Norbert Haug blickte am Montag genüsslich auf die ersten Testfahrten

Formel 1 2010

— 02.02.2010

Haug-Interview: "Es wurden viele Träume wahr"

Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug über den ersten Testtag in Valencia, die Beziehung zu Michael Schumacher und die Erwartungen für die Saison

Als Michael Schumacher am Montagnachmittag zu seiner ersten Ausfahrt im Mercedes MGP W01 ansetzte, waren alle Augen auf den Rekordweltmeister gerichtet. Nicht wenigen eingefleischten Schumacher-Fans dürfte ein wohliger Schauer über den Rücken gelaufen sein. Immerhin kehrt der Kerpener nach drei Jahren Pause nun auf die große Grand-Prix-Bühne zurück. Wie Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug den ersten Testtag erlebte, verriet er im Gespräch mit den Medienvertretern in Spanien.

Frage: "Norbert, wie ist der erste Eindruck vom Auto?"
Norbert Haug: "Ich selbst kann nicht viel dazu sagen. Wir müssen uns da voll und ganz auf die Aussagen der Piloten verlassen. Wir sind viel gefahren. Das finde ich bemerkenswert. Das Auto ist erst einen Tag zuvor aus Einzelteilen zusammengebaut worden. Dann am Folgetag sofort etwas mehr als eine Renndistanz fahren zu können ist erstklassig. Wir waren zuverlässig unterwegs, aber die Rundenzeiten kann man aufgrund der unterschiedlichen Benzinmengen nicht einschätzen."

Frage: "Wie emotional war es, Michael Schumacher am Montag mit dem Mercedes aus der Box fahren zu sehen?"
Haug: "Ich hatte schon am Sonntag solche Gedanken. Ich kam in die Box und dachte, dass wir vor ungefähr 20 Jahren zusammen in der gleichen Boxengasse zusammen standen. Das ist lange Zeit her, es ist schon sehr besonders. Aber wir sind noch jung, der Motorsport hält fit. Lange Zeit waren wir Konkurrenten. Aber dass wir die gleiche Box geteilt haben, muss etwa 20 Jahre her sein. Eigentlich fühlt es sich aber ganz normal an und positiv."

Keine Anhaltspunkte für Performancevergleiche

Frage: "Es sieht so aus, als könnte er der jungen Garde wieder richtig einheizen. Wie war denn dein Eindruck von seiner ersten Fahrt?"
Haug: "Man kann es kaum beurteilen. Nehmen wir mal die Fakten: Seine Rundenzeiten waren sehr konstant. Allerdings muss man sagen, dass Nico am Vormittag leichte Probleme mit seiner Sitzposition hatte. Da müssen wir einige Kleinigkeiten anpassen. Außerdem wurde die Strecke am Nachmittag mit immer mehr Reifenabrieb auch schneller. Michael war aber sehr konstant unterwegs. Man konnte zwischendurch auf dem Monitor sehen, dass er drei Runden in Folge haargenau den gleichen Topspeed hatte."

"Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn du konstante Runden fahren kannst, oder sogar im Verlauf eines Runs leicht schneller wirst. Man muss aber dazu sagen, dass man sich am ersten Testtag ohnehin erst einmal vorsichtig dem Limit nähert. Es war insgesamt ein guter Tag, wir konnten viel Arbeit erledigen. Wir konnten viele Daten sammeln und hatten somit eine schöne Grundlage für die Gespräche mit den Ingenieuren. Das war wichtig."

Frage: "Du hast eben die Emotionen bereits kurz angesprochen. War ein Kribbeln da, als Michael fuhr?"
Haug: "Wie ich schon sagte: Es muss etwa 20 Jahre her sein, dass wir in der gleichen Box gemeinsam gearbeitet haben. Auch wenn Michael jahrelang ein Konkurrent war, so bin ich ihm doch als Kollege und Freund immer wieder begegnet. Ich kenne ihn sehr lange, Nico Rosberg allerdings ebenso."

"Ich kannte Nico auch schon vor 20 Jahren, als er noch ein kleiner Junge war. Ich bin mit Keke befreundet. Meine Tochter ist genauso alt wie Nico, daher kennen wir uns gut. Nun haben wir also eine tolle Situation. Das hätte vor einem halben Jahr noch niemand geglaubt."

