Hat schon viel durchgemacht: Virgin-Teamchef John Booth

Formel 1 2010

— 28.04.2010

Virgin-Teamchef Booth: Wie damals in der Fleischerei

Virgin-Teamchef John Booth war schon oft am Boden und sieht die Fahrer, das Personal und Cosworth als Lichtblicke eines harten Saisonstarts

Hohn und Spott musste das Virgin-Team nach dem durchwachsenen Saisonstart ber sich ergehen lassen: Die Affre um einen zu klein dimensionierten Tank hinterlie tiefe Kratzer an der Glaubwrdigkeit des Rennstalls von Richard Branson - auch Fahrer Timo Glock musste sich manchmal sehr beherrschen, um seinen Frust zurckzuhalten.

Doch Teamchef John Booth glaubt weiter an sein Team. Schon zu oft in seinem bewegten Leben bewltigte das einstige Formel-Ford-Ass Rckschlge: Bei einem Arbeitsunfall in der Fleischerei seiner Eltern erlitt Booth einen Bandscheibenvorfall, dennoch siegte der Mann aus Yorkshire 1983 beim "Champion of Champions"-Rennen der Formel Ford in Brands Hatch.

Alonso-Mann statt Formel-3-Personal

1990 grndete Booth seinen Formel-3-Rennstall Manor und schaffte 20 Jahre spter gemeinsam mit Branson und Technikchef Nick Wirth, der den Boliden ausschlielich am Computer konstruierte, den Sprung in die Formel 1. "Aus dem Formel-3-Team sind nur noch zwei bis drei Leute dabei", stellt Booth im Interview mit 'Grandprix.com" klar.

"Es ist ein neues Team - die Kernleute sind absolut Formel-1-erfahren", verteidigt er seine Truppe. "Viele stammen aus Teams, die sich zurckgezogen haben. Doch wir haben auch Leute wie Timo Glocks Renningenieur Dave Greenwood, der in den vergangenen drei Jahren fr Fernando Alonso gearbeitet hat."

Auch John Booth arbeitete immer wieder mit spteren Formel-1-Superstars zusammen: Kimi Rikknen und Lewis Hamilton fuhren fr den Briten, beide holten mit Manor ihre Titel in der britischen Formel Renault.

Perfektes Zeugnis fr die Fahrer

Apropos - wie schtzt er seinen aktuellen Nummer-Eins-Piloten Glock im Vergleich mit diesen zwei Gren ein? "Vom ersten Tag an war ich von seiner Einstellung beeindruckt", lobt Booth den Deutschen. "Trotz vieler Probleme verhielt er sich nie wie eine Primadonna. Der Kerl hat eine groartige Arbeitsweise und ist ein absoluter Teamplayer."

Auch dem Rookie Lucas di Grassi, der mit Manor 2005 den Formel-3-Klassiker in Macao gewann, stellt Booth nach dessen ersten vier Rennen ein absolut positives Zeugnis aus: "Ich wusste, dass er genau der richtige Mann fr uns ist. Er ist nicht nur schnell, sondern auch sehr intelligent. Durch Lucas fhlt es sich so an, als htten wir zwei erfahrene Piloten im Team."

Booth hadert mit Testverbot

Dennoch zhlt derzeit bei Virgin nur eines: die gravierenden Zuverlssigkeitsprobleme endlich in den Griff zu kriegen. "Es war wirklich ein schwieriger Saisonstart", gibt Booth zu. "Die meisten Dinge lagen auerhalb unserer Kontrolle, am meisten Probleme bereiteten uns Hydraulik und Getriebe." Der Virgin-Teamchef hadert daher mit dem Testverbot: "Jetzt mssen wir alles im Feld und vor einer halben Million Menschen lsen."

Trotz dieser schwierigen Ausgangslage gibt es auch Lichtblicke, wie Booth besttigt: "Der Cosworth-Motor, die Betreuung und die Zuverlssigkeit waren bisher brillant. Das ist derzeit unsere einzige Konstante. Was das angeht, bin ich im siebten Himmel." Mit dieser Basis wolle man bis zum Ende des Jahres zumindest das beste der neuen Teams sein, "auch wenn sich Lotus annhernd mit der ehemaligen Toyota-Ingenieurstruppe deckt und Mike Gascoyne ein heller Kopf ist."

Verliert Branson die Geduld?

Doch was passiert, wenn Virgin-Boss Sir Richard Branson allmhlich die Lust verliert, am Ende der Startaufstellung ein Schattendasein zu fhren? Booth winkt ab: "Er wei doch, wozu Brawn mit einem Budget von 150 bis 200 Millionen Dollar imstande war und wie viel Geld wir zur Verfgung haben - daher hat er realistische Vorstellungen."

Dass man nicht vorne mitfahren kann, liege vor allem daran, dass die ursprnglich angedachte Budgetobergrenze von 45 Millionen Euro nicht ansatzweise umgesetzt wurde. "Das ist enttuschend. Doch zumindest waren sich alle bis auf Ferrari einig, dass es nicht gleich weitergehen konnte. Man will die Kosten herunterfahren und in einen realistischen Bereich bringen."

Bis es so weit ist, muss Booth das tun, was ihm in seiner Karriere schon mehrmals gelungen ist: mit geringen Mitteln das Maximum herausholen. So wie damals Anfang der 1980er-Jahre, als er seine Rennkarriere durch Mitarbeit in der elterlichen Fleischerei finanzierte.

Fotoquelle: xpb.cc


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