Istanbul ist so etwas wie die kulturelle Hauptstadt der Türkei

Formel 1 2009

— 03.06.2009

Das Rennen der zwei Kontinente

Vorschau auf den Grand Prix der Türkei: Was Land und Leute in Istanbul ausmacht, wie sie essen, was ihre Traditionen sind und vieles mehr

Am kommenden Wochenende gastiert die Formel 1 zum fünften Mal in ihrer Geschichte in Istanbul. Die Türkei war bei der Premiere im Jahr 2005 das insgesamt 26. Land, in das die Königsklasse des Motorsports seit 1950 gereist ist, und der Kurs ist sogar schon der 69.

Gefahren wird auf dem Istanbul Park Circuit, welcher vom deutschen Stararchitekten Hermann Tilke geplant und gebaut wurde. Die Strecke ist 5,338 Kilometer lang, verfügt über sechs Rechts- und acht Linkskurven und ist zwischen 14 und 21,5 Metern breit. Das gesamte Areal umfasst mehr als 2,2 Millionen Quadratmeter.

Istanbul wie eine Naturstrecke nach moderner Bauart

Im Gegensatz zu anderen neuen Kursen wie etwa in Manama und Schanghai, die in Fachkreisen als relativ steril gelten, fällt Istanbul durch einige spezielle Charakteristika auf: So wird beispielsweise gegen den Uhrzeigersinn gefahren, was sonst nur in Imola - seit 2007 nicht mehr im Kalender - und Interlagos der Fall ist, und die Höhenunterschiede sind vergleichbar mit jenen am alten A1-Ring oder in Spa-Francorchamps.

Die hochmoderne Anlage bietet Platz für 145.000 Fans, auf die Haupttribüne passen alleine 25.000 Zuschauer. Allerdings kann nicht mit einem ausverkauften Haus gerechnet werden, weil die Eintrittspreise für türkische Verhältnisse relativ hoch sind. Für den Bau der Strecke wurden nicht weniger als 5,5 Millionen Kubikmeter Erdreich weggesprengt, abgetragen, aufgeschüttet und bewegt.

Das Projekt war zwar nicht ganz so anspruchsvoll wie jenes in Schanghai, dennoch dürfen die Streckenväter stolz auf das sein, was sie geleistet haben. Streckenarchitekt Tilke konnte seine Ideen eigenen Angaben nach "ohne Kompromisse" durchsetzen, passte den Kurvenverlauf aber diesmal an die natürlich vorhandene Landschaft an. Dadurch entstand eine Berg- und Talbahn, die der Formel 1 ein gewisses Flair verleiht.

Architektur enthält zahlreiche orientalische Elemente

Nach der ersten Besichtigung des Areals erstellte Tilke ein Modell vom vorgesehenen Gelände, auf das er mit Fäden die geplante Streckenführung verlegte. Als er und sein Team mit dem Grundsatzentwurf zufrieden waren, ging man zum nächsten Schritt über. Dabei wich er von seinen Prinzipien aber nicht ab: "Wir legen sehr großen Wert darauf, dass man unseren Strecken ansieht, in welchem Land man zu Gast ist", so der Aachener.

"Jede Strecke hat ihren eigenen Charakter und auch das eine oder andere Merkmal, das man nirgendwo sonst findet. In Istanbul ist es zum Beispiel eine 180-Grad-Kurve, die aus geraden Segmenten zusammengesetzt wurde, also keinen flüssigen Radius hat. Für den Fahrer ist es eine besondere Herausforderung, da die Ideallinie zu treffen. Schafft er es, kann er mit Vollgas durchfahren, trifft er sie nicht, verliert er Zeit, weil er ein paar Mal korrigieren muss", so der Deutsche.

Tempo 320 ist drin

Unmittelbar nach dieser Schlüsselstelle folgt im letzten Sektor ein langsamer Links/Rechts-Knick, der auf eine lange Gerade führt. Die Fahrer erreichen dort eine Höchstgeschwindigkeit von rund 320 km/h - und am Ende dieser Passage bietet sich in der Bremszone vor dem letzten Kurvenkomplex vor Start und Ziel die beste Überholmöglichkeit.