Frage: "Hast du in den vergangenen Wochen mal darüber nachgedacht, was gewesen wäre, wenn man sich 1991 mit Michael anders entschieden hätte?"
Haug: "Nein, daran habe ich keine Gedanken verschwendet. Ich hatte genügend andere Dinge zu erledigen."

Schumacher-Comeback, Weltmeistertitel: Viele Träume

Frage: "Es wird aber doch nun ein langgehegter Traum wahr, oder?"
Haug: "Naja, es sind in den vergangenen Jahren so einige Träume wahr geworden. Wir haben tolle Zeiten erlebt mit McLaren. Da war der erste Sieg 1997, dann die Titelgewinne mit Mika und mit Lewis Hamilton. Es gab viele Highlights. Natürlich lief es manchmal auch nicht so gut, aber das ist im Rennsport doch ganz normal."

Frage: "Man konnte stets eine riesige Reporterschar um Michael beobachten, er steht extrem im Fokus des Interesses. Erhöht das auch den Druck auf das Team? Müsst ihr sofort an der Spitze sein?"
Haug: "Nein, ich denke nicht. Wir arbeiten alle gemeinsam an einem Ziel. Wir wollen das bestmögliche Auto bauen, das schnellste Paket stellen. Wir nehmen das sehr ernst. Wir unterschätzen den Wettbewerb ganz gewiss nicht, es wird ein harter Wettkampf."

Frage: "Nico hat gesagt, dass die Anwesenheit von Michael eine zusätzliche Motivation bedeutet. Ist das im Team insgesamt auch zu spüren?"
Haug: "Nico hat sich so etwas immer gewünscht. Er hat schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt zu mir gesagt, dass eine solche Konstellation ein Traum wäre. Dass jetzt das gesamte Interesse der Öffentlichkeit zunächst Michael gilt, ist doch völlig normal. Wenn einer zurückkommt, der so viele Rennen gewonnen hat, dann gebürt ihm die Aufmerksamkeit. Aber Nico kann das doch selbst im ersten Rennen schon wieder zurechtrücken."

Frage: "Bist du mit der neuen Konstellation, dem Kauf des Brawn-Teams rundherum zufrieden und glücklich?"
Haug: "Wenn wir gewinnen, dann sowieso. Wir dürfen aber keinesfalls abheben. Das wird nicht passieren. Wir sind ohnehin erst ganz am Anfang."

Frage: "Als der Deal mit Brawn gemacht wurde, stand Michaels Rückkehr noch lange nicht fest. Kommt er nun quasi als Bonus hinzu?"
Haug: "Das müssen wir mal abwarten, aber ich hoffe das natürlich. Ich bin davon überzeugt, dass es dem gesamten Sport gut zu Gesicht steht, uns natürlich auch. Für Mercedes ist das eine tolle Sache. Es ist einfach eine grandiose Geschichte, weil er mit uns seine Motorsportkarriere begonnen hat. Letztlich zählt aber nur, wie gut du auf der Strecke bist. Bisher geht alles in eine gute Richtung."

Brawn fädelte den Deal ein

Frage: "Wann war dir klar, dass es mit dem Comeback klappen würde?"
Haug: "Ich war mir schon vor vielen Jahren sicher (lacht). Ernsthaft: Ich habe mich aus der gesamten Anbahnung herausgehalten. Das war der Job von Ross Brawn. Er hat den Kontakt hergestellt und Michael überzeugt. Ich hatte damit nichts zu tun, habe nicht verhandelt. So muss es in einem Team auch sein. Es müssen nicht zwei Leute gleichzeitig an der selben Sache arbeiten."

"Ich hatte auch mit anderen Dingen genug zu tun, mit der farblichen Gestaltung des Autos, mit den Sponsoren. Es war letztlich einfach eine Kombination glücklicher Umstände. Michael wollte, Ross war da und Mercedes hatte sich dazu entschieden, ein eigenes Werksteam zu betreiben. So hat alles zusammengepasst."

Frage: "Das Auto sieht anders aus als der letztjährige Brawn..."
Haug: "Alle Autos sehen doch nun anders aus. Man macht eben den nächsten Schritt. Es gibt andere Voraussetzungen, wie zum Beispiel die größeren Benzintanks und schmalere Vorderreifen."

