Strahlende Gesichter auf dem Podium: Kubica, Sieger Jenson Button, Massa

Formel 1 2010

— 28.03.2010

Action pur in Melbourne: Sieg für Button!

"Reifenflüsterer" Jenson Button gewinnt den Thriller von Melbourne souverän vor Kubica und Massa - Sebastian Vettel verliert nächsten möglichen Sieg

Wer sich nach dem einschläfernden Saisonauftakt in Bahrain dazu entschlossen hat, für den heutigen Grand Prix von Australien nicht schon um 8:00 Uhr aufzustehen, der hat einen schweren Fehler gemacht! Denn was die 24 Formel-1-Stars im malerischen Albert-Park von Melbourne an Drama und Spektakel zu bieten hatten, dürfte jeden Motorsportfan vom Hocker gerissen haben.

Der Sieg ging nach 58 aufregenden Runden überraschend an den Vierten der Startaufstellung, Jenson Button, der damit seinen Vorjahressieg wiederholen konnte und seinen ersten Sieg als amtierender Weltmeister feierte. Entscheidend war für den McLaren-Piloten letztendlich ein früh absolvierter Reifenwechsel von Intermediates auf Slicks, der erst nach einem krassen Fehlgriff roch, sich letztendlich aber als goldrichtig herausstellte.

Vettel Pechvogel des Tages

Zweiter wurde sensationell Renault-Pilot Robert Kubica, der ein fehlerfreies Rennen fuhr und die höher eingeschätzten Ferrari-Stars Felipe Massa und Fernando Alonso hinter sich lassen konnte. Doch der große Pechvogel des Tages war zweifellos Sebastian Vettel (Red Bull): Der Deutsche schien einem sicheren Sieg entgegenzufahren, als er erneut von der Technik im Stich gelassen wurde und wegen eines Bremsdefekts im Kiesbett landete.

"Ich hatte Funkenschlag auf der linken Seite, habe am Lenkrad Vibrationen gespürt", schilderte Vettel den Zwischenfall in Runde 26. "Ich habe Kurve 13 schon vorsichtig angebremst, aber dann ist die vordere linke Bremsscheibe explodiert. So hat es sich zumindest angefühlt." Bis dahin hatte er das Rennen wie schon vor zwei Wochen in Bahrain mühelos kontrolliert und den Abstand auf den späteren Sieger Button sukzessive ausgebaut.

Im Gegensatz zu Bahrain, wo die Zündkerze ganz plötzlich den Geist aufgab, war Vettel diesmal vorgewarnt: "Es hat sich eine Runde vorher angekündigt. Ich wollte noch an die Box fahren, um nachschauen zu lassen, aber bis dahin bin ich gar nicht mehr gekommen", gab der 22-Jährige enttäuscht zu Protokoll und schimpfte: "Sehr ärgerlich. Man kann allerdings nichts daran ändern - aber es ist schon scheiße!"

Start auf Intermediates

Doch der Reihe nach: Die Spannung baute sich heute schon vor dem Start auf, als es leicht zu regnen begann. Also wurde auf Intermediates losgefahren - und wie: Vettel kam hervorragend weg und stach als Führender in die erste Kurve, Massa und Mark Webber (Red Bull) reihten sich hinter ihm ein. Doch die Weltmeister Button, Alonso und Michael Schumacher (Mercedes) wollten gleichzeitig einlenken, was selten gut geht - und so kam es zur unweigerlichen Dreierkollision!

Zuerst beanspruchte Alonso die Kurve für sich, in die Button ebenfalls seine Nase hineinsteckte, wodurch es den Ferrari leicht nach außen trug - und dort war Schumacher. Letzterer beschädigte sich bei der Karambolage den Frontflügel und musste an die Box kommen, fiel ganz ans Ende des Feldes zurück. Der große Profiteur war Kubica, der plötzlich Vierter war, weil er beim Ausweichmanöver das glücklichste Händchen hatte.

Nur ein paar Sekunden später krachte es im Hinterfeld: Kamui Kobayashis Frontflügel machte sich erneut selbstständig, sodass sein Sauber außer Kontrolle geriet und bei hoher Geschwindigkeit in den Williams von Nico Hülkenberg krachte - eine gefährliche Situation! Um die beiden Autos und den Toro Rosso von Sébastien Buemi bergen zu können, schickte die Rennleitung daraufhin das Safety-Car für drei Runden auf die Strecke.

