Die Brawn-Boys sind nach ihrem Doppelsieg in der WM kaum zu knacken

Formel 1 2009

— 13.09.2009

Brawn-Doppelsieg: WM-Vorentscheidung in Monza!

Rubens Barrichellos vor Jenson Button und Kimi Räikkönen in Monza - Sebastian Vettel nur Achter - Unfall von Lewis Hamilton in der letzten Runde

"Monza ist eines der Rennen, wo eine Einstoppstrategie schneller ist", hatte Ross Brawn schon gestern nach dem Qualifying prophezeit - und seine Taktik sollte wieder einmal voll aufgehen: Das Brawn-Mercedes-Team feierte beim Grand Prix von Italien einen souveränen Doppelsieg und führte damit eine Vorentscheidung in der Weltmeisterschaft herbei!

Rubens Barrichello, 2002 und 2004 auf Ferrari schon zweimal Sieger im Königlichen Park, lieferte eine tadellose Vorstellung ab und gewann das schnellste Formel-1-Rennen der Welt vor seinem Teamkollegen Jenson Button. Die beiden sind damit in der Fahrerwertung praktisch unter sich, denn Sebastian Vettel holte nur einen glücklichen Punkt und Mark Webber (beide Red-Bull-Renault) schied schon in der ersten Runde aus.

Ein Ferrari auf dem Podium

Die aus deutscher Sicht erhoffte Sensation durch Adrian Sutil (Force-India-Mercedes) blieb aus, dafür hatten die Tifosi etwas zu bejubeln: Kimi Räikkönen brachte für Ferrari einen dritten Platz ins Ziel. Dieser wäre eigentlich für Lewis Hamilton (McLaren-Mercedes) reserviert gewesen, aber der Weltmeister warf das sicher scheinende Podium mit einem Crash ausgangs der ersten Lesmo-Kurve in der allerletzten Runde weg.

Am Start hatte für den Polesetter noch alles nach Plan geklappt: Hamilton musste zwar eine Attacke von Räikkönen abwehren, der mit zwei Rädern in die Wiese musste, bog aber als Führender in die erste Kurve ein. Alles richtig machte Sutil, der die Anweisung seines Renningenieurs genau befolgte und auf der Innenbahn das Beste aus seinem Start herausholte - obwohl von hinten Heikki Kovalainen (McLaren-Mercedes) mit KERS-Power angeflogen kam.

Die Anfangsphase war dann unglaublich turbulent: Erst schnappte sich Barrichello Kovalainen, dann stach in den Lesmos auch Button am Silberpfeil vorbei - ein unglaublich entschlossenes Manöver, das sich Szenenapplaus verdiente. Ein paar Sekunden zuvor hatte sich Webber verabschieden: Der Australier wurde durch einen Schubser von Robert Kubica (BMW Sauber F1 Team) in der Variante della Roggia seiner letzten realistischen WM-Chancen beraubt: Ausfall!

Kovalainen ohne Chance

Kovalainen wurde indes weiter nach hinten durchgereicht, als würde er auf den Geraden eine Handbremse leicht angezogen haben - selbst der zunächst trotz relativ hoher Benzinlast groß aufgeigende Vitantonio Liuzzi (Force-India-Mercedes) ließ den Finnen mühelos stehen. Etwas weiter hinten wurde Vettel erst von Fernando Alonso (Renault) und dann auch noch von Kubica überholt, obwohl dessen Frontflügel lädiert war.

Eben wegen dieses Frontflügels wurde der Pole später mittels schwarz-oranger Flagge an die Box geholt, weil die Rennkommissare ein Sicherheitsrisiko befürchteten. In der vierten Runde kam noch der heute ohnehin zum Statisten degradierte Nico Rosberg (Williams-Toyota) zu einem Reparaturstopp - und erst dann sortierte sich das Feld langsam ein, sodass die zahlreich erschienenen Tifosi einmal durchatmen konnten.

An der Spitze setzten sich wie erwartet die Zweistopper Hamilton, Räikkönen und Sutil vom Rest ab, wobei Hamilton rasch ein paar Wagenlängen Vorsprung aufbauen konnte und damit das Fernduell um den Sieg gegen den Brawn-Express eröffnete, der dahinter mit wesentlich mehr Benzin an Bord gegen die Stoppuhr fuhr. In der 15. Runde begannen dann die Köpfe der Stratege zu rauchen, als Hamilton wie erwartet die Serie der Boxenstopps eröffnete.

Fernduell der Strategien

In der 28. und 29. Runde kamen Button und Barrichello zum Service - und durch die eine Runde Unterschied konnte Barrichello seinen Teamkollegen endlich aus dem Windschatten abschütteln. Bis zum zweiten und entscheidenden Stopp von Hamilton in Runde 34 fuhren beide Brawn-Piloten sehr konstante Rundenzeiten, leisteten sich keine Fehler - und als Hamilton wieder auf die Strecke ging, fehlten dem Silberpfeil gleich mehrere Sekunden!

Barrichello fuhr den Sieg mit einem Fünf-Sekunden-Puffer locker nach Hause und bekam gleich am Funk eine Moralinjektion vom Renningenieur verpasst: "Gewöhn' dich mal besser dran, die restlichen vier Rennen müssen wir auch noch gewinnen!" Dahinter waren die Positionen weitgehend bezogen, aber Hamilton ließ gegen Button nicht locker, wollte offensichtlich noch Zweiter werden - und flog nach Bestzeit in Sektor eins in der allerletzten Runde zwischen den beiden Lesmo-Kurven ab!

