Jean Todt möchte die Nachfolge von Max Mosley als FIA-Präsident antreten

Formel 1 2009

— 14.08.2009

Todt im Interview: "Im besten Interesse der FIA"

FIA-Präsidentschaftskandidat Jean Todt im Interview über sein Wahlprogramm, seine Pläne für die FIA und die Welt des Automobilsports

Max Mosley wird sich im Oktober nicht mehr zur Wahl stellen, weswegen der Automobil-Weltverband FIA noch in diesem Jahr einen neuen Präsidenten bestimmen wird. Neben dem früheren Rallye-Weltmeister Ari Vatanen stellt sich auch der ehemalige Ferrari-Teamchef Jean Todt zur Wahl. Im Interview erklärt der Franzose, wie er sein Wahlprogramm im Erfolgsfall umsetzen würde.

Frage: "Jean, weshalb willst du FIA-Präsident werden?"
Jean Todt: "Während meiner gesamten Karriere als Teilnehmer, Manager, Teamchef und Geschäftsführer habe ich in einer unglaublich konkurrenzfähigen Umgebung einige Erfolge gefeiert. Ich habe mit überaus talentierten und leidenschaftlichen Personen, Teams und Organisationen zusammengearbeitet, die allesamt eine große Hingabe, Stolz und Engagement an den Tag gelegt haben."

"Ich arbeite im Augenblick eng mit meinem Wahlkampfteam zusammen und möchte die Erfahrungen, die ich während meiner Karriere sammeln konnte, zum Wohle der FIA und ihrer Mitglieder einsetzen. In den vergangenen Wochen habe ich es als sehr inspirierend wahrgenommen, mit meinem Team um Nick Craw, Brian Gibbons und Graham Stoker zusammenzuarbeiten."

"Gemeinsam haben wir eine politische Agenda für die FIA erarbeitet, die wir für aufregend halten und welche eine neue Vision beinhaltet, wie die FIA sich in den kommenden Jahren entwickeln soll. Ich wünsche mir sehr, dass wir die Chance erhalten, unsere Vorschläge auch in die Tat umzusetzen. Es ist ein sehr schöner Gedanke, dass wir die Möglichkeit erhalten könnten, dabei zu helfen, die Zukunft der FIA auf diese Weise mit zu gestalten."

"Ich hatte während meiner Karriere viel Glück und habe im Rennsport durchaus beachtliche Erfolge erzielt. Wie viele andere, so habe auch ich dabei von der harten Arbeit der früheren Vorsitzenden der FIA profitiert, die eine weltweite Wettbewerbsplattform geschaffen haben. Ich denke, es ist nun an der Zeit, dem Sport und den FIA-Klubs, die mir so viel gegeben haben, etwas zurückzugeben."

Teamwork hat Priorität für Todt

Frage: "Welche Werte charakterisieren dein Kabinett und - sofern du gewählt wirst - deine Präsidentschaft?"
Todt: "Teamwork steht für mich an oberster Stelle. Das war in den vergangenen 28 Jahren das Kennzeichen meines Managementstils. Gepaart mit einer Hingabe zu Vorzüglichkeit und Innovation wird es durch Teamwork gelingen, alle Klubs, Zonen und Regionen der FIA unter einer neuen Zukunftsvision zu vereinen."

Frage: "Was sind die größten Herausforderungen, denen sich der Motorsport heute stellen muss?"
Todt: "Wir müssen sicherstellen, dass der Motorsport möglichst sicher und nachhaltig ist - sowohl, was die ökonomische als auch was die umweltfreundliche Seite anbelangt. Wir müssen mehr dafür tun, um den Wachstum des Motorsports in aufstrebenden Märkten wie Asien, Afrika und Lateinamerika zu ermutigen. Die weltweite Anzahl von Straßenwagen wird sich in den kommenden Dekaden verdoppeln und das wird unweigerlich zu einer Interessenszunahme in diesem Sport führen."

"Daher müssen wir auch sicherstellen, dass der Motorsport auf jeder Ebene zugänglicher wird für Teilnehmer und Offizielle. Dazu braucht es genaue Trainingsprogramme sowie klar vorgezeichnete Wege für Wettbewerb und Verbesserungen. Das Sicherstellen der umweltpolitischen Relevanz und der Nachhaltigkeit im Motorsport wird unseren Sport nicht nur gegen die Kritiker absichern, sondern dem Sport viel mehr noch erlauben, ein Katalysator für technologische Veränderungen zu werden, die weltweit große soziale Relevanz haben."

