Ein Jahr nach "Liegate" wirkt Lewis Hamilton in Melbourne recht optimistisch

Formel 1 2010

— 25.03.2010

Hamilton: "Aus eigener Kraft derzeit nicht Dritter"

Interview mit dem McLaren-Piloten: Lewis Hamilton sieht McLaren derzeit nicht als erstklassig an, strahlt aber dennoch Optimismus aus

Frage: "Lewis, im Qualifying in Bahrain hattet ihr ein bisschen Rückstand, im Rennen schienst du aber schneller zu sein. Wo siehst du euch im Moment?"
Lewis Hamilton: "Unsere Qualifyingpace ist deutlich schlechter als die von Red Bull. Ich weiß nicht, wo die ihre Zeit gefunden haben, denn Sebastians Zeit im Mittelsektor war eine andere Liga, während ich im ersten Sektor ganz gut mithalten konnte. Im Qualifying werden sie diese Saison also schwierig zu knacken sein, aber wenn das Auto im Rennen schwerer ist, fühlt es sich im Vergleich besser an. Mit den Reifen ist das schwer zu sagen, aber vielleicht haben sie ja im Rennen nicht voll gepusht."

Frage: "Ist der Podestplatz in Bahrain repräsentativ für eure wahre Stärke?"
Hamilton: "Nein. Ehrlich gesagt hat uns das Podium ein bisschen überrascht. Ich glaube, wir sind nicht so weit vorne. Wir arbeiten natürlich daran, die Leiter nach oben zu klettern, aber aus eigener Kraft kann ich derzeit normalerweise nicht Dritter werden. Es war einmal ein guter Anfang, denn mit einem Podium im ersten Rennen darf man nicht unzufrieden sein. Wir müssen uns aber noch steigern, auch ich und Jenson. Red Bull hat deutlich mehr Anpressdruck als wir, aber wie Bahrain gezeigt hat, braucht man das gesamte Paket - auch die Zuverlässigkeit."

Kein massiver Boost seit Bahrain

Frage: "Glaubst du, dass ihr schon hier besser aussehen werdet?"
Hamilton: "Dafür war nicht genug Zeit, aber wir haben einige Verbesserungen und wir hoffen, dass das Auto zur Strecke passt."

Frage: "Werdet ihr euch hier mehr auf das Qualifying konzentrieren, auf das Setup?"
Hamilton: "Definitiv, denn unsere Rennpace ist nicht schlecht. Das Wichtigste ist also, das Qualifying hinzubekommen und auf eine Runde das Maximum herauszuholen. Die Startposition wirkt sich wahrscheinlich noch mehr aus als früher."

Frage: "Es ist eine Sache, darüber zu reden, aber eine andere, es auch umzusetzen. Was tut ihr dafür?"
Hamilton: "Wir testen viel am Simulator, zum Beispiel, wie sich das Auto zwischen Rennen und Qualifying unterscheidet. Jetzt haben wir noch einmal einen Freitag, an dem wir viel lernen können, weil wir schon mehr Basiswissen haben als am Freitag in Bahrain. Wahrscheinlich werden wir das gleiche Programm fahren, aber versuchen, es besser als letztes Mal zu nutzen - zum Beispiel beim Lernen, wie man die Reifen am besten auf Temperatur bringt."

Frage: "Was ist dein Ziel für dieses Wochenende?"
Hamilton: "Der Sieg - wie immer."

Frage: "Ihr musstet am Diffusor etwas ändern. Wird euch das einbremsen?"
Hamilton: "Nein. Die Ingenieure haben mir gesagt, dass das nur ein kleines Loch war, nichts Entscheidendes. Mehrere Teams sind davon betroffen."

