Am Ziel seiner Träume: Jenson Button, Formel-1-Weltmeister 2009

Formel 1 2009

— 19.10.2009

Jenson Button: Der Weltmeister im Interview

Pressekonferenz mit Jenson Button: Der neue Weltmeister über seinen Weg zum Titel und die damit verbundenen Höhen und Tiefen

"Wo seid ihr denn alle? Ich bin verdammt noch mal Weltmeister!" Mit diesen Worten eröffnete Jenson Button nach dem Grand Prix von Brasilien die hastig organisierte Weltmeister-Pressekonferenz im Mediensaal der FIA. Der Brawn-Pilot hatte die drängelnde Journalistenmeute kurz zuvor im Fahrerlager stehen gelassen und sich aus dem Staub gemacht, um die Fragen etwas organisierter beantworten zu können.

Als sich die Nachricht von der Pressekonferenz herumsprach, füllte sich der Saal nach und nach. Eines wurde dabei klar: Button ist kein Weltmeister, der Tag und Nacht nur für die Formel 1 lebt und gleich nach dem Sieg schon wieder an das nächste Rennen denkt - ganz im Gegenteil: Seine größte Sorge war, die Party absagen zu müssen, weil er noch für die Abendstunden wegen eines PR-Termins nach Hause fliegen hätte sollen. Da sprang dann aber Rubens Barrichello ein, der ihm für Montagfrüh seinen Privatjet zur Verfügung stellte...

Frage: "Jenson, kannst du deine Emotionen in Worte fassen?"
Jenson Button: "Es kommt mir so vor, als würde ich noch im Auto sitzen! Seit ich ausgestiegen bin, ging alles so schnell. Es ist eine Erleichterung. Du fühlst dich wie in Ekstase. Alle schlechten und schönen Erinnerungen ziehen noch einmal an dir vorbei - nicht nur die aus diesem Jahr, sondern auch die aus vergangenen Jahren in diesem Sport."

Schwäche in den Qualifyings

"Dieses Jahr hatten wir einen fantastischen Saisonstart, aber die letzten Rennen waren ziemlich belastend, denn wir hatten die Pace, aber aufgrund von Problemen im Qualifying hatten wir meistens Schwierigkeiten. Das hat es mir sehr schwer gemacht. Es tut mental weh, wenn du nicht das Beste aus dem Auto holen kannst, aber es gab auch viele negative Kommentare in Tageszeitungen und Magazinen. Ich dachte, dass es das nicht gibt, wenn man als Fahrer auf dem Höhepunkt der Karriere ist, aber es wurde ja auch viel Gutes geschrieben. So sollte es sein."

"Das Team hat einen Mörderjob gemacht. Was sie nach diesem Winter erreicht haben, ist außergewöhnlich. Ich glaube nicht, dass es so eine Saison in der Formel 1 schon einmal gegeben hat. Es ist großartig, als Weltmeister hier zu sitzen. Ich bin davon überzeugt, dass ich es verdiene. Ich war in den 16 Rennen der Beste - und darum geht es in einer Weltmeisterschaft. Ich werde diesen Moment in vollen Zügen genießen. Die Leute um mich herum haben mich wunderbar unterstützt."

"Vielleicht habe ich in der Vergangenheit manchmal den Eindruck gemacht, als wäre mir das alles egal, aber das war nur ein aufgesetztes Gesicht. Es ist ein Zeichen von Schwäche, wenn man zeigt, dass einen etwas belastet, aber ich kann jetzt sagen, dass es sehr schwierige Monate waren. Ich habe die Menschen um mich herum gebraucht, vor allem mein Team. Heute habe ich zwar das Rennen nicht gewonnen, aber ich habe mit diesem Auto das Beste gegeben und es fühlte sich wie ein Sieg für mich an. Ich bin der neue Weltmeister - und ich werde nicht aufhören, das zu sagen!"

Frage: "Wie frustrierend war es, so lange hinter Kamui Kobayashi festzuhängen?"
Button: "Der Kerl ist verrückt! Ich schätze mal, das ist nur seine Unerfahrenheit, aber er stellt in der Bremszone Dinge an, die dem Hintermann das Leben sehr schwer machen, wie Nakajima später herausgefunden hat. Alle anderen waren hart, aber fair, aber er war verrückt. In diese Schublade wird man ihn von heute an stecken."

