Martin Brundle räumt Schumacher noch mehr Eingewöhnungszeit ein

Formel 1 2010

— 24.04.2010

Brundle: "Gebt ihm Zeit bis September"

Martin Brundle im Exklusiv-Interview: Der Ex-Schumacher-Teamkollege über das Comeback des Rekordchampions und die Aussichten von Jenson Button

Früher musste er ihn schlagen, heute darf er über ihn reden. Martin Brundle betrachtet das Comeback seines ehemaligen Benetton-Teamkollegen mit größter Aufmerksamkeit. Als Co-Kommentator des britischen Fernsehens muss er die Leistungen des 41-Jährigen öffentlich analysieren. 'Motorsport-Total.com' traf sich mit dem britischen Ex-Formel-1-Piloten in Hockenheim, wo Brundle als Gaststarter im VW Scirocco R-Cup an den Start ging, zum Interview.

Frage: "Martin, wie hast du die ersten Rennen dieser Saison empfunden? Viel Spannung nach einem müden Auftakt?"
Martin Brundle: "Ich liebe jedes einzelne Formel-1-Rennen, hatte sogar in Bahrain meinen Spaß. Die folgenden drei Rennen waren richtig großartig, mit Potenzial zum Klassiker. China war unglaublich aufregend, Malaysia war spannend und Australien ebenso. Mit dem neuen Punktesystem haben wir nun nach jedem Rennen einen neuen Spitzenreiter in der Gesamtwertung. Es gibt viel Abwechslung - nicht nur bei den Siegern, sondern auch auf dem Podest und in der Startaufstellung. Es war bisher eine erstklassige Saison. Ich glaube sogar, da kommt nochr mehr. Es wird noch besser."

Frage: "Findest du das neue Punktesystem also richtig gut?"
Brundle: "Ja. Man muss nun wirklich in allen Rennen ins Ziel kommen. Bezüglich des Kampfes um Siege macht es aber keinen Unterschied. Ich kenne keinen Fahrer, der sich mit Platz zwei zufriedengeben würde, wenn der Sieg machbar ist. Die Jungs brauchen dafür keinen besonderen Anreiz in Form von Punkten - zumindest gilt das für die echten Racer. Unter den neuen Voraussetzungen kann niemand mehr in der zweiten Saisonhälfte gemütlich nach Hause fahren. Es bleibt interessant."

Merh Spannung durch langsame Autos

Frage: "Hat das Tankverbot aus deiner Sicht mehr Spannung gebracht?"
Brundle: "Nein, im Gegenteil: Es ist weniger spannend. Man hat ein Strategieelement herausgenommen und damit auch die Spannung verringert. Wenn es mal gute Wetterbedingungen sind, dann könnten wir zum Beispiel in Barcelona wieder so ein langweiliges Rennen mit sehr frühen Stopps erleben. Solange die Reifen das mitmachen, geht das auch. Und warum sollte Bridgestone plötzlich Gummis bringen, die nicht lang genug halten? Das grundlegende Problem ist immer noch da, in den vergangenen drei Rennen ist es nur durch schlechtes Wetter übertüncht worden."

Frage: "Also sollten wir uns für jedes Rennwochenende Regen wünschen?"
Brundle: "Schaut euch die Bedingungen an. Im Regen driften die Autos mehr und sind etwa 20 Sekunden langsamer. Lasst sie uns doch einfach auf dieses Tempo einbremsen. Sollen die Fahrer doch richtig kämpfen und dabei Fehler machen. Der Nachteil: Man wäre dann langsamer als die GP2, vielleicht sogar als die GP3. Klar, die Formel 1 muss eigentlich immer die schnellste Serie bleiben. Ich glaube aber, wenn wir die Autos so langsam machen, dann wird es sogar trotzdem schneller aussehen, weil so viele Drifts kommen."

"Mal ein Beispiel: Ein MotoGP-Bike ist in Barcelona eine halbe Minute langsamer auf eine Runde als ein Formel-1-Auto. Aber man sieht es nicht! Es sieht aufregend aus. Man sieht die Piloten arbeiten und rutschen. Es geht eben nicht nur um die schiere Geschwindigkeit, sondern um Zweikämpfe. Was in der Formel 1 niemals passieren darf ist, dass man künstliche Rennen über Ballast, umgekehrte Startreihenfolge oder so etwas erzeugt. Ein Überholmanöver muss etwas Besonderes bleiben."

Frage: "Ein besonderes Comeback erleben wir in diesem Jahr in der Formel 1. Hat Michael Schumacher die Erwartungen bisher erfüllen können?"
Brundle: "Ganz klar: Er hat nicht das gezeigt, was man von ihm erwartet. Das wird an ihm selbst genauso nagen. Aber er braucht mehr Zeit. Es gibt keine Testfahrten und er war immerhin drei Jahre weg. So ein oder zwei Szenen habe ich beobachtet, wo ich wirklich wieder den alten 'Schumi' gesehen habe. Er hat es definitiv noch in sich. Er muss es nur schaffen, das aus sich zu holen. Und sein Auto muss zu ihm passen. Gebt ihm mindestens bis September, bevor ihr das Comeback als vielleicht gescheitert anseht."

