So hart umkämpft wie in dieser Saison war die Formel 1 noch nie

Formel 1 2009

— 02.09.2009

Formel 1 anno 2009: "Keine Amateure mehr"

Die Zeiten, in denen semiprofessionelle Garagisten Formel-1-Rennen bestritten haben, sind längst vorbei - Konkurrenzdruck so groß wie noch nie

Spa-Francorchamps war ein eindrückliches Beispiel für den Konkurrenzdruck in der Formel 1, der 2009 so groß ist wie nie zuvor: Am Freitag landeten nicht weniger als 19 (!) von 20 Fahrern innerhalb von gut einer Sekunde - nur Ferrari-Ersatzmann Luca Badoer fiel deutlich ab -, während im Rennen die schnellsten Runden von 13 Fahrern im gleichen Zeitfenster lagen.

Wenn man bedenkt, dass die Ardennenstrecke mehr als sieben Kilometer lang ist, dann erscheint der Wettbewerb noch einmal in einem ganz anderen Licht. So professionell wie heute, das steht fest, wurde in der Formel 1 noch nie gearbeitet: "Früher war einfach alles ganz anders - die Leute, die Atmosphäre", erinnert sich Formel-1-Geschäftsführer Bernie Ecclestone im Interview mit autobildmotorsport.de.

"Wir hatten alle die gleichen Getriebe und Motoren - und wenn irgendein Teil sich mal ins Nirvana verabschiedet hat, ist man einfach zum Nachbarteam gegangen und hat nach einem Motor gefragt", schmunzelt der 78-Jährige. "Die Jungs hatten damals die Philosophie, sich gegenseitig zu helfen. Es war fast wie bei den Pfadfindern. Man kann nicht behaupten, dass das heute auch noch so ist. Der Erfolgsdruck ist heute einfach zu hoch."

Von der Spitze in die Mittelmäßigkeit

Besonders deutlich wird dies am Beispiel des Williams-Teams: Frank Williams und sein Partner Patrick Head waren noch bis in die späten 1990er-Jahre hinein die beste Adresse der Königsklasse, doch mit dem Herstellerzeitalter begann für den Erfolgsrennstall der Fall in die Mittelmäßigkeit. Was noch vor ein paar Jahren gut genug war, um Seriensiege einzufahren, reichte plötzlich nur noch für gelegentliche Achtungserfolge.

Sam Michael, Heads Nachfolger als Technischer Direktor, erinnert sich: "2005 und 2006 waren schwierige Jahre für uns. Wir haben erst unseren Motorenhersteller BMW verloren und dann einige große Sponsoren wie zum Beispiel HP. Folglich mussten wir die Firma umstrukturieren. Wir wechselten auch einige technische Mitarbeiter aus. Davon war sogar ich selbst betroffen, denn ich wurde Technischer Direktor."

"Die Formel 1 ist heutzutage unglaublich umkämpft", sagt er. "Wenn man heute einmal völlig ins Klo greift und ganz weit hinten steht, im ersten Qualifying ausscheidet, dann fehlt einem vielleicht eine halbe Sekunde auf die Top 5. Mit so einem Rückstand war man Anfang dieses Jahrzehnts noch Dritter oder Vierter der Startaufstellung. Man konnte im Rennen eine halbe Minute Verspätung haben und trotzdem noch jede Menge Punkte sammeln."

"Das ist jetzt nicht mehr gut genug. Heute wirst du damit Letzter. Alle haben sich gesteigert", erläutert der Australier und fügt an: "Prozesse, die heute noch gut genug sind, sind es in zwölf Monaten vielleicht nicht mehr." 2009 ist es sogar so, dass sich das Kräfteverhältnis manchmal von Wochenende zu Wochenende verschiebt. Das in Silverstone noch überlegene Red-Bull-Update war in Spa-Francorchamps schon wieder Schnee von gestern.

Windkanal ist heute selbstverständlich

Michael: "Mitte der 1990er-Jahre, als ich in die Formel 1 kam, gab es eine Diskussion darüber, ob es notwendig ist, einen großen Windkanal zu haben. So etwas wäre heute völlig undenkbar. Ein intensives Windkanalprogramm ist heutzutage wie das Wasser, das man braucht, um überhaupt überleben zu können. Jeder weiß das. Und deswegen ist das Niveau in der Formel 1 so hoch. Es gibt keine Amateure mehr."

Das hohe Niveau hat sich aber nicht nur in der Technik eingebürgert, sondern auch bei den Fahrern. Der belächelte Ferrari-Ersatzmann Badoer war 1999 noch gut genug, um mit einem Minardi auf Platz vier herumzurollen. Zehn Jahre später macht er keinen Mucks mehr. Vieles ist anders: "Es sah schon verdammt cool aus, wenn die Fahrer von damals die Kippe aus dem Overall zogen oder sich gleich einen Drink genehmigten, nachdem sie aus dem Auto gestiegen sind", grinst Sebastian Vettel.

Doch diese Zeiten sind längst vorbei: "Heute haben wir viel mehr Fliehkräfte, das Fahren ist viel anstrengender geworden", so Vettel. "Deshalb musst du dafür sorgen, dass du auch noch in den letzten zehn Runden die volle Leistung bringen kannst. Da kannst du einfach nicht trinken oder rauchen. Im Gegenteil: Wenn ich durch bessere Ernährung gegen einen anderen gewinne, ernähre ich mich auch besser."

"Es gab noch einen Unterschied", wirft Ecclestone lächelnd ein. "Damals haben wir das Rennen erst gestartet, wenn alle bereit waren. Die Jungs sind oft bis 5:00 Uhr morgens unterwegs gewesen. Da musste man lange das Telefon klingeln lassen, bis sie endlich wach wurden. Schwer vorzustellen, dass man heute ein Rennen um eine halbe Stunde verschiebt, weil Sebastian noch nicht im Fahrerlager ist..."

Fotoquelle: xpb.cc

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