"Ich hatte einen sehr guten Topspeed, aber wenn du mehr Topspeed hast als andere, hast du gleichzeitig weniger Anpressdruck. Ich musste in den letzten drei Kurven immer fighten, um in der ersten Kurve dran zu sein. Ich war nie ganz an ihm dran, sodass ich es mit einem späten Bremsmanöver versuchen musste. Man könnte sagen, dass das riskant war, aber ich sehe das nicht so."

Barrichello im Hinterkopf

"Ich musste Rubens in diesem Rennen Punkte abnehmen oder zumindest nahe an ihn rankommen. Mark war sehr schnell und Rubens war Zweiter, also wusste ich, dass ich Fünfter werden musste. Das war mein Ziel. Es war ein erstaunliches Rennen - vielleicht das beste meiner Karriere, auch wenn ich es nicht gewonnen habe. Ich habe alles gegeben. Ich habe die Weltmeisterschaft schon vor dem letzten Rennen gewonnen, was ein sehr schönes Gefühl ist. Ich weiß, dass es etwas länger gedauert hat, als die Leute geglaubt haben, aber so ist die Formel 1."

"In diesem Sport tummeln sich einige außergewöhnliche Fahrer. Es gibt konkurrenzfähige Teams und Fahrer, weshalb es so schwierig ist, die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Wir haben die ganze Saison hindurch gesehen, dass verschiedene Autos Rennen gewinnen können. Das hat es dieses Jahr besonders schwierig gemacht."

Frage: "Bis zu Rubens Barrichellos zweitem Boxenstopp hing es am seidenen Faden..."
Button: "Ja. Rubens war Vierter oder Dritter. Ich war zu dem Zeitpunkt Sechster. Das war genug. Rubens musste vier Punkte mehr holen als ich. Ich wusste, dass ich Sechster bleiben konnte. Meine Pace war ziemlich gut. Ich wollte Vettel nicht durchlassen, weil ich eben den Instinkt eines Rennfahrers habe. Er kam dann vorbei, als ich hinter einem anderen Auto festsaß. Mehr als Platz fünf war nicht drin, aber das war ja auch genug."

Frage: "Deine Herangehensweise schien heute anders zu sein als in den vergangenen Rennen. Was war anders?"
Button: "Es war nichts anders. Ich habe überholt, als ich die Rennen gewinnen musste, und bei freier Fahrt war meine Pace immer stark. Das Qualifying habe ich in den letzten paar Rennen einfach nicht hinbekommen. Ich weiß nicht, woran das lag, aber das müssen wir für Abu Dhabi analysieren. Ich will nicht im ersten Rennen als Weltmeister gleich geschlagen werden. Vielleicht war es einfach der Stress, dass wir es nicht hinbekommen haben. Kann gut sein."

Platz fünf als Minimalziel

Frage: "Hast du heute Morgen ernsthaft geglaubt, dass du es packen kannst, als du aufgewacht bist?"
Button: "Ja. Ich wusste nicht, was Rubens schaffen würde, aber ich ging davon aus, dass ich Fünfter oder Sechster werden kann. Wir schauten uns die Strategie an und ich sagte: Okay, ich kann Fünfter oder Sechster werden. Ich ging gestern sehr glücklich ins Bett, denn nach dem Qualifying war es sehr schwierig. Nach Q2 saß ich in meinem Raum. Ich hatte mich so auf das Regenqualifying gefreut, denn ich mag Regen, aber dann ging alles schief. Ich fühlte mich wirklich krank."

"Dann ging ich aber zu den Jungs und die waren alle gut drauf. Ich ging mit meinen Leuten nach Hause, nahm noch ein paar Drinks und wusste, dass ich heute bereit sein würde. Heute Morgen hatte ich ein gutes Gefühl. Es ist immer schwierig, wenn dein Gegner in der Weltmeisterschaft in seinem Heimatland ist, aber es war ein großartiges Wochenende. Ich weiß nicht, was ich sonst noch sagen soll. Ich bin Weltmeister!"

Frage: "Kannst du schon sagen, ob du nächstes Jahr dazu in der Lage sein wirst, mit Brawn deinen WM-Titel zu verteidigen?"
Button: "Ich hoffe, dass ich nächstes Jahr Formel 1 fahren werde, denn es wäre eine sehr schlechte Leistung, wenn ich keine Rennen fahren würde. Ich habe noch keine Entscheidung getroffen. Vielleicht werde ich in einer anderen Serie fahren. Ich bin jetzt Weltmeister!"

