Seit dem Nürburgring darf sich Mark Webber Grand-Prix-Sieger nennen

Formel 1 2009

— 16.07.2009

Was lange währt, wird endlich gut...

2.688 Tage musste Mark Webber auf seinen ersten Grand-Prix-Sieg warten, ehe er endlich erlöst wurde - Geschichte wie aus dem Märchenbuch

Mark Webbers Karriere in der Formel 1 begann wie ein Märchen: Nachdem er drei Jahre zuvor bei einem Mercedes-Überschlag in Le Mans noch dem Tod von der Schaufel gesprungen war, stand er am Ende seines ersten Rennens - ausgerechnet in seiner Heimat Australien - auf dem Podium. Zugegeben allerdings nicht als einer der Top 3.

Webber war mit seinem Minardi in einem ausfallsreichen Rennen als Fünfter sensationell in die Punkteränge gefahren und hatte damit seinem Teamchef und damaligen Mentor Paul Stoddart die wahrscheinlich größte Sternstunde in dessen Karriere ermöglicht. Stoddart intervenierte bei den Veranstaltern, die es Webber ermöglichten, nach der offiziellen Siegerehrung ebenfalls auf das Treppchen zu steigen und sich feiern zu lassen. Der Beginn einer Traumkarriere.

So lange musste noch niemand warten

Sollte man zumindest meinen, denn bis das oftmals unterschätzte Talent endlich aus eigener Kraft auf ein Formel-1-Podium klettern durfte (Monaco 2005), vergingen drei Jahre. Bis zu seinem ersten Sieg am vergangenen Wochenende auf dem Nürburgring musste er mehr als sieben Jahre warten, genauer gesagt 2.688 Tage oder 130 Grands Prix. Noch nie zuvor hat ein Formel-1-Pilot erst so spät in seiner Karriere gezündet.

"Ich hoffe, es ist wie mit den Muskeln: Es dauert ewig, den ersten aufzubauen, aber die nächsten kommen dann leichter", grinst Webber mit dem neuen Selbstbewusstsein eines Grand-Prix-Siegers. Der 32-Jährige gilt als sehr rationaler Fahrer, der seine Gefühle gut im Griff hat. Aber nach der Zieldurchfahrt auf dem Nürburgring plärrte er seinem Renningenieur Ciaron Pilbeam die Ohren voll, als würde ihm gerade jemand ein glühendes Hufeisen an die Sohlen halten.

So groß war die Erleichterung während der australischen Hymne - seit 28 Jahren hatte kein Australier mehr einen Grand Prix gewonnen -, dass es dem Red-Bull-Piloten regelrecht die Gänsehaut aufstellte, als er in der jubelnden Menge im Parc Fermé seine deutlich ältere Lebensgefährtin Ann und seinen Vater Alan erblickte. Kein Wunder, dass beim Premierensieg Emotionen im Spiel waren, schließlich hing seine Karriere noch vor ein paar Monaten an einem seidenen Faden.

Rückschlag in Tasmanien

Bei einem sportlichen Kräftemessen in Tasmanien, das er seit Jahren selbst für einen guten Zweck veranstaltet, stieß Mountainbiker Webber mit einem Jeep zusammen. Resultat: ein gebrochenes rechtes Bein und eine Schulterfraktur, "bei der er ganz vergessen hat, uns davon zu erzählen", wie Teamchef Christian Horner im Nachhinein grinst. "Aber im Ernst: Im November wusste er nicht, ob er noch eine Karriere haben würde, als er in Australien in einem Krankenbett lag."

"Als er Anfang Februar ins Auto stieg, war er wirklich ängstlich, ob er in seinem rechten Bein das nötige Gefühl und die Kontrolle über den Knöchel haben würde", erinnert sich Horner zurück. "Ich erinnere mich daran, dass ich ihm nach der Installationsrunde tief in die Augen schaute. In denen konnte ich eine Riesenerleichterung sehen, dass alles funktionierte. Von da an arbeitete er unglaublich hart daran, wieder fit zu werden."

