Bruno Senna hat nur ein Ziel: 2010 soll ihn der Weg in die Formel 1 führen

Formel 1 2009

— 22.05.2009

Interview: Bruno Senna und die Formel 1

Bruno Senna ist 2009 nicht in Monaco, sondern arbeitet von Brasilien aus an seinem Formel-1-Einstieg - Bestehendes Team klar bevorzugt

Der Name Senna und Monaco sind eng verbunden: Sechsmal hat der groe Ayrton zwischen 1987 und 1993 im Frstentum gewonnen, womit er noch heute Rekordhalter ist. Im Vorjahr gelang dann seinem Neffen Bruno, mit dem Ayrton frher oft auf der Kartbahn einen Riesenspa hatte, ein prestigetrchtiger Sieg in der GP2, der wegen seiner geschichtlichen Tragweite um die Welt ging.

Dieses Jahr ist Senna, inzwischen 25 Jahre alt, nicht in Monaco am Start. Nach seinem schweren Crash beim Langstreckenklassiker in Spa-Francorchamps erholt sich der Brasilianer in der Heimat von seinen Verletzungen. Parallel dazu treibt er aber seine Bemhungen, ein Formel-1-Cockpit zu ergattern, voran. Von Brasilien aus sprach er diese Woche mit 'Motorsport-Total.com', um seine deutschen Fans auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen.

Alle Konzentration gilt der Formel 1

Frage: "Bruno, an diesem Wochenende steigt das Formel-1-Rennen in Monaco. Wirst du dort sein?"
Bruno Senna: "Nein. Ich bin in Brasilien, habe hier einige Meetings. Ich versuche, den Ball in Sachen Formel 1 im Spiel zu halten, damit ich fr die Zukunft so gut vorbereitet bin wie mglich."

Frage: "Bist du traurig darber, nicht in Monaco zu sein? Ans Vorjahr, als du in der GP2 gewonnen hast, musst du ja sehr schne Erinnerungen haben..."
Senna: "Ja, ich finde es wirklich schade, dass ich dort nicht fahren kann. Monaco ist ein besonderer Ort fr mich, aber hoffentlich werde ich in Zukunft noch zahlreiche Gelegenheiten haben, nach Monaco zu kommen. Vielleicht kann ich dann das eine Jahr, das ich versumt habe, kompensieren."

Frage: "Wie fhlst du dich nach deinem Sportwagenunfall in Spa-Francorchamps? Geht es dir wieder gut?"
Senna: "Ja, mir geht es gut. Ich werde noch behandelt, weil es mit meinem linken Knie Komplikationen gab. Es wird aber mit jedem Tag besser und es ist keine groe Sache. Fr Le Mans werde ich auf jeden Fall hundertprozentig fit sein. Das ist auch die Hauptsache."

Frage: "Wie fhrt sich der Oreca-Courage-Sportwagen im Vergleich zu einem Formelauto wie etwa einem GP2- oder einem Formel-1-Boliden?"
Senna: "Es gibt vor allem einen groen Unterschied. Formel-1- oder Formelautos im Allgemeinen haben kleine Rder mit sehr hohen und schmalen Reifen. Ein Sportwagen hat sehr groe Rder mit sehr niedrigen Seitenwnden, fast wie bei einem PKW. Dadurch ist die Interaktion zwischen dem Auto und dem Asphalt ganz anders. Der Sportwagen fhlt sich daher in vielerlei Hinsicht ganz anders an, verhlt sich anders."

"Dazu kommt im Sportwagen eine andere Strategie, denn man muss anders fahren, um mit den Reifen ber die geplante Distanz - meistens eine Stunde - zu kommen. Auerdem stimmt man den Sportwagen nicht fr das Qualifying ab, um auf eine schnelle Runde die maximale Performance herauszuholen, sondern man denkt vor allem an Faktoren fr das Rennen. Zum Beispiel fahren ja viele verschiedene Kategorien gleichzeitig auf der Strecke. Diesen Autos muss man dann ausweichen. Es ist einfach eine ganz andere Racing-Philosophie. Das Auto an sich hat aber viel Leistung und viel Anpressdruck und gute Bremsen."

Frage: "Man hrt im Fahrerlager, dass Sbastien Bourdais' Cockpit bei Toro Rosso wackelt. Siehst du dort Chancen fr dich?"
Senna: "Schwer zu sagen mit diesen Gerchten, dass ein Fahrer nicht fest im Sattel sitzt. Zunchst einmal sind es nur Gerchte und es gibt nichts Offizielles und zweitens muss ich aufpassen, was ich mache, denn es muss nicht das Beste sein, ohne Tests mitten in die Saison einzusteigen."

