Rubens Barrichello ist ein scharfer Kritiker der schmäleren Vorderreifen

Formel 1 2010

— 25.03.2010

Barrichello: "Mehr Grip, weniger Aerodynamik"

Interview mit Rubens Barrichello: Wie der Routinier die Überholproblematik sieht und warum Michael Schumacher Freude am Fahren haben sollte

Als Zehnter sammelte Rubens Barrichello beim Saisonauftakt in Bahrain immerhin einen WM-Punkt, doch eigentlich hatte er sich mehr vom neuen Williams erwartet. Im Interview vor dem zweiten Rennen in Australien spricht er aber vor allem über die Überholproblematik in der Formel 1 und über die hohe Erwartungshaltung der Öffentlichkeit, wenn es um Michael Schumacher geht.

Frage: "Rubens, in Bahrain haben alle mit einem enormen Reifenverschleiß gerechnet, aber im Rennen war es dann gar nicht so. Wie siehst du dieses Thema hier?"
Rubens Barrichello: "Wir müssen abwarten. Ich musste in Bahrain auf dem harten Reifen starten - in der Annahme, dass ich einen sehr langen Run damit fahren und auf den weicheren Reifen wechseln würde, sobald mehr Gummiabrieb auf der Strecke liegt. Aber es war ganz anders, denn die Reifen hielten das ganze Rennen. Ich glaube, alle hatten mit dem zweiten Reifensatz leichtes Spiel, egal ob weich oder hart."

Andere Reifensituation als in Manama?

"Wir wissen, dass sich die Strecke in Melbourne stetig verbessert, aber sie hat nicht so viel Gummi wie Bahrain. Insofern bleibt abzuwarten, wie es mit dem Verschleiß aussieht. Außerdem könnte das Wetter eine Rolle spielen. Wenn es am Sonntag regnet, wie alle sagen, dann sieht es anders aus. Für die Slicks ist es nicht ideal, wenn Gummi weggewaschen wird."

Frage: "Kannst du erklären, warum das Überholen so schwierig ist? Was passiert mit dem Auto, sodass ihr nicht überholen könnt?"
Barrichello: "Ich bin manchmal zu kritisch, das gebe ich zu, aber als ich gehört habe, dass sie die Vorderreifen schmaler machen, konnte ich es nicht verstehen. Dass wir im Vorjahr bessere Rennen hatten, lag an der Abschaffung der hässlichen Rillenreifen. Slicks bieten mehr mechanischen Grip. Das brauchen wir: mehr mechanischen Grip, weniger Aerodynamik."

"Wenn du hinter einem anderen Auto bist, untersteuerst du automatisch. Du musst schon eine Sekunde schneller sein, um jemanden überholen zu können. Ja, ich habe Buemi überholt, aber da fuhr ich 2:01er-Zeiten und er 2:04er. Trotzdem war es nicht einfach! Du kannst niemandem mehr folgen, das Auto schiebt vorne weg. Das ist in den schnellen Kurven erträglich, aber wenn du mit leicht blockierenden Rädern in einer langsamen Kurve wieder aufs Gas steigst, geht das Heck weg - und das Auto vor dir zieht davon. Außerdem müssen wir ja Benzin sparen. Da wird so ein Rennen halt schnell langweilig."

Frage: "Kann man diese Saison noch etwas an den Regeln ändern oder glaubst du, dass es das ganze Jahr so bleiben wird?"
Barrichello: "Ich hoffe, dass man etwas machen kann, aber jetzt müssen wir einmal vier oder fünf Rennen abwarten, bevor wir Schlüsse ziehen. Bahrain war eine Sache, aber vielleicht wird es ja besser."

