Die Herren im Anzug waren in Silverstone präsenter als die im Rennoverall

Formel 1 2009

— 22.06.2009

Formel-1-Krieg vor der entscheidenden Schlacht

FIA-Präsident Max Mosley hisst die weiße Fahne, die Teams vermuten aber, dass er in der anderen Hand immer noch ein scharfes Messer hält

Im Streit um die Zukunft der Formel 1 haben sich am vergangenen Wochenende die Ereignisse überschlagen: Erst verkündete die Teamvereinigung FOTA nach einem vierstündigen Meeting in Enstone in der Nacht von Donnerstag auf Freitag die Gründung einer abgespaltenen Alternativserie, dann sprach Max Mosley am Sonntag plötzlich davon, dass eine Einigung "sehr nahe" sei.

Woher der FIA-Präsident diese Zuversicht nimmt, ist der FOTA-Front völlig unklar. Denn in Silverstone hat es weder weitere Verhandlungen, noch konkrete Kompromissangebote seitens der FIA gegeben. Ohne Bewegung wird aber nichts passieren: "Unsere Position ist klar. Wir haben Bedingungen gestellt. That's it", sagt Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali. "Alle FOTA-Teams haben großen Respekt vor der FIA und große Kompromissbereitschaft gezeigt. Es gibt aber eine Grenze."

Klage zurückgezogen

Das einzige positive Signal der vergangenen Wochen war, dass Mosley seine angedrohte Klage zurückgezogen und die für Samstag angekündigte Nennliste für 2010, auf der die acht FOTA-Teams gefehlt hätten, nicht veröffentlicht hat. Doch die Verschiebung der Nennliste ist für Mercedes-Sportchef Norbert Haug kein echtes Friedensangebot: "Das würde ich nicht so werten. Bisher ist nicht weiter gesprochen worden."

BMW Motorsport Direktor Mario Theissen kann sich "kaum vorstellen, dass die Probleme mit der FIA noch größer werden", daher betrachte er die Ankündigung einer Alternativserie nicht als weitere Eskalation. Darauf werde man sich nun übrigens vordergründig konzentrieren: "Von der Zeit her ist es in der Tat eng. Deswegen konnten wir nicht länger verhandeln und darauf hoffen, dass man sich doch noch irgendwie einigt. Wir haben mit unseren Vorbereitungen begonnen."

"Ich habe kein Gefühl, wie wahrscheinlich es ist, dass man sich einigt, denn ich habe in den letzten Tagen sehr unterschiedliche Statements von der anderen Seite gehört und weiß nicht, wie das weitergeht. Um nicht dem Risiko ausgesetzt zu sein, nächstes Jahr gar nichts zu machen, müssen wir jetzt die Initiative ergreifen. Das ist nicht das Szenario, das wir uns ursprünglich gewünscht haben, aber es ist absolut realistisch", unterstreicht der Deutsche.

Piraten wollen keine Piraten sein

Ein bisschen ärgert sich Theissen auch über die Darstellung der acht FOTA-Teams in den Medien: "Wir sehen uns nicht als Piraten, sondern als die Teams, die die heutige Formel 1 maßgeblich tragen. Es wurde uns nachgesagt, dass wir nicht bereit sind, die Kosten zu senken. Das Gegenteil ist der Fall." Haug liefert ein Beispiel: "Die Motoren kosten fünf statt 25 Millionen Euro - dank der kritisierten Hersteller. Wir haben das gemacht, nicht die FIA."

Mosleys Argument, es werde nie zur Alternativserie kommen, weil die FOTA nur mit den Säbeln rassle, können die FOTA-Mitglieder nur belächeln: "Die Teams meinen es ernst, sonst hätten sie sich nicht für diesen Weg entschieden. Das Interesse von Strecken und von den Medien ist groß", so Martin Whitmarsh. Und: "Es geht nicht darum, zu gewinnen oder zu verlieren - zumindest nicht für mich und nicht für die FOTA-Mitglieder."