Nach dem Restart ging es Schlag auf Schlag und Überholmanöver auf Überholmanöver weiter. Den besten Durchblick hatte bei langsam abtrocknender Strecke offenbar die McLaren-Crew, denn die holte Button schon in der sechsten Runde rein, um auf Slicks zu wechseln - eine Fehlentscheidung, wie man zunächst vermuten musste: Der Brite kam auf rutschigem Asphalt sofort von der Strecke ab, nachdem zuvor der Boxenstopp selbst schon um vier Sekunden zu lange gedauert hatte.

Späte Boxenstopps von Red Bull

Zu jenem Zeitpunkt führte Vettel vor Webber, ehe zwei Runden nach Button praktisch das gesamte Feld an die Box kam, um die Intermediates abzugeben - nur Red Bull kapierte die Situation zu spät: Vettel kam in der neunten, Webber erst in der zehnten Runde rein. Letzterer fiel dadurch weit zurück. Teamchef Christian Horner erklärt: "Sebastian lag vorne und hatte daher das Recht, als Erster reinzukommen."Auf einmal war Webber nur noch Sechster.

Gleichzeitig mit dem Australier fuhr übrigens Adrian Sutil (Force India) an die Box, allerdings nicht zum Reifenwechsel, sondern zur Aufgabe: Sutil war als Achter aus der ersten Runde zurückgekommen und konnte gut mithalten, bis ihm in der ersten Kurve ein Fahrfehler unterlief, durch den er aus den Punkterängen fiel. Als er an zweiter Stelle liegend seiner Crew einen Besuch abstattete, funktionierte allerdings der Mercedes-Motor schon nicht mehr.

Nachdem sich die Positionsverschiebungen durch das unterschiedliche Timing der Boxenstopps - wie in Bahrain galt: je früher, desto besser - beruhigt hatten, bot sich folgendes Bild: Vettel führte vor Button, Kubica, Nico Rosberg (Mercedes), Massa, Lewis Hamilton (McLaren), Alonso und Webber. Bei Schumacher hatte die Mercedes-Crew den ersten regulären Boxenstopp verpatzt, sodass der siebenfache Weltmeister nur im Mittelfeld herumgurkte.

Schumacher: Duell mit Alguersuari

Dort sollte er auch bleiben, weil er lange keinen Weg an Jaime Alguersuari im Toro Rosso vorbeifand. "Die Sache in der ersten Runde war nicht sein Fehler - und wir wissen ja, wie schwierig das Überholen in der Formel 1 ist", verteidigte Mercedes-Teamchef Ross Brawn den Comeback-Superstar, der selbst analysierte: "Wir haben uns zu konservativ verhalten und uns zu wenig auf das Qualifying, aber zu sehr auf das Rennen konzentriert."

Letztendlich kam Schumacher mit mehr als einer Minute Verspätung als Zehnter ins Ziel, aber vor ihm sollte sich noch jede Menge Dramatik ereignen. So zum Beispiel die beherzte Aufholjagd von Hamilton, der einen Konkurrenten nach dem anderen schnupfte und schon an Kubica dran war, als ihn die McLaren-Box ein zweites Mal an die Box beorderte, um frische Slicks abzuholen - möglicherweise eine Vorsichtsmaßnahme wegen der aggressiven Fahrweise.

Aber Kubica und die beiden Ferraris blieben im Gegensatz zu Hamilton, Webber und Rosberg ohne weiteren Stopp draußen, sodass der McLaren-Pilot einen Riesenrückstand aufholen musste - was er mit Webber im Schlepptau auch tat. Doch als Hamilton endlich in Alonsos Windschatten auftauchte, meldete er am Boxenfunk: "Meine Reifen lassen nach!" Auf einmal entwickelte sich ein heißer Dreikampf zwischen Alonso, Hamilton und Webber.

Knalleffeckt in der drittletzten Runde

In der 56. Runde hatte Hamilton dann die Nase voll und ritt eine Attacke gegen den vor ihm liegenden Ferrari, musste aber zurückziehen - was auch gut gegangen wäre, wenn sich dahinter nicht Webber beim Bremsen vertan hätte! Der Lokalmatador schoss den britischen Silberpfeil ab und kam mit lädiertem Auto nur als Neunter ins Ziel; Hamilton wurde Sechster. Rosberg profitierte und rutschte auf Platz fünf durch, hätte sogar beinahe noch Alonso geschnappt!

"Nico war super unterwegs - noch ein paar Runden, und ein Podium wäre drin gewesen. Der Speed dazu war da", lobte Mercedes-Sportchef Norbert Haug. "Man kann nach dem Rennen immer über Strategien diskutieren und bessere finden als vor dem Rennen - Nico lag vor Button, als dieser auf Slicks wechselte, und das war der Schlüssel für seinen Sieg. Wäre Button zuvor nicht von Hamilton überholt worden, vielleicht hätte er dann später gewechselt, wer weiß?"

