Heranfahren ja, vorbeigehen nein: In der Formel 1 wurde zuletzt nur wenig überholt

Formel 1 2010

— 17.03.2010

Gibt es ein Überholproblem in der Formel 1?

Wer ist schuld am Überholdilemma in der Formel 1: die Autos oder die Rennstrecken? Adrian Newey, Patrick Head und Clive Bowen auf Spurensuche

Wer beim Saisonauftakt der Formel 1 auf ein spannendes Rennen gehofft hatte, der wurde ziemlich enttäuscht: Statt einigen Überholmanövern oder aufregenden Zweikämpfen wurden den Zuschauern zumeist nur Autos gezeigt, die sich - wie an der sprichwörtlichen Perlenkette - hintereinander aufreihten. Aber ist wirklich das neue Regelwerk daran schuld, dass in Bahrain nicht überholt wurde?

Die Experten zeigen sich bei der Beantwortung dieser Frage uneins. "Ich persönlich halte Überholen nicht für ein so großes Problem, wie alle Welt meint", wird Design-Guru Adrian Newey von 'Racecar Engineering' zitiert. "Die Leute denken, das Überholen sei immer fantastisch gewesen, nur jetzt sei es das eben nicht", so Newey. Doch diese Sichtweise ist nicht ganz richtig, meint der britische Techniker.

"Hin und wieder erleben wir einige großartige Überholmanöver, wie wir es gewohnt sind", sagt Newey und fügt an: "Ich sehe keine Notwendigkeit, das Überholen deutlich einfacher zu gestalten. Wenn es zu einfach wird, dann geht ein schnelleres Auto einfach vorbei und verschwindet. Dann hat man nicht einmal mehr die Spannung, die das Duell zweier Fahrzeuge über Runden hinweg ausmacht."

Um solche Zweikämpfe überhaupt erst zu ermöglichen, müssen laut Newey aber auch die Voraussetzungen stimmen: "Die Strecken haben möglicherweise den größten Einfluss auf den Ausgang eines Rennens", erklärt der erfahrene Formel-1-Designer. "Das scheint man nur allzu leicht zu vergessen, weil man es für einfacher erachtet, statt den Kursen die Rennwagen zu verändern."

Sind die modernen Kurse zu langweilig?

Sind also die Rennstrecken das große Übel beim Überholdilemma der Formel 1? Patrick Head, Anteilseigner bei Williams und Formel-1-Urgestein, schließt sich dieser Sichtweise an: "Es ist alles ein bisschen langweiliger geworden", findet der Brite, der die Entwicklung der Rennserie in den vergangenen Jahrzehnten intensiv verfolgt hat. Head hält vor allem die neuen Kurse für bedenklich.

"Dass sich die Streckenführungen und auch die gesamten Anlagen immer mehr ähneln, ist negativ", erläutert der ehemalige Technische Direktor des Williams-Teams. "Die neuen Strecken sollen auf einer begrenzten Fläche möglichst lang sein. Das führt dazu, dass sich der Kurs mäanderartig schlängelt, sich meist Rechts- und Linkskurven abwechseln, ohne wirkliche Gerade zwischendurch."

"Wenn ein Fahrzeug immer diesem Weg folgt, kann ein anderes Auto kaum überholen", stellt Head heraus, fügt aber hinzu: "Wahrscheinlich können die Streckenlayouts bei unseren heutigen Sicherheitsansprüchen gar nicht großartig anders sein." An diesem Punkt muss Clive Bowen widersprechen. Der Geschäftsführer von Apex Circuit Design sieht sehr wohl einige Alternativen.

Welchen Einfluss hat das Streckenlayout?

In erster Linie gelte es zu erörtern, wo denn eigentlich das Problem liege, so Bowen. "Es gibt einen technischen Grund, warum ein Überholmanöver gelingt. Wir müssen verstehen, was die Mechanismen hinter einem Überholvorgang sind: Wie viel hängt vom Fahrer selbst ab, wie viel vom zur Verfügung stehenden Grip und wie groß ist der Effekt des Streckenlayouts auf diese Geschichte?"

"Manche Leute meinen, dass man schlicht und ergreifend einen Spielraum für Fehler braucht, sodass es ein Fahrer zumindest versuchen kann, ohne dabei einen allzu großen Nachteil zu haben. Diesem Ansatz stehe ich aber skeptisch gegenüber", sagt der Streckendesigner und fügt erklärend hinzu: "Letztendlich sind mehrere Linien in einer Kurve der Schlüssel zum Erfolg in dieser Sache."

"Ich hatte diesbezüglich eine interessante Unterhaltung mit Alain Prost. Er hat meine Aufmerksamkeit auf die Tarzan-Kurve von Zandvoort gelenkt, wo man sowohl auf der linken als auch auf der rechten Linie überholen kann. Egal, welche Linie man in dieser Kurve wählt - das Zeitfenster ist fast genau identisch", meint der Brite. "Ich denke allerdings auch viel über die Abfolge der Kurven nach."

Ist eine Kurvenkombination das Erfolgsrezept?

"Wenn es dir gelingt, eine Kurvenkombination zu bauen, in der dich die Ideallinie vor der nächsten Passage beeinträchtigt, dann wirst du eine Überholmöglichkeit haben. Diesen Ansatz haben wir beim Dubai Autodrome umgesetzt. Die Ideallinie hat dort zur Folge, dass du Kurve fünf auf der rechten Fahrbahnseite verlässt, doch die Ecken sechs und sieben sind Rechtskurven", erläutert Bowen.

"Wird der Führende in diesem Abschnitt unter Druck gesetzt, so muss er das Auto an dieser Stelle vielleicht etwas überfahren. Der Hintermann hat dadurch die Chance, auf der Innenseite in die Kurve zu stechen, wobei er sowohl seinen als auch den Kurveneingang des Führenden ruiniert. Trotz einer schnellen Kurve und eventuellen Turbulenzen erlaubt das Streckenlayout eine Überholmöglichkeit."

Bowen ist überzeugt: "Unterschiedliche Linien sind der richtige Weg", doch ob dieser Ansatz der Formel 1 kurzfristig mehr Überholmanöver bescheren kann, muss vorerst dahingestellt bleiben - in dieser Saison gibt schließlich nur eine Rennstrecke ihr Debüt im Kalender der Formel 1. Und ob der Korean International Circuit in Südkorea diesem Anspruch gerecht werden kann, bleibt abzuwarten...

Fotoquelle: xpb.cc

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