Schumacher braucht mehr Zeit

Frage: "Was gehört für dich dazu, sein Comeback möglicherweise dann als gescheitert zu betrachten?"
Brundle: "China war sein bisher schlechtestes Rennen. Ich weiß wirklich nicht, woran das gelegen haben könnte. Er war in der Rangfolge wirklich nicht an der Position, wo man ihn hätte erwarten können. Falls sich solche Wochenenden auch in der zweiten Saisonhälfte wiederholen, dann kann man vielleicht sagen, dass sein Zauber verflogen ist. Ich glaube aber an ihn. Ich würde ihn niemals unterschätzen. Das habe ich auch damals nicht getan, als er mein Teamkollege war."

Frage: "Aus eurer gemeinsamen Benetton-Zeit kennt ihr euch gut. Wo liegen seine Stärken?"
Brundle: "Seine Stärke war immer, dass er keine Schwächen hat. Er ist im Qualifying gut, er kann sich im Verkehr gut behaupten, er ist fit, konstant und aggressiv. Er als Gesamtpaket ist es. Er hat die Formel 1 sofort aufgemischt. Dieser Kerl konnte jede Kurve am Limit fahren, wir nicht. Unsereins musste die Bremsen schonen, die Kupplung, den Motor und Benzin sparen. Michael tauchte einfach auf und stellte die Szene etwas auf den Kopf. Er hat es auf einen neuen Level gebracht und wir mussten da Schritt halten."

Frage: "Jenson Button führt die Weltmeisterschaft zurzeit an. Kann er seinen Titel verteidigen, oder gibt es in den kommenden Monaten einen munteren Wechsel an der Spitze?"
Brundle: "Ich muss ehrlich zugeben, dass ich Jenson über sehr lange Zeit unterschätzt habe. Er ist ein Guter, er ist Weltmeister. Aber offen gesagt halte ich Alonso, Hamilton und Vettel unter den Fahrern für die absoluten Superstars. Aber nur einen Hauch dahinter sind Jenson, Nico und einige andere Fahrer. Mal sehen, wie es sich entwickeln wird."

"Ich halte Jenson für nicht ganz so schnell wie Lewis, aber Jenson macht es mit Köpfchen und Erfahrung. Auf der anderen Seite ist Jenson gerade in einer perfekten Situation. Er ruht völlig in sich, ist entspannt und gelassen. Man hat das im Winter gesehen, wie er dort mit seinen Weltmeisterehren umgegangen ist. Er hat so viele Preise bekommen, hat viele Reden gehalten. Er war immer entspannt und glücklich, hat es wirklich genossen. Er hat den Titel in der Tasche. Alles, was jetzt noch kommt, ist ein Bonus."

Scirocco R-Cup als Spaß mit ernster Note

Frage: "Du fährst in Hockenheim im VW Scirocco R-Cup unter anderem gegen Legenden wie Carlos Sainz, Frank Biela und Jacques Laffite. Ist das nur Spaß?"
Brundle: "Wir behaupten natürlich immer, dass es nur zum Spaß ist, aber auf der Strecke sieht die Realität anders aus. Wir sind Wettbewerbstypen. Das ändert sich nie, auch nicht im Alter. Wir wollen schnell sein, den jeweils anderen schlagen und auch mit den jungen Burschen mithalten. Wir holen alles heraus und steigen dann aus dem Wagen und sagen, dass es nur Spaß ist."

"Was mir am meisten Freude bereitet ist die Tatsache, dass wir uns teils schon recht lange kennen. Wir sind im Alter ruhiger und gelassener geworden und können nun wirklich Freunde sein. Ich habe das auch gemerkt, als ich gemeinsam mit Boutsen und Patrese in Le Mans war. Zu unseren wilden Formel-1-Zeiten haben wir kaum ein Wort miteinander gewechselt. Wir sind damals zehn Jahre gegeneinander Rennen gefahren und kannten uns nicht einmal richtig. Heutzutage sind wir echte Freunde."

Frage: "In der neuen Rennserie wird Bio-Erdgas verwendet. Spürst du das beim Fahren?"
Brundle: "Nein. Wenn man mir das vorher nicht gesagt hätte, wäre mir das ganz bestimmt nicht aufgefallen. Das sieht man wirklich nur am Tank. Beim Fahren fühlt sich alles ganz normal an."

Frage: "Liegt in diesem Bereich die Zukunft des Motorsports?"
Brundle: "Ja. Die Hersteller müssen diesen Weg mitgehen. Die Umwelt ist eines der größten Themen weltweit, vor allem für junge Leute. Bisher haben die Hersteller immer auf Merkmale wie Sicherheit, Zuverlässigkeit und Qualität gesetzt. Heutzutage muss man aber auch auf die grüne Karte setzen."

Fotoquelle: xpb.cc


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