Hat gut lachen: Ross Brawn schwimmt mit seinem Team auf einer Erfolgswelle...

Formel 1 2009

— 11.05.2009

Brawn nach Barcelona: "Es gibt keine Bevorzugung"

Brawn-Teamchef Ross Brawn im Interview über den Großen Preis von Spanien, Boxenstrategien und das Kräfteverhältnis in der neuen Formel 1

Eigentlich hatte sich Rubens Barrichello beim Europaauftakt der Formel 1 in Barcelona gute Siegchancen ausgerechnet. Als der Brasilianer beim Start an Pole-Sitter und Teamkollege Jenson Button vorbeigehen konnte, schien der Zehner für den Brawn-Piloten schon vorgezeichnet zu sein - doch Button stellte seine Strategie um und schlug Barrichello ein Schnippchen. Im Interview nahm Teamchef Ross Brawn Stellung zu dieser entscheidenden Szene und weiteren aktuellen Themen.

Frage: "Ross, Jenson hat wieder einmal gewonnen. Die Dinge schauen gut für euch aus..."
Ross Brawn: "Das war ein sehr hartes Wochenende. Wir hatten anfangs ein bisschen mit unserem neuen Aero-Paket zu kämpfen - besonders Jenson. Letztendlich haben wir aber doch eine gute Balance ins Auto bekommen. Beide Fahrer haben einen herausragenden Job abgeliefert. Zur Rennmitte sind wir mit Rubens' Strategie etwas in Schwierigkeiten geraten und müssen uns das noch einmal genau anschauen."

"Für uns war eine Dreistopp-Strategie aber am schnellsten, also haben wir ursprünglich beide Autos darauf angesetzt. Im Falle von Jenson hätte ihn das in Verkehr gebracht und wir hatten diesbezüglich einige Bedenken. Also haben wir ihn auf eine Zweistopp-Strategie umgepolt. Rubens' Pace auf den Reifen war prima, doch im Mittelstint wurde er langsamer. Wir müssen noch genau analysieren, warum das geschehen ist - denn das hat ihn das Rennen gekostet."

Keine Benachteiligung von Barrichello

Frage: "Rubens war nach dem Rennen nicht gerade glücklich. Vielleicht hat er sich gedacht: 'Was bei Jenson gut geklappt hat, war nicht gut genug für mich'?"
Brawn: "Das wäre möglich, aber wir haben eine solche Leistung nicht erwartet. Wenn man sich die Rundenzeiten, die jeweiligen Reifen und Benzinmengen ansieht, dann sieht man ganz klar, dass er deutlich langsamer war, als wir gehofft hatten. Dadurch hat er das Rennen verloren, denn Jenson war mit mehr Sprit an Bord schlichtweg schneller."

Frage: "Das Team begünstigt also nicht Jensons Titelkampf?"
Brawn: "Nein."

Frage: "Wer hat über die Strategie entschieden?"
Brawn: "Das ist letztendlich eine gemeinsam gefällte Entscheidung. Die Jungs stellen alle Informationen zusammen und geben dann Empfehlungen ab. Am Kommandostand treffe ich dann eine Entscheidung. So liegt es also an mir, ob es eine gute oder eben eine schlechte Entscheidung ist."

Frage: "Vielleicht ist Rubens' das durch den Kopf gegangen..."
Brawn: "Das hoffe ich nicht, denn so war es nicht. Man hat doch in der ersten Kurve ganz klar gesehen, dass es keine Teamorder gab. Rubens hat einen tollen Start hingelegt und konnte Jenson überholen. Ich würde es wirklich gerne sehen, wenn Rubens und seine Crew ein Rennen gewinnen würden. Das wäre einfach großartig für das gesamte Team. Es gibt aber keine Bevorzugung."

Frage: "Kannst du Rubens' Haltung nachvollziehen, wenn du seine langjährige Rolle an der Seite von Michael Schumacher bedenkst?"
Brawn: "Das ist doch nur natürlich. Ich will keinen Fahrer in meinem Team haben, der glücklich darüber ist, besiegt worden zu sein. Ich halte es vielmehr für ein gesundes Zeichen, dass Rubens nicht zufrieden ist. Es würde mich doch sehr verwundern, wenn er glücklich darüber wäre, von Jenson geschlagen worden zu sein."

Frage: "Könnte es zu einer Situation kommen, in der Rubens wie bei Ferrari zu einer Nummer zwei wird?"
Brawn: "Nein."

Brawn sieht in Red Bull den Hauptkonkkurrenten

Frage: "Besteht die Gefahr, dass die Meisterschaft zu einer Flucht nach vorne wird?"
Brawn: "Das ist etwas, wogegen ich nichts unternehmen kann. Wir kämpfen mit Händen und Füßen um jedes Rennen und wollen immer so gut wie möglich abschneiden. Wir haben ein Team, das sich gemeinsam dieser Aufgabe stellt. Die harten Prüfungen im Winter scheinen alle nur noch mehr angespornt zu haben und alles funktioniert im Augenblick einfach reibungslos. Dennoch werden wir auf der Hut sein."

Frage: "Das erste Europa-Rennen ist vorbei und ihr liegt noch immer vorne..."
Brawn: "Sebastian Vettel hätte uns das Leben in Spanien deutlich schwerer machen können - hätte er nur eine freie Straße gehabt. Man hat ganz deutlich gesehen, dass er etwas schneller geworden ist, sobald auch Massa an Tempo zugelegt hat. In meinen Augen hatte Vettel in Barcelona ein gutes Blatt auf der Hand, konnte seine Karten aber nicht ausspielen. Das ist jetzt schon das zweite Rennen, in dem er nicht das zeigen konnte, zu was er imstande ist."

