Mit Eric Boullier steht 2010 wieder ein neuer Teamchef am Kommandostand

Formel 1 2010

— 01.02.2010

Boullier-Interview: "Lernen und verstehen"

Renault-Teamchef Eric Boullier über die Vorbereitungen mit dem neuen R30 und die Gründe, die für den russischen Rookie Vitaly Petrov sprachen

Bei Renault läutet man eine neue Ära ein. Nach dem Abschied von Flavio Briatore und Pat Symonds sind bei den Franzosen ganz neue Leute am Ruder. Renault hat große Anteile am Team an den luxemburgischen Unternehmer Gerard Lopez verkauft. Zwar ist man nominell kein Werksteam mehr, doch die Lackierung des neuen R30 ist mehr denn je typisch für Renault. Der neue Teamchef Eric Boullier erklärte im Rahmen der Fahrzeugvorstellung in Valencia seine Ziele und Ansätze.

Frage: "Eric, sie sind nun schon seit einigen Wochen bei Renault in Enstone. Wie fühlt es sich an? Wie geht es voran?"
Eric Boullier: "Ich fühle mich nun besser. Ich sollte vielleicht eher sagen: wohler. Die Aufgabe ist sehr gewaltig. Man muss innerhalb kürzester Zeit sehr viel lernen, lesen, verstehen und erkennen. Ich habe mir zunächst einmal das Ziel gesetzt, alles für Bahrain vorzubereiten. Der Zeitplan ist ein bisschen verrückt und es gibt viel Hektik. Aber es ist okay."

Frage: "Sind Hindernisse zu überwinden, die sie aus den Zeiten in der Formel 3000 und GP2 schon kennen?"
Boullier: "Ja. Es ist das gleiche, nur eben in einem anderen Maßstab. Dieses ist ein Rennteam. So etwas ist mir nicht neu. Man muss sich auf schnelle Reaktionsfähigkeit einstellen. Alles ist viel größer, es sind viel mehr Prozesse zu durchlaufen."

Renault bekennt sich klar zur Formel 1

Frage: "Sie hatten sofort nach dem Amtsantritt angekündigt, dass sie die Leute wieder aufrichten, wieder Spaß in die Truppe bringen möchten, nachdem die Mitarbeiter harte Monate durchlebt haben. Hat es diesbzüglich schon Fortschritte gegeben?"
Boullier: "Ja, das spürt man sehr deutlich. Das merkt man nicht nur anhand von Gesprächen, sondern es gibt auch klare Fakten. Alle waren etwas verunsichert, nachdem es drei Jahre lang nicht allzu viel sportlichen Erfolg gab, obwohl man mit Volldampf gearbeitet hat. Es sind definitiv alles Racer hier."

"Bezüglich der neuen Besitzverhältnisse mit Genii und Renault war zunächst unklar, wer diese Leute überhaupt sind und welche Strategie sie für das Team wählen. Ich denke, es braucht eine Weile, bis die Message beim Team und auch in der Öffentlichkeit angekommen ist. Das Puzzle wird nach und nach zusammengefügt. Die Farben des neuen Fahrzeugs zeigen deutlich, dass Renault an Bord ist und auch lange Zeit an Bord bleiben wird."

"Die Leute müssen verstehen, wie die Zusammenarbeit von Genii und Renault aussieht. Dank dieser Kooperation ergeben sich jede Menge neuer Businesskontakte. Für Genii allein wäre es schwierig. Auch für Renault würde es allein sehr schwierig, aufgrund der Vergangenheit als Herstellerteam. Die Kombination ist nun einfach gut. Wir wollen das Beste für das Team, das wird auch verstanden. Wir wollen siegen. Siege werden dem Team enorm helfen."