Webber ist laut Ex-Teamkollege David Coulthard "der Typ Kerl, der vor dem Frühstück mal eben schnell einen Triathlon hinlegt". Nicht wenige Experten sind der Meinung, dass er durch die Nachwehen seiner Verletzungen zumindest in den ersten Saisonrennen noch gehandicapt war. Die letzten Schrauben sollen erst im August operativ entfernt werden. Da darf man sich fragen: Was hätte ein hundertprozentig fitter Webber zustande gebracht?

Vergleiche mit Schumacher und Mansell

"Seine Performance am Sonntag", staunt Coulthard, "war die eines späten Michael Schumacher oder Nigel Mansell. Wenn Sebastian Vettels Fahrt in Schanghai die beste Regenleistung der Saison war, dann war Marks Fahrt auf dem Nürburgring die beste bei trockenen Bedingungen." Nicht einmal eine Durchfahrstrafe konnte den entschlossenen Australier aufhalten, der in der Eifel schon 2007 als Dritter auf dem Podium gestanden war.

Jahrelang galt Webber - ähnlich wie Giancarlo Fisichella - als einer der am meisten unterschätzten Fahrer der Formel 1. Doch im Gegensatz zu "Fisico" scheint der frischgebackene Grand-Prix-Sieger dank des Aufschwungs bei Red Bull die Kurve rechtzeitig gekratzt zu haben. Dass er Talent hat, wussten Insider schon lange: In Malaysia 2004 stellte er sensationell einen Jaguar in die erste Reihe, in Monaco 2006 fuhr er mit einem unterlegenen Williams um den Sieg mit.

Ende 2004 entschied sich Webber für Williams und gegen Renault - ein folgenschwerer Fehler, denn während Fernando Alonso auf Renault zweimal Weltmeister wurde, stürzte das einstige Erfolgsteam Williams endgültig in den Tabellenkeller. Webber selbst hatte diese Entscheidung gegen den Rat seines Managers Flavio Briatore getroffen. Doch wider Erwarten scheint dies seiner Karriere nicht den letzten Sargnagel hineingerammt zu haben.

Renault trauert Webber nach

"Ich wünschte, er wäre damals zu uns gekommen", sagt Renault-Chefingenieur Pat Symonds noch heute. "Ich bin so froh, dass er das Ding endlich gewonnen hat, denn er ist ein toller Kerl und ein verdammt guter Fahrer. Aber wenn er nicht damals so ein Dummkopf gewesen wäre, unser Angebot abzulehnen, hätte er heute schon viel mehr Grand-Prix-Siege auf seinem Konto. Daran erinnere ich ihn jedes Mal, wenn ich ihn sehe!"

Es gibt kaum jemanden, der sich nicht mit Webber freut. Denn im Fahrerlager gilt er als einer der bodenständigeren Zeitgenossen. Coulthard: "Das Beste ist, dass es keinen Netteren hätte treffen können als Mark. Er redet wie ein Aussie, aber er besitzt nicht die Frechheit, die man anderen australischen Sportlern nachsagt. Er ist resistent gegen Arroganz und die jüngeren Fahrer könnten sich von ihm eine Scheibe abschneiden!"

Nach dem ersten Sieg folgt nun das Projekt WM-Titel. Webber liegt 22,5 Punkte hinter Spitzenreiter Jenson Button und 1,5 Punkte hinter seinem Teamkollegen Vettel, der um seinen von den deutschen Fans herbeigesehnten Status als Nummer eins bei Red Bull härter kämpfen muss als erwartet. Denn wenn die beiden gemeinsam ins Ziel gekommen sind, lag Webber dreimal vor Vettel, Vettel aber nur zweimal vor Webber...

Fotoquelle: xpb.cc

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