Die Teamchefs wünschen sich eine Lösung noch vor der Frist am Freitag

Formel 1 2009

— 08.06.2009

Woche der Entscheidung in der Formel 1

Am Freitag wird die FIA die Formel-1-Teams für 2010 bekannt geben - FOTA wünscht sich Dialog - Glaube an die Vernunft wächst weiter

Der kommende Freitag könnte politisch gesehen einer der wichtigsten Tage in der modernen Formel-1-Geschichte werden. Denn per Stichtag 12. Juni will der Automobilweltverband FIA jene 13 Teams bekannt geben, deren Einschreibung für die Weltmeisterschaft 2010 akzeptiert wurde. Das könnte theoretisch ein Erdbeben geben.

Denn eingeschrieben sind Gerüchten zufolge mehr als 20 Teams, darunter auch eine Sammeleinschreibung von inzwischen nur noch acht FOTA-Mitgliedern (exklusive Williams und Force India), die an Bedingungen geknüpft ist. Auf dem Schreibtisch von FIA-Präsident Max Mosley liegt derzeit ein umfangreicher Vorschlag der FOTA, wie die Formel 1 laut diesen Bedingungen aussehen sollte. Seit der Übermittlung dieses Dokuments gab es zwischen FIA und FOTA aber keinen Kontakt mehr.

Die große Frage: Gibt es noch vor Freitag eine Diskussion über den Status quo oder stellt Mosley die Teams ohne vorherigen Dialog vor vollendete Tatsachen? "Wir würden ein vorheriges Treffen nicht ablehnen", erklärt FOTA-Vizepräsident John Howett. "Flavio (Briatore; Renault-Teamchef; Anm. d. Red.) hat diese Möglichkeit diskutiert, bekam aber die Antwort, dass es nicht richtig wäre, vor Freitag ein Meeting abzuhalten."

Lösung bis Freitag erhofft

"Ich hoffe, dass es sich bis Freitag aussortieren lässt. Das muss das Ziel sein", sagt Mercedes-Sportchef Norbert Haug. Doch selbst wenn es am Freitag noch keine Lösung geben sollte, muss das nicht das Ende aller Friedensgespräche sein, glaubt Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali: "Ich bin optimistisch, dass sich die Vernunft durchsetzen wird. Freitag ist formell gesehen die Deadline, aber wenn man vernünftig ist, kann man auch bis nächstes Jahr noch über alles reden."

Angenommen, es tritt das Worst-Case-Szenario ein und Mosley lehnt die Einschreibungen der FOTA-Teams ab, dann würde die Teamvereinigung wohl mit ihren schon in der Schublade liegenden Plänen für eine Alternativserie voranschreiten. Doch klar ist, dass die Teams eine Einigung mit der FIA bevorzugen würden: "Wir müssen alles tun, um eine Einigung für die FIA-Weltmeisterschaft zu finden. Erst dann sehen wir weiter", unterstreicht Domenicali.

Howett gilt als einer jener Kandidaten, die sich eine Alternativserie durchaus vorstellen könnten. Der Toyota-Teampräsident streitet das auch gar nicht ab: "Wir wünschen uns eine stabile und gerechte Führung des Grand-Prix-Sports. Wenn uns die nicht zugestanden wird, dann zwingt uns das in Alternativszenarien", erklärt er und fügt an: "Die können aber auch eine prächtige Zukunft für die Welt des Motorsports bedeuten."

Dass Mitte Juni die Zeit zu knapp wäre, um für 2010 eine neue Weltmeisterschaft ohne FIA auf die Beine zu stellen, glaubt der Brite nicht: "Das wäre zumindest keine unüberwindbare Hürde. Ich möchte aber betonen, dass das nicht unser Ziel ist. Wir werden in diese Position gedrängt und wir müssen uns eine Defensivstrategie zurechtlegen. Das muss zu unserer Szenarienplanung gehören - und das ist auch seit einiger Zeit der Fall."

Domenicali glaubt an die Vernunft

Domenicali will über diese Pläne nicht öffentlich sprechen, denn er bezeichnet sich selbst als "positiv denkenden Menschen" - und er ist optimistisch, dass Mosley erkennen wird, dass die FOTA-Vorschläge genau die gleichen Einsparungen bewirken können wie eine Budgetobergrenze: "Alle Forderungen von Max Mosley werden durch den Vorschlag der Teams abgedeckt. Dass das begriffen wird, ist wichtig."

"Wir bei Ferrari", philosophiert der 44-Jährige, "lieben die Formel 1. Wir wollen sicherstellen, dass die Formel 1 für immer Bestand haben wird. Ein wichtiger Faktor ist, dass wir sicherstellen, dass alle bestehenden Teams auch in Zukunft dabei sein werden. Ferrari will bleiben. Ich bin auf die Reaktion in den nächsten Tagen gespannt. Wir brauchen so schnell wie möglich eine Lösung. Je länger es dauert, desto größer der Schaden für den Sport. Es ist wichtig, dass wir aufwachen und die richtigen Entscheidungen treffen."

Diesbezüglich sind sich alle einig. Aus eben diesem Grund kam es vor fast leeren Rängen in Istanbul auch nicht zu einem FOTA-Boykott des Rennens, über den am Sonntagmittag Gerüchte kursierten. Einhellige Aussage: Wir setzen uns für das Wohl des Sports ein, da würde so ein Boykott nicht zu unseren Aussagen passen. Oder in Domenicalis Worten: "Das war ein Witz. Keine Ahnung, wo das herkam. Es wurde nie diskutiert."