"In technischer und technologischer Hinsicht sowie aus den Perspektiven von Marketing und Werbung kann der Motorsport als Pionier für grüne Technologien auftreten, welche große Vorteile für die motorisierte Öffentlichkeit beinhalten. Wir haben eben erst mit diesem Prozess begonnen, doch mit dem Verständnis und der Unterstützung sämtlicher Teilhaber könnte so viel mehr erreicht werden."

"Wir alle wissen, wie gefährlich Motorsport sein kann. Millionen von Zuschauern haben den Unfall von Felipe vor dem Fernseher verfolgt. Es ist nur menschlich, in solchen Situationen das Schlimmste zu befürchten. Das Sicherheitssystem der FIA sowie die medizinischen Abläufe haben prima funktioniert und ich bin mir sicher, dass das durch die FIA und die Experten des FIA Institutes entwickelte Helmdesign Felipes Leben gerettet hat."

"Sein Unfall geschah nur wenige Tage nach dem tragischen Zwischenfall um Henry Surtees. Ich kann die Bemerkungen von John Surtees nur wiederholen, die er nach dem Verlust seines Sohnes gemacht hat: Wir müssen ständig unsere Herangehensweise an die Sicherheit neu überdenken, aus jedem Unfall lernen und dieses Wissen systematisch dabei anwenden, die Standards zu verbessern."

Todt: Das Wahlsystem der FIA muss demokratisch bleiben

Frage: "Was sind die größten Herausforderungen, denen sich Autofahrer und Automobilklubs heute stellen müssen?"
Todt: "In einer sehr schwierigen wirtschaftlichen Umgebung müssen wir unsere Anstrengungen verdoppeln, um den Straßenverkehr so sicher, sauber und erschwinglich zu machen wie nur irgend möglich. Das ist die Kampagne namens 'Mobilty for all', welche von die Mitgliederklubs der FIA bewerben wollen. Durch Zusammenarbeit haben die Klubs bereits einiges erreicht."

"Sie haben beispielsweise wesentlich zum Erfolg der Kampagnen 'Make Roads Safe' und 'Make Cars Green' beigetragen. Gleichzeitig kann die FIA dabei helfen, ihr eigenes Klubnetzwerk auszubauen, die Mitgliederzahlen zu erhöhen und sich in Bezug auf Konsumentenschutz und Tourismusangebote auszutauschen."

"Unser Kandidat auf das Amt des Vizepräsidenten für Mobilität, Brian Gibbons vom neuseeländischen Automobilklub, steht einem der kommerziell erfolgreichsten Automobilklubs weltweit vor und ich bin überzeugt davon, dass er die nötige Erfahrung hat, die wir brauchen, um die Vorzüge einer Zusammenlegung der FIA mit der Alliance International de Tourisme zu erkennen."

Frage: "Dein Gegenkandidat hat vorgeschlagen, das Wahlsystem der FIA zu ändern und den größeren Automobilklubs mit größeren Mitgliederzahlen mehr Stimmen zu geben. Sollte das Wahlsystem der FIA deiner Meinung nach auf diese Weise verändert werden?"
Todt: "Dieser Idee kann ich ganz und gar nicht zustimmen. Das würde die Macht und das Fällen von Entscheidungen in die Hände von einigen wenigen Automobilklubs legen, die eine große Mitgliederzahl aufweisen - und das nur, weil diese Klubs in Ländern aktiv sind, die viele Einwohner haben. Das wäre unfair und nicht demokratisch."

"Die FIA ist in den Bereichen weltweiter Motorsport und Straßenverkehr das Gegenstück zu den Vereinten Nationen (UN). Genau wie in der UN, so hat auch jedes Mitglied der FIA ein Stimmrecht - und zwar unabhängig von seiner jeweiligen Größe. Ich unterstütze dieses fundamentale Prinzip voll und ganz, weil dadurch die demokratischen Rechte aller Klubs - egal, ob groß oder klein - gleich ausbalanciert werden."

