Tony Fernandes hat mit Lotus viel vor, hat aber keine unrealistischen Erwartungen

Formel 1 2010

— 14.02.2010

Fernandes: "Feeling und Vibrations stimmen"

Interview mit Teamchef Tony Fernandes: Warum Lotus vorläufig doch nicht übersiedeln wird und was das Besondere an der jungen Truppe ist

Zumindest beim Präsentieren steht Lotus den etablierten Teams in der Formel 1 um nichts nach: In der Londoner Royal Horticultural Hall wurde am Freitag der T127 vorgestellt, mit dem Jarno Trulli und Heikki Kovalainen 2010 auf Punktejagd gehen werden. Die Idee für das Comeback des vierterfolgreichsten Rennstalls der Grand-Prix-Geschichte hatte der Geschäftsmann Tony Fernandes. Im Interview erklärt er, was man in der Premierensaison von seiner Mannschaft erwarten darf.

Frage: "Tony, du hast in deinem Leben schon viele Dinge präsentiert, von Musikgruppen bis hin zu Airlines. Wie schneidet das Lotus-Formel-1-Team im Vergleich ab?"
Tony Fernandes: "Mir fehlen die Worte! Am 12. September haben wir den Startplatz bekommen und jetzt steht hier ein fertiges Auto! So aufgeregt war ich in meiner Karriere noch nie, denn wir haben in kurzer Zeit unglaublich viel erreicht. Ein Album herauszugeben und eine Airline zu gründen, das war auch etwas Besonderes, aber in fünf Monaten ein Formel-1-Team aufzubauen, schlägt alles."

Der erste Sieg ist schon erreicht

Frage: "In der Formel 1 gibt es den berühmten Erfolg über Nacht nicht. Wo werdet ihr am Saisonbeginn stehen?"
Fernandes: "Ich bin kein Prophet, das ist nicht meine Aufgabe im Team. Ich muss alle motivieren und die richtige Energie ins Team bringen. Mein erstes Ziel ist, das Rennen in Bahrain zu beenden. Schauen wir, wie es dort läuft. Natürlich wollen wir gewinnen und vorne stehen, aber wir können das Rad nicht neu erfinden. Ein Auto in fünf Monaten zusammenzubauen, das ist schon ein großer Sieg. Darauf werden wir aufbauen. Große Teams beginnen immer unten, bauen erstmal eine Struktur auf. Da haben wir eine exzellente Basis geschaffen. Schauen wir, wohin uns das bringt."

Frage: "Wie siehst du eure Zukunft? Traust du dieser Organisation zu, den Durchbruch zu schaffen?"
Fernandes: "Wir haben der Welt mit der Präsentation gezeigt, dass wir genauso eine gute Show aufführen können wie alle anderen. Das Auto sieht stark aus und wir haben zwei fantastische Fahrer. Das zeigt unsere Entschlossenheit. Wir werden nicht sofort gewinnen, aber die Tatsache, dass wir das alles in fünf Monaten auf die Beine gestellt haben, beweist, dass wir in nicht allzu weit entfernter Zukunft ein ernsthafter Herausforderer sein könnten."

"Das Auto anzuschauen und zu sehen, ob es gut ist oder nicht, ist nicht meine Aufgabe. Davon verstehe ich zu wenig. Meine Aufgabe ist es, gute Leute zu holen und ihnen das richtige Umfeld zu bieten. Mike (Gascoyne, Technischer Direktor; Anm. d. Red.) und seine Jungs genießen es, wieder in der Formel 1 zu sein. In einem Konzernumfeld geht es meistens sehr bürokratisch zu, da kann es vorkommen, dass die Leute nicht das Beste aus sich herausholen. Aber genau das ist meine Stärke. Und ich habe Mike die besten Fahrer gebracht, die wir kriegen konnten."

"Was ich erwarte? Ich möchte jedes Rennen ins Ziel kommen. Wenn wir einige der neuen Teams schlagen könnten, wäre das ein Anfang. Wenn wir am Jahresende auch einige der etablierten Teams ärgern können, umso besser! Heikki hat schon gesagt, dass das kein Einjahresprojekt ist. Wir wollen nicht Letzter werden, aber wir wollen ein Team für die Zukunft aufbauen. Das Wichtigste im ersten Jahr ist, für die Zukunft ein gutes Fundament aufzubauen."

