Rubens Barrichello hat Angst vor einer neuerlichen Degradierung im Team

Formel 1 2009

— 12.07.2009

Stunk bei Brawn: Barrichello bleibt stur

Mit seiner scharfen Kritik am Team hat sich Rubens Barrichello keinen Gefallen getan - "Wenn ich will, kann ich am Jahresende kündigen"

Kühlschrankatmosphäre bei Brawn: Rubens Barrichello übte unmittelbar nach dem heutigen Grand Prix von Deutschland auf dem Nürburgring scharfe Kritik an seinem Team, das seiner Meinung nach "das Rennen für mich verloren" hat. Das emotionsgeladene erste TV-Interview des Brasilianers sorgt weiterhin für Wirbel.

Barrichello hatte nach seinem sechsten Platz erklärt, er sei "unglaublich sauer, wie das heute gelaufen ist. Ich habe alles richtig gemacht. (...) Wenn es so weitergeht, dann verlieren wir die WM noch." Und weiter: "Ehrlich gesagt würde ich am liebsten sofort in das Flugzeug steigen und nach Hause fliegen. Ich habe keine Lust darauf, mit irgendwem vom Team zu reden. Das ist doch alles nur Blabla und das interessiert mich nicht."

Im Medienzentrum wurde infolge dieser Aussagen prompt eine Diskussion darüber gestartet, ob Testfahrer Anthony Davidson nun vorsichtshalber einen Rennoverall für seine Reise an den Hungaroring einpacken sollte, doch derartige Spekulationen sind zum jetzigen Zeitpunkt wohl verfrüht. Denn Teamchef Ross Brawn war über das Verhalten seines Schützlings zwar nicht erfreut, gab sich aber zumindest gegenüber Journalisten diplomatisch.

Brawn ganz der Diplomat

"In der Hitze des Gefechts passieren solche Dinge", stellte er sich hinter seinen Fahrer. "Rubens ist ein sehr wichtiges Mitglied dieses Teams. Er ist in sehr schwierigen Zeiten beim Team geblieben und er genießt daher unsere Loyalität. Das können ein paar frustrierte Worte nach einem Rennen nicht kaputt machen." Gleichzeitig kündigte der Brite aber eine Aussprache an, um den Disput mit Barrichello beizulegen.

Das scheint an der Situation kaum etwas geändert zu haben: "Ich habe mit dem Team gesprochen und meine Meinung ist immer noch die gleiche", so Barrichello später zum 'Guardian'. "Ohne die ganzen Fehler wäre ich Dritter geworden. Ich habe nie gesagt, dass ich das Rennen gewonnen hätte, sondern ich habe nur gemeint, dass mir viele Punkte durch die Lappen gegangen sind. Das ist extrem frustrierend, weil ich um die Weltmeisterschaft kämpfe."

"Es ist nicht meine Absicht, mich auf einen Streit mit dem Team einzulassen, denn ich will Weltmeister werden, also muss ich meinen Kopf senken und arbeiten. Außerdem kann ich am Jahresende kündigen, wenn ich will, aber jetzt will ich mich auf das Rennfahren konzentrieren", erklärte der 37-Jährige. Das klingt nicht so, als würde sich Barrichello, der von Jenson Button völlig in den Schatten gestellt wird, rundum wohl fühlen.

Im Fahrerlager war die Verwunderung über seine Aussagen groß. Frank Williams könnte sich sogar vorstellen, dass Barrichello von Brawn nun die "rote Karte" verpasst bekommt: "So eine Äußerung ist sehr ungewöhnlich. Zu Rubens Verteidigung muss man sagen, dass er sicher noch heiß war, als er aus dem Auto stieg. Ich an Ross' Stelle würde meinen Stolz runterschlucken und mir Rubens zur Brust fassen. Ich würde ihm aber sicher die Leviten lesen."

Barrichello sei zwar "ein guter Fahrer, aber so etwas kannst du kein zweites Mal bringen". Dabei scheint Williams zu vergessen, dass ohnehin schon von einem Wiederholungstäter die Rede ist: Bereits nach dem Rennen in Barcelona, wo das Brawn-Team nur Buttons Strategie umgestellt hatte, war es seitens Barrichello zu einer verbalen Entgleisung gekommen. Damals drohte er seinen Weggang an, sollte er zur Nummer zwei degradiert werden.

Button hat klar die Oberhand

Deutlich macht der heutige Vorfall vor allem eines, nämlich dass der erfahrenste Grand-Prix-Pilot aller Zeiten enorm unter Druck steht. Während Barrichello noch auf seinen ersten Saisonsieg wartet, hat Teamkollege Button sechs der ersten neun Rennen gewonnen. In der Weltmeisterschaft sind die beiden durch 24 Punkte getrennt. Dass Button heute wieder durch einen Boxenstopp an ihm vorbeikam, heizt das brennende Feuer zusätzlich an.

David Coulthard kann sich gut in die Situation seines Ex-Kollegen hineinversetzen: "Wir sehen hier einen Fahrer, der schon viele Grands Prix bestritten hat. Unweigerlich lässt da der Enthusiasmus nach und sein Frust wächst, weil er es nicht geschafft hat, die Chance auf einen Sieg in der ersten Saisonhälfte zu nutzen", so der Red-Bull-Berater, dessen Team Brawn mehr und mehr den Rang abzulaufen scheint.

Für Eddie Jordan, bei dem der damals noch junge Barrichello von 1993 bis 1996 unter Vertrag stand, ist der Fall klar: "Rubens bringt sein Team in Verruf. Da gibt es eindeutig ein Problem. Er weiß wahrscheinlich, dass er für nächstes Jahr noch kein Cockpit hat, und das ist eine traurige Situation. Aber umso weniger sollte er solche Dinge im Fernsehen sagen", findet der frühere Formel-1-Teamchef und heutige TV-Experte.

Davidson, der wahrscheinlich ins Stammcockpit aufsteigen würde, sollte Barrichello vorzeitig aus seinem Vertrag entlassen werden, vermutet, dass sein Teamkollege "sehr frustriert" ist, "weil Jenson schon so viele Rennen gewonnen hat. Und vielleicht setzt auch ein bisschen Paranoia ein. Bei Ferrari musste er jahrelang zweite Geige spielen und jetzt passiert das wieder." Und: "Rubens kann mit seinem Latinoblut manchmal ein Hitzkopf sein. Ich finde, er ist etwas zu weit gegangen."

Barrichellos großes Problem ist, dass die Saison langsam in die entscheidende Phase geht und er aus eigener Kraft nicht mehr Weltmeister werden kann: Selbst wenn er alle Rennen gewinnen und Button immer Zweiter werden sollte, würde es am Ende nicht reichen. Also muss sich Brawn früher oder später überlegen, nur noch auf einen Fahrer zu setzen. Offensichtlich hat der Ex-Schumacher-Wasserträger Angst davor, dass das nicht er sein wird...

Fotoquelle: xpb.cc

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