Zumindest in Bahrain wurde nicht mehr überholt als im vergangenen Jahr

Formel 1 2010

— 14.03.2010

Formel Überholverbot: Kritik am Reglement

Vom Hocker gerissen hat der Grand Prix von Bahrain kaum jemanden, sodass die Diskussionen um das neue Reglement jetzt schon losgehen

So groß war aufgrund der hochbrisanten Konstellationen die Spannung vor dem ersten Grand Prix des Jahres, doch auch wenn es für die Experten sehr interessant war, das neue Kräfteverhältnis endlich zu entschlüsseln, blieb die Action auf der Strecke in Bahrain doch einiges schuldig. "Es war nicht das spannendste Rennen aller Zeiten", ätzt sogar Norbert Haug.

"Die Reifennutzung stand im Mittelpunkt", sagt der Mercedes-Sportchef und spricht damit das neue Reglement mit dem Tankverbot an. Denn durch das hohe Startgewicht der Autos ist die Gefahr, die Reifen vorzeitig zu verschleißen und damit jede Chance zu verlieren, so groß, dass die Formel 1 2010 eher an Langstreckenrennen erinnert als an die kurzen Sprints zwischen den Tankstopps, die in den vergangenen Jahren ausgetragen wurden.

Aggressivität kann bestraft werden

Das beste Beispiel für das "Reifenschach" war eine zwischenzeitliche Stärkephase von Fernando Alonso, in der der Ferrari-Pilot binnen weniger Runden drei Sekunden auf Spitzenreiter Sebastian Vettel gutmachte. Der Deutsche blieb aber völlig cool, weil ihm sein Renningenieur Guillaume Rocquelin gefunkt hatte: "Mach dir keine Sorgen, er macht sich nur die Reifen kaputt!" Und siehe da, wenig später musste Alonso tatsächlich zurückstecken.

Vettel ist kein Fan des neuen Reglements: "Früher ist man 20 Runden voll gefahren, hat dann neue Reifen aufgezogen und man ist wieder voll gefahren. Das fehlt jetzt allen Fahrern, auch wenn es nicht alle öffentlich zugeben", glaubt der Vierte des Bahrain-Grand-Prix. "Jetzt starten wir mit einem sehr schweren Auto. Dabei muss man sehr darauf achten, die Reifen nicht zu verbrennen. Das schlägt sich auf die Rundenzeit nieder. Außerdem darf man nicht zu viel attackieren."

"Heute ist nicht viel überholt worden", stellt Vettel fest. "Natürlich kann man diskutieren, ob diese Strecke zum Überholen gut ist, aber grundsätzlich geht es überall. Ich glaube, dass es schwieriger geworden ist." Allzu viel Überholaction gab es - abgesehen vom üblichen Getümmel in der ersten Runde - tatsächlich nicht. Da war etwa ein Manöver unter den Sauber-Teamkollegen und ein Nachzüglerkampf zwischen Timo Glock und Heikki Kovalainen. An der Spitze: Fehlanzeige!

Szenenapplaus gab es nur einmal, als nämlich Robert Kubica vor der ersten Kurve aus dem Nichts Pedro de la Rosa eine Lehrstunde in Sachen Spätbremsen erteilte. Das hatte aber nichts mit dem Regelwerk zu tun, sondern war eine außergewöhnliche Individualleistung eines frustrierten Renault-Piloten, der nichts mehr zu verlieren hatte. Sonst tat sich wenig: "Es war ein Einstopprennen, daher wahrscheinlich nicht besonders aufregend", analysiert Vettel.

Experten üben scharfe Kritik

Eine Aussage, die Lewis Hamilton sofort unterschreibt: "Du startest mit viel Benzin, machst einen Stopp und fährst dann mit dem Zug ins Ziel. Das war's", kritisiert der Weltmeister von 2008, und Ex-Formel-1-Pilot Gerhard Berger nickt zustimmend: "Das Rennen war ein bisschen langweilig, es hat an Überholmanövern gefehlt." Auch Nick Heidfeld findet: "Ich hatte damit gerechnet, dass mit dem neuen Reglement ohne das Nachtanken mehr Unvorhergesehenes passieren wird."