Keine Angst vor dem Dämmerungsrennen

Frage: "Der Start ist hier erst um 17:00 Uhr. Ist das ein Problem für euch Fahrer?"
Hamilton: "Ich liebe diese Strecke, denn Melbourne ist einfach etwas Besonderes. Als es noch der Saisonauftakt war, war es noch spezieller. Mir war der Start um 14:00 Uhr bei Tageslicht lieber, aber um 17:00 Uhr hat es Vorteile für die Fans, es ist ein bisschen kühler und damit auch einfacher für uns. Ich glaube, solange man das richtige Visier wählt, sollte es keine Sichtprobleme geben. Ich glaube nicht, dass es gefährlich ist. Im Vorjahr war es nicht ideal, aber es lief problemlos."

Frage: "Welche Passage der Strecke magst du am liebsten?"
Hamilton: "Die zwei schnellen Kurven, ich weiß ihre Nummern jetzt nicht auswendig. Generell bin ich gerne in Melbourne, denn das Wetter ist immer fantastisch und es ist eine tolle Reise, eine tolle Stadt. Die Strecke ist der erste echte Stadtkurs des Jahres. Wenn du das Setup hinbekommst, fährt es sich wirklich klasse und fließend. Ich habe mir gerade ein paar Onboardaufnahmen von 2008 angesehen. Damals war mein Auto sehr gut abgestimmt. Ich hoffe, diesmal bekommen wir es sogar noch besser hin!"

Frage: "Wie wird euch Melbourne liegen?"
Hamilton: "Hoffentlich besser als Bahrain, denn es hat hier mehr schnelle und mittelschnelle Kurven, wohingegen Bahrain eher langsam war. Unser Auto ist eher für schnelle Kurven ausgelegt, daher erhoffe ich mir, dass wir hier etwas besser aussehen werden. Morgen werden wir es sehen."

Frage: "In Bahrain starteten alle Topfahrer auf den gleichen Reifen und kamen auch alle im gleichen Zeitfenster an die Box. Wird das hier anders sein?"
Hamilton: "Ich glaube nicht. Es wird sehr ähnlich sein wie in Bahrain - mit einem Boxenstopp. Vielleicht kommt ein Safety-Car, aber wir sich das auswirken würde, weiß ich nicht. Da höre ich dann auf das Team."

Frage: "Glaubst du, dass du gegenüber Jenson Button im Moment im Vorteil bist, weil du das Team und damit auch das Auto schon länger kennst als er?"
Hamilton: "Ich kann das Auto gar nicht besser kennen als er, denn es ist brandneu und ganz anders als das Vorjahresauto. Das Handling war im Vorjahr sehr nervös, aber jetzt ist es deutlich besser. Ich glaube nicht, dass ich einen Vorteil habe, und er hat auch keinen. Manchmal wird er einen besseren Job machen, manchmal ich."

Gutes Verhältnis mit dem Teamkollegen

Frage: "Ist der Eindruck, dass ihr euch ganz gut versteht, richtig?"
Hamilton: "Nein, wir sind nur gute Schauspieler (lacht; Anm. d. Red.)! Im Ernst: Wir kommen sehr gut miteinander aus, denn wir kannten uns schon vor der Formel 1. Sein Vater war 1995 mein Motoreningenieur und seither respektieren wir uns enorm und wir kommen gut miteinander aus. Natürlich wollen wir uns gegenseitig schlagen, aber außerhalb des Cockpits gehen wir professionell miteinander um."

Frage: "Im Vorjahr gab es hier die große Lügenaffäre. Hast du dich seither mit all den Höhen und Tiefen verändert?"
Hamilton: "Bestimmt. Ich bin reifer geworden, klüger, treffe jetzt bessere Entscheidungen. Das ist ein normaler Vorgang. Ich bin sehr stolz darauf, ein Freund von Nelson Mandela zu sein. Er sagt mit 91 noch jedes Mal, wenn ich ihn sehe, dass er täglich etwas dazulernt. Ich konnte besonders im Vorjahr eine Menge lernen, denn wenn du sowieso hinten bist, hast du auch mehr Zeit, um mal etwas auszuprobieren. Wenn du dann wieder vorne mitfährst, fühlst du sich stärker. Außerdem habe ich so gut trainiert wie noch nie. Es wird einfach von Jahr zu Jahr besser."