Alles hngt von den Umstnden ab

Frage: "Du sagst es: Testfahrten sind ja verboten. Angenommen, man wrde dir ein Angebot machen, sofort in die Formel 1 einzusteigen, wrdest du das blind annehmen oder lieber auf nchstes Jahr warten?"
Senna: "Das hngt von der Gelegenheit ab, die sich bietet. Wenn es eine gute Gelegenheit ist, wenn ich den Simulator nutzen kann, ein intensives technisches Programm mit dem Team geplant ist, Geradeaus- und Aerodynamiktests, solche Programme eben, dann wrde ich vielleicht gleich zusagen."

"Aber es msste eine sehr gut strukturierte und gut entwickelte Gelegenheit sein, damit es sich lohnt. Ich bin nicht so vermessen zu glauben, dass ich mich nach einem halben Jahr wieder in ein Formel-1-Auto setzen und das erste Rennen gewinnen kann. Wenn sich aber eine gute Gelegenheit bietet, wrde es irgendwie hinhauen."

Frage: "Red Bull hat in Milton Keynes einen Simulator stehen. Bist du schon einmal in einem solchen Simulator gesessen und wie nahe ist es am echten Fahrerlebnis dran? Kann man im Simulator etwas lernen?"
Senna: "Ich war schon mal im Red-Bull-Simulator, aber das ist lange her, 2007. Wahrscheinlich haben sie ihn seither stark weiterentwickelt. Damals war es ein guter Simulator, aber er steckte noch in der Entwicklungsphase. Fr die damalige Phase der Entwicklung war er schon ziemlich gut, aber damit mir ein Simulator wirklich helfen kann, msste er jetzt schon deutlich besser sein."

Frage: "Vor Saisonbeginn gab es nach deinem Honda-Test und nach deinen Gesprchen mit Ross Brawn viele Gerchte in den Medien. Wie nahe warst du wirklich dran am Stammcockpit?"
Senna: "Ich denke, es war recht knapp. Ross hat sich aber wegen der vielen neuen Regeln und wegen der sehr eingeschrnkten Tests fr Rubens entschieden, denn er war sich zu unsicher, um einen jungen Rookie mit wenig Testerfahrung ins Cockpit zu setzen."

"Noch dazu hat er fr diese Meisterschaft wenig Budget. Er kann sich keinen Fahrer leisten, der einen Unfall baut oder gleich zwei und damit viel Geld kostet. Das war Ross' Meinung. Ich sehe das natrlich ganz anders, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass ich darauf Acht geben wrde, was ich im Team mache, und dass ich den Job erledigen knnte. Aber so ist es nun mal. Jetzt muss ich halt fr die Zukunft pushen."

Frage: "Bist du sauer auf Ross?"
Senna: "Das bin ich nicht, nein. Viele andere Leute htten sich genauso entschieden, fr die sichere Variante. Aus seiner Sicht kann ich es verstehen, dass er die sichere Entscheidung getroffen hat, weil alles andere schon ein bisschen auf der schwierigen Seite war. Fr mich ist das normal und wir kommen immer noch gut miteinander aus."

Keine Rivalitt mit Barrichello

Frage: "Rubens war frher ein groer Verehrer und Freund deines Onkels Ayrton. Hast du dich mit ihm schon ber diese Situation unterhalten?"
Senna: "Ja, natrlich haben wir darber gesprochen. Es gibt berhaupt keine Animositten zwischen uns und wir verstehen uns immer noch genauso gut wie vorher. Es war einfach eine Situation, in der zwei Fahrer das gleiche Cockpit im Motorsport haben wollten, die noch dazu zufllig aus Brasilien kommen. Aber das macht nichts. Es gab keinerlei schmutzige Spielchen oder etwas in diese Richtung, sondern es war ein faires Stechen. So ist es halt ausgegangen."

Frage: "Nchstes Jahr ist fr dich vielleicht die grere Chance, in die Formel 1 zu kommen. Zu welchem Prozentsatz rechnest du damit, 2010 Grands Prix zu fahren?"
Senna: "Schwer zu sagen. Ich glaube, dass ich fr nchstes Jahr eine wirklich gute Chance habe. Ich muss nur jetzt alle Mglichkeiten identifizieren, die auf dem Tisch sind. In der Formel 1 stehen einige Vernderungen an, daher kann man sich im Moment nicht ganz sicher sein, was das Beste wre. Wir geben aber alles, um uns in den Kpfen der Teamchefs festzusetzen, wenn sie sich berlegen, welche Fahrer sie fr nchstes Jahr haben wollen. Die Sache sollte auf jeden Fall vor Jahresende unter Dach und Fach sein, damit der Zug nicht wieder ohne mich abfahren kann."