"Die Formel 1", wirft McLaren-Teamchef und FOTA-Präsident Martin Whitmarsh in die Diskussion ein, "muss unterhaltsam sein. Die Leute müssen den Fernseher einschalten und von den Ereignissen im Rennen gefesselt sein. Das ist nicht der Fall, wenn sie eine Prozession sehen. Heute haben wir nicht die beste Show geboten, muss ich sagen. Das ist uns völlig klar und wir müssen alle zusammenarbeiten, um das zu ändern."

"Ich persönlich glaube, dass herausfordernde Reifen die Show verbessern würden", regt er an. "Ich glaube auch, dass wir einen zweiten Pflichtboxenstopp einführen sollten. Wir waren eines von drei Teams, die im Winter dafür gestimmt haben. Wenn heute in Runde fünf ein Safety-Car gekommen wäre, hätten alle auf harte Reifen gewechselt und wären bis zum Ende durchgefahren. Das war eine echte Gefahr. Daher brauchen wir Reifen, die das nicht zulassen."

"Wir brauchen einen Supersoft-Reifen, der wirklich wehtut", lächelt Whitmarsh und will damit offenbar folgenden Denkansatz bewirken: Ich kann a) voll pushen, die Reifen ruinieren und dafür einen Stopp mehr einlegen oder b) konservativ fahren und mir dafür einen Stopp sparen. Eine Mischung dieser Herangehensweisen würde das Renngeschehen möglicherweise auflockern. Ob kritischere Reifen das bewirken würden, wurde aber logischerweise noch nicht in der Praxis erprobt.

Whitmarsh sieht das Problem bei den Reifen

"Die beiden Reifentypen waren im Rennen viel ähnlicher als erwartet und haben die Show bestimmt", so der Brite weiter. "Es gab keinen echten Verschleiß. Wir haben die Boxenstopps eröffnet, weil wir vor Rosberg kommen wollten, aber dann kamen alle rein. Aber rein vom Verschleiß her hätte man mit den Supersofts locker bis in die 25. Runde fahren können. Wenn das mit der weichsten Mischung geht, dann kannst du mit der härtesten beliebig lange fahren."

Einer der wenigen Fans des neuen Reglements ist Vitantonio Liuzzi: "Ich mag diese Art, Rennen zu fahren, weil es sich für den Fahrer viel mehr im Kopf abspielt. Du kannst nicht mehr blind 100 Prozent geben, sondern du musst an die Reifen denken, an den Benzinverbrauch, an viele Dinge. Der Fahrer kann einen viel größeren Unterschied bewirken und muss jetzt viel kompletter sein. Das gefällt mir, denn ich finde, das ist eine größere Herausforderung", erklärt der Force-India-Pilot.

Dass nicht viel überholt wurde, führt Liuzzi, heute in Bahrain als Neunter in den Punkterängen, nicht auf das Reglement zurück: "Das liegt an der Strecke hier", vermutet der Italiener und kritisiert das auf 6,299 Kilometer verlängerte Kurslayout: "Der neue Abschnitt ist sehr schlecht für die Show, denn es ist dort sehr eng und sehr langsam, sodass die Abstände zwischen den Autos viel größer wurden. Ich finde, das sollte wieder geändert werden."

Ein weiteres Kuriosum des Saisonauftakts war, dass die Pace in den ersten Runden wegen der vollen Tanks um sieben bis acht (!) Sekunden langsamer war als im Qualifying - ein Unterschied, wie man ihn früher zwischen Formel 1 und GP2 erlebt hat. Jaime Alguersuari im Toro Rosso fuhr in Runde 25 als Erster unter 2:00 Minuten. Doch eines steht fest: Vor weiteren Schnellschüssen sollte man dem Reglement erst einmal ein paar Rennen Zeit geben...

Fotoquelle: xpb.cc

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