"Nein, im Ernst: Ich möchte nächstes Jahr wieder hier sein - und zwar mit einem Team, das um Siege fahren kann. Brawn ist dazu in der Lage, denn diese Jungs sind kein One-Hit-Wonder. Es gibt hier sensationell talentierte Leute. Wir sind vielleicht nicht so groß wie andere Teams, aber das wird uns nächstes Jahr helfen, wenn die anderen Teams schrumpfen müssen und wir gleich groß bleiben dürfen. Wir sind in einer großartigen Ausgangslage."

"Wir haben am diesjährigen Auto so viel wie möglich gearbeitet, aber parallel auch schon das nächstjährige entwickelt. Das war's für Brawn noch lange nicht. Ernsthaft habe ich mit dem Team über nächstes Jahr aber noch nicht gesprochen. Wir wollten dies einmal aus dem Weg räumen, beide Titel fixieren - und jetzt können wir uns hinsetzen und morgen Früh darüber reden, wenn ich ganz verkatert bin!"

Erinnerungen an 2001

Frage: "Gab es irgendwann Momente, in denen du daran gezweifelt hast, ob es jemals hinhauen würde?"
Button: "Ich schätze, mein zweites Jahr in der Formel 1 war am schwierigsten. Nach dem ersten Jahr hat es keinen Spaß mehr gemacht. Bei Williams war es klasse und ich hatte großartige Ergebnisse, aber ich habe nicht hart genug gearbeitet. Ich war zu unerfahren und zu jung, um Formel-1-Rennen zu fahren."

"Das zweite und dritte Jahr war sehr schwierig, besonders das zweite. Da realisierte ich, dass es nicht nur um den Speed geht und dass man mehr braucht, um Rennen zu gewinnen. Man muss in vielen Bereichen an sich arbeiten und akzeptieren, dass die Formel 1 zu deinem Leben wird. Das war die schwierigste Saison. Damals wusste ich nicht, wie es mit meiner Karriere weitergehen würde. Der einzige andere Moment war im Vorjahr. Es war eine sehr schwierige Saison und wir bekamen keine Performance aus dem Auto. Ich wusste aber, dass ich das überstehen würde. Dann kam der Winter."

"Ich bettle hier nicht um Mitleid, denn es ist ja alles gut geworden, aber das war eine extrem schwierige Zeit - wahrscheinlich noch mehr für das Team als für mich. Ich hatte keinen Plan, ob ich dieses Jahr Formel 1 fahren würde - ganz ehrlich! Ich hatte ein paar Optionen, aber nichts, was meine Karriere weitergebracht hätte. Also dachte ich über ein Jahr Pause nach. Da kann es dir aber passieren, dass du einfach vergessen wirst, wie es anderen auch schon passiert ist, daher bin ich glücklich, dass wir das Blatt gewendet haben und dass wir in Australien am Start waren. Der heutige Tag ist das Ende dieses Märchens."

Frage: "Welche Menschen haben dir am meisten dabei geholfen, das zu erreichen, was du heute erreicht hast?"
Button: "Das ist eine lange, lange Liste. Natürlich der alte Herr, der mich schon mein ganzes Leben unterstützt - wie meine ganze Familie. Mein Team. Ich bin seit 2003 bei diesem Team und wir kommen uns immer näher. Wir haben schon schwierige Zeiten durchgemacht."

There's no I in Team

"Als es in den vergangenen Jahren nicht so hingehauen hat, war es schwierig, guter Dinge zu bleiben, aber das Team hat zusammengehalten und dieses tolle Auto gebaut. Das Auto war dieses Jahr großartig, aber gewinnen haben wir durch Teamwork und durch jede einzelne Person in diesem Team. Alle haben fantastische Arbeit geleistet, sonst gewinnst du keine Rennen und sonst wirst du nicht Weltmeister. Hoffentlich bekommen sie jetzt alle eine Prämie!"

