Lotus-Ingenieure bei der Arbeit im derzeitigen Hauptquartier in Hingham

Formel 1 2010

— 15.02.2010

Warum Lotus auch ein bisschen deutsch ist...

Auf den Spuren von Colin Chapman: Was es mit dem Lotus-Standort Köln auf sich hat und wo Mike Gascoyne seine Karriere beenden wird

Am vergangenen Freitag stellte Lotus als zweites der neuen Teams nach Virgin seinen Formel-1-Boliden für die kommende Saison, den T127, vor. Die Präsentation fand in der Royal Horticultural Hall in London statt - wohl um zu unterstreichen, dass man an die britische Tradition des früheren Lotus-Teams anknüpfen möchte, dessen Formel-1-Abenteuer 1994 zu Ende ging.

Aber was viele nicht wissen: Lotus hat sein Hauptquartier im britischen Norfolk, genauer gesagt in Hingham, aufgeschlagen und nutzt zusätzlich den Aerolab-Windkanal in Italien, doch der T127 wurde zum größten Teil in Köln entwickelt. Dort wurde ein Designbüro mit rund 30 Mitarbeitern, darunter viele ehemalige Toyota-Ingenieure, beauftragt, das Auto zu entwerfen. Die Idee dazu hatte Mike Gascoyne, der Technische Direktor des Teams, der selbst von Hingham aus arbeitet.

"Ein komplettes Rennteam haben wir schon. Was uns eher noch fehlt, ist ein eigenes Designteam, denn dafür hatten wir bisher eine Truppe in Köln", erklärt Gascoyne. "Dort haben wir drei oder vier Schlüsselpersonen, mit denen ich bei Toyota zusammengearbeitet habe, und weitere externe Vertragspartner. Das half uns, schnell ein erfahrenes Designteam auf die Beine zu stellen, während wir uns im 'sonnigen' Norfolk darauf konzentrieren konnten, eigene Leute zu finden."

Unerwartete Herausforderungen

Denn in der Aufbauphase des Teams kristallisierte sich schnell ein Problem heraus: "Jeder glaubt, das Auto sei das entscheidende Element. Das stimmt natürlich, aber das Design und die Produktion hatten wir eigentlich ziemlich im Griff, denn darauf haben wir uns schon konzentriert, als wir uns im Mai erstmals um einen FIA-Startplatz beworben hatten. Was ich persönlich unterschätzt habe, war alles andere", so der Ex-Toyota-Konstrukteur.

"Bewerbungsgespräche zu führen, um 220 Leute an Bord zu holen zum Beispiel", nennt Gascoyne eine der Aufgaben, die er sich im Vorfeld einfacher vorgestellt hatte. "Das kann eine Einzelperson gar nicht bewältigen, also mussten wir zunächst ein paar Leute reinholen und dann nach dem Schneeballprinzip verfahren. Dieser Prozess dauert etwas länger als erwartet. Aber abseits der Designabteilung sind wir schon sehr gut aufgestellt."

So ist der Comeback-Lotus also nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Deutschland entstanden. Die Lösung, auf einen externen Partner in Köln zurückzugreifen, hat einiges erleichtert, denn die "sonnige" (wie Gascoyne voller Ironie sagt) Grafschaft Norfolk ist nicht gerade das, was man als Zentrum der Welt bezeichnen würde. Selbst vom berühmten Motorsportcluster rund um Silverstone ist das Lotus-Hauptquartier gut zweieinhalb Autostunden entfernt.

Dementsprechend schwierig war es, qualifizierte Ingenieure zu einem Umzug dorthin zu überreden - ganz zu schweigen davon, dass viele Designer, die sich von Konkurrenzteams getrennt haben, nach Vertragsende noch eine sechsmonatige Sperrfrist absitzen müssen. Da kam die Lösung in Köln gerade recht. Wie es mit dem deutschen Standort weitergehen wird, ist aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht hundertprozentig geklärt.

Denn die Verträge mit den freiberuflichen Mitarbeitern, die für das Projekt gearbeitet haben, laufen teilweise Ende Februar aus. Der ursprüngliche Plan sah vor, dass ab März das interne Designbüro in Hingham übernehmen soll. Sollte es Gascoyne jedoch nicht rechtzeitig gelingen, eine funktionierende Lotus-Truppe auf die Beine zu stellen, könnte die temporäre Vereinbarung mit der angesprochenen Firma Composite Designs in Köln verlängert werden.

Dem T127 fehlt noch Anpressdruck

So oder so wird es Bedarf nach Updates geben, denn: "Wir wissen, dass wir im Moment noch zu wenig aerodynamisch effizient sind und zu wenig Anpressdruck haben, aber wir wissen auch, dass viele neue Teile kommen. Ich glaube, der Saisonbeginn wird die schwierigste Phase. Dann sollte es besser werden", sagt Jarno Trulli. Indes beantwortet Gascoyne die Frage nach seinem sehnlichsten Wunsch grinsend: "25 Prozent mehr Anpressdruck, denn dann gewinnen wir Rennen!"

Nach Abschluss der Aufbauphase sollen 260 Angestellte in Hingham arbeiten. Die meisten Schlüsselpositionen sind bereits besetzt, viele Juniorpositionen sind aber noch offen. Dennoch wurde der geplante Umzug nach Kuala Lumpur erst einmal verschoben. In Malaysia sollen erst einmal junge Ingenieure ausgebildet werden, die dann für Lotus arbeiten könnten. Großer Vorteil eines Umzugs wäre allerdings die Formel-1-Strecke in Sepang in der Nachbarschaft.

So gesehen sind technische Baustellen wie etwa der neue Cosworth-Motor, den noch niemand richtig einschätzen kann, die geringste Sorge des Teams. Trulli glaubt sogar, dass sich die Partnerschaft als Geheimwaffe herausstellen könnte: "Der Vorteil ist, dass mehrere Teams mit Cosworth arbeiten und daher mehr Wissen vorhanden ist, um den Motor zu verbessern. Aber das Wichtigste ist sowieso die Zuverlässigkeit", weiß der 35-Jährige.

Gascoyne fügt an: "Wir müssen die ersten paar Rennen abwarten, aber die PS-Leistung sollte solide sein. Was Zuverlässigkeit und Benzinverbrauch angeht, müssen wir mal schauen, denn das sind unbekannte Faktoren. Aber Cosworth ist ein großer Name und eine großartige Firma - schön, dass sie wieder in der Formel 1 sind. Ich glaube nicht, dass der Motor unser Problem sein wird. Bevor wir uns darüber beschweren können, haben wir selbst noch eine Menge Arbeit vor uns."

Eines steht für den 46-Jährigen, der in der Formel 1 für Tyrrell, Sauber, Jordan, Benetton/Renault und zuletzt Toyota gearbeitet hat, schon jetzt fest: "Lotus wird sicherlich mein letztes Team bleiben. Die Gelegenheit, ein Team aus dem Nichts aufzubauen, war für mich genau das, was ich noch einmal gesucht habe. Ein großes Team hätte mich nicht gereizt. Wie schwierig das sein kann, weiß ich jetzt", sagt Gascoyne über seine weitere Karriereplanung.

Fotoquelle: Lotus

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