Comeback der Tankstopps nicht 2010

"Ich bin bereit, mit jedem Auto zu fahren, das mir gegeben wird, aber ich wüsste auch keine Revolution, mit der man die Formel 1 besser machen könnte. Ein Fan hat mich gefragt, ob wir die Tankstopps wieder einführen können, aber ich habe ihm gesagt, dass das unmöglich ist. Damit wären viele Mühen und enorme Kosten verbunden, weil man ja die Größe der Tanks wieder reduzieren müsste. Das halte ich überhaupt nicht für möglich."

Frage: "Was ist das größere Problem: die Aerodynamik, weil du niemandem folgen kannst, oder die Schwäche der Reifen, die zu wenig mechanischen Grip bieten?"
Barrichello: "Es ist nicht die Schwäche der Reifen, sondern die Schwäche der Regeln, glaube ich. Bridgestone hat schon bewiesen, dass sie bessere Reifen bauen können, aber der Vorderreifen ist schlechter als im Vorjahr und der Hinterreifen ist besser. Wir brauchen mehr mechanischen Grip, das ist die einzige Lösung. Sie werden sagen, dass die Autos dann um zwei Sekunden schneller werden, aber dann müssen wir halt die aerodynamische Performance noch einmal einschränken."

Frage: "Was würde mit zwei Reifentypen passieren, von denen einer eine sehr kurze und einer eine sehr lange Lebensdauer hat?"
Barrichello: "Theoretisch ist das genau das, was wir planen - deswegen bringen sie ja Reifen, die nicht allzu ähnlich sind. Die Ingenieure sind aber so clever, dass der Unterschied dennoch maximal drei oder vier Zehntel beträgt. Wenn der Unterschied zwischen den Reifensätzen bei zwei Sekunden liegt, dann gibt es Überholmanöver. Vielleicht müsste man dann eine minimale Rundenanzahl pro Reifensatz einführen."

"Es ist aber nicht so einfach, denn wenn wir mit einem Reifen, der zwei Sekunden langsamer ist, an einen Ort kommen, wo es um zehn Grad kühler ist, dann könnte es gefährlich werden. Aus Fahrersicht kann ich nur sagen, dass es sehr schwierig ist, einem anderen Auto zu folgen, weil die Vorderreifen nicht stark genug sind, um das Auto auf der Ideallinie zu halten. Dann kommt noch die Aerodynamik hinzu, die man stark einschränken sollte. Derzeit sind die Teams ja eingeladen, die Aerodynamik zu verbessern. Die hohe Nase hilft auch nicht gerade."

Weniger Flügel ist gleich weniger Traktion

Frage: "Macht der verstellbare Frontflügel einen Unterschied?"
Barrichello: "Nicht wenn du jemandem folgst, nein. Man könnte sagen: 'Ich fahre jetzt hinter jemandem, also probieren wir es mal!' Die Formel 1 ist da aber sehr sensibel. Wenn du den Flügel flacher stellst, verlierst du Traktion. Es ist nicht einfach, einem Auto zu folgen, unabhängig vom Frontflügel. Dieses Tool bringt also nicht das, was wir brauchen."

Frage: "War es ein Fehler, auf KERS zu verzichten?"
Barrichello: "KERS ist für die Zukunft des Planeten eine tolle Sache, aber zum Überholen hat es im Vorjahr nichts beigetragen. Es half nur, um die eigene Position zu verteidigen. Du wurdest bestraft, wenn das Auto vor dir KERS hatte, denn du konntest es einfach nicht überholen, auch wenn es deutlich langsamer war. Kovalainen mit dem McLaren war im Vorjahr ein Albtraum - du kamst nie an ihm vorbei, weil er ständig die Hand am Knopf hatte! Ich glaube daher nicht, dass KERS das gebracht hat, was davon erwartet wurde."

