Mit einem Doppelsieg wurde McLarens Topleistung im Regen belohnt

Formel 1 2010

— 18.04.2010

McLaren weltmeisterlich: Doppelsieg im Regenchaos!

Der Cleverste (Button) gewinnt den Grand Prix von China vor dem Schnellsten (Hamilton) - Rosberg Dritter, Polesetter Vettel diesmal nur Sechster

Wer geglaubt hat, dass es nach Australien und Malaysia keine Steigerung der Dramaturgie mehr geben kann, der wurde heute beim Grand Prix von China eines Besseren belehrt. Denn in einem der wohl ereignisreichsten Rennen der Formel-1-Geschichte gab es so viel Action und Überholmanöver wie schon lange nicht mehr.

Den besten Durchblick hatte bei unglaublich schwierigen Regenbedingungen einmal mehr Jenson Button, der genau wie in Australien die cleversten Entscheidungen traf, sich keine Fehler erlaubte und dafür mit dem Sieg belohnt wurde. Sein McLaren-Teamkollege Lewis Hamilton imponierte indes mit einer weiteren Demonstration seines sensationellen Speeds auf nasser Strecke und brachte für die britischen Silberpfeile einen verdienten Doppelsieg nach Hause.

Schumacher im Regen ohne Chance

Bester Deutscher war nach 56 turbulenten Runden Nico Rosberg (Mercedes), der seinen dritten Platz von Malaysia wiederholen konnte. Der einstige "Regenkönig" Michael Schumacher im zweiten Werks-Silberpfeil musste sich im Kampf mit den "jungen Wilden" der Formel 1 hingegen erneut geschlagen geben und kam als Zehnter ins Ziel. Immerhin bedeutete das bei seinem vierten Auftritt seit dem Comeback zum dritten Mal WM-Punkte.

Dass es ein munterer Nachmittag werden könnte, zeichnete sich schon Minuten vor dem Start ab, als es wie erwartet zu regnen begann. Zunächst handelte es sich jedoch nur um ein paar Tropfen, sodass die meisten Piloten unbesorgt auf Slicks losfuhren. Den Mut, mit Intermediates zu zocken, hatte nur Timo Glock (Virgin), aber der Deutsche kam während der Aufwärmrunde nicht vom Fleck weg und musste an die Box geschoben werden.

Den besten Start erwischte Fernando Alonso (Ferrari), der vom dritten Platz aus in Führung ging und vor Mark Webber und Sebastian Vettel in die erste Kurve einbog - bei Red Bull kam es teamintern zu einer Verschiebung. Doch die Freude über die Führung war bei Ferrari nur von kurzer Dauer, denn Rennleiter Charlie Whiting erkannte sofort, dass Alonsos Raketenstart nur zustande kam, weil er schon vor dem Erlöschen der roten Ampel in Bewegung war.

Und das Chaos beginnt...

Hinter den Top 3 reihten sich zunächst Rosberg, Button, Hamilton, Felipe Massa (Ferrari), Schumacher und Adrian Sutil (Force India) ein, letzterer verlor aber früh zwei Positionen an die Renault-Piloten Robert Kubica und Vitaly Petrov. Sutil wagte jedoch einen Poker - genau wie Rubens Barrichello (Williams) und Jaime Alguersuari (Toro Rosso) - und kam schon am Ende der ersten Runde an die Box. Das schien zunächst eine goldrichtige Entscheidung zu sein.

Denn wegen einer Kollision war das Safety-Car auf der Strecke: Vitantonio Liuzzi (Force India) hatte beim Anbremsen einer Rechtskurve sein Auto außer Kontrolle verloren und räumte beim Einlenken Sébastien Buemi (Toro Rosso) und Kamui Kobayashi (Sauber) ab. Während der Safety-Car-Phase kamen dann auch alle anderen an die Box - bis auf sechs Fahrer: Rosberg, der damit die Führung übernahm, Button, Kubica, Petrov, Pedro de la Rosa (Sauber) und Heikki Kovalainen (Lotus).

In der vierten Runde wurde das Rennen wieder freigegeben. Kurzzeitig sah es so aus, als könnte Sutil profitieren, der in der gedachten Wertung des Intermediate-Feldes in Führung lag. Aber es kam anders: Der Regen ließ nach - und auf einmal machte sich das Risiko der Spitzenreiter bezahlt, auf einen Wechsel verzichtet zu haben, weil Sutil und alle anderen wieder an die Box kommen mussten, um von Intermediates zurück auf Trockenreifen zu wechseln!

Führungstrio mit Riesenvorsprung

Was folgte, war ein unglaublich ereignisreiches Chaos, das von Überholmanövern, Boxenstopps und wechselnden Kräfteverhältnissen geprägt war. Fahrer, die im einen Moment noch mühelos durch das Feld pflügten, wurden ein paar Minuten später schon wieder nach hinten durchgereicht, weil die Bedingungen so schnell wechselten. Nur die Führenden setzten sich sukzessive vom Rest ab und bauten ihren Vorsprung auf über 40 Sekunden (!) aus.