"Die FOTA", fährt der McLaren-Teamchef fort, "schließt nichts aus, aber die Teams wurden mit einem Ultimatum konfrontiert. Innerhalb dieses Ultimatums und unter den gegebenen Bedingungen haben wir eine Entscheidung getroffen. Wir verwehren uns aber keineswegs Diskussionen über die Zukunft. Wenn es eine Möglichkeit gibt, mit gegenseitigem Vertrauen und Respekt zusammenzukommen, dann wäre das sehr gut. Allzu schnell wird das aber wohl nicht passieren."

Wie kleine Kinder: Mami, der andere hat angefangen!

"Ohne Ultimatum hätte es vielleicht weitere Verhandlungen gegeben", meint Whitmarshs Kollege Haug und fügt an: "Sollte es Kompromisse geben, dann sind wir gesprächsbereit." Die Mosley-Darstellung, wonach die FOTA Auslöser der Eskalation gewesen sei, lässt er übrigens nicht auf sich sitzen: "Wir haben nicht den Fehdehandschuh geworfen, sondern wir wollen in allen Themen einen ordentlichen Prozess haben."

Whitmarsh sieht das ganz ähnlich: "Viele andere Hersteller hätten sich in so einer Situation einfach zurückgezogen. Wir haben uns stattdessen zusammengetan und gesagt, dass wir gemeinsam Motorsport machen wollen - mit BMW, mit Toyota, mit Renault, Ferrari, Brawn und Red Bull. Die Entscheidung, die wir am Donnerstagabend getroffen haben, war zu dem Zeitpunkt die einzige Chance, eine solche Rennserie zu machen."

Dennoch will er der FIA nicht die Tür vor der Nase zuschlagen: "Zu sagen, wir haben unsere Entscheidung getroffen und wollen nicht mehr reden, wäre dumm. Wir sind gesprächsbereit, weil wir die beste Lösung wollen", sagt der 51-Jährige. "Die beste Lösung wäre, die drei Parteien in diesem Streit zusammenzubringen. Gelingt das nicht, dann muss man entweder aussteigen oder etwas anderes machen. Wir haben uns für die zweite Möglichkeit entschieden."

Planungen laufen an

Am Donnerstag soll es ein FOTA-Meeting geben, um der "New Formula" Konturen zu verleihen, wie man hört. Whitmarsh drosselt aber die Erwartungen: "Man sollte nicht vergessen, dass wir die Entscheidung erst in der Nacht von Donnerstag auf Freitag getroffen haben. Klar ist aber, dass wir uns mit diesen Dingen beschäftigen müssen. Wir müssen uns über die Medien Gedanken machen, über Strecken, über die Regeln. Diese Dinge werden wir in den kommenden Wochen in Angriff nehmen."

"Die FOTA muss mit ihren Plänen jetzt voranschreiten, denn wir können uns mit einer Entscheidung nicht bis Januar Zeit lassen. Mit jedem Tag, der vergeht, wird der Handlungsspielraum geringer", wirft Ross Brawn ein. "Ich glaube, dass eine Meisterschaft ohne die traditionsreichen Teams und ohne die großen Hersteller nicht überlebensfähig ist. Es muss aber eine Struktur auch für kleine Teams geben. Dafür wird die FOTA Sorge tragen."

Indes stößt Haug sauer auf, dass es heißt, niemand gehe auf den anderen zu und es sei ein Krieg der Egos: "Das kann man von uns nicht behaupten. Ganz im Gegenteil: Wir haben Tag und Nacht gearbeitet und immer wieder Kompromissvorschläge gemacht", so der 56-Jährige. "In Monaco habe ich stundenlang sehr konstruktiv mit Max Mosley gesprochen. Wir haben keinen gemeinsamen Nenner gefunden, aber niemand hat einen bösen Willen. Ich denke, das Thema ist lösbar."