"Ein FIA-Präsidentschaftskandidat kann natürlich nur erfolgreich sein, wenn er und sein Team eine breite Massa von FIA-Mitgliedern - groß oder klein -, den Straßenverkehr oder den Motorsport ansprechen."

Respekt für Max Mosleys Vermächtnis

Frage: "Es gab einiges an Kritik, weil Max Mosley deine Kandidatur befürwortet. Wie siehst du diese Sache?"
Todt: "Wie jedem anderen in der FIA, so sollte man auch Max seine eigene Meinung zugestehen. Seine Bemerkungen ehren mich, doch Max und ich wissen natürlich, dass einzig und alleine die komplette Mitgliedschaft darüber entscheidet, wer der nächste FIA-Präsident wird."

"Max hat während seiner Jahre als Präsident einen fantastischen Beitrag geleistet und sollte ich gewählt werden, dann werde ich sein Vermächtnis respektieren. Ich werde allerdings auch einige grundlegende Änderungen in der FIA vornehmen. Ich bin mehr Manager als Politiker und mein prägender Charakterzug ist das Ermutigen und Bewahren von Teamwork."

"Ich habe versucht, genau das während meiner Karriere umzusetzen und das war auch der Grund für die Erfolge, die ich in vielen Kategorien des Motorsportserzielt habe. Die FIA ist eine komplexe Organisation und ich denke, dass ich den Mitglieder der FIA mit meiner Erfahrung im Management und meinen diesbezüglichen Fähigkeiten etwas Neues und Einmaliges bieten kann."

Frage: "Wenn man dich ins Amt wählen würde, mit welchen Änderungen würdest du in Bezug auf Kultur und Führung der FIA einführen?"
Todt: "Ich würde der Arbeit der FIA im Hinblick auf das Bewerben von Motorsport und Straßenverkehr gerne einen eher regionalen Charakter geben. Wir können weitaus mehr tun, um die Regionen und Zonen zu stärken, die sich für gewöhnlich um die Themen kümmern, welche die meisten Klubs betreffen. Außerdem möchte ich eine engere Kooperation zwischen den Straßenverkehrs- und Motorsportabteilungen der FIA anregen. Viele unserer Klubs sind in beiden Sparten aktiv und wir können Synergien fördern."

"In unserer politischen Agenda hat mein Team in Bezug auf die Führung des Sports einige sehr wichtige Vorschläge gemacht und sogenannte Championship Commissioners entwickelt. Dabei handelt es sich um eine neue disziplinarische Abteilung, welche das System der Stewards überprüft. Einige dieser Vorschläge müssen noch in Einklang mit den Statuten der FIA und dem International Sporting Code gebracht werden. Wir müssen diese Gelegenheit der Veränderung bei den Regeln der FIA beim Schopfe packen und unser gesamtes Führungssystem unter die Lupe nehmen."

"Nur so können wir sicherstellen, dass unsere Strukturen beispielsweise vollkommen repräsentativ für alle Regionen der Welt sind. Wir werden uns eingehend mit unseren Mitgliedern beraten und sobald dieser Prozess von Überprüfungen und Beratungen abgeschlossen ist, werden wir dem Weltrat und der Generalversammlung unsere Änderungsempfehlungen vorlegen."

Professionalität kontra Parteilichkeit

Frage: "Die FIA wird manchmal dafür kritisiert, sich zu sehr auf die Formel 1 zu konzentrieren. Kannst du dieser Kritik zustimmen?"
Todt: "Es ist unausweichlich so, dass die Führungsrolle der FIA sehr eng als die der Formel 1 verstanden wird, weil diese Rennserie die kommerziell erfolgreichste, technisch führende und präsenteste aller Weltmeisterschaften unter dem Banner der FIA darstellt. Wenn man sich die Zeit nimmt, um einmal hinter die Schlagzeilen von Zeitungen und Fernsehen zu blicken, dann kann man nur schwerlich nicht beeindruckt von der gewaltigen Arbeit der FIA sein, die nichts mit der Formel 1 zu tun hat."

"Das betrifft den Rallyesport, Tourenwagen, GTs, den Kartsport, historische Serien und so weiter. Die FIA bearbeitet alle automobilen Fragen und fungiert als Sprachrohr der Autofahrer, unterstützt globale und öffentliche Kampagnen, mit Preisen bedachte Sicherheits-, Medizin- und Umweltforschungen sowie Grundlagenarbeit mit Initiativen in den Bereichen Bildung und Konsumentenprogrammen - und das gemeinsam mit ihren Schwesterorganisationen, der FIA Foundation und der des FIA Instituts."