Frage: "Läuft es auf ein Duell zwischen Brawn und Red Bull hinaus?"
Brawn: "Derzeit sieht es schon so aus, oder? Es scheint so, als ob es sich derzeit hauptsächlich auf diese beiden Rennställe beschränkt. Diese Teams haben die Möglichkeiten der neuen Regeln verstanden und wissen eine starke Mannschaft hinter sich. In meinen Augen ist Red Bull derzeit unserer größter Widersacher. Andere Teams werden im weiteren Verlauf dieser Saison kommen und gehen - auf längere Sicht sieht Red Bull aber sehr stark aus."

Frage: "Wie steht es mit Ferrari und McLaren?"
Brawn: "Ferrari hat am Wochenende deutlich besser ausgesehen. Das Rennen lief nicht besonders gut für sie, aber sie haben seit dem Saisonstart einen großen Schritt nach vorne gemacht. Sie waren auf Startplatz vier und konnten sich auch im Rennen in den Top 5 bewegen. Sie haben sich also ziemlich verbessert."

Frage: "Die großen Teams haben schwer zu kämpfen. Ist das eine Erleichterung?"
Brawn: "So würde ich das nicht bezeichnen. Wir sehen in Red Bull unseren Hauptgegner und die anderen Teams sind aktuell mehr oder weniger konstant. Red Bull ist allerdings konstant gut dabei. Für uns ist es viel besser, wenn die Leute uns keine Punkte wegnehmen, aber dafür vor Red Bull liegen."

Frage: "Das erste Update hat für Brawn prima funktioniert. Werden die kommenden Modifikationen ebenfalls derart gute Fortschritte bringen?"
Brawn: "Das kann man nie mit Sicherheit sagen. Wir haben eine Gruppe von Leuten, die sich um diese Belange kümmert. Sie arbeiten sehr hart im Hinblick auf den deutschen Grand Prix und die Vergangenheit hat gezeigt, dass sie das packen können. In Monaco werden wir ein paar Kleinigkeiten am Auto haben und auch in Istanbul. Das nächste größere Update folgt dann allerdings am Nürburgring."

Button beeindruckt in Barcelona

Frage: "Eigentlich wolltest du überhaupt kein eigenes Formel-1-Team. Macht es dir dennoch Spaß?"
Brawn: "Es geht mir nicht so sehr darum, meinen Namen auf dem Auto zu lesen. Aber Siege muss man einfach genießen. Genau deswegen sind wir da."

Frage: "Macht es einen Unterschied, ob man als Angestellter für jemanden arbeitet oder ob einem das Team gehört?"
Brawn: "Das ist genau der Punkt. Das Team ist um seiner selbst Willen erfolgreich. Es gibt keinen Besitzer oder Hersteller, der hinter allem steht. Wir machen das aus eigenem Antrieb. Das ist eine gewisse Portion Freiheit und vielleicht ist das auch der Grund, warum das Team derzeit so erfolgreich ist."

Frage: "Jenson denkt darüber nach, seinen Fahrstil umzustellen. Wie beeindruckend ist das denn bitteschön?"
Brawn: "Er ist ein sehr, sehr guter Fahrer. Er hat an diesem Wochenende wieder einmal sehr hart dafür gearbeitet, den Wagen zum Funktionieren zu bringen. Es hat nicht alles gepasst, aber er hat sich daran gewöhnt. Er macht einen großartigen Job. Fahrer müssen nun einmal das Beste aus ihrer jeweiligen Situation machen. Es bringt ja nichts, zu warten, bis der Wagen perfekt ist. Du musst zum gegenwärtigen Zeitpunkt deine beste Leistung zeigen - das gilt für alle Rahmenbedingungen. Wenn du nur eine Sekunde lang zögerst, wird dich jemand anders überflügeln."

Frage: "Wie viele Fahrer haben die Fähigkeit, ihren Fahrstil umzustellen?"
Brawn: "Das können viele Fahrer. Es geht aber vielmehr darum, wie viel Zeit man dabei verliert. Das ist der große Knackpunkt dabei. Wir wissen, welche Art von Auto Jenson bevorzugt und ein eben solches hatte er am Wochenende einfach nicht zur Verfügung. Zum Rennen hin konnten wir uns allerdings in diesem Punkt verbessern. Er leistet hervorragende Arbeit:"

Frage: "Wie hat dir seine Leistung bei vollem Tank gefallen?"
Brawn: "Seine Performance mit viel Sprit war der Schlüsselpunkt. Auf der anderen Seite hatte Rubens ein Problem mit seinen Reifen. Das waren die entscheidenden Szenen dieses Rennens. Jenson hat die Gelegenheit einfach beim Schopfe gepackt."

Frage: "Wie eng wäre es geworden, wenn Rubens' Reifen im dritten Stint mitgespielt hätten?"
Brawn: "Das wäre eine sehr enge Geschichte geworden. Zu einem gewissen Zeitpunkt waren sie ihrer Strategie eine Sekunde voraus. Mein Alptraum wäre gewesen, wenn beide nach dem letzten Boxenstopp auf gleicher Höhe in die erste Kurve eingebogen wären..."

Fotoquelle: xpb.cc

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