Frage: "Glaubst du, dass es Lotus eines Tages wieder mit den großen Namen aufnehmen kann, Ferrari und McLaren zum Beispiel?"
Fernandes: "Ich werde nichts versprechen, denn das wäre idiotisch. Es ist eine harte Welt, aber unser Ziel ist es natürlich. Wir nehmen unseren Namen nicht auf die leichte Schulter, sondern wir wollen Erfolg haben. Wir wollen Lotus wieder in die Position bringen, die dem Namen zusteht. Ob und wann wir das schaffen werden, das kann ich heute nicht beantworten."

Frage: "Ist es der langfristige Plan, die Fabrik in Hingham zu lassen?"
Fernandes: "Vorläufig werden wir in Hingham bleiben. Eine zweite Fabrik würde alles verkomplizieren, also bleiben wir eine Weile in Hingham und schauen uns an, wie das funktioniert. Wir werden aber fast schon zu groß für die Räumlichkeiten dort. Heikki beschwert sich immer, dass er keinen Parkplatz mehr findet, wenn er nicht schon um 8:30 Uhr da ist! Man bemerke die Demokratie im Team - das würde es bei anderen Teams nicht geben."

Keine reservierten Parkplätze in Hingham

"Formel-1-Fahrer haben normalerweise ihren eigenen Parkplatz, aber für uns sind alle gleich. Wir mögen das Feeling, die Vibrations stimmen, das Umfeld passt. Das möchte ich nicht zerstören. Langfristige Pläne gibt es diesbezüglich nicht. Im Moment sind wir in Hingham, später sehen wir weiter. Vielleicht ziehen wir nach Malaysia um, wenn uns dort bessere Rahmenbedingungen geboten werden. Dort hätten wir eine Formel-1-Strecke gleich nebenan. Aber derzeit macht es Sinn, in Hingham zu bleiben. Es bestehen keine Umzugspläne."

Frage: "Was hältst du von eurer Fahrerpaarung?"
Fernandes: "Wir sind ein Team, nicht eine Gruppe von Individuen. Lotus wird als Team Erfolg haben. Trotz meiner beschränkten Erfahrung: Wenn ich sehe, wie Heikki, Fairuz und Jarno zusammenarbeiten, dann ist das ein viel besserer Ansatz als zwei Fahrer, die gegeneinander kämpfen. Sie sollten ihre Energie dafür nutzen, das Team nach vorne zu bringen. Natürlich sind sie ehrgeizig - so sind Rennfahrer nun einmal -, aber sie werden diesen Ehrgeiz nutzen, um aus Lotus ein besseres Team zu machen."

Frage: "Inwieweit ist Proton involviert?"
Fernandes: "Die Lotus-Gruppe gehört zu Proton und die Idee ist, Synergien mit der Lotus-Gruppe zu schaffen. Wer weiß, vielleicht werden wir eines Tages wiedervereint sein."

Frage: "Steckt Proton auch Geld in euer Projekt?"
Fernandes: "Ja, das tun sie. Es gibt eine technische Zusammenarbeit, hinter der auch Geld steckt. Das Hauptziel ist, Lotus zu verbessern."

Frage: "Dieses Team ist aus dem Formel-3-Team Litespeed hervorgegangen, das sein eigenes Chassis bauen wollte. Wird es in Zukunft auch ein Formel-3-Chassis von Lotus geben?"
Fernandes: "Das glaube ich nicht. Wir haben zwei oder drei Entwicklungsteams und wir beweisen unsere Ernsthaftigkeit, indem wir Fairuz in der Renault-World-Series helfen und auch Litespeed unterstützen. Beides sind Entwicklungsteams für uns, die wir als langfristiges Projekt sehen."

"Wir investieren da eine Menge Geld, um zukünftige Fahrer und vor allem auch zukünftige Ingenieure auszubilden. Bei AirAsia war eine meiner ersten Handlungen mit dem verdienten Geld, eine Akademie aufzubauen, um eigene Ingenieure und Piloten auszubilden. Das hat viel Geld gekostet. Als ich den Fußballklub West Ham kaufen wollte, gefiel mir deren Akademie. In die Entwicklung solcher Dinge investiere ich gerne."

Fotoquelle: xpb.cc

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