"Die Zahl der Errungenschaften ist groß. Als Verwalter der FIA Foundation durfte ich mich glücklich schätzen, persönlich an einigen dieser Aktivitäten teilzunehmen. Ich bin auch ungeheuer stolz auf meine Lebensgefährtin Michelle, die schon seit zwei Jahren als Botschafterin für die Kampagne 'Make Roads Safe' tätig ist."

"Ich hoffe darauf, eine noch größere Beteiligung der Motorsportgemeinschaft an der Arbeit der FIA, der Foundation oder des Insituts anregen zu können, um auf die Mitwirkung von Leuten wie Michael Schumacher, Lewis Hamilton, Felipe Massa, Pedro de la Rosa, Sebastian Loeb und Alex Wurz aufzubauen."

Frage: "Einige Personen aus dem Formel-1-Umfeld haben angesichts deiner jüngsten Rolle bei Ferrari deine Unparteilichkeit als FIA-Präsident in Frage gestellt..."
Todt: "Anfangs haben einige Leute angemerkt, dass ich Ferraris Wahl für die Präsidentschaft sei. Dann wurde den Medien erzählt, dass Ferrari mich gar nicht wollte. Die Scuderia hat schließlich darauf geantwortet, dass sie einen neutralen Standpunkt einnimmt. Dem schließe ich mich vollkommen an."

"Sie sollten sich genauso neutral verhalten wie ich mich gegenüber sämtlichen Teams, sollte ich zum Präsident gewählt werden. Das ist eine Frage der Hingabe und der Professionalität. Die Erfolge, die ich während meiner Karriere mit jedem Team erzielt habe, basierten allesamt auf Professionalität und einer totalen Fokussierung auf die Ziele des Teams. Meine Herangehensweise an die FIA ist nicht anders."

"Ich würde mich niemals auf diese Wahl einlassen, wenn ich nicht meine gesamte Professionalität, meine ganze Energie und meine Hingabe dem Erreichen der Ziele widmen würde, die im besten Interesse der FIA liegen. Ein zentraler Teil davon ist, als Beschützer der Unabhängigkeit der FIA aufzutreten."

Gespräch mit GPDA steht an

Frage: "Seit der Ankündigung deiner Kandidatur warst du bei keinem Grand Prix vor Ort. Wirst du vor der Wahl noch ein Formel-1-Rennen besuchen?"
Todt: "Mein Hauptaugenmerk lag darauf, die richtigen Leute auszumachen, die richtige Politik zu finden und das richtige Programm für mein Team aufzustellen. Ich habe eine starke Führungsmannschaft zusammengestellt."

"Wir haben unser Programm sehr sorgfältig überlegt und konnten einen ausgezeichneten Dialog mit den Mitgliedern der FIA führen, um unsere Politik zu verbessern und weiterzuentwickeln. Zu einem späteren Zeitpunkt wird es in diesem Wahlkampf wichtig sein, im Fahrerlager und im Servicebereich vorbeizuschauen. Im Augenblick konzentriert sich unsere Kampagne aber voll und ganz auf die Beratungen mit den Mitgliedern."

Frage: "Wirst du die Fahrer und die Teams treffen?"
Todt: "Die GPDA hat mich auf ein Treffen eingeladen und ich nehme ihre Einladung sehr gerne an. Ich freue mich schon sehr darauf, die Gesprächsgelegenheit wahrzunehmen, wenn ich einen der kommenden Grands Prix besuche."

"Teamwork lag sämtlichen meiner Erfolge im Motorsport zugrunde und das charakterisiert auch meine Herangehensweise an diese Wahlkampagne, die mir im Erfolgsfall die FIA-Präsidentschaft beschert. Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Formel-1-Piloten und die Rennfahrer aus anderen Kategorien an diesem Teamwork teilhaben werden und auf die hervorragenden Beiträge aufbauen werden, die bereits bei Arbeit der FIA, des FIA Institutes und der FIA Foundation geleistet wurden - sei es auf der Rennstrecke oder auf der Straße."

Fotoquelle: xpb.cc

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