Frage: "Wird es weitere Änderungen in der Teamstruktur geben?"
Boullier: "Erst einmal planen wir nichts dergleichen. Innerhalb des Unternehmens läuft derzeit ein Prozess, da wollen wir nicht gleichzeitig drastische Änderungen im Team. Im Tagesgeschäft wollen wir uns ausschließlich um den Rennsport kümmern. Das wird uns helfen. Die Leute können die Wurzeln ihres Handels spüren. Sie wissen jederzeit, was sie tun müssen."

Petrovs Millionen waren nicht wichtig

Frage: "Nach welchen Kriterien wurde der zweite Fahrer ausgewählt? Welche Rolle hat Geld dabei gespielt?"
Boullier: "Das war kein großer Faktor. Ganz einfach gesagt: Wir hatten die Wahl zwischen einem erfahrenen Piloten, der uns vielleicht - zumindest von der Papierform - auf dem Weg zurück in die Punkte hilft, oder einem jungen Fahrer. Eines war uns sehr wichtig: Wir wollten einen Fahrer, der sportliche Erfolge vorweisen kann. Deswegen war Vitaly Petrov auf der Liste."

"Aufgrund unseres Kriterienkatalogs mussten wir schließlich recht kurzfristig die Frage beantworten, ob wir einen erfahrenen Piloten haben wollen, oder den Poker mit einem jungen Talent eingehen. Die Entscheidung für Vitaly fiel dann recht eindeutig, denn er hat den Speed und kann gute Ergebnisse holen. Natürlich ist es ein Risiko, weil er jung ist. Aber wir sehen das auch als Chance im Hinblick auf die Zukunft. Auch die Tatsache, dass er Russe ist, bringt strategische Vorteile. Nicht nur für Renault, sondern für die gesamte Formel 1. Das ist einfach ein Teil des Weges, den wir bis zurück an die Spitze zurücklegen werden."

Frage: "Wie gut sind die Voraussetzungen im Team für die Rückkehr an die Spitze?"
Boullier: "Die Leute sind sehr kompetent. Man muss sich nur die vergangenen Jahre anschauen, mit den Leuten darüber sprechen, was alles falsch lief und warum es falsch lief. Die Lösung der Probleme wird ein komplexer Vorgang. Mit Gelassenheit müssen wir den Leuten den Weg vorgeben und sie verstehen lassen, warum wir diesen Weg wählen."

"Wir hatten auch technische Probleme. Wir mussten zum Beispiel den Windkanal aufrüsten. Wir mussten außerdem auf Grundlage der neuen Kostenbeschränkungen durch die FOTA die bestmöglichen Rahmenbedingungen für uns abstecken. Es gibt einige Dinge zu erledigen, es ist bestimmt nicht nur eine einzige Baustelle. Einige Dinge müssen wir im Rahmen dessen zunächst hinten anstellen."

Neuer Windkanal für neue Erfolge

Frage: "Das klingt so, als würden sie sich persönlich ob dieser gewaltigen Aufgabe keine allzu großen Sorgen machen."
Boullier: "Sollte ich? Wenn ich damit nicht klarkommen würde, dann sollte ich besser gehen. Die Aufgabe ist gewaltig, aber wenn sich Genii, oder Gerard Lopez etwas vornimmt, dann wird das auch erreicht. Wir wissen, wo es langgeht."

Frage: "Gibt es für Renault in diesem Jahr ein Minimalziel?"
Boullier: "Ja natürlich. Wir haben eine Vorstellung davon, wie unser Auto in Bahrain funktionieren soll. Wie es im Vergleich zur Konkurrenz aussieht, kann ich aber noch nicht beurteilen. Was ich aber derzeit mit Sicherheit sagen kann ist, dass wir Verbesserungen am Windkanal vorgenommen haben und dass das Auto nach dem Rennen in Bahrain aggressiv weiterentwickelt wird."

"Das erste Rennen wird uns neue Möglichkeiten aufzeigen. Recht schnell werden wir auch unsere Strategie für 2011 festlegen. Wenn wir zum Saisonende um das Podium kämpfen können, wäre das ein toller Beweis für den richtigen Weg, den wir eingeschlagen haben."