Frage: "Inwiefern bringt sich Mercedes bereits jetzt auf Chassisseite mit ein?"
Haug: "Wir haben diesbezüglich keine Eile. Nach und nach werden wir uns mehr daran beteiligen. Es ist auch so ein Mercedes. Wir stellen zum Beispiel einige Rechenkapazitäten zur Verfügung. Insgesamt sind wir durch die Sparmaßnahmen ohnehin eingeschränkt. Teams wie Williams können nur so weiterleben. Wir beschreiten da einen guten Weg. Das konnte man im vergangenen Jahr bereits sehen. Wir geben nun nicht mehr unendlich viel Geld für Dinge aus, die das Auto auf der Strecke nicht mal eine Tausendstelsekunde schneller machen."

Frage: "Hat es mehreren Teams beim Überleben geholfen?"
Haug: "Ja, auf jeden Fall. Sie gehen besseren Zeiten entgegen. Man schaue auch mal auf Renault. Ich finde in diesem Zusammenhang auch die Verpflichtung von Vitaly Petrov sehr gut. Für ihn wird ein Traum wahr. Er ist ein guter Freund von uns. Ich muss mal bei ihm in der Box vorbeischauen und ihm gratulieren. Er ist ein netter Kerl, der nun zunächst viele Runden für seine Vorbereitung brauchen wird."

Kaum Entwicklung am Motor möglich

Frage: "Paul di Resta soll nun als dritter Mann bei Force India bestätigt werden. Schlägt er einen guten Weg ein?"
Haug: "Ja, ich denke schon. Wir hatten viele Gespräche mit ihm. Ich bin sicher, dass er es verdient hat. Er hat beim Young Driver Test in Jerez einen guten Job gemacht. Er ist sehr talentiert, ein guter Junge."

Frage: "Hat man sich im Winter intensiv mit dem Benzinverbrauch beschäftigt?"
Haug: "Wir haben ganz normal daran gearbeitet, wie in jedem Winter. Man ist bei der Entwicklung extrem eingeschränkt, kann wirklich nicht viel machen. Man kann nur in Zusammenarbeit mit dem Benzinpartner etwas machen. Viel ist da aber nicht drin. Es geht im Grunde darum, wie lange kann man den Motor wie mager fahren. Die Unterschiede zwischen den Motoren sind aber nicht allzu groß. Die oft kolportierten zehn Prozent Unterschied zwischen den Motoren halte ich für nicht realistisch."

Frage: "Wie viel kann der Verbrauch denn im Rennen ausmachen?"
Haug: "Rein leistungsmäßig ist das natürlich einiges. Wenn ich zum Start ins Rennen mit zehn Kilogramm weniger Benzin starten kann, dann habe ich mal sofort drei Zehntelsekunden Vorteil. Und dieser Vorteil hält über das gesamte Rennen. Laut Berechnungen könnte man so auf eine Renndistanz bereits einen Vorteil von 20 Sekunden haben. Das ist enorm, wenn man sich mal die Abstände aus dem Vorjahr vor Augen hält. Dennoch glaube ich nicht an solch große Unterschiede, wir müssen es mal abwarten."

Frage: "Der Saisonstart 2009 war von den Streitigkeiten um den Doppeldiffusor überschattet. Von Ferrari hört man, dass man womöglich einen neuen Disput erleben wird. Wäre es nicht extrem schade, wenn eine tolle Saison mit Schumacher, mit Mercedes, mit Alonso im Ferrari und vielen weiteren Highlights wieder überschattet würde?"
Haug: "Ich weiß nicht, ob es wieder Diskussionen geben wird. Ich bin eigentlich fest davon überzeugt, dass der Fokus in diesem Jahr auf ganz anderen Themen liegen wird. Das Thema wurde von einigen Teams im vergangenen Jahr sehr hochgepusht, nicht von allen. Man hat damals Fehler gemacht. Es gab vorab eine Klärung, die nur nicht sauber ausgewertet wurde. Es gab vorher Diskussionen innerhalb der FOTA. In diesem jahr wird so etwas wohl kein Thema sein."

Frage: "Falls es Diskussionen gibt, sollten sie aber bis zum Saisonstart in Bahrain vom Tisch sein?"
Haug: "Das wäre wünschenswert. Aber in der Formel 1 kann man sich viel wünschen, es gibt eben immer mal wieder kontroverse Themen. Das passiert immer wieder. Das braucht eigentlich niemand, aber das gehört zum Motorsport. Manchmal kann man so etwas nicht vermeiden. So etwas gehört leider nunmal zum harten Wettbewerb."

Fotoquelle: xpb.cc

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