steht parat. Der frühere technische Leiter von Toyota und Force India bietet seine Hilfe bei zurzeit schwachbrüstigen Teams an. Mit großem Interesse hat der Brite die Diskussionen der vergangenen Wochen um die Diffusoren von Brawn, Williams und Toyota verfolgt. Die gesamte Szenerie sei eine logische Konsequenz der Regeln gewesen. Warum Gascoyne die aktuellen Pläne für eine Budgetobergrenze in der Formel 1 für weniger logisch hält, erklärte er im Interview mit 'Motorsport-Total.com'.

Frage: "Mike, wie stehst du zu den neuen technischen Regeln in der Formel 1, der geplanten Budgetobergrenze und der ganzen Diffusordiskussion?"
Mike Gascoyne: "Ich finde erst einmal, dass die neuen technischen Rahmenbedingungen gelungen sind. Da hat die gesamte Gruppe und auch die Leute bei Fondmetal, wo die Untersuchungen liefen, gute Arbeit abgeliefert. Ich meine auch, dass Überholen einfacher geworden ist. Wir haben bisher doch tolle Rennen gesehen. Ich muss aber sagen, dass es unglaublich schwierig ist, ein solches Regelement auf Anhieb ohne jegliche Lücke zu formulieren."

"Sie haben es immerhin zu 99,9 Prozent hinbekommen. Eine kleine Lücke ist aber geblieben, daher gab es die Diskussionen um die Diffusoren. Man muss einfach akzeptieren, dass solche Dinge passieren können. Wir haben gut durchdachte Regeln in den vergangenen zehn Jahren gehabt, aber wenn man sie komplett umformuliert, dann passieren eben solche Kleinigkeiten. Meine Meinung im Bereich Diffusor ist, wenn man es mal schwarz oder weiß sieht, dass diese Diffusoren komplett illegal sind. So waren die Regeln nicht gemeint. Aber das Problem ist, dass wenn diese Regeln geschrieben werden, sie sofort in Stein gemeißelt sind."

"Das bedeutet, dass man sie nur noch ändern kann, wenn alle zustimmen. Die Teams wollten das nicht tun, obwohl Ross Brawn dieses Thema in der technischen Arbeitsgruppe vorgebracht hat. Da haben das BMW Sauber F1 Team und auch Renault gesagt, dass sie keinesfalls eine Änderung wollen. Wenn man es nicht ändert, dann kommt eben so etwas dabei heraus. Letztlich existiert so etwas wie der Geist eines Reglements gar nicht. Es wird eben zum Schluss von Richtern am FIA-Berufungsgericht entschieden, und diese Leute lesen das Reglement und kennen dann nur Schwarz oder Weiß. Das bedeutet in diesem Fall dann eben, dass sie legal sind."

Frage: "Bist du wirklich zu 100 Prozent sicher, dass Ross Brawn das frühzeitig vorgebracht hat und es ändern lassen wollte?"
Gascoyne: "Ja. Wir haben damals über einen Bereich unter dem Frontflügel diskutiert. Dann kam Ross und hat gesagt, dass es aus seiner Sicht einige andere Bereich gibt, die zu extrem teuren Entwicklungsmöglichkeiten führen könnten. Er nannte zum Beispiel den Diffusor, der eben so ausgelegt werden könnte, wie es eigentlich nicht dem Grundgedanken des Regelements entsprechen würde. Er hat nicht genaue Details zu den Möglichkeiten am Diffusor genannt, aber er hat gesagt, dass es mehrere Designs geben könnte, die in manchen Bereichen nicht ganz vom Regelement eingeschränkt sind."

"Ross wies damals darauf hin, dass er darüber gern diskutieren wolle. Aber zwei Teams sagten, dass sie mit den aerodynamischen Entwicklungen schon sehr weit seien und keine Änderung der Regeln wollten. Ab diesem Punkt muss man gar nicht mehr weiter diskutieren. Man kann nämlich nichts mehr korrigieren, wenn zwei Teams von vornherein dagegen sind. Ross war diesbezüglich sehr fair. Und wenn er jetzt diese Lücken gut ausnutzt, dann hat er eben gute Arbeit gemacht."

Frage: "Jezt kommt Flavio Briatore mit der Forderung, dass Brawn nicht den Platz von Honda einnehmen darf, weil ausgerechnet Ross Chef der technischen Arbeitsgruppe war..."
Gascoyne: "So wie ich das verstehe, ist Brawn ein neues Team. Somit haben sie dann auch keinen Anspruch auf Geld, welches ihnen aufgrund der Ergebnisse vergangener Jahre zustehen würde. BAR hat damals Tyrrell komplett übernommen und auch im Grunde die Historie geerbt, aber Brawn kommt als neue Mannschaft. Am Ende des Jahres wird abgerechnet und dann sollen sie das bekommen, was ihnen zusteht."