Hamilton war nach dem Rennen übrigens stinksauer auf seine Crew, die ihn im Gegensatz zu Button zweimal an die Box beordert hatte: "Das war wirklich eine blödsinnige Idee", schimpfte er noch vom Cockpit aus, ehe er später nachlegte: "Es war definitiv ein strategischer Fehler des Teams, denn die Pace war da. Es wäre sonst unser erster Doppelsieg geworden. Ich habe die Entscheidung leider nicht in Frage gestellt, sondern habe dem Team vertraut."

Buttons erster Sieg als Weltmeister

Für ein Kuriosum am Boxenfunk sorgte auch Alonso, als Hamilton in seinem Rückspiegel immer größer wurde und Renningenieur Andrea Stella ständig den Abstand durchgab. Genervter Konter des Spaniers: "Ich will das gar nicht wissen!" Zu einem Überholversuch gegen Massa reichte es aber nicht mehr. Vorne war zu dem Zeitpunkt sowieso schon alles klar - "Reifenflüsterer" Button trug seinen MP4-25 ins Ziel und gewann mit zwölf Sekunden Vorsprung!

"Das ist etwas ganz Besonderes", jubelte der Titelverteidiger über seinen ersten McLaren-Triumph. "Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich im Auto wohlfühlte, aber jetzt meinen ersten Grand Prix für McLaren zu gewinnen, ist ein irrsinniges Gefühl. Wir nehmen ein sehr gutes Feeling in die nächsten Rennen mit. Ein Hammer! Ein zweiter Reifenwechsel war für mich kein Thema, ich habe das nicht einmal in Betracht gezogen. Keine Ahnung, warum sie bei Lewis gewechselt haben."

Kubica konnte den Poker mit einem zusätzlichen Boxenstopp schon eher nachvollziehen, denn auch wenn er es sich nach außen nicht anmerken ließ, hatte der bärenstarke Pole mit seinen verschlissenen Pneus alle Hände voll zu tun: "Es war eine schwierige Entscheidung, denn wir hatten am Ende stark mit den Reifen zu kämpfen. Wir haben auch überlegt, noch einmal an die Box zu kommen, aber es ist ja aufgegangen."

Groß auch der Jubel bei Massa, der zum zweiten Mal seit seiner Rückkehr in die Formel 1 auf das Podium fuhr: "Fantastisch! Ich war hier noch nie besser als Sechster, insofern bin ich sehr zufrieden", strahlte er. "Es war nicht das optimale Rennwochenende für mich, aber umso erfreulicher ist es, dennoch auf dem Podium zu stehen. Das können für die Meisterschaft noch ganz wichtige Punkte werden - und für mein Selbstvertrauen ist das Ergebnis ebenfalls wichtig. Ich bin überglücklich."

Liuzzi wieder in den Punkten

Ein unauffälliges, aber fehlerfreies Rennen fuhr Vitantonio Liuzzi, der Force India somit auch im zweiten Grand Prix des Jahres ein zählbares Ergebnis bescherte. Der Italiener wurde vor Rubens Barrichello (Williams), Webber und Schumacher Siebter. Pedro de la Rosa (Sauber) lag über weite Strecken in den Punkterängen, ließ sich aber im Finish mit Reifenproblemen noch von Alguersuari und Schumacher überrumpeln.

Insgesamt sahen 14 von 24 gestarteten Autos die Zielflagge; den Grand Prix der neuen Teams gewann diesmal Lotus-Pilot Heikki Kovalainen vor Karun Chandhok (HRT). Rückstand auf die Spitze: zwei beziehungsweise fünf Runden. Timo Glock und Lucas di Grassi (Virgin) konnten nach ihrem Start aus der Boxengasse lediglich ein bisschen testen, während Jarno Trulli (Lotus) wegen einer kaputten Hydraulikpumpe nicht einmal bis zum Start kam.

In der Fahrer-WM führt nach zwei von 19 Läufen Bahrain-Sieger Alonso mit 37 Punkten vor Massa (33), Button (31), Hamilton (23) und Rosberg (20); Vettel (12) und Schumacher (9) folgen auf den Positionen sieben und acht. Bei den Konstrukteuren hat ebenfalls Ferrari (70) die Nase vorne, gefolgt von McLaren (54) und Mercedes (29). Weiter geht es bereits in einer Woche mit dem Grand Prix von Malaysia in Kuala Lumpur.

Fotoquelle: xpb.cc

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