BMW Motorsport Direktor Mario Theissen steht derzeit enorm unter Druck

Formel 1 2009

— 06.05.2009

BMW erwartet Steigerung um eine halbe Sekunde

BMW Motorsport Direktor Mario Theissen spricht über das neue Aerodynamikpaket für Barcelona - Doppeldiffusor hätte keinen Vorteil gebracht

Es klingt nicht nach der Aufbruchstimmung der vergangenen drei Jahre, wenn Mario Theissen sagt, dass das BMW Sauber F1 Team seine ehrgeizigen Saisonziele "zunächst mal zur Seite geschoben" hat. Vor dem Auftakt-Grand-Prix in Melbourne lautete die Vorgabe bekanntlich noch, Siege zu feiern und ernsthaft um den WM-Titel mitzukämpfen.

Davon kann nach gerade mal vier Punkten aus vier Rennen und vor allem dem Fiasko von Manama keine Rede mehr sein: "Wir sind im Moment nicht dazu in der Lage, ein Rennen zu gewinnen. Damit macht es keinen Sinn, über die WM zu sprechen. Jetzt geben wir Gas, schauen wir, wo wir hinkommen - und dann reden wir wieder über Ziele. Klar ist aber, dass wir auf keinen Fall nachlassen werden", so Theissen am Montag bei einem Abendessen in München.

"Wir haben vor, nach einem enttäuschenden Start das Maximum aus der Saison zu machen. Wir werden nicht nachlassen und die Saison verloren geben", gibt sich der Deutsche kämpferisch. "Natürlich steht nach diesen ersten vier Rennen die Enttäuschung über das Abschneiden im Vordergrund. Aber unsere Motivation ist ungebremst. Der Kampfgeist ist da und wir wollen aus diesem Tief herauskommen, uns möglichst schnell Schritt für Schritt nach vorne arbeiten."

Große Hoffnungen für Barcelona

Der erste dieser Schritte soll am kommenden Wochenende in Barcelona folgen, denn für den Europaauftakt hat das BMW Sauber F1 Team in Hinwil das erste Update der Saison entwickelt. Theissen setzt in dieses große Hoffnungen: "Das Aeropaket, das wir in Barcelona bringen, ist ein umfassendes, das praktisch alle Teile am Auto betrifft. Deswegen bin ich sehr zuversichtlich, dass wir dort den ersten Schritt machen werden."

"Wir erwarten, dass es uns um mehr als eine halbe Sekunde pro Runde schneller macht. Was das im Konkurrenzvergleich bedeutet, kann ich nicht sagen", wird der 56-Jährige etwas konkreter. Einen Doppeldiffusor bekommt der F1.09 vorerst noch nicht verpasst: "Wir hatten das Barcelona-Paket schon in der Entwicklung. Das Hinzufügen eines Doppeldiffusors hat nichts gebracht und der Doppeldiffusor alleine hätte nicht so viel gebracht wie das Barcelona-Paket."

Zwar steht Nick Heidfeld und Robert Kubica sehr wohl ein im Vergleich zu Manama veränderter Diffusor zur Verfügung, dieser kommt aber weiterhin ohne eine zweite Ebene aus. Ein solcher Doppeldecker wird erst mit dem nächsten Update eingeführt, für das es derzeit jedoch noch kein festes Datum gibt. Parallel dazu tüfteln die Ingenieure bereits an einem Leichtgewichtschassis, das vor allem dem großen und damit auch recht schweren Kubica helfen wird.

Im Gegensatz zu McLaren-Mercedes setzt das BMW Sauber F1 Team nicht auf die Philosophie, jedes neue Teil sofort ans Auto zu schrauben, sondern es wird auf die Saison verteilt mehrere große Updates geben: "Wir haben im Winter die Entscheidung getroffen, das Auto in Paketen weiterzuentwickeln und nicht in Einzelmaßnahmen", bestätigt Theissen. Bewerten könne man die Sinnhaftigkeit dieser Philosophie erst zu einem späteren Zeitpunkt.