Frage: "Wenn wir schon von weisen Männern im fortgeschrittenen Alter sprechen: Dein Vater Anthony war in Bahrain erstmals nicht dabei. Wie war das für dich?"
Hamilton: "Es war eine neue Erfahrung, aber eine gute! Ich habe ihm viel zu verdanken, aber es war auch positiv, mal ganz auf eigenen Beinen zu stehen."

Frage: "Nach Bahrain gab es viel Kritik, weil das Rennen eine Prozession war. Ist diese Kritik berechtigt?"
Hamilton: "Ich habe das Rennen noch nicht gesehen. Für mich war es ein spannendes Rennen, denn ich hatte einen guten Start und dann einige gute Kämpfe. Ich musste immer pushen, denn alles war neu für mich mit diesem Reglement. Man muss auf die Reifen achten, auf den Benzinverbrauch."

"Insofern fand ich es spannend, vor allem weil ich am Ende auf dem Podium stand. Die Leute haben dann gesagt, dass es nicht besonders aufregend war, aber für eine solche Einschätzung ist es noch zu früh. Die Leute erwarten zu viel, weil wir dieses Jahr die besten Voraussetzungen haben, aber vielleicht kommen die tollen Rennen ja noch."

Freund des neuen Qualifyings

Frage: "Wie findest du es, im dritten Qualifying ohne Startbenzinmenge zu fahren?"
Hamilton: "Cool - das haben wir uns immer gewünscht! Jetzt sieht man, wer das schnellste Auto und den besten Job gemacht hat, auch wenn es wahrscheinlich noch schwieriger geworden ist. Davor konnte man durch eine geringere Benzinlast nach vorne kommen und so die Chancen im Rennen erhöhen, obwohl man nicht das schnellste Auto hatte. Das geht jetzt nicht mehr. Der schnellste Fahrer im schnellsten Auto steht jetzt vorne. Es ist ein schönes Gefühl, das Auto am Limit zu bewegen."

Frage: "Ist der Druck höher, die ultimative Runde abzurufen?"
Hamilton: "Für mich nicht. Du hast ja drei Chancen."

Frage: "Wie war es für dich, als alle Weltmeister nach Bahrain kamen, um ein Gruppenfoto zu machen?"
Hamilton: "Etwas ganz Besonderes! Normalerweise sehe ich mir auch nur als ein Rennfahrer unter vielen, aber wenn man dann neben all diesen Legenden Platz nehmen darf, macht einen das schon stolz. Eine besonders schöne Geste kam von Emerson Fittipaldi, der für alle eine Uhr mit dem Namen und dem WM-Jahr dabei hatte. Das werde ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen."

Frage: "Was hältst du davon, dass Michael Schumacher der Fahrergewerkschaft GPDA nicht beitreten will?"
Hamilton: "Ich weiß nicht. Ich bin beigetreten, als ich es für richtig hielt. Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber man sollte niemanden zu etwas zwingen. Der Druck, dass er beitritt, ist wahrscheinlich groß, aber wenn er das nicht will, dann sollte man ihm das zugestehen. Das heißt ja nicht, dass er sich nicht für den Sport einsetzt oder gegen die GPDA arbeitet. Es ist seine Entscheidung, aber wir würden ihn jederzeit willkommen heißen."

Frage: "Übrigens: Für jemanden, der seit dem letzten Rennen die meiste Zeit im Flugzeug verbracht hat, siehst du recht frisch aus..."
Hamilton: "Das stimmt ja gar nicht! Ich war einen Tag in Großbritannien, hatte dort ein bisschen Arbeit mit dem Team zu erledigen. Dann habe ich meine Freundin in Los Angeles besucht. In Sachen Jetlag war es aber der beste Trip, den ich je gemacht habe! Ich blieb ein paar Tage in Los Angeles, habe dann den ganzen Flug geschlafen und kam ausgeruht hier an."

Fotoquelle: xpb.cc

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