Ein anderer Teamchef ist sogar der Meinung, man sollte denjenigen eine verpassen, die das Gerücht in Umlauf gesetzt haben - und das waren durchaus hochrangige Quellen. "Es gibt in allen drei Lagern - bei der FIA, im FOM und bei den Teams - Individuen, die glauben, dass sie auch alleine können", ärgert sich McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh über diverse Querschläger. "Das mag stimmen, aber ich glaube ehrlich gesagt, dass wir sicherstellen müssen, unsere Egos außen vor zu lassen, um nicht eine Formel 1 zu zerstören, die 60 Jahre lang aufgebaut wurde."

Silberpfeile als Vermittler

"Wir müssen die Emotionen weglassen. Martin setzt sich dafür innerhalb der FOTA ein, ich natürlich auch", appelliert Whitmarshs Mercedes-Kollege Haug an die Vernunft. "Es besteht die Möglichkeit auf eine Win/Win-Situation für alle involvierten Seiten: für CVC, für das Produkt Formel 1, für die FIA, für Kosteneinsparungen und für die Teams. Gemeinsam sind wir stark. Das erwarten die Fans und die Medien auch für uns."

Mercedes hat in Monte Carlo erstmals so etwas wie eine Vermittlerrolle zwischen den beiden Fronten eingenommen. Die Stuttgarter helfen aber auch ganz praktisch mit, indem sie zwei unabhängige Teams mit laut FOTA-Richtlinien verbilligten Motoren beliefern. Der Vertrag mit Force India, der für 2009 bis Ende 2013 abgeschlossen wurde, ist durch die von der FIA geforderte und von der FOTA umgesetzte Preispolitik um insgesamt 52 Millionen Euro billiger geworden.

"Die FOTA beschäftigt sich nicht nur mit der aktuellen Kontroverse. Wir haben eine ganze Menge technischer Vorschläge für 2010 ausgearbeitet, die viel Geld einsparen würden", meint etwa auch Mercedes-Kunde Ross Brawn und verweist zum Beispiel auf maximal zwei Updates pro Rennsaison. "Das spart enorme Summen, denn jedes Mal, wenn man an der Karosserie arbeitet, kostet das viel Geld. Wenn eine Idee im Windkanal nicht funktioniert, wird man sie gar nicht erst produzieren."

Als unabhängiger Rennstall ist Brawn genau wie Williams und Force India gefährdet, sich von der FOTA in Richtung FIA zu bewegen. Doch das wird nicht passieren: Ohne Hilfe der FOTA und ohne Mercedes-Motoren wäre das Ex-Honda-Team gar nicht erst in der Formel 1 am Start. Brawn kann es sich nicht leisten, das einfach zu vergessen. Das weiß er auch und sagt: "Ich glaube, dass wir innerhalb der FOTA mehr bewirken können als außerhalb."

Brawn versteht Williams

Aber er versteht den Williams-Schritt zur Einschreibung: "Ich verstehe Franks Position. Er hat vertragliche Verpflichtungen gegenüber Bernie und der FIA, die wir nicht haben. Wir sind von den FOTA-Teams abhängig. Vor allem McLaren und Mercedes sind der Grund, weshalb wir hier sind. Ich halte die FOTA-Positionen für gut. Die FOTA hat gute Ideen und die FIA auch. In der Vergangenheit ist es uns gelungen, diese in einen Topf zu werfen, aber diese Verbindung ist wohl irgendwie verloren gegangen. Jetzt müssen wir die beiden Parteien wieder verbinden."

"Ende 2008 gab es eine besorgniserregende Zeit, als Honda ausgestiegen ist und Gerüchte über weitere Ausstiege kursierten. Darauf haben die Leute reagiert", sagt Brawn. Diese Panik sei aber kontraproduktiv: "Alle FOTA-Teams sind bereit, sich bis 2012 an die Formel 1 zu binden. Das schließt auch die Hersteller mit ein. Warum also brauchen wir so eine starke Reaktion? Wir müssen die Formel 1 nicht zerstören und neu aufbauen, sondern wir müssen sie nur weiterentwickeln - und zwar so, dass Teams wie unseres in Zukunft finanziell überleben können. Die FOTA realisiert das."

Der aktuelle Streit sei auch für die Sponsorensuche negativ: "Was da gerade passiert, hilft niemandem. Die Partner wollen wissen, wie es weitergeht. Kommerziell gesehen ist dieser Streit extrem schädlich. Die Leute fragen sich: Werden wir ein Auto sponsern, das neben Ferrari in der Startaufstellung steht? Das schadet übrigens nicht nur den FOTA-Teams, sondern auch denen, die neu in die Formel 1 einsteigen wollen", so der Erfolgsteamchef. Er muss wissen, wovon er spricht, denn Brawn sucht gerade einen Hauptsponsor...

Die fünf Tage bis Freitag sind für die Formel 1 also von essentieller Bedeutung. Auch nach den Gipfeltreffen von London und Monte Carlo sowie nach dem Rennwochenende in Istanbul scheint von einem Waffenstillstand noch keine Rede zu sein. Doch es zeichnet sich mit jedem Tag klarer ab, dass sich beide Seiten auf eine ganz wesentliche Erkenntnis besinnen: Es geht wohl auch ohne einander, aber stärker wären wir gemeinsam. Der Freitag wird es zeigen...

Fotoquelle: xpb.cc

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