Bisher noch keine Updates

"Das hat dazu geführt, dass das erste Paket in Barcelona kommt und wir in den ersten vier Rennen praktisch unverändert gefahren sind", so der BMW Motorsport Direktor. "Das Auto, das in Melbourne noch gut aussah, ist in Bahrain von allen anderen Teams überholt worden. Das lässt zunächst den Entschluss zu, dass unsere Entscheidung falsch war. Wir werden aber noch zwei, drei Rennen warten, um das endgültig zu bewerten."

Der Grund für diese Entscheidung war einerseits das geltende Testverbot, andererseits aber auch die starke Wechselwirkung zwischen den einzelnen Aerodynamikelementen: "Man kann nicht mehr davon ausgehen, dass man ein Teil entwickelt, es ans Auto schraubt, das nächste entwickelt und sich die Beiträge einfach addieren. Die Wechselwirkung ist so groß, dass man alles immer im Gesamten entwickeln muss", erläutert Theissen.

Auf diese Erkenntnis könnte seiner Meinung auch der Arbeitgeber von Ex-Schützling Sebastian Vettel, Red Bull, stoßen: "Der Red Bull", analysiert Theissen anerkennend, "ist ein guter Wurf. Sie haben den Doppeldiffusor nicht, aber aus meiner Sicht ist das das derzeit schnellste Auto. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass bei unserem Barcelona-Paket ein Doppeldiffusor nichts gebracht hat. Die Erfahrung werden sicher auch andere machen."

Auf das revolutionäre KER-System wird das BMW Sauber F1 Team in Barcelona komplett verzichten. Das heißt aber nicht, dass Theissen das Thema KERS komplett ad acta legen will. Man könnte das System durchaus noch leichter machen, denn "KERS ist ein absolutes Innovationsprodukt". Außerdem kündigt der Deutsche eine Überraschung an: "Wir werden uns das ganze KERS-Konzept noch einmal anschauen und wahrscheinlich noch in diesem Jahr eine andere Lösung bringen."

Theissen glaubt an KERS

"Ich bin der festen Überzeugung, dass ein schnelles Auto in der zweiten Saisonhälfte KERS an Bord haben wird", hält er grundsätzlich an seiner Linie fest. Das verwundert wenig, schließlich war BMW der einzige Hersteller, der KERS unbedingt schon in diesem Jahr einführen wollte. Allen anderen wäre eine Verschiebung auf 2010 oder ein einheitliches System lieber gewesen. Doch KERS ist ohnehin nicht der Grund für den Frust in Hinwil und München.

"Ich hätte erwartet, dass sich das Feld gerade bei den ersten Rennen sehr weit auseinander zieht. Das Gegenteil ist der Fall: Es ist so dicht gedrängt wie nie zuvor", sucht Theissen nach Ursachen für die miserablen Ergebnisse. "Es haben sich drei Teams an die Spitze gesetzt, die vorher noch nie ein Rennen gewonnen haben. Zwei davon haben inzwischen ein Rennen gewonnen. Und die Abstände dahinter sind extrem eng, sodass im Laufe der Saison noch viel passieren kann."

Das ist auch wichtig, denn Theissen steht unter Druck: "Natürlich freut man sich im Unternehmen genauso wenig über die aktuelle Performance wie wir im Rennteam. Man weiß aber auch, dass wir in den letzten drei Jahren gezeigt haben, dass wir nach vorne marschieren können, und man weiß auch, dass man nicht immer Rückenwind hat, sondern dass man auch schwierige Phasen durchstehen muss. Das gehört zum Geschäft."

Der Deutsche arbeitet so hart wie nie zuvor, fährt weiterhin mindestens einmal pro Woche von München nach Hinwil und wieder zurück. Wenn diese Arbeit nicht von Erfolg gekrönt ist, frustriert das. Aber Theissen kann mit dieser Situation umgehen: "In den Jahren vor 2006 habe ich so etwas schon mal erlebt - so ausgeprägt, dass es zur Entscheidung geführt hat, ein eigenes Team zu gründen. Das war ja kein Selbstzweck..."

Fotoquelle: xpb.cc

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