Von Journalisten belagert: Max Mosley schwieg heute Morgen eisern

Formel 1 2009

— 19.06.2009

Spaltung: Noch nicht das letzte Wort gesprochen?

Die FOTA hat die Gründung einer eigenen Rennserie bekannt gegeben, aber noch ist die Spaltung der Formel 1 nicht in Stein gemeißelt

Sebastian Vettel ist es heute Morgen ähnlich ergangen wie den Mitgliedern unserer Redaktion: Um 1:00 Uhr nachts gab die FOTA nach einem vierstündigen Meeting in der Renault-Fabrik in Enstone die Abspaltung von der Formel 1 bekannt - eine Nachricht, die nach dem Aufwachen erst einmal realisiert werden musste. Doch was derzeit definitiv klingt, muss nicht zwingend definitiv sein.

Noch gestern Nacht bat FIA-Präsident Max Mosley die Teamchefs an der Strecke in Silverstone zu Einzelgesprächen, um die Spaltung zu verhindern. Denn dass zwei Rennserien dem Sport insgesamt schaden würden, wissen Motorsportkenner spätestens seit der Spaltung der IndyCar-Serie in IndyCars und ChampCars. Doch während bei den Amerikanern inzwischen in Form einer Fusion Vernunft eingekehrt ist, steuert die Formel 1 schnurstracks auf eine Trennung zu.

Lange Nacht in Silverstone

Mosley hatte mit seinem Versuch, die Teams doch noch auf seine Seite zu ziehen, keinen Erfolg. Heute Morgen traf sich der Brite in Silverstone mit Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone, von dem sich viele erwarten, dass er ein Machtwort spricht. Denn sollte die Königsklasse tatsächlich zerbröckeln, dann wäre nicht nur das sportliche Lebenswerk des 78-Jährigen gefährdet, sondern vor allem auch das Milliardeninvestment seines Auftraggebers CVC.

Die "Piratenserie" ist jedenfalls kein Hirngespinst oder eine leere Drohung, sondern eine ernsthafte Möglichkeit. Das glaubt zumindest 'Motorsport-Total.com'-Experte Marc Surer: "Es gibt Jerez, es gibt Estoril, Hockenheim oder Nürburgring. Es wäre gar kein Problem, genügend Strecken zu finden", so der Schweizer. "Es sind viele froh, weil die FOTA angekündigt hat, auch für weniger Geld zu fahren. Es gäbe jede Menge Veranstalter, gar kein Problem."

Sollte es tatsächlich zur Spaltung kommen, würden sich die meisten Fahrer jedenfalls Fernando Alonso anschließen und in der FOTA-Serie starten - so auch Sebastian Vettel: "Ich glaube, alle Fahrer sind auf einer Linie, was das Fahren anbelangt. Wir wollen gegen die besten Piloten fahren und natürlich auch mit den besten Autos und den besten Teams. Mein Teamkollege und ich stehen jedenfalls voll hinter dem Team."

Williams-Fahrer Nico Rosberg zeigte sich enttäuscht von den jüngsten Entwicklungen auf der politischen Ebene der Formel 1: "Das ist insgesamt sehr schade für den Sport, der aktuell richtig toll ist - abgesehen davon, dass die Kosten zu hoch sind", hielt er heute Morgen fest. "Es wäre sehr schade, wenn es im kommenden Jahr nicht so sein sollte. Williams ist aber auf jeden Fall bei der Formel-1-WM 2010 dabei."

Routinier Rubens Barrichello, der seit seinem Formel-1-Einstieg im Jahr 1993 schon viel erlebt hat, zeigte sich ebenfalls erschüttert: "Das ist alles sehr schade. Da spielen nur noch die Interessen einiger Mächtiger eine Rolle", kritisierte der Brawn-Pilot. Er hofft nun genau wie Ex-Weltmeister Jackie Stewart auf Vermittler Ecclestone. Stewart: "Bernie weiß, wie er solche Verhandlungen führen muss. Ich gehe davon aus, dass er in den kommenden Tagen eine entscheidende Rolle spielen wird."

FIA-Nennliste ohne jede Bedeutung

Morgen wird die FIA jene 13 Teams bekannt geben, die für die Weltmeisterschaft 2010 eingeschrieben sind. Neben Williams und Force India sowie Campos, Manor und US F1 werden dies weitgehend Rennställe ohne jeden Bekanntheitsgrad sein - eine Farce. Aber damit muss das letzte Wort noch nicht gesprochen sein, denn wie man hört, endet die eigentliche Deadline nicht heute Abend, sondern erst am kommenden Mittwoch.

Dann nämlich soll in Paris eine Notsitzung des Motorsport-Weltrats der FIA stattfinden, um die Krise auf den letzten Drücker doch noch zu entschärfen. Darauf hofft selbst der zu den Rebellen gehörende Red-Bull-Teamchef Christian Horner: "Als ewiger Optimist muss ich anfügen: Sag niemals nie! Die Teams sind allerdings der Ansicht, einen großen Einsatz gebracht zu haben. Leider befinden wir uns nun in dieser Situation. Jetzt liegt es an der FIA."

Ein denkbares Kompromissszenario wäre, dass die FIA ihren streitbaren Präsidenten Mosley sanft bittet, nach Ende seiner Amtszeit im Herbst endlich abzudanken und nicht noch einmal zu kandidieren. Mosley hatte diesen Schritt zunächst ohnehin angekündigt, dann aber für eine endgültige Entscheidung um Bedenkzeit bis Juli gebeten. Sein Rücktritt könnte die FOTA-Front möglicherweise doch noch zum Einlenken bewegen.