Frage: "Das Entwicklungsprogramm startet also erst nach Bahrain? Nicht schon jetzt nach den ersten Tests?"
Boullier: "Doch, es läuft im Grunde sogar schon. Seit Weihnachten haben wir alle Vorassetzungen dafür. Doch wir liegen etwas im Zeitplan zurück."

Frage: "Wann wurde der Windkanal aufgerüstet?"
Boullier: "Das war kurz vor Weihnachten."

Frage: "Wenn man sich Teams mit McLaren mit diesen gut organisierten Strukturen anschaut, nimmt man sich Anregungen von dort?"
Boullier: "Kopieren ist nicht gut. Es ist natürlich sinnvoll, sich erprobte Wege des Managements zu wählen. Aber McLaren ist McLaren und Renault ist Renault. Wir haben nicht die gleichen Arbeitsweisen, auch nicht die gleiche Ausrüstung. Ich bin aber zufrieden mit dem, was ich habe. Wir müssen uns verbessern. Aber die Organisationsstruktur von McLaren könnte in Zukunft sogar zum Problem für sie werden."

Frage: "Wie wollen sie den Spagat hinbekommen, sodass Robert möglichst viel fährt und Vitaly gleichzeitig viele Kilometer zur Eingewöhnung bekommt?"
Boullier: "Die Testbeschränkungen sind nicht gerade ideal. Wir werden unser Bestes versuchen. Wir müssen schauen, wie gut das Auto auf unseren Entwicklungsplan reagiert. Eventuell machen wir noch Anpassungen. Vitaly braucht auf jeden Fall viele Kilometer, daher werden wir die Tests wohl ausgeglichen verteilen."

Frage: "Welchen Plan gibt es für die ersten drei Testtage in Valencia?"
Boullier: "Die ersten beiden Tage wird Robert absolvieren, den dritten Tag nutzt Vitaly."

Darf Tung am Freitag in China fahren?

Frage: "Ho-Pin Tung ist der dritte Pilot. Besteht die Möglichkeit, ihn beispielsweise am Freitag in Schanghai zum Einsatz zu bringen?"
Boullier: "Wenn es nur aus kommerziellen Gründen heraus geschehen würde, dann würde ich nein sagen. Aber es ist eine Frage der passenden Balance. Entsprechend unserer Position im Starterfeld haben wir vielleicht die Möglichkeit, unsere Ersatzfahrer mal ins Auto zu lassen."

Frage: "Red Bull macht sich erneut für eine Angleichung der Motoren stark. Ist das Renault-Team daran auch beteiligt?"
Boullier: "Wir wollen definitiv den besten Motor haben. Die Frage ist aber in erster Linie, ob wir all das ausgeschöpft haben, was wir im Rahmen des Regelwerks tun können."

Frage: "Gibt es also derzeit einen Dialog mit der FIA darüber, was alles erlaubt ist und was nicht?"
Boullier: "Wir haben die Regeln vor uns liegen, es gibt also eigentlich keine Punkte, die wir klären müssten. Und dennoch gibt es ein paar Fragen. Und in einem solchen Fall arbeitet man am besten direkt mit der FIA zusammen, um klarzustellen, wie wir es machen können."

Frage: "Im vergangenen Jahr war Renault eines jener Teams, die von den Doppeldiffusoren überrumpelt wurden. Haben sie Angst, es könnte in diesem Jahr eine erneut Debatte geben?"
Boullier: "Ich glaube nicht. Natürlich hatten im vergangenen Jahr plötzlich einige Teams einen Doppeldiffusor, aber solche Überraschungen passieren in Zeiten einer grundlegenden Regeländerung eben. Im Vergleich zum Vorjahr wird es in diesem Jahr - abgesehen vom Tank - keine Überraschungen geben können."

Frage: "Wie wird sich Gerard Lopez in das Team einbringen?"
Boullier: "Wir haben ein Exekutivkommitee, das jede Woche tagt. Es besteht aus Vertretern von Genii, Renault und Renault F1. Das ist wie eine Vorstandssitzung, auf der das Tagesgeschäft besprochen wird und gemeinsame Entscheidungen fallen."