Frage: "Es gibt einige neue Teams, die in die Formel 1 wollen - abhngig natrlich vom Ausgang des Kalten Krieges, was im Moment niemand abschtzen kann. Aber eines dieser Teams ist deine ehemalige GP2-Truppe iSport. Hast du schon mit Teamchef Paul Jackson darber gesprochen?"
Senna: "Ja, wir haben uns schon ein paar Mal darber unterhalten. Wenn sie wirklich die Chance erhalten, in die Formel 1 zu gehen, dann mssen sie sicherstellen, dass sie nicht nur das ntige Geld haben, sondern auch die Struktur."

"Sie mssen die Herausforderung verstehen, denn wenn du aus der GP2 in die Formel 1 kommst, muss dir das erst einmal klar werden, was alles damit verbunden ist. Sie brauchen die technische Expertise und sie mssen ein Auto bauen. Alleine die logistische Herausforderung der Formel 1 ist ein ziemlicher Brocken. Darber mssen sie nachdenken. Sie mssen wirklich ein sehr gut strukturiertes Projekt stemmen, damit sich das fr mich und fr sie lohnen wrde."

"Natrlich wrde ich gerne wieder fr iSport fahren, denn wir hatten im Vorjahr eine wirklich tolle Saison zusammen, aber so einen Deal kann man nicht nur aus Freundschaft eingehen. Da muss man auch ber sportliche und geschftliche Aspekte nachdenken."

Bestehendes Team bevorzugt

Frage: "Es gibt viele Teams, die neu in die Formel 1 kommen werden, aber der bessere Weg fr dich wre eines der bestehenden Teams, nicht wahr? Denn von den Neulingen kennst du die Struktur nicht."
Senna: "Ja, klar. Der einfachere Weg wre, zu einem Team zu gehen, das bereits da ist. Das wre die sicherere Variante. Das heit aber nicht, dass ich nicht auch zu einem neuen Team gehen knnte. Wir sprechen mit neuen und alten Teams. Wir mssen jetzt mal abwarten, wie sich die Teams auf die Regelnderungen einstellen und wie die Regeln sein werden. Wenn es faire Regeln gibt, dann werden auch die neuen Teams eine Chance haben. Es ist gar nicht so schlimm, wie es aussieht."

Frage: "Kannst du verraten, mit welchen der bestehenden Teams du im Moment Gesprche fhrst?"
Senna: "Das mchte ich lieber nicht. Im Moment ist wie gesagt alles ein bisschen durcheinander, daher hatten wir noch keine ernsthaften Vertragsgesprche, sondern nur ein paar Unterhaltungen. Ich rede lieber erst darber, wenn die Zeit dafr reif ist."

Frage: "Du bist im Moment in Brasilien und wirst natrlich das 24-Stunden-Rennen in Le Mans fahren, aber was sind abgesehen davon deine Plne fr die nchsten Wochen?"
Senna: "Wie gesagt mache ich gerade die Physiotherapie fr mein Knie, um fr das Rennfahren fit zu werden. Wir haben ein paar Meetings mit potenziellen Sponsoren und wir reden mit ihnen ber dieses und nchstes Jahr. Mir wird in den nchsten Wochen bestimmt nicht langweilig. Danach werde ich zu einem Shakedown fr das Team Oreca nach Europa fliegen, damit das Auto fr Le Mans vorbereitet ist. Tiago Monteiro ist ein weiterer neuer Fahrer und wir beide mssen uns auf das Auto einstellen."

Frage: "Am 1. Mai war es 15 Jahre her, dass dein Onkel Ayrton gestorben ist. Kannst du mir erzhlen, was in Brasilien los war und ob du selbst am Grab warst?"
Senna: "Meine Familie macht deswegen eigentlich nichts. Ich werde jedes Jahr von anderen Leuten auf dieses Datum angesprochen, aber ich mache mir nicht viel daraus. Das Gefhl in Brasilien und auf der ganzen Welt ist aber, dass es kaum zu glauben ist, dass das schon 15 Jahre her sein soll."

"Alle sagen: 'Mein Gott, 15 Jahre schon - mir kommt es so vor, als wre es gestern gewesen!' Es ist offensichtlich, dass die Menschen Ayrton in ihren Herzen tragen. Daran hat sich auch nach 15 Jahren nichts gendert. Das ist eine unglaubliche Erfahrung, aber wie gesagt hat meine Familie deswegen nichts unternommen. Andere Leute legen auf dieses Datum mehr wert als ich."

Frage: "Und wenn du jemanden im Herzen trgst, musst du an einzelnen Tagen keine besonderen Aktionen setzen..."
Senna: "Dem stimme ich zu."

Fotoquelle: xpb.cc

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