Man könnte diesen Schritt auch durchaus ohne Gesichtsverlust bewältigen: Mosley hat sein Amt nach der Sexaffäre des vergangenen Jahres tapfer behauptet und den Gerichtsprozess gegen 'News of the World' gewonnen. Außerdem könnte er sich um seine privaten Probleme kümmern: Sein Sohn ist kürzlich - angeblich wegen einer Überdosis - verstorben, seine Frau soll die Scheidung wünschen. Jeder würde unter diesen Umständen einen Rücktritt verstehen und keine Fragen stellen.

Aber unabhängig von diesem rein hypothetischen Szenario ist zunächst einmal eine schnelle Entspannung der gestern Nacht eskalierten Situation gefragt, denn je länger die FOTA an ihrer Abspaltungsdrohung festhält, desto schwieriger wird es, ohne Gesichtsverlust wieder davon abzugehen - und dass es im aktuellen Machtkampf längst nicht mehr nur um die Sache, sondern auch um Egos geht, sollte inzwischen jedem klar sein...

Die Chronologie des FIA/FOTA-Streits:

5. März 2009: Die FOTA stellt in Genf ihre Sparpläne für die Formel-1-Saison 2010 vor. Durch die vorgeschlagenen Maßnahmen sollen die Kosten halbiert und gleichzeitig die Show verbessert werden.

17. März: Der Motorsport-Weltrat der FIA beschließt für die Saison 2010 eine freiwillige Budgetobergrenze von 33 Millionen Euro und will den Teams, die sich dieser Grenze unterwerfen, größte technische Freiheiten gewähren. Damit gäbe es zwei unterschiedliche Reglements innerhalb der Formel 1, womit die Teams überhaupt nicht einverstanden sind.

30. April: Der Weltrat erhöht die Budgetgrenze auf knapp 45 Millionen und schließt unter anderem Fahrergehälter sowie die Kosten für Motoren und für Marketingmaßnahmen explizit aus. Das Zweiklassenreglement bleibt dagegen in der Planung.

12. Mai: Der Ferrari-Vorstand droht offiziell mit dem Ausstieg aus der Formel 1, falls die FIA die Regeln für 2010 wie geplant umsetzt. Auch Red Bull, Toyota und Renault denken öffentlich über einen Abschied nach.

20. Mai: Ein französisches Gericht weist einen Eilantrag von Ferrari ab, mit dem die Italiener die vom Automobilweltverband geplante Einführung einer Budgetobergrenze stoppen wollten. Die Scuderia hatte vergeblich auf ein Vetorecht bei Regeländerungen aus einem separaten Vertrag mit der FIA gepocht.

22. Mai: Am Rande des Grand Prix von Monaco diskutieren Vertreter von FOTA und FIA mehrere Stunden lang, kommen aber zu keiner Einigung.

25. Mai: Williams schreibt sich als erstes aktuelles Team bei der FIA für die WM 2010 ein und wird danach vorläufig aus der FOTA ausgeschlossen.

29. Mai: Am letzten Tag der von der FIA gesetzten Einschreibefrist melden die FOTA-Teams für die Saison 2010, verknüpfen ihre Einschreibung aber mit Bedingungen.

5. Juni: Force India verzichtet auf die gesetzten Bedingungen und wird wie Williams vorläufig aus der FOTA ausgeschlossen.

7. Juni: Die Fahrergewerkschaft GPDA sichert der FOTA ihre Unterstützung zu.

11. Juni: Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali warnt die FIA, die Scuderia auf die offizielle Starterliste zu setzen, ohne die Bedingungen zu akzeptieren.

12. Juni: Die FIA gibt 13 Teilnehmer für die Saison 2010 bekannt. Dabei nennt der Verband Ferrari, Red Bull und Toro Rosso gegen deren ausdrücklichen Willen als Teilnehmer ohne Bedingungen. Die fünf übrigen FOTA-Teams BMW, Brawn, McLaren-Mercedes, Renault und Toyota werden als vorläufige Starter eingestuft und aufgefordert, bis zum 19. Juni (Geschäftsschluss) ihre Bedingungen zurückzuziehen. Noch am Abend fordert die Vereinigung europäischer Automobilhersteller (ACEA) Reformen innerhalb der FIA.

13. Juni: Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo erneuert in Le Mans den Ferrari-Standpunkt, ohne das Akzeptieren der Bedingungen die Formel 1 zu verlassen.

15. Juni: Die FIA wirft in einer Pressemitteilung "einem Element" in der FOTA vor, ohne Rücksicht auf den Sport jegliche Einigung verhindern zu wollen.

16. Juni: Die FIA beschuldigt die FOTA, die Macht in der Formel 1 an sich reißen zu wollen, und bezeichnet ein Treffen mit der Finanzgruppe der FOTA als ergebnislos.

17. Juni: Die FOTA unternimmt einen letzten Versuch, einen Kompromiss mit der FIA zu finden, bietet Mosley in einem Brief einige Zugeständnisse an und regt eine Verlängerung der Frist bis zum 1. Juli an. Mosley beharrt allerdings auf der Frist zur Rücknahme der Bedingungen und bietet lediglich Nachverhandlungen an.

19. Juni: Die FOTA-Teams ziehen ihre Einschreibung für die WM 2010 zurück und wollen eine eigene Serie gründen. Die FIA erklärt, sie sei enttäuscht, aber nicht überrascht von diesem Schritt.

Fotoquelle: xpb.cc

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