Die FIA verhandelt diese Woche den Manipulationsfall um das Renault-Team

Formel 1 2009

— 21.09.2009

Weltratsmitglied: "Völlig inakzeptable Situation"

Exklusiv: Radovan Novák, Mitglied des Motorsport-Weltrats, spricht im Fall "Crashgate" über Hintergründe und mögliche Konsequenzen

Im FIA-Hauptquartier am Place de la Concorde in Paris wird heute der Manipulationsfall "Crashgate" um das Renault-Team verhandelt. In Singapur 2008 sollen Flavio Briatore und Pat Symonds ihren Fahrer Nelson Piquet jun. bekanntlich aufgefordert haben, mittels Unfall eine Safety-Car-Phase auszulösen, um Fernando Alonso zum Sieg zu verhelfen.

Das ist ein so undenkbares Szenario, dass es dafür nicht einmal einen konkreten Artikel im Sportlichen Reglement gibt. Also dient als Grundlage für die Anklage ein Verstoß gegen den berühmten Artikel 151.c) im Internationalen Sportkodex, in dem es wörtlich heißt: "Jedes betrügerische Verhalten oder jedes Verhalten, das im Widerspruch zu den Interessen des Wettbewerbs oder des Motorsports generell steht", sei als Regelverstoß zu werten.

Nicht vergleichbar mit "Spygate"

Eben dieser Artikel hat 2007 zur Verhängung der höchsten Geldstrafe in der FIA-Geschichte geführt, als McLaren-Mercedes für die Spionageaffäre mit 100 Millionen US-Dollar sanktioniert wurde. Ab heute steht Renault am Pranger - und viele vermuten, dass in der Manipulationsaffäre eine ähnlich drakonische Strafe verhängt werden könnte. Daran glaubt auch Radovan Novák, eines der 26 Mitglieder des Motorsport-Weltrats, der darüber entscheidet.

Es sei "schwer zu sagen", welche Strafe es geben wird, erklärte der Präsident des tschechischen Motorsportverbandes am Wochenende bei einem Treffen mit 'Motorsport-Total.com': "Es gibt einige Möglichkeiten. Aber der mutmaßliche Drahtzieher, Flavio Briatore, ist weg. Was können wir also noch tun? Geld. Wir könnten auch Nelson Piquet die Lizenz für 99 Jahre wegnehmen, was aber auch nicht geht, weil ihm ja Immunität gewährt wurde."

Grundsätzlich glaubt er, dass sich Renault auf eine schallende Ohrfeige für "Crashgate" einstellen muss, denn: "Es war ein total unsicheres Manöver. Alles kann passieren. Wie willst du wissen, was passiert, wenn du ein Auto gegen die Wand setzt? Es hätte ein Rad in die Zuschauer fliegen können. Für mich ist das eine völlig inakzeptable Situation. Wenn sie in der Fabrik mit technischen Tricks betrügen, dann ist das etwas anderes."

Für Novák liegt darin der Unterschied zur McLaren-Mercedes-Affäre von 2007, denn damals wurde zwar wissentlich spioniert, doch zumindest bestand kein Sicherheitsrisiko. Piquets Unfall hingegen hätte alle möglichen Folgen haben können - man denke nur an das Szenario eines herumfliegenden Rades. So etwas hat vor noch gar nicht allzu langer Zeit schon Streckenposten getötet. So ein Szenario wissentlich einzugehen, dürfte es in der Formel 1 noch nie zuvor gegeben haben.

Sicherheitsaspekt könnte schwer wiegen

"In der Formel 1 ist viel Geld im Spiel. Wenn wo viel Geld im Spiel ist, dann kann so etwas passieren", philosophierte Novák. "Ich war überhaupt nicht schockiert, als ich zum ersten Mal davon gehört habe. In meinem Alter weiß ich, dass alles passieren kann. Aber meiner Meinung nach ist es nicht nett, einen Fahrer einem solchen Risiko auszusetzen. Wenn sie sagen würden, sie lassen den Motor hochgehen, dann wäre es etwas anderes."

Der Tscheche bezeichnete Piquet jun. außerdem als "verrückt", sich auf so eine Anweisung - so es denn tatsächlich eine war - einzulassen. Auf eine Diskussion über Details wollte er sich jedoch nicht einlassen, weil er zum Zeitpunkt des Interviews zu unserem Erstaunen noch nicht mit den - längst auch veröffentlichten - Fakten und Beweisen vertraut war: "Ich werde das Dossier auf dem Flug nach Paris lesen. Da ist noch genug Zeit."