Für eine der kurioseren Szenen sorgte in jener Phase Massa, als er in der Boxeneinfahrt von der Strecke abkam und genau wie Hamilton 2007 durch das Kiesbett rödelte, zum Glück aber nicht stecken blieb. Hamilton selbst fiel auf, als er sich so spät für den Boxenstopp entschied, dass er schon an der normalen Einfahrt vorbei war und stattdessen in der letzten Kurve die Strecke verließ und über die Wiese abbiegen musste!

Apropos Boxenstopps: Vettel musste sich einmal hinter Webber anstellen, Alonso fuhr hinter Massa rein - und Hamilton und Vettel gerieten beinahe aneinander, als sie nebeneinander durch die Boxengasse fuhren. Die Rennleitung kündigte eine (bisher ergebnislose) Untersuchung dieses Zwischenfalls an. Schumacher, der zwischenzeitlich schon Sechster war, fiel dann auf der Strecke wieder zurück, wurde unter anderem auch von Hamilton und Vettel überholt.

Umstrittene zweite Safety-Car-Phase

So etwas wie Ordnung kam dann erst wieder in den Grand Prix, als Alguersuari wegen eines losen Frontflügels Wrackteile in der Boxengasse verteilte und damit das Safety-Car ein zweites Mal aktivierte. Kurz zuvor hatte es bereits einen Führungswechsel gegeben, weil sich Rosberg nach einem kleinen Ausritt in der Haarnadelkurve gegen Button nicht zur Wehr setzen konnte - möglicherweise eine rennentscheidende Szene, wie sich später herausstellen sollte.

Für das Spitzenquartett - nur wenige Sekunden hinter Button und Rosberg lagen auch die beiden Renaults noch in Schlagdistanz - bedeutete die umstrittene Safety-Car-Phase natürlich, dass über 40 Sekunden Vorsprung mit einem Schlag dahin waren. "Als das Safety-Car wegen der Teile auf die Strecke kam, habe ich mich grün und blau geärgert, denn auf einmal war unser ganzer Vorsprung weg", erinnert sich Button.

Aber der amtierende Weltmeister behielt kühlen Kopf und leistete sich keinen Fehler mehr - auch nicht beim Restart, vor dem er so stark zusammenbremste, dass auf der Strecke beinahe zu wenig Platz gewesen wäre. Ebenfalls beim Restart kam es zu einer Berührung zwischen Hamilton und Webber, durch die Webber in der Zielkurve von der Strecke gedrängt wurde. Der Australier schimpfte am Boxenfunk: "Habt ihr das gesehen?"

Tolle Überholmanöver von Hamilton

Hamilton ließ sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen und fightete sich stattdessen auf gewohnt unwiderstehliche Art und Weise nach vorne. Als er früher als Button und Rosberg an die Box kam, um einen frischen Satz Intermediates abzuholen, gewann er gegen Rosberg noch einmal eine Position - und die McLaren-Doppelführung war perfekt. Die beiden britischen Silberpfeile setzten sich von da an auch mühelos vom Rest des Feldes ab.

Interessant war, dass Hamilton in jener Phase nicht weiter zulegen, sondern Button den Vorsprung sogar vergrößern konnte. Der Brite setzte sich bis zu zehn Sekunden ab, ehe er in den letzten Runden dramatisch Tempo rausnahm, weil auch der neue Reifensatz stark an Profil einbüßte und es in den letzten beiden Runden wieder stärker zu regnen begann. "Das war nur noch eine einzige Rutschpartie", grinste Hamilton nachher.

Riesenjubel bei Sieger Button

Button rettete am Ende 1,5 Sekunden Vorsprung über die Ziellinie und plärrte anschließend in den Boxenfunk: "Diesen Sieg verdienen wir uns - und zwar richtig!" Bei der FIA-Pressekonferenz wirkte er schon wieder gefasster: "Am Ende hatte ich ein ganz gutes Gefühl", so der Dritte von Schanghai 2009. "Es war zwar mit dem Aquaplaning ein irrer Kampf, die richtige Linie zu fahren und keine Fehler zu machen, aber das kann ich sehr gut."

Hamilton ritt keine ernsthafte Attacke mehr, gab sich mit dem zweiten Platz zufrieden und gratulierte seinem Teamkollegen: "Jenson hat eine unglaubliche Leistung abgeliefert und die Reifensituation am besten gemanagt. Er verdient diesen Sieg", so der Brite. "Ich habe mich am Anfang sehr spät entschieden, die Reifen zu wechseln, aber dann konnte ich mich nach vorne kämpfen." Eine Strafe wegen des Vettel-Duells in der Boxengasse erwartet er nicht: "Ich glaube, das war fair."

Rosberg verteidigte seinen dritten Platz im Finish gegen den von hinten heranstürmenden Alonso, der trotz Durchfahrstrafe wegen Frühstarts und vier weiteren Boxenstopps seinen Teamkollegen Massa klar im Griff hatte und mit seiner fahrerischen Klasse ein schlechtes Ergebnis zu verhindern wusste. Fünfter wurde Kubica, gegen den Vettel am Schluss keine echte Chance mehr hatte. Elf Sekunden trennten die beiden auf der Ziellinie.