Haug will keine Machtübernahme

"Diese Teams sind keine Rebellen und keine Piraten. Das sind Sportler, die auf einer vernünftigen Basis ihren Sport treiben wollen", unterstreicht er. "Es geht nicht um Macht und es geht auch nicht darum, dass die Hersteller die Formel 1 übernehmen wollen. Das ist nicht das Thema. Es geht uns um den Sport und um andere Dinge wie zum Beispiel um faire Eintrittspreise für die Zuschauer. Wir wollen den Fans das Beste bieten. Ich glaube, da gibt es Steigerungsmöglichkeiten."

Für Haug ist wichtig, "die Aufgeregtheit rauszubringen". Er sehe sich deshalb gemeinsam mit Whitmarsh in einer sehr diplomatischen Position innerhalb der Teamvereinigung: "Wenn jemand mit mir sprechen möchte, dann tue ich das, auch wenn ich nicht alleine für die FOTA bestimmen kann. Aber ich kann vermitteln." Als Hardliner gilt Haug nicht - in diese Ecke drängt man eher die Herren Luca di Montezemolo, John Howett und Flavio Briatore.

Aber selbst ein besonnener Geist wie Theissen findet, dass das Fass voll ist und die FOTA handeln musste. Denn der Brief, mit dem Mosley das letzte FOTA-Angebot elegant ablehnte, sei der beste Beweis für die verhärteten Standpunkte gewesen: "Der Brief ist nett geschrieben und es gibt ein paar Punkte, die einen Kompromiss andeuten", so der BMW Motorsport Direktor. "Unterm Strich steht aber drin: Unterschreibt bei mir, dann reden wir vielleicht miteinander!"

Frist bis vergangenen Freitag nicht hilfreich

"In unserem Kompromissvorschlag haben wir um eine Verlängerung der Frist gebeten, um ein bisschen Zeit zu gewinnen. Die Antwort war, dass das nicht geht, weil die neuen Teams Klarheit haben müssen. Aber jetzt wurde die Deadline gestrichen. Das überrascht mich", wundert sich Theissen, der an das FOTA-Projekt glaubt: "Wenn diese Serie aufgesetzt wird, wird sie so attraktiv sein, dass sich auch neue Teams dafür interessieren."

Das gelte übrigens auch für neue Motorenhersteller wie Cosworth: "Wir würden auch unterstützen, dass ein unabhängiger Motorenhersteller reinkommt - alleine schon deswegen, um diese ständigen Diskussionen über die Zuverlässigkeit der Hersteller auszuhebeln. Aber natürlich muss jeder, der reinkommt, nach den Bedingungen antreten, nach denen auch die anderen antreten." Die FIA plant für Cosworth bekanntlich Regelvorteile, mit denen BMW und Co. nicht einverstanden sind.

Das Problem sei grundsätzlich aber nicht die Person Mosley, sondern "bestimmte Rahmenbedingungen, die in der heutigen Formel 1 nicht erfüllt sind. Das machen wir nicht an Personen fest, sondern an klaren Rahmenbedingungen, die wir fordern. Wenn die erfüllt sind, dann kann man das vereinbaren. Wir fordern Inhalte. Aber Max Mosley ist natürlich derjenige, der die FIA-Position definiert", sagt Theissen und ergänzt: "Jeder ist entwicklungsfähig..."

Misstrauensantrag gegen Mosley?

Für Mittwoch ist eine weitere Sitzung des Motorsport-Weltrats der FIA angesetzt, bei der di Montezemolo als nominierter Ferrari-Repräsentant eine der 26 Stimmen wahrnehmen wird. Wie man hört, könnte der Italiener einen Misstrauensantrag gegen Mosley stellen, auch wenn der Weltrat darüber offenbar keine Entscheidungsgewalt hat. Aushebeln kann den FIA-Präsidenten nur die FIA-Generalversammlung mit Stimmrecht für 222 FIA-Mitgliedsklubs.

BMW und Co. genießen jedenfalls volle Rückendeckung ihrer Vorstände: "Der Vorstand ist über die Szenarien voll informiert. Mehr sogar: Dieses Thema ist in der letzten Vorstandssitzung der ACEA besprochen worden, was ein außergewöhnlicher Vorgang ist, denn der tagt nur ein paar Mal im Jahr. Wenn dort das Thema Motorsport-Governance auf der Tagesordnung steht, dann heißt das, es herrscht gravierende Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation", sagt Theissen.