"Ich schätze, dass Herr Mosley eine Idee hat, die er präsentieren wird", so Novák. "Ich bin mir sicher, dass er und seine engsten Vertrauten darüber gesprochen haben. Das mussten sie tun, denn sie haben den Weltrat einberufen. Aber sonst wurde unter den Ratsmitgliedern im Vorfeld nicht viel gesprochen. Es herrscht auch ein bisschen Verunsicherung, weil niemand weiß, wer im Oktober Präsident wird. Da hat jeder Angst um seinen Posten."

Wie lange weiß die FIA schon von "Crashgate"?

Für Diskussionsstoff sorgte in den vergangenen Tagen auch die Behauptung von Nelson Piquet sen., er habe FIA-Mann Charlie Whiting bereits beim Saisonfinale in São Paulo 2008 erstmals über "Crashgate" informiert. Auch Bernie Ecclestone, eines der 26 Mitglieder des Weltrats, gibt zu, schon seit Mai davon zu wissen. Da stellt sich die Frage, warum es bis zur eidesstattlichen Aussage von Piquet jun. im Juli gedauert hat, ehe eine Untersuchung eingeleitet wurde.

"Wenn Charlie davon gewusst hat, dann hätte etwas unternommen werden sollen. Ich habe das aber bisher nicht gehört", zeigte sich Novák, von uns mit diesem Vorwurf konfrontiert, überrascht. "In meinem Land gibt es ein Sprichwort: 'Nach dem Krieg ist jeder General.' Wenn es so war, wie Sie sagen, dann hat Charlie sicher Max Mosley informiert. Aber um einen Fall zu eröffnen, braucht man Beweise."

Einwand: Die Telemetriedaten und den Boxenfunk hätte man auch ohne Piquet-Aussage anfordern können. Novák: "Die Telemetriedaten hätte das Team vielleicht mit irgendwelchen Argumenten entkräftet. Jetzt gibt es eine unter Eid geleistete Erklärung von Nelson Piquet jun. Das ist etwas Greifbares. Und wenn Junior vor dem Weltrat eine Aussage leistet, dann ist das auch greifbar. Aber Telemetrie halte ich nicht für einen sicheren Beweis."

Absurd erscheint außerdem, dass sich heute Renault als Inhaber einer Wettbewerbslizenz vor dem Weltrat verantworten muss, während die drei mutmaßlichen Verschwörer Briatore, Symonds und Piquet jun. längst nicht mehr dem Team angehören. Die FIA hat gar keine Möglichkeit, dieses Trio zu bestrafen, denn Piquet jun., Inhaber einer FIA-Superlizenz, steht unter dem Schutz der Immunität, während Briatore und Symonds für ihre Tätigkeit keine FIA-Lizenz besitzen mussten.

Briatore und Symonds aus dem Schneider

Novák räumte beim Treffen mit uns ein, die FIA habe "natürlich keine Möglichkeit", gegen Briatore und Symonds vorzugehen oder ein verbindliches Arbeitsverbot zu verhängen: "Das sind Privatpersonen, die bei Renault angestellt waren. Renault ist der Inhaber der Wettbewerbslizenz. Damit ist Renault verantwortlich für das Verhalten seiner Fahrer und seiner Teammitglieder. Wenn also jemand schuldig gesprochen wird, dann Renault."

Dafür könne man aber nicht ein krankendes FIA-System verantwortlich machen: "Es ist in anderen Disziplinen nicht anders. Wir haben Lizenzen für unsere Teilnehmer. Wenn etwas vorgefallen ist, wird der betroffene Teilnehmer vorgeladen. Das ist ein System, das wir nicht ändern können. Wenn ein Schiedsrichter im Fußball einem Spieler die Rote Karte zeigt, dann muss ja auch nicht der Trainer vor den Disziplinarausschuss", erklärte Novák.

Unklar ist außerdem, wen der Weltrat heute überhaupt verhören kann. Briatore wurde zwar eingeladen, ist aber nicht verpflichtet, in Paris zu erscheinen, während Symonds angeblich in Spanien Urlaub macht. Die Piquets könnten auf die Reise nach Frankreich verzichten, weil sie ihre Aussage ohnehin bereits gemacht haben und in Frankreich wegen Verleumdung und versuchter Erpressung strafrechtlich verfolgt werden. Als sicher gilt nur das Erscheinen von Fernando Alonso.

Fotoquelle: xpb.cc

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