Der gestrige Ausfall war Jenson Buttons erster in der laufenden Saison

Formel 1 2009

— 31.08.2009

Flattern bei Button die Nerven?

Elf Punkte aus fünf Rennen: Der Trend spricht im WM-Kampf gegen Jenson Button - Ross Brawn über die Reifenprobleme des BGP 001

Die (unverschuldete) Nullnummer gestern in Spa-Francorchamps war aus Sicht von Jenson Button nur der vorläufige Tiefpunkt einer durchwachsenen zweiten Saisonhälfte: Der WM-Leader hat in den vergangenen fünf Rennen gerade mal elf Punkte gesammelt und läuft langsam Gefahr, seinen schon sicher geglaubten WM-Thron doch noch zu verlieren.

Bis zu 26 Punkte betrug sein Vorsprung schon, seit gestern trennen Button und seinen Teamkollegen Rubens Barrichello nur noch deren 16. Das Glück des Seriensiegers der ersten Saisonhälfte ist, dass sich auch seine drei Gegner regelmäßig verstolpern: Seit Buttons letztem Sieg Anfang Juni in Istanbul haben Barrichello, Sebastian Vettel und Mark Webber je zwei Nullrunden geschrieben - ein WM-Kampf, den anscheinend keiner gewinnen will, spotten einige Beobachter hämisch.

Button wirkt ausgerechnet seit seinem Heimrennen in Silverstone unsicher, nervös, war zuletzt auch langsamer als Barrichello. Was anfangs noch den leidigen Problemen mit der Reifentemperatur zugeschrieben wurde, erachten manche Experten inzwischen auch als Fahrerproblem. Teamchef Ross Brawn gibt zu: "In ihrem ersten Weltmeisterjahr erleben alle Fahrer Phasen, in denen sie sich die verschiedensten Dinge fragen. Ich habe das selbst bei Michael Schumacher gesehen."

Zittern vor dem WM-Titel

"Was wäre wenn, was kann alles passieren? Aber das ist ganz normal. Man muss sie dann dazu auffordern, dass sie sich auf die Ereignisse des jeweiligen Tages konzentrieren und gut mit ihrem Renningenieur zusammenarbeiten", so der Brite. "Ich finde es aber völlig verständlich und menschlich, dass einem Fahrer in so einer Situation vieles durch den Kopf geht. Aufgabe des Teams ist es, den Fahrer zu unterstützen. Solange wir die Situation unter Kontrolle haben, ist es kein Problem."

Nach dem farblosen siebenten Platz in Valencia, wo er über weite Strecken im Verkehr aufgehalten wurde, kündigte Button für Spa-Francorchamps volle Attacke an. Ergebnis: Zum ersten Mal verpasste er den Einzug in die letzte Phase des Qualifyings, während Barrichello den zweiten Brawn-Mercedes in die zweite Startreihe stellte. Die Kollision mit Grosjean in der ersten Runde hätte nie passieren können, wenn Button weiter vorne losgefahren wäre.

Dass das Pendel seit Valencia selbst teamintern gegen den WM-Leader ausschwenkt, liegt offenbar an der schon behoben geglaubten Reifensituation. Der BGP 001 gilt als "Reifenflüsterer". Das kommt Barrichello mit seinem aggressiven und kantigen Fahrstil entgegen, schadet aber dem ganz ruhig am Lenkrad kurbelnden Button: "An diesen schwierigen Tagen tut sich Jenson schwerer. Rubens macht da einen sehr guten Job", erläutert Brawn.

"Jenson ist ein sehr sanfter Fahrer mit einem sehr sauberen Fahrstil. Wenn es für uns darum geht, dass wir zu wenig Temperatur in die Reifen bekommen, dann tut sich er etwas schwerer als Rubens. Rubens ist besser dazu in der Lage, die Reifen auf Temperatur zu bringen, aber ihre Bedürfnisse sind eigentlich nicht groß unterschiedlich. Wenn wir einmal eine Balance haben, die funktioniert, dann funktioniert sie meistens für beide Fahrer", so der Erfolgsteamchef.

Auch aus Teamsicht muss sich Brawn langsam Sorgen machen, denn in den vergangenen sechs Rennen hat Red Bull fünfmal mehr Punkte geholt. Hinzu kommt, dass Ferrari und McLaren-Mercedes inzwischen so gut wie ebenbürtig sind. Dabei läuft alles bestens, wenn die Bridgestone-Reifen warm genug sind, wie man während der Rennen phasenweise immer wieder sehen kann. Aber die Konstanz fehlt derzeit.

Brawn weiß um den Ernst der Lage

"Wir sind derzeit verletzlich und brauchen Lösungen", weiß Brawn und erklärt nicht ohne Sorge: "In die Hinterreifen kriegt man ganz einfach Temperatur rein, indem man etwas aggressiver aufs Gas steigt. Bei den Vorderreifen ist das schwieriger. Die Teams, die das im Griff haben, standen hier plötzlich vorne. Ansonsten hat es seit Valencia ja keine dramatischen Änderungen gegeben, was die Autos angeht."

Eben weil die Reifensituation in der Formel 1 im Moment so komplex ist wie nie zuvor, schlägt derzeit die große Stunde der Routiniers: Webber feierte am Nürburgring seinen ersten Sieg, Barrichello meldete sich in Valencia nach fünf Jahren zurück, Nick Heidfeld ist bei BMW plötzlich wieder schneller als Robert Kubica. Nach Meinung von Brawn liegt das vor allem am schmalen Betriebsfenster der Reifen: "Es ist kein Zufall, dass die alten Herren den Ton angeben."

Abgesehen von konstruktionstechnischen Modifikationen kann Brawn Parameter wie die Gewichtsverteilung, den Radsturz und die Dämpfereinstellungen verändern, um zu versuchen, mehr Temperatur in die Reifen zu bekommen. Dabei ist ein "Reifenflüsterer" normalerweise ein Riesenvorteil: "Normalerweise versucht man eher, die Haltbarkeit der Reifen zu verbessern. Das ist ja das Paradoxe an dieser Situation."

Denn einleuchtend ist: Je heißer die Reifen, desto mehr Grip bieten sie zwar kurzfristig, aber desto schneller verschleißen sie auch. 2010 wird dann wieder alles anders: "Nächstes Jahr könnte uns das entgegenkommen. Mit 160 oder 170 Kilogramm Benzin an Bord ist die Haltbarkeit der Reifen, besonders der Vorderreifen, ein wichtiger Faktor", sagt Brawn in Anspielung auf das künftige Tankverbot und die geplanten schmäleren Vorderreifen.

Zunächst einmal zerbricht er sich den Kopf aber über die verbleibenden fünf Saisonrennen. Dass die kein Selbstläufer werden, ist dem Weltmeistermacher bewusst: "Ich erwarte, dass es in Monza recht warm wird. Aber unabhängig davon ist Monza normalerweise keine Strecke, auf der man mit den Reifentemperaturen Probleme hat. Suzuka könnte schwierig werden, aber ich erwarte keine Probleme in Brasilien und auch nicht in Abu Dhabi", so Brawn abschließend.

Fotoquelle: xpb.cc

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