"Das ACEA-Statement nach dieser Sitzung war eindeutig und hat den Begriff 'alternative Serie' schon enthalten, bevor wir es von der FOTA selbst nach außen getragen haben", so der Deutsche, der Mosleys Kritik, die Hersteller seien als WM-Teilnehmer nicht zuverlässig, nicht mehr hören kann: "Ich finde es sehr erstaunlich, dass die Träger der Formel 1 das eigene Teilnehmerfeld schwach reden und das Commitment der Teams, von deren Auftritt sie leben, in Zweifel ziehen."

Plötzlich geht es um 2014 statt 2012

Doch genau aus der Befürchtung heraus, dass sich nach Honda noch ein weiterer Hersteller zurückziehen könnte, forderte Mosley in seinem letzten Brief eine Einschreibung der Teams bis 2014 und nicht wie bisher anvisiert bis 2012: "Max tut das, weil er Angst hat, dass er in ein paar Jahren nur noch zwei, drei Teams hat. Wenn die Teams nun bis 2014 unterschreiben, besteht die Gefahr von Ausstiegen nicht. Das würde das Problem lösen", erläutert Frank Williams.

Der "Rollstuhlgeneral", der sich übrigens von der FOTA abgewendet hat, weil ihm Bernie Ecclestone im Vorjahr bei einem finanziellen Engpass ausgeholfen hat, findet, dass "Desaster" für eine Spaltung der Formel 1 "ein zu hartes Wort" wäre, "aber es wäre ein Rückschritt". Wie sich die Situation in den nächsten Wochen entwickeln wird, wagt der FIA-Einschreibling nicht zu prophezeien: "Es wird nächstes Jahr eine Meisterschaft geben - oder vielleicht zwei."

Sollte die FOTA tatsächlich ihr eigenes Ding durchziehen, dann würde es 17 Rennen auf populären Strecken wie in Silverstone oder Surfers Paradise geben. Die Autos würden wahrscheinlich - mit marginalen Abweichungen - dem aktuellen Reglement von 2009 entsprechen: "Wir kämpfen ja nicht umsonst dafür, dass nach dem heutigen Reglement auch die nächstjährigen Autos entwickelt werden", stellt Theissen klar.

Paradox: Muss die FIA die FOTA-Serie sanktionieren?

Apropos Reglement: "Die FIA muss laut EU-Kommission jeder anderen Rennserie anbieten, die Sporthoheit zu übernehmen. Die Regeln könnten durch einen anderen Mechanismus erstellt werden, aber überwachen könnte sie theoretisch die FIA - sollte die FOTA das wollen", weiß Brawn. Was auf den ersten Blick absurd aussieht, könnte wirklich eintreten, denn Mosley hat sich schon vor dem aktuellen Streit bereiterklärt, eine etwaige Konkurrenzserie zu sanktionieren.

Doch im Streit zwischen FIA und FOTA wird manchmal ganz vergessen, dass Ecclestone und vor allem die Investmentgesellschaft CVC der eigentliche Verlierer einer Spaltung wäre. Denn Ecclestone hält zwar nur noch geringe Anteile am Formel-1-Imperium, aber CVC hat seinerzeit auf Milliardenpump viel investiert, um den Grand-Prix-Sport zu übernehmen. Dieses Investment würde ohne die großen Teams den Bach runtergehen und einen Schuldenberg hinterlassen.

"Ich weiß, dass Bernie über die Situation sehr besorgt ist", bestätigt Williams. Viele sehen daher den Ball bei Ecclestone: Die FIA sagt, die Teams bewegen sich nicht, doch nur nach weiteren Gesprächen könne man sich einigen, und die FOTA sagt, sie werde keinen Millimeter mehr von ihrem Kompromissangebot abweichen. In so einer Pattsituation muss eine dritte Partei vermitteln, die durch eine Abspaltung am meisten zu verlieren hätte...

Fotoquelle: xpb.cc

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