Einzige Stadt der Welt auf zwei Kontinenten

Das Besondere an der Metropole am Bosporus ist, dass sie als einzige Stadt der Welt auf zwei Kontinente verteilt ist: Europa und Asien. Der Zeitunterschied zu Deutschland beträgt übrigens eine Stunde, die Qualifikation wird um 13:00 Uhr unserer Zeit übertragen, das Rennen ab 14:00 Uhr.

Die Rennstrecke liegt 75 Kilometer vom Zentrum entfernt auf asiatischem Boden - und ist damit durch die wegen des dichten Verkehrs nur schwer überwindbaren Brücken vom europäischen Teil der Stadt getrennt. In den vergangenen Jahren standen viele Mitglieder des Formel-1-Trosses dort im Stau. Die türkische Metropole hat übrigens zehn Millionen Einwohner und bedeckt eine Fläche von 1.500 Quadratkilometern.

Essen von der Stange

In den zahlreichen Restaurants und Lokalitäten in Istanbul werden dem Gast Speisen aus internationaler und einheimischer Küche serviert. Letztere ist dabei sehr vielseitig und bietet für jeden Geschmack etwas. Die meisten einheimischen Lokale bieten ein Standardangebot von Mahlzeiten, die sich nur im Preis und der Dekoration unterscheiden. Nur in Üsküdar und Kadiköy kann man ein paar Restaurants mit osmanischen Gerichten finden.

In der Türkei werden die Mahlzeiten so zubereitet, dass sie nach der Hauptzutat schmecken und nicht von Saucen oder zu vielen Gewürzen überdeckt werden. Lamm- und Rindfleisch werden deshalb meistens gegrillt oder am Spieß sparsam gewürzt serviert. Dazu gibt es entweder Kartoffeln, Salat und Reis oder grob geschroteten Weizen. Außer der Fastfoodvariante mit den dünn geschnittenen Scheiben im Brot gibt es noch viele andere Zubereitungsmöglichkeiten für Fleisch.

Genau wie zahlreiche westliche Millionenmetropolen verfügt auch die Stadt am Bosporus über ein eigenes Viertel, in dem man sich in das pulsierende Nachtleben stürzen kann. In Beyoglu, einer wunderschönen Gegend am Ufer, gibt es unzählige Bars und Restaurants mit herrlichem Panorama, in denen für jeden Geschmack etwas dabei ist. Die Ferraris und Porsches der VIP-Society bestimmen dort das Landschaftsbild.

Das Stadtbild von Istanbul ist grundsätzlich geprägt von Moscheen, Basaren und Palästen, aber auch von Kirchen und Synagogen, die überwiegend immer noch gut erhalten sind. Zirka 80 Prozent der Bevölkerung Istanbuls bekennen sich übrigens zum Islam - in der gesamten Türkei sind es 89 Prozent. Bedeutende religiöse Minderheiten sind außerdem die griechisch-orthodoxen Christen, die armenischen Christen und die sephardischen Juden.

Wer sich nicht für das Stadtleben begeistern kann und lieber direkt zum Istanbul Park fährt, muss sich den Verkehr allerdings gar nicht erst antun, denn der internationale Flughafen liegt auf der asiatischen Seite der Stadt und ist mit einer gut ausgebauten Autobahn optimal an die Rennstrecke angebunden.

Geschichte und Kultur

Istanbul hat eine 2.500-jährige Geschichte. Die Stadt war für fast 1.600 Jahre Hauptstadt des Römischen, Byzantinischen und Türkisch-Osmanischen Reiches und war früher auch als Konstantinopel und Byzanz bekannt.