Frage: "Ist es ein Vorteil, dass sie sich persönlich nicht um Finanzen oder Sponsoren kümmern müssen?"
Boullier: "Ja, auf jeden Fall. Wenn ich mich darum auch noch kümmern müsste, hätte ich noch stressigere Zeiten. Es ist ein enormer Vorteil, wenn man sich ausschließlich auf das Renngeschäft konzentrieren kann - und auf die Leistung des Teams sowie des gesamten Unternehmens. Ich habe außerdem im Renngeschäft reichlich Erfahrung. Deswegen bin ich dankbar, dass ich mich darauf konzentrieren darf."

Lopez für Politik, Boullier für Rennen

Frage: "Wie passt Bob Bell in die neuen Strukturen? Hat er eine neue Stelle?"
Boullier: "Ja, ich würde sagen, er ist eine Art Managing Director. Er ist für die Technik und die technischen Anlagen verantwortlich."

Frage: "Wie finden sie sich in der Politik der Formel 1 zurecht?"
Boullier: "Das kann ich noch nicht sagen, es ist noch zu früh. Ich bin neu und habe zu wenig Erfahrung mit der Formel 1. Die gute Chance für uns ist, dass sich Gerard Lopez bestens in Politik auskennt. Das passt also gut zusammen. Ich kann mich auf die Rennaktivitäten konzentrieren, er macht die politische Seite. Wir teilen uns die Veratwortlichkeiten."

Frage: "Welchen Eindruck haben sie von Robert Kubica im täglichen Umgang mit ihm?"
Boullier: "Einen sehr, sehr positiven. Ich kenne ihn bereits aus den Nachwuchsserien. Mit seiner Anwesenheit kommt frischer Wind ins Team. Als hätten wir ein neues Kind. Er fordert sehr viel und ist sehr anspruchsvoll. Er bringt auch zusätzliche Erfahrung ins Team. Das ist gut."

Frage: "Bei BMW hat man festgestellt, dass seine Ansprüche auch zu Konflikten führen können. Kann das auch positiv bewertet werden?"
Boullier: "Ich bevorzuge so etwas. Manchmal wird es zwar stressig, wenn Leute ihre Wünsche immer und immer wieder mit Nachdruck vorbringen, aber gleichzeitig wird mit so etwas auch deutlich, dass etwas falsch läuft."

Frage: "Hat er verraten, warum es bei BMW nicht so lief?"
Boullier: "Das ist die Vergangenheit. Das ist nicht unser Problem."

Frage: "Ist es wichtig, dass Renault in diesem Jahr ein neues Kapitel in der Formel 1 aufschlägt?"
Boullier: "Ich denke schon. Wenn ich mir die vergangenen drei Jahre nur anhand der Ergebnislisten anschaue, dann wurde es immer schlechter und schlechter. Ein neues Kapitel steht nun also für einen Fortschritt mit neuen Ideen und neuen Prozessen. Wir müssen einfach einige Dinge anders machen."

Frage: "Die letzten Rookies, die Renault an den Start gebracht hat, haben aus unterschiedlichen Gründen Probleme gehabt. Wie zuversichtlich sind sie, dass Petrov es schafft?"
Boullier: "Ich denke, die Herangehensweise wird etwas anders sein. Erst einmal werfen wir Vitaly nicht mitten in der Saison ins kalte Wasser. Auch wenn der Zeitraum kurz ist, so wird er doch möglichst gut vorbereitet an den Start gehen. Er genießt das volle Vertrauen des Teams. Er weiß genau, dass er nicht das erste Rennen gewinnen muss. Wir bauen gemeinsam mit ihm einiges auf. Natürlich ist ein junger Pilot immer ein Risiko, aber wir teilen uns die Last des Risikos."

Fotoquelle: Renault

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