Kein freies Cockpit: Christian Klien hatte bei Renault und Sauber das Nachsehen

Formel 1 2010

— 06.02.2010

Klien: "Das Ziel heißt ganz klar: Rennen fahren"

Der langjährige Formel-1-Testfahrer Christian Klien im Interview über seine Cockpitchancen, Le Mans und Last-Minute-Entscheidungen in der Formel 1

Renault setzt auf Vitaly Petrov und beim Sauber-Team fährt Pedro de la Rosa - damit sind die beiden Cockpits belegt, auf die sich auch der frühere BMW Sauber F1 Team Test- und Ersatzpilot Christian Klien bis zuletzt einige Hoffnungen gemacht hat. Nun muss der österreichische Rennfahrer seine Möglichkeiten sondieren und wendet seinen Blick nicht zuletzt gen Le Mans. Im Interview spricht Klien über die Aussichten für die neue Saison und die Chancen auf ein Cockpit in der Formel 1.

Frage: "Christian, in 33 Tagen findet der erste Formel-1-Grand Prix der neuen Saison statt. Du bist noch ohne das erhoffte Renncockpit. Wie siehst du deine Chancen?"
Christian Klien: "Wir sind in Gesprächen mit Teams, die ein Cockpit anbieten können. Die teaminternen Strukturen verzögern mancherorts die Entscheidungen. Zudem ist der Fahrermarkt so sehr in Bewegung wie seit Jahren nicht. Aber die Chancen sind intakt."

Die Wirtschaftslage diktiert die Verhandlungen

Frage: "Weshalb hat bei den bisherigen Verhandlungen kein Renncockpit für dich herausgeschaut?"
Klien: "Weil ich ganz offensichtlich beim Gesamtpaket aus Speed und Erfahrung, geografischem Marktwert, und wirtschaftlichen Komponenten wie Sponsorpartner ein weniger gutes Gesamtpaket anbieten kann, als andere Fahrer."

"Niemand macht mehr ein Geheimnis draus, dass der 'Wirtschaftsfaktor' eines Fahrers in der derzeitigen wirtschaftlichen Situation ein großer Wettbewerbsvorteil ist. Das soll aber nicht heißen, dass beispielsweise Pedro de la Rosa oder Vitaly Petrov nicht auch hervorragende Rennfahrer sind."

Frage: "Wie knapp warst du dran an den beiden erwähnten Cockpits bei Sauber und Renault?"
Klien: "Man muss sich nur ansehen, wann die Fahrerpaarungen jeweils bekannt gegeben wurden. Sauber war mein erster Ansprechpartner, da ich dort zwei Jahre als Test- und Ersatzpilot jeden Winkel im Werk in Hinwil kennengelernt habe."

"Peter Sauber war immer vollkommen offen und hat mir auch über wirtschaftlichen Komponenten keine Illusionen gemacht. Ich schätze ihn sehr. Er hat sich bis zum letzten Moment Zeit gelassen mit der Fahrerentscheidung."

"Mit Renault war ich bis 24 Stunden vor der Fahrerentscheidung auf der Fahrer-Shortlist. Hier kann man wirklich von einer Last-Minute-Entscheidung sprechen. Der zweite Fahrer wurde erst am Morgen der Autopräsentation fixiert. Die Entscheidung war für das Team offensichtlich nicht einfach."

Klien will endlich wieder Rennen fahren

Frage: "Jetzt sind noch zwei Teams an der Restplatzbörse, an deren Teilnahme sogar Bernie Ecclestone vor einiger Zeit noch Zweifel hegte..."
Klien: "Es ist eine völlig andere Formel 1, in der die Konzerngiganten wieder Seite an Seite mit kleinen Teams kämpfen, die mit geringen Mitteln, aber umso mehr Enthusiasmus ans Werk gehen."

"Es ist offensichtlich, dass nur noch wenige Renncockpits beziehungsweise interessante Ersatzfahrercockpits verfügbar sind. Ich kann aber im Interesse der Verhandlungen keine weiteren Details darüber preisgeben. Die Möglichkeiten sind limitiert und die Ausgangslage ist schwierig. Solange ich aber realistische Chancen sehe, werde ich um eine Teilnahme an der Formel 1 kämpfen."

Frage: "Wäre ein weiteres Jahr als Testfahrer noch eine Option?"
Klien: "Das Ziel heißt ganz klar: Rennen fahren. Ich war jetzt drei Saisons lang Testfahrer. Ich habe in großen Werksteams viel an Erfahrung dazu gewonnen. Aber ich bin rennhungrig. Dennoch würde ich eine Rolle als Testfahrer nicht komplett ausschließen."

"Mein ehemaliger Teamkollege Nick Heidfeld hat gerade bei Mercedes angedockt. Mit seinem Karriereverlauf müsste er eigentlich ein sicheres Renncockpit haben. Im vergangenen Jahr haben 50 Prozent der Teams während der Saison auf ihren dritten Mann zurück gegriffen."

"So falsch muss das also nicht sein, wie man beispielsweise bei Liuzzi oder jetzt eben de la Rosa gesehen hat. Und Pedro ist zehn Jahre älter als ich. Noch ein Jahr als Ersatzmann wäre nicht die ultimative Katastrophe, obwohl der Job durch das Testverbot seinen Reiz etwas eingebüßt hat."

Klassiker an der Sarthe: Le Mans lockt

Frage: "Gibt es Kontakte außerhalb der Formel 1?"
Klien: "Es gab natürlich Anfragen seit meinen Renneinsätzen bei den Le-Mans-Prototypen.
Die zwei Jahre Rennsport im Prototyp-Sportwagen, parallel zur Formel-1-Testfahrerposition beim BMW Sauber F1 Team haben meine Rennerfahrung klar erweitert und in Schuss gehalten. Diese Autos mit ihren 700 PS und über 350 km/h Spitze sind heute sehr nahe an der Formel 1 dran."

"Es hat von Beginn an alles gepasst und es war fantastisch, im vergangenen Jahr mit dem Peugeot 908 das legendäre 1000-Kilometer-Rennen von Spa zu gewinnen. Mein Fokus ist im Moment ganz klar auf die Formel 1 ausgerichtet. Le Mans kollidiert zudem vom Termin her dieses Jahr mit der Formel 1. Also konnte ich keine Zusage für einen Le-Mans-Einsatz machen."

Frage: "Wann wird eine Entscheidung fallen?"
Klien: "Wenn es nach mir geht, lieber heute als morgen. Der Fahrer ist in so einer Situation nur einer von vielen Beteiligten und kann daher den Zeitpunkt der Entscheidung nicht beeinflussen. Ich danke auf jeden Fall allen für die Geduld. Mir wären Nägel mit Köpfen auch lieber. Die Formel 1-Spielregeln bedingen aber auch, dass über ungelegte Eier nicht geredet wird - aus Rücksicht auf die Teaminteressen sowie deren Sponsoren und Partner."

Fotoquelle: xpb.cc

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