"Er hat gepusht bis zum Schluss", berichtete Mercedes-Sportchef Norbert Haug. "Die Zuschauer würdigen das auch, dass man nicht zurücksteckt, denn vielleicht geht noch was." Über das entgangene Podium und den bescheidenen sechsten Platz von Kovalainen ärgerte er sich nur kurz: "Wir wären grundsätzlich siegfähig gewesen, es ging nur ein bisschen hin und her mit der Strategie. Aber Gratulation an Brawn zum Doppelsieg!"

Glücklicher Punkt für Vettel

Durch den Hamilton-Patzer ging das Rennen einerseits hinter dem Safety-Car zu Ende, andererseits erbte der chancenlose Vettel doch noch ein Pünktchen für seine fast aussichtslose WM-Kampagne. Der Red-Bull-Pilot war kurz zuvor an neunter Stelle liegend in einer der Lesmos ausgeritten, konnte das Auto aber retten und kam 2,9 Sekunden hinter Nick Heidfeld (BMW Sauber F1 Team) ins Ziel. In der Weltmeisterschaft beträgt sein Rückstand vier Rennen vor Schluss 26 Punkte.

"Das war unser schlechtestes Rennen der Saison, keine Frage", ärgerte sich Vettels Teamchef Christian Horner. "Heute haben sie den Vorsprung stark vergrößert, vor allem auch in der Konstrukteurswertung. Aber es ist noch nicht vorbei und wir kämpfen weiter." Kollege Brawn wirkte im ersten Interview naturgemäß deutlich glücklicher: "Dass sie heute gepatzt haben, schadet natürlich nicht! Es war ein guter Tag für uns."

Button führt nun in der Weltmeisterschaft 14 Punkte vor Barrichello und 26 vor Vettel - auch wenn rein rechnerisch noch vier Fahrer Chancen auf den Titel haben, so wird unter normalen Umständen alles auf ein teaminternes Duell hinauslaufen. Auch in der Konstrukteurswertung ist heute eine Vorentscheidung gefallen, denn dort steht es zwischen Brawn und Red Bull 146:105,5. Dritter ist Ferrari mit 62 Zählern.

Sutil lässt große Chance aus

Ferrari-Star Räikkönen musste nach dem Rennen eingestehen: "Die Brawns sind einfach schneller als wir, aber es ist ein tolles Ergebnis für das Team, gerade hier in Monza." Eines, das ihm Sutil beinahe streitig gemacht hätte, denn der Deutsche folgte dem Ferrari 53 Runden lang wie ein Schatten, übte im Finish noch einmal richtig Druck aus und bekam vom Team sogar die Freigabe für den Boost-Button - gegen KERS hatte er aber keine Chance.

Die wäre beim zweiten Stopp vorhanden gewesen, als Räikkönen und Sutil gleichzeitig reinkamen. Räikkönen fuhr in der Hitze des Gefechts etwas zu früh los, musste kurz stehen bleiben und konnte erst dann anfahren, aber auch Sutil leistete sich einen Schnitzer, indem er zu spät bremste und seine Mechaniker über den Haufen fuhr. Dabei wurde sogar sein Rückspiegel abgeschlagen, aber den brauchte er in der Schlussphase ohnehin nicht.

Fünfter wurde Alonso, der eine solide Leistung ablieferte, gefolgt von Kovalainen, Heidfeld und Vettel. Ferrari-Neuzugang Giancarlo Fisichella gewann am Start wie erwartet drei Positionen, konnte sich dann aber nicht mehr richtig in Szene setzen und wurde mit 1,4 Sekunden Rückstand auf die Punkteränge Neunter. Insgesamt wurden 16 von 20 gestarteten Piloten gewertet - eingeschlossen den verunfallten Hamilton.

Starker Liuzzi beim Comeback unbelohnt

Einer der heimlichen Helden des Nachmittags war Liuzzi, denn der Lokalmatador lieferte bis zu seinem Getriebeschaden eine tolle Leistung ab und wäre wohl Fünfter geworden: Ich kam vor der Schikane an und wollte den fünften Gang einlegen, aber auf einmal ging das Getriebe nicht mehr", analysierte er. "Es war aber ein großartiges Gefühl, mit den großen Jungs zu kämpfen. Wir haben ein konkurrenzfähiges Auto und ich konnte gegen alle dagegenhalten. Force India ist jetzt voll da."

Völlig unauffällig waren hingegen die beiden Toyota-Piloten, die sportlich keine Chance hatten. Umso sehenswerter war dafür ihr wiederholtes Privatscharmützel, das nach mehreren Rangeleien schließlich mit einem ambitionierten Überholmanöver von Timo Glock in der Lesmo-Kurve endete - bei dem Jarno Trulli nach außen in den Kies gedrängt wurde! Um Punkte ging es für die beiden aber ohnehin nicht mehr.

Die Europasaison der Formel 1 ist damit beendet. Weiter geht es in zwei Wochen in Singapur - mit Button als klarem Favoriten auf den WM-Titel. Heute war der Spitzenreiter auch fair genug für eine Gratulation an seinen siegreichen Teamkollegen: "Rubens war einfach besser und verdient dieses Ergebnis, aber es war auch für mich kein schlechter Tag. Ich habe auf ihn zwei Punkte verloren, aber dafür sieben auf Vettel gewonnen. Jetzt ist Rubens mein großer Gegner!"

Fotoquelle: xpb.cc

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