Frage: "Nochmal zurück zum Diffusor. Man hat diese Bauteile ja schon vor rund zwölf Wochen bei den ersten Tests von Williams und Toyota erstmals am Auto gesehen. Hätte man das nicht alles früher klären können? Vielleicht über eine Homologation oder etwas dergleichen?"
Gascoyne: "Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Niemand möchte zwei Rennen bestreiten, während eine solche endgültige Klärung noch aussteht. Leider muss man sich da aber an klare Regeln halten. Fakt ist, dass man erst gegen ein Auto protestieren kann, wenn es erstmals durch die offizielle Abnahme an einem Rennwochenende gekommen ist. Vorher kann man keinen Protest platzieren. Nirgends steht, dass du beim Testen ein legales Auto fahren musst. Es ist also schwierig, vor dem ersten Rennen überhaupt etwas zu unternehmen. Es ist eben nicht möglich, schon im Januar gegen ein möglicherweise illegales Auto vorzugehen. Das ist vielleicht schade, aber so müssen die Regeln nun einmal sein."

Frage: "Gibt es denn zum Beispiel nicht die Möglichkeit, dass die Teamvereinigung FOTA eine solche Homologation durchsetzt?"
Gascoyne: "Ja vielleicht, aber so einfach ist das auch nicht. Eine solche Homologation wäre ja frühestens eine Woche vor dem ersten Rennen möglich, weil sich alle Teams bis dorthin noch viele Veränderungen offenhalten möchten. Das ist schwierig. Ich muss aber auch noch etwas zu der geplanten Budgetobergrenze sagen. Das wird es ja zwei Systeme parallel geben. Es gab bisher noch keine einzige Formelserie auf der Welt, wo so etwas funktioniert hat. Ich bete, dass man davon Abstand nimmt."

"Ich finde, dass Max Mosley mit dem Weg zu einer Budgetobergrenze schon ganz richtig liegt, denn es gibt kaum eine andere Möglichkeit. Ich finde aber, dass die geplante Grenze zu niedrig ist. Ich als Ingenieur und Fan der Formel 1 wünsche mir aber, dass wir ein zweigleisiges System vermeiden können. Die Öffentlichkeit versteht doch gar nicht mehr, wer warum gewonnen hat. Wir hatten das zu Turbozeiten doch auch. Wer erinnert sich schon noch daran, dass Jonathan Palmer damals im unterlegenen Tyrrell gewonnen hat? Keiner! Ich hoffe, wir können eine solche Situation vermeiden."

Frage: "Ist es aus deiner Sicht möglich, ein Formel-1-Team mit 32 Millionen Euro zu betreiben?"
Gascoyne: "Das dürfte sehr schwierig sein. Ich denke, dass man über 50 Millionen reden kann, aber alles andere ist zu wenig. Sonst müsste man einfach bei den Autos zu viel zurückrüsten. Die Formel 1 sollte sich immer vor Augen halten, dass man die Spitze des Motorsports darstellt. Das sind die besten Rennwagen. Die FIA hat selbst vor einigen Jahren eine Studie gemacht und das Ergebnis zeigte, dass die Fans die Technologie in der Formel 1 lieben und gern die fortschrittlichsten Fahrzeuge sehen möchten. Wir müssen zwar Kosten senken, aber wir müssen auch fortschrittlich bleiben."

Frage: "Was sind deine persönlichen Zukunftspläne?"
Gascoyne: "Ich weiß es noch gar nicht so genau. Ich arbeite zurzeit für die 'BBC'. Man wird sehen. Ich möchte eigentlich noch nicht ganz aus der Formel 1 verschwinden, denn das bedeutet mein Leben. In der Formel 1 sind immer mindestens sechs Teams in Schwierigkeiten und brauchen Hilfe. Ich bin also sicher, dass schon in häherer Zukunft etwas kommen wird."

Frage: "Willst du wieder als technischer Direktor anheuern, oder etwas anderes?"
Gascoyne: "Sich auf den Job eines technischen Direktors festzulegen wäre falsch. Es gibt eben nur zehn solcher Stellen in der Formel 1. Vielleicht kann ich als Berater eingesetzt werden, der die Leute vielleicht in gewisser Weise in eine bestimmte Richtung lenkt. Ich habe da viel Erfahrung. Ich bin da sehr offen, was neue Möglichkeiten anbelangt."

Fotoquelle: xpb.cc

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