Auch wenn heute Ankara die Hauptstadt der Türkei ist - Istanbul ist das wirtschaftliche, kulturelle und sportliche Herz des Landes. Letzteres wegen der auch international erfolgreichen Fußballklubs Fenerbahçe und Galatasaray und der neu gebauten Formel-1-Rennstrecke.

Die Skyline der Stadt wird durch die zahlreichen Kirchen und Moscheen geprägt. Neben dem alten Istanbul, das schon die mittelalterlichen Kreuzritter gesehen haben, sind neuzeitliche Bezirke entstanden mit modernen Bars, Einkaufszentren und luxuriösen Hotels.

Nicht nur zum Einkaufen lohnt ein Besuch im Großen Basar. Abseits der Hauptstraßen mit ihren Touristenläden ist der Basar ein fantastisches Labyrinth von Gassen, in denen sich alle Arten von Geschäften finden.

Zeitraffer:

2008:
Mit dem dritten Sieg in Folge krönte sich Felipe Massa zum König von Istanbul. Der Ferrari-Pilot lag nach dem Start in Führung, wurde dann aber zwischenzeitlich von Lewis Hamilton (McLaren-Mercedes) überholt, der jedoch einen Boxenstopp mehr plante. Als Hamilton früher an die Box kommen musste, fiel er nicht nur hinter Massa, sondern auch hinter dessen Teamkollege Kimi Räikkönen zurück. Am Ende gewann Massa vor Hamilton und Räikkönen. Dahinter folgten Robert Kubica und Nick Heidfeld (beide BMW Sauber F1 Team); der Deutsche Nico Rosberg (Williams-Toyota) holte als Achter einen Punkt. Heikki Kovalainen (McLaren-Mercedes) wurde nach einem frühen Reifenwechselstopp wegen eines schleichenden Plattens trotz toller Aufholjagd nur Zwölfter.

2007:
An der Stelle seines Premierensieges in der Formel 1 triumphierte Felipe Massa 2007 zum zweiten Mal hintereinander: Der Ferrari-Pilot fuhr von der Pole-Position aus ein souveränes Rennen und feierte für die Roten aus Maranello mit Kimi Räikkönen im Schlepptau einen nie gefährdeten Doppelsieg. Dritter wurde Fernando Alonso (McLaren-Mercedes), der vom Pech seines Teamkollegen Lewis Hamilton (Reifenschaden) profitierte - Hamilton landete nur auf Rang fünf. Nick Heidfeld (4./BMW Sauber F1 Team) und Nico Rosberg (7./Williams-Toyota) holten sieben Punkte nach Deutschland.

2006:
Das zweite Formel-1-Rennen in der Türkei war durch Spannung geprägt. An der Spitze überzeugte Ferrari. Der von der Pole-Position gestartete Felipe Massa entschied den Start für sich, Michael Schumacher folgte auf Rang zwei noch vor Fernando Alonso (Renault). Eine frühe Safety-Car-Phase brachte Hektik in das Feld. Schumacher musste in der Box auf Massas Abfertigung warten, wodurch Alonso Rang zwei übernahm. Auch der letzte Stopp änderte an der Reihenfolge nichts mehr. Massa gewann vor Alonso und Schumacher, dahinter folgten Jenson Button (Honda), Pedro de la Rosa (McLaren-Mercedes), Giancarlo Fisichella (Renault), Ralf Schumacher (Toyota) und Rubens Barrichello (Honda).

2005:
Bei der Formel-1-Premiere in Istanbul ging es heiß her. Michael Schumacher leistete sich im Qualifying einen Dreher und ging als 19. ins Rennen, kollidierte bei der Aufholjagd mit Mark Webber und musste aufgeben. Der Sieg ging an Polesetter Kimi Räikkönen (McLaren-Mercedes) vor Fernando Alonso (Renault) und Juan Pablo Montoya im zweiten Silberpfeil. Die Top 6 komplettierten Giancarlo Fisichella (Renault), Jenson Button (Honda) und Jarno Trulli (Toyota).

Fotoquelle: Motorsport-Total.com

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