Frage: "Du hast gesagt, dass dein Williams in Bahrain nicht so gut war wie beim Testen. Kennst du den Grund dafür schon?"
Barrichello: "Unsere Temperaturen waren höher, als sie hätten sein sollen, daher konnten wir aerodynamisch gesehen nicht so viel riskieren wie beim Testen. Hier sollten wir schon viel besser aufgestellt sein und in Malaysia dann noch einmal. Das Team war in Eile, es hat noch nicht alles funktioniert und die Mechaniker konnten pro Nacht nur ein paar Stunden schlafen. So ist das halt beim ersten Rennen. Ich halte das Auto aber eigentlich für besser und ich hoffe auf einen guten Start ins Wochenende."

Frage: "Es gibt dieses Jahr einige Rookies. Bist du zufrieden damit, wie sie sich einstellen, oder sind einige davon ein Risikofaktor?"
Barrichello: "Das Problem ist, dass sich ihnen eine sehr schwierige Situation bietet. Du bist jung und hast ein Auto, das fünf Sekunden Rückstand hat. Nico (Hülkenberg; Anm. d. Red.) hat sich recht gut geschlagen und die, die mir auf der Strecke begegnet sind, waren fantastisch und haben gleich Platz gemacht. Aber wir haben jetzt eine Formel 1 und eine GP2. Die Idee war früher, das schnellste Auto zu haben und das Rennen zu gewinnen."

Erinnerungen an die Vorqualifikation

"Als ich jung war, fuhr ich nach Rio und war schon um 6:30 Uhr an der Strecke, weil ich keine Karte hatte. Da traf ich schon alle vom Vorqualifying, weil 30 Autos fertig gemacht werden mussten. Das war magisch, denn die echten Fans, wie ich einer war, bekamen richtig was zu sehen. Jetzt haben wir vier Autos mehr als im Vorjahr, aber es sind nicht alle in der gleichen Liga. Im Vorqualifying sind manchmal Zeiten gefallen, die für die Top 10 gut waren. Ich gebe Lotus oder wem auch immer nicht die Schuld dafür, aber aus Fan- und Fahrersicht sollte die Situation anders sein."

Frage: "Wie stehst du zu Michael Schumacher? Er ist es gewohnt, Rennen zu gewinnen, aber jetzt muss er für einen sechsten Platz hart arbeiten..."
Barrichello: "Ich muss aufpassen, was ich sage, denn dieses Thema wird bei mir schnell falsch interpretiert. Ich glaube ehrlich gesagt, dass er dieses Jahr gut abschneiden kann, aber als er aufgehört hat, hat er alles gewonnen. Meiner Meinung nach hat er mehr zu verlieren als zu gewinnen. Wenn ihm das egal ist und er es aus reiner Freude macht, dann passt das für ihn. Wir sollten die Dinge im Leben aus reiner Freude machen."

"Wenn es in der Formel 1 kein TV und keine Journalisten gäbe, dann stünde der Spaß im Vordergrund. So habe ich es 2007 und 2008 gesehen, denn mein Auto war eine Katastrophe. Trotzdem gab es Rennen, da fuhr ich für einen 13. Platz besser als in anderen Rennen, die ich gewonnen habe. Ich musste mich also in den Spiegel schauen und zufrieden sein können. Leider steht Michael im Rampenlicht, weil ihr Jungs ihm ständig auf den Fersen seid. Ich meine, dass er mehr verlieren als gewonnen kann, aber hoffentlich macht er es wie gesagt aus reiner Freude am Fahren."

Frage: "Ist diese Reifengeneration gut genug für seinen Fahrstil?"
Barrichello: "Ein guter Fahrer kann sich auf alles einstellen. Kann schon sein, dass eine Änderung für jemanden nicht ideal ist, aber darauf muss man sich halt einstellen. Für mich war es schwierig, als wir Michelin-Reifen hatten. Die Leute wussten, wie sie die Temperatur im idealen Fenster halten konnten. Für mich war es so, dass die Temperatur weg war, sobald wir ein Safety-Car auf der Strecke hatten. Ich habe sechs oder sieben Rennen gebraucht, um damit umgehen zu können."

Fotoquelle: xpb.cc

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