Vettels Enttäuschung nicht allzu groß

"Es war eine Lotterie", seufzt Vettel, der aber genau weiß, dass ein solches Rennen auch ganz anders ausgehen kann: "Unterm Strich ein paar Punkte mitzunehmen, ist in so einem Rennen wichtig. Wir hatten den Speed, um etwas weiter vorne zu sein, aber man hat eben vieles richtig und falsch machen können heute. Es hätte heute noch viel schlimmer sein können." Trotzdem: Eine Wiederholung des Regen-Doppelsiegs von Schanghai 2009 gelang Red Bull heute bei weitem nicht.

Rosberg lag zu Beginn ohne Boxenstopp lange in Führung und ist mit Rang drei zufrieden: "Das war eine gute Entscheidung, sicher auch mit ein bisschen Glück. Wenn es ein bisschen mehr geregnet hätte, hätte es auch in die Hose gehen können", sagt er über die Anfangsphase. "Am Ende hatte ich dann etwas verschlissenere Reifen als die McLarens, sodass ich ihren Speed nicht gehen konnte, aber insgesamt war das heute ein Schritt in die richtige Richtung und ein gutes Ergebnis."

Teamkollege Schumacher, einst als "Regengott" gefeiert, wurde indes immer weiter nach hinten durchgereicht. In der Schlussphase musste er sich mit abgefahrenem Profil auch noch von Petrov und seinem Freund Massa demütigen lassen, sodass es nur ein einziger WM-Punkt wurde. Offenbar hatte der 41-Jährige Schwierigkeiten damit, das Potenzial der Reifen richtig einzuschätzen und zu nutzen, wie er selbst zugeben muss.

Schumacher nach P10 selbstkritisch

"Es war ein Pokerspiel, vor allem hinsichtlich der Reifen. Das war für mich das Schwierigste", analysiert der siebenfache Weltmeister und gesteht selbstkritisch: "Dennoch muss man sagen: Ich habe einfach keinen guten Job gemacht. Ich habe die Reifen zu hart rangenommen und hatte am Ende quasi nur noch Slicks drauf. Es hat Spaß gemacht, wieder mit Felipe zu fighten, aber im Endeffekt war es ziemlich hoffnungslos."

Norbert Haug nimmt Schumacher aber weiter in Schutz: "Wenn das Auto mehr gekonnt hätte, hätte er auch mehr gekonnt. Da war das Auto das Limit", so der Mercedes-Sportchef. "Er wird noch starke Rennen bei uns abliefern, keine Angst! Er hat das Autofahren nicht verlernt, sondern wir haben das Auto noch nicht hingebracht. Bis Barcelona werden wir das klären. Michael stellt sich dem Wettbewerb, obwohl er das gar nicht nötig hätte."

Einer der unbesungenen Helden des heutigen Tages war Petrov, der lange Zeit an vierter Stelle lag, am Ende mindestens Sechster hätte werden können, aber wegen eines Drehers zwei Positionen verlor. Auch Lotus sorgte zwischenzeitlich für Jubel bei Teamchef Tony Fernandes, als Kovalainen dank des richtigen Riechers zu Beginn in den Punkterängen mitmischte - wegen des fehlenden Speeds des Autos natürlich nur für wenige Runden.

Keine Sensation durch Sutil

Regenspezialist Sutil, für den anfangs ganz kurz sogar eine Sensation möglich schien, konnte während des Rennens nur selten den Speed gehen, den man bei solchen Bedingungen eigentlich von ihm gewohnt ist. Platz elf nahm er achselzuckend zur Kenntnis. Auch Barrichello, der im Windschatten des Deutschen über die Ziellinie fuhr, dürfte mit seinem Ergebnis nicht zufrieden sein, ebenso wenig wie Nico Hülkenberg (Williams), dessen später Poker mit Slicks völlig in die Hose ging.

Nicht ins Ziel kamen die beiden Virgin-Piloten, wobei Lucas di Grassi zumindest ein paar Testrunden drehte, de la Rosa, dessen Sauber wieder einmal Rauch spuckte, Jarno Trulli (Lotus), der mit Hydraulikproblemen aufgeben musste, sowie das Trio mit der Karambolage in der ersten Runde. Dass es bei derart schwierigen Bedingungen nicht mehr Ausfälle gegeben hat, spricht für die fahrerische Klasse der 24 Formel-1-Stars.

In der Weltmeisterschaft geben nun diejenigen den Ton an, die im Vorfeld teamintern eigentlich jeweils als Nummer zwei eingeschätzt wurden: Button (60 Punkte) führt als einziger Pilot mit zwei Saisonsiegen vor Rosberg (50). Erst dahinter folgen Alonso, Hamilton (je 49), Vettel (45), Massa (41) und Kubica (40). Schumacher (10) ist Gesamtzehnter. Bei der Konstrukteuren liegt McLaren (109) vor Ferrari (90) und Red Bull (73).

Fotoquelle: xpb.cc


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