Frage: "Bist du jetzt entspannter, sodass du zumindest in Abu Dhabi gewinnen kannst?"
Button: "Fragt mich das vor dem Rennen, denn jetzt gerade schere ich mich einen Dreck um Abu Dhabi! Ich bin gerade Weltmeister geworden. Das werde ich heute Abend genießen. Würdet ihr mir diese Frage auch stellen, wenn ich einen schlechten Saisonstart gehabt und die letzten sechs Rennen gewonnen hätte? Nein. Es war ein gutes Jahr mit schwierigen Zeiten. Ich habe ein paar Qualifyings verbockt, aber ich habe es in den Rennen wieder gutgemacht. Das ist das, was zählt."

Frage: "Wie fühlt es sich an, nach so einem Winter ganz oben zu stehen?"
Button: "Darüber habe ich ja schon gesprochen. Es ist klasse, es mit einem Team wie Brawn zu schaffen. Es ist kein komplett neues Team, sondern ich habe mit vielen Mitarbeitern schon früher zusammengearbeitet, aber diesmal hatten wir nicht das gleiche Budget. Wir haben es trotzdem hinbekommen, die Teile zu bauen, weil wir sehr talentierte Leute und ein sehr gutes Management haben."

"Ohne Ross würde dieses Team nicht existieren. Auf den Autos steht sein Name, was viel Druck für eine Einzelperson ist. Es muss außergewöhnlich für ihn sein, heute die Fahrer- und die Konstrukteurs-WM zu gewinnen. Dieser Kerl verdient eine Medaille. Er war in den letzten Rennen sehr hilfreich. Er hat schon viele Weltmeisterschaften gewonnen und viele schwierige Jahre erlebt. Er war in jeder möglichen Situation und weiß genau, dass es nicht einfach ist, eine Weltmeisterschaft zu gewinnen. Da hat man auch schwarze Tage. Das hat mir geholfen. Ich glaube nicht, dass wir es ohne ihn geschafft hätten."

Frage: "Du hast auch einige Kritiker. Dieses Ergebnis muss für die wie ein Schlag ins Gesicht sein..."
Button: "Dazu muss ich nichts sagen. Ich hatte eine Saison voller Höhen und Tiefen, aber ich stehe ganz oben - ich bin Weltmeister. Was soll ich sonst noch sagen? Es wird langsam langweilig. Naja, nein."

Button und die Medien

"Ich werde diesen Moment so sehr genießen, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Das kann man sich leisten, wenn man gewonnen hat, nicht wahr? Ich muss nichts mehr sagen. Es wird immer negative Stimmen geben. Es ist halt langweilig, zu schreiben: Sechster, Fünfter, Zweiter, Jenson ist solide gefahren. Damit verkauft ihr keine Zeitungen. Ich verstehe, dass es aufregend ist, darüber zu schreiben, dass es der Kerl noch verlieren könnte, zu fragen, ob er ein würdiger Weltmeister ist."

"Heute sitze ich aber hier und das kann mir niemand wegnehmen. In den letzten Rennen habe ich bewiesen, dass ich genau das gemacht habe, was mit meinem Paket notwendig war. Das Rennen heute war das beste meiner Karriere. David Coulthard hat gesagt, es war die Fahrt eines Siegers - und das werde ich nicht schmälern. Heute war eine großartige Leistung von mir."

Frage: "Mark Webber hat gesagt, dass du heute gut schlafen wirst, weil du in den letzten Rennen wirklich zittern musstest..."
Button: "Die letzten Wochen habe ich nicht genossen, denn selbst wenn ich in Führung lag, war es nicht besonders schön und sehr, sehr schwierig. Selbst wenn du eine gute Leistung bringst und vor anderen in der Weltmeisterschaft führst, ist es sehr belastend. Du gehst ins Bett und denkst ans Qualifying und ans Rennen - und wenn du aufwachst, denkst du auch wieder daran."

"An diesem Wochenende war ja auch Jessica (Michibata, Buttons Freundin; Anm. d. Red.) nicht hier und ich war ganz alleine. Ich habe meine Jungs gebeten, ob sie nicht bei mir im Zimmer schlafen wollen, aber das wollten sie nicht! Schon komisch, denn am Freitag habe ich geträumt, dass das Qualifying in die Hose gehen würde, was dann auch passiert ist. Gestern Nacht habe ich geträumt, dass ich Weltmeister werde. Vielleicht steckt in Träumen ja doch ein bisschen Wahrheit..